Leserbriefe, Medienkritik & politische Analysen seit 2025

Kategorie: Burkhard Ewert (Seite 1 von 8)

Mein Special zu 1 Jahr NOZblog 😉 „Sie schreiben gut“ – und dann? Wie die NOZ Kritik lobt, aber Dialoge vermeidet

Als Burkhard Ewert, Chefredakteur der NOZ, meinen kritischen Leserbrief mit „Sie schreiben gut“ lobte und mich einlud, klang das wie ein Dialogangebot…bis meine Nachfrage nach dem Rahmen des Gesprächs im Schweigen endete.

Das Lob, das kein Gespräch wurde

Mein Leserbrief war eine klare Abrechnung mit Ewerts Kommentar zu Christian Lindner, der dessen politischen Abgang als „Freiheitstat“ verklärte. Statt auf die inhaltliche Kritik einzugehen, lobte Ewert meinen Stil und lud mich zum Gespräch ein. Doch als ich nach dem Rahmen fragte (welche Themen? Welches Ziel?), deutete er meine Nachfrage als mangelndes Interesse. Meine Antwort: drei konkrete Themenvorschläge – journalistische Verantwortung, Umgang mit Kritik, Perspektivenvielfalt. Die Reaktion? Nichts.

Das war kein Zufall. Es passt ins Muster, die NOZ lädt Leser:innen ein, solange sie nicht zu unbequem werden.

Die neue NOZ-Debattenkultur: Einladung zum Schweigen

Seit Februar 2026 schließt die NOZ ihre Kommentarspalten und kontrolliert die Verbreitung von Leserbriefen stärker. Offizielle Begründung: „Qualitätssicherung“. Doch was wirklich passiert, ist klar. Widerspruch wird erschwert, Kontrolle erhöht.

Mein Austausch mit Ewert zeigt, wie das funktioniert. Lob ja, Dialog nein. Kritik wird gelesen, aber nicht beantwortet. Leser:innen sind willkommen, aber nur als statistische Masse, nicht als gleichberechtigte Gesprächspartner.

Warum das problematisch ist

Journalismus lebt vom Diskurs. Doch wenn eine Zeitung Leserbriefe lobt, aber Debatten schließt, wird aus dem „öffentlichen Forum“ ein kontrollierter Monolog. Mein Fall ist kein Einzelfall. Er zeigt, wie Medien mit Kritik umgehen, wenn sie unbequem wird. Man hört zu, aber nur, solange es keine Konsequenzen hat.

Ein Qualitäts-Siegel mit Haken

Burkhard Ewerts „Sie schreiben gut“ war kein Anfang, sondern ein Ende. Ein Kompliment, das keine Antwort verlangt. Ein Dialogangebot, das keine Diskussion zulässt.

Und so bleibt am Ende nur eines: „Approved by NOZ…aber bitte nicht zu laut.“

PS: Ich habe länger überlegt, diesen Beitrag wirklich zu veröffentlichen. Vor dem aktuellen Hintergrund, der Streichung von öffentlicher Beteiligung an der NOZ, denke ich aber, nun ist genau der richtige Zeitpunkt dafür gekommen. Zum Hintergrund siehe diese beiden Artikel:

Weniger Widerspruch, mehr Kontrolle. Warum die NOZ ihre Kommentarspalten schließt.

Leserbrief zum Thema Leserbriefe, Artikel „In eigener Sache“ von der Chefredaktion, NOZ vom 13.02.2026, Seite 2

NOZBLOG sie schreiben gut Satire

Leserbrief zu „Moralisierend und dogmatisch Rest der Republik Was ist nur aus Herbert Grönemeyer geworden?“ von Burkhard Ewert, NOZ vom 19.02.2026, Seite 2

Burkhard Ewert und der Künstler, den er sich wünscht. Warum seine Grönemeyer-Kritik mehr über ihn selbst verrät.

