Leserbriefe, Medienkritik & politische Analysen

Kategorie: Michael Clasen (Seite 1 von 7)

Michael Clasen ist Redakteur der Neuen Osnabrücker Zeitung (NOZ). Diese Kategorie dokumentiert seine Kommentare zu Wirtschaft, Außenpolitik und Innenpolitik, darunter Texte zu Trump, Iran, VW, Erbschaftsteuer und Energiewende. Analytischer Fokus: Faktenfehler, einseitige Rahmung und das Verhältnis von Meinung zu Beleg.

Von Kreml-Kompromissen zu Trump als Vernunftstimme, ein Jahr Clasen bei der NOZ

Ein Kommentar allein ist eine Meinung. Sieben Belege über anderthalb Jahre sind ein Muster.

Wer die Texte von Michael Clasen in der NOZ chronologisch nebeneinanderlegt, erkennt eine Linie, die sich seit Februar 2025 kaum verändert hat.

Februar 2025. In einem frühen Kommentar wirft Clasen der Ukraine sinngemäß vor, für den fehlenden Frieden mitverantwortlich zu sein, während er Trumps Aussagen unkommentiert übernimmt. Der Vorwurf der Spiegelung Kreml-naher Narrative steht hier zum ersten Mal im Raum.

Juni 2025. Unter der Überschrift „Europa kann Putin nicht besiegen“ behauptet Clasen, der Krieg sei militärisch nicht zugunsten der Ukraine zu entscheiden. Der Ukraine wirft er vor, mit ihrer Forderung nach territorialer Integrität „Not und Elend zu verlängern“. Das ist eine klassische Täter-Opfer-Umkehr, formuliert in eigener Kommentarstimme, nicht als wiedergegebenes Fremdzitat.

August 2025. Im Kommentar „Was wollen Merz und Selenskyj?“ wird die Linie noch deutlicher. Clasen schreibt, Russland werde „über kurz oder lang“ gewinnen, und fordert von der Ukraine, russische „Sicherheitsbelange“ zu berücksichtigen und auf Krim sowie besetzte Gebiete zu verzichten. Das kommt einer Kapitulationsforderung an das angegriffene Land nahe.

September 2025. Beim Attentat auf Charlie Kirk bezeichnet Clasen Trump und Kirk als „ultra-konservative Aktivisten“ statt sie als Figuren der radikalen Rechten einzuordnen. Beide werden vor allem als Opfer von Cancel Culture dargestellt, ihre eigene Rolle bei der gesellschaftlichen Spaltung bleibt unbenannt.

Mai 2026. Im Interviewformat „Clasen Talk“ lädt Clasen den früheren Nato-General Harald Kujat ein, der seit 2022 als Verbreiter russlandnaher Narrative bekannt ist. Kujats These, die Ukraine habe die Nato aktiv provoziert, bleibt unwidersprochen im Raum stehen, ebenso eine seit Jahren unbestätigte Anekdote über einen angeblichen Vorfall bei einem Raketeneinschlag auf polnischem Boden 2022.

August 2026. Im selben Format kommt der BSW-Politiker Michael von der Schulenburg zu Wort. Seine Behauptung, die Ukraine sei auf 22 Millionen Einwohner geschrumpft, tatsächlich gehen aktuelle UN-Schätzungen von 36 bis 43 Millionen aus, bleibt ebenso unkorrigiert wie die Aussage, der Krieg sei bereits verloren.

September 2026. Im aktuellen Kommentar zum Drohnenanschlag von Leipzig behauptet Clasen, Deutschland habe „nichts in der Hinterhand“. Zwei Seiten weiter listet die eigene Redaktion fünf konkrete Gegenmaßnahmen auf. Die vertraute Bewegung wiederholt sich, Schuld benennen, dann zur Kompromissbereitschaft mit dem Täter aufrufen. Trump erscheint erneut als die Stimme der Vernunft.

Was sich daraus ergibt

Über sieben belegbare Fälle hinweg zeigt sich ein doppeltes Muster. Zum einen die wiederkehrende Verschiebung von Verantwortung, weg vom Aggressor, hin zum angegriffenen Land oder zu diffusen äußeren Umständen. Zum anderen eine durchgehend wohlwollende Rahmung von Trump, der als besonnen oder tatkräftig erscheint, während Europa als zaudernd gilt.

Ein Kommentator, der wiederholt in eigener Stimme Kompromisse mit einem Angriffskrieg führenden Staat fordert und dabei ausgewählte Interviewgäste mit widerlegbaren Thesen unwidersprochen lässt, betreibt keine Meinungsvielfalt. Er betreibt eine redaktionelle Linie mit Wiederholungscharakter.

Gegen Russland nichts in der Hinterhand? Clasen NOZ-Kommentar widerlegt sich selbst

Zwei Seiten weiter listet die eigene Redaktion fünf Vergeltungsmaßnahmen auf. Und der Aufruf zu Kompromissen mit dem benannten Täter ist