Hallo NOZ, hallo Herr Ewert,

Burkhard Ewerts Attacke auf Herbert Grönemeyer („Aus dem Humanisten ist ein Misanthrop geworden“) offenbart weniger über den Sänger als über den Kritiker selbst. Ewert wirft Grönemeyer vor, mit „dogmatischen Phrasen“ zu predigen, doch sein eigener Text ist ein Meisterwerk der selektiven Empörung. Während er Grönemeyers politische Äußerungen als „Anweisungen“ geißelt, ignoriert er geflissentlich, was dessen aktuelle Tour tatsächlich ausmacht, nämlich Kunst, die Brücken baut.

Die Augsburger Allgemeine bspw. beschrieb am 15.02.2026, wie Grönemeyer in München mit „Streichern und Chor“ überzeugt, nicht mit dem erhobenen Zeigefinger, sondern mit der Kraft seiner Musik. Die Zuschauer erleben seine politischen Bezüge als Teil eines Ganzen, nicht als Belehrung. Doch Burkhard Ewert scheint nur zu hören, was er hören will; den „Moralapostel“, der ihm den Spiegel vorhält. Denn was stört ihn wirklich? Dass Grönemeyer erfolgreich ist mit einer Haltung, die andere vielleicht selbst nicht so elegant vermitteln könnten?

Sein Artikel ist kein Plädoyer für künstlerische Freiheit, sondern wirkt wie ein Rachefeldzug der Enttäuschten. Ewert trauert dem „alten“ Grönemeyer nach, dem sensiblen Dichter, der keine Forderungen stellte.

Doch Kunst lebt vom Wandel, und Grönemeyers Stärke war immer, poetisch UND politisch zu sein. Dass dies für Burkhard Ewert scheinbar schwer zu ertragen ist, sagt mehr über seinen eigenen Unwillen aus, Widersprüche zuzulassen, als über Grönemeyers Werk.

Mit freundlichen Grüßen

Leserbrief zum Thema Leserbriefe, Artikel „In eigener Sache“ von der Chefredaktion, NOZ vom 13.02.2026, Seite 2

Widerspruch nur noch nach Plan. Wie die NOZ Leserbriefe verknappt und das als Fortschritt verkauft.

Hallo NOZ, hallo Chefredaktion,

die angekündigte Neuregelung zum Abdruck von Leserbriefen wird als Aufwertung verkauft, bedeutet in der Praxis jedoch eine deutliche Einschränkung ihrer Wirkung.

Leserbriefe erfüllen vor allem eine Funktion, die zeitnahe, öffentliche Reaktion auf konkrete Berichterstattung. Genau diese Funktion geht verloren, wenn Zuschriften künftig nur noch „in loser Folge“, gebündelt und losgelöst vom Anlass erscheinen. Sichtbarkeit entsteht nicht durch Sammelseiten, sondern durch den direkten Bezug zum Artikel, der kritisiert oder ergänzt wird.

Was als mehr Raum beschrieben wird, ist faktisch weniger Verlässlichkeit. Leser können nicht mehr nachvollziehen, ob, wann und in welchem Kontext ihre Kritik erscheint. Der tägliche, manchmal unbequeme Dialog wird ersetzt durch redaktionell gesteuerte Auswahl und Terminierung.

Besonders irritierend ist die Begründung mit „Debattenkultur“ und „360-Grad-Perspektive“. Debatten entstehen nicht durch Bündelung, sondern durch Nähe zum Anlass. Wer Perspektiven zeigen will, muss sie dort sichtbar machen, wo sie entstehen, nicht zeitversetzt und gefiltert.

Leserbriefe sind kein schmückendes Meinungsformat, sondern ein Korrektiv. Wird dieses entkoppelt und verknappt, verliert nicht nur der Leserbrief an Bedeutung, sondern auch die Öffentlichkeit an Transparenz.

Mit freundlichen Grüßen

Update 16.02.2026, folgende Antwort aus dem Büro der Chefredaktion erreichte mich:

Sehr geehrter Herr Reichl,

vielen Dank für Ihre differenzierte Rückmeldung zu unserer Neuregelung beim Abdruck von Leserbriefen.

Uns ist bewusst, dass Leserbriefe für viele eine wichtige Funktion als unmittelbare Reaktion auf Berichterstattung haben. Mit der geplanten Bündelung verfolgen wir jedoch das Ziel, Zuschriften künftig sichtbarer zu machen und unterschiedlichen Perspektiven mehr Raum nebeneinander zu geben, als es im bisherigen, oft stark gekürzten Abdruck möglich war.

Die Veröffentlichung erfolgt weiterhin nach journalistischen Kriterien und in engem Bezug zu aktuellen Themen. Gleichzeitig bleibt uns wichtig zu betonen, dass Leserbriefe für uns ein zentraler Bestandteil des Dialogs mit unseren Leserinnen und Lesern bleiben.

Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben, uns Ihre Einschätzung zu schildern.

Mit freundlichen Grüßen

Meine Replik darauf:

Hallo NOZ, hallo Chefredaktion,

vielen Dank für Ihre Rückmeldung, aber der entscheidende Punkt bleibt unbeantwortet. Leserbriefe wirken durch Unmittelbarkeit, nicht durch Bündelung.

Eine Veröffentlichung „in loser Folge“ entkoppelt Reaktionen vom Anlass und schwächt damit ihren öffentlichen Effekt. Mehr Sichtbarkeit entsteht nicht durch spätere Sammelseiten, sondern durch zeitnahe, kontextnahe Platzierung.

Was Sie als Aufwertung beschreiben, ist faktisch eine stärkere Steuerung von Zeitpunkt und Wirkung. Das verändert den Leserbrief vom direkten Feedback zum kuratierten Rückblick und damit seinen Charakter.

Mit freundlichen Grüßen

Update 16.02.2026, eine weitere Antwort aus dem Büro der Chefredaktion erreichte mich:

Sehr geehrter Herr Reichl,

vielen Dank für Ihre erneute Nachricht und die weitere Erläuterung Ihrer Sichtweise.

Wir nehmen Ihren Hinweis zur Bedeutung der zeitnahen Veröffentlichung sehr ernst. Mit der neuen Struktur ist nicht beabsichtigt, Reaktionen vom Anlass zu entkoppeln oder deren Wirkung zu schwächen. Unser Ziel bleibt, Leserbriefen mehr Raum zu geben, als es im bisherigen, häufig sehr knappen Abdruck möglich war.

Gleichzeitig verstehen wir, dass Veränderungen etablierter Formate Fragen aufwerfen. Wir werden die Erfahrungen mit der neuen Umsetzung sorgfältig auswerten und Ihr Feedback dabei berücksichtigen.Vielen Dank, dass Sie sich erneut die Zeit für eine Rückmeldung genommen haben.

Mit freundlichen Grüßen


Weniger Widerspruch, mehr Kontrolle. Warum die NOZ ihre Kommentarspalten schließt.

Kommentarspalten weg, kuratierte Debatte her. Die NOZ zieht sich aus offener Auseinandersetzung zurück und ersetzt Öffentlichkeit durch Kontrolle.

Die Entscheidung der Neue Osnabrücker Zeitung, ihre Kommentarspalten zu schließen, ist ein Rückzug aus öffentlicher Auseinandersetzung. Und der Versuch, Debatte zu kontrollieren, statt sie auszuhalten.

Kommentarspalten waren unbequem, genau deshalb waren sie relevant. Sie machten sichtbar, wo Leser widersprechen, wo Argumente nicht tragen, wo Meinungsstücke auf Widerstand stoßen. Diese Öffentlichkeit war kein Störfaktor, sondern ein Korrektiv. Mit ihrem Wegfall verschwindet nicht der Tonfall, sondern der Widerspruch selbst aus dem sichtbaren Raum.

Das angekündigte Debattenformat ersetzt offene Diskussion nicht, es kanalisiert sie. Thema, Zeitpunkt, Teilnehmer und Zusammenfassung liegen vollständig in redaktioneller Hand. Kritik wird eingeladen, nicht zugelassen. Sie darf stattfinden, aber nur dort, wo sie passt, und so, wie sie moderiert wird.

Der Verweis auf Qualität wirkt dabei vorgeschoben. Qualität entsteht nicht durch Auswahl, sondern durch Reibung. Wer Meinungsjournalismus betreibt, muss Gegenmeinungen aushalten, öffentlich, unmittelbar und ohne kuratorische Filter.

Was die NOZ hier aufgibt, ist nicht ein technisches Feature, sondern ein Stück demokratischer Öffentlichkeit. Übrig bleibt ein Dialog nach Bedingungen der Redaktion. Das ist bequemer. Aber es ist kein Fortschritt.

Leserbrief zu „Der grantige Chor der Wirtschaft – Einige Unternehmer äußern sich zunehmend kritisch zur Lage des Landes – man sollte ihnen zuhören“ von Burkhard Ewert, NOZ vom 05.02.2026, Seite 2

Viel Meinung, wenig Fakten. Warum der „grantige Chor der Wirtschaft“ eher Lobbyklang als Lageanalyse ist.

Hallo NOZ, hallo Herr Ewert,

Burkhard Ewert beschreibt in seinem Text „Der grantige Chor der Wirtschaft“ ein angeblich neues journalistisches Genre; klagende Unternehmer als mutige Wahrheitsverkünder. Tatsächlich handelt es sich um ein altbekanntes Muster, wirtschaftsliberale Stimmungsmache, aufgeladen mit Untergangsrhetorik, aber weitgehend ohne Faktencheck.

Wenn Carsten Maschmeyer behauptet, Deutschland liege „in nahezu allen Rankings auf dem letzten Platz“, ist das schlicht falsch. Deutschland gehört laut OECD weiterhin zu den führenden Industrienationen bei Exportvolumen, industrieller Wertschöpfung und Beschäftigung. Auch bei Produktivität pro Arbeitsstunde liegt Deutschland im oberen Drittel der EU, nicht am Ende.

Ebenso irreführend ist das Mantra von den „kürzesten Arbeitszeiten bei höchsten Löhnen“. Tatsächlich arbeiten Deutsche im europäischen Vergleich nicht außergewöhnlich wenig, sondern haben vor allem eine hohe Teilzeitquote, bei gleichzeitig sehr hoher Produktivität. Die Lohnstückkosten liegen im EU-Mittelfeld, nicht an der Spitze. Hohe Löhne sind zudem kein Standortnachteil, sondern Ergebnis und Voraussetzung von Wertschöpfung.

Die Klage über „zu viele Regeln“ und „ausufernde Bürokratie“ bleibt ebenfalls vage. Konkrete Belege fehlen. Gleichzeitig zeigen Studien des ifo-Instituts, dass Investitionszurückhaltung derzeit stärker mit globaler Unsicherheit, schwacher Nachfrage und hohen Energiepreisen zusammenhängt als mit Gleichstellungsbeauftragten oder Feiertagsregelungen.

Besonders problematisch wird der Text dort, wo unbelegte Behauptungen zur Migration oder zur angeblichen „Softie-Gesellschaft“ unwidersprochen stehen bleiben. Hier wird politisches Framing reproduziert, nicht analysiert. Dass milliardenschwere Unternehmer aus ihrer privilegierten Position heraus Sozialstaat, Arbeitsrechte oder staatliche Kontrolle ablehnen, ist weder überraschend noch automatisch besonders erkenntnisreich.

Ewert suggeriert, diese Stimmen seien deshalb so wertvoll, weil sie „nichts mehr zu verlieren“ hätten. Tatsächlich haben sie sehr viel zu gewinnen, nämlich niedrigere Steuern, weniger Regulierung, schwächere Arbeitnehmerrechte. Genau deshalb wäre kritische Distanz nötig gewesen und nicht wohlwollendes Weiterreichen von Klagen.

Journalismus beginnt dort, wo man Behauptungen überprüft, Interessen offenlegt und Meinung nicht mit Diagnose verwechselt. Genau das bleibt dieser Text schuldig.

Mit freundlichen Grüßen

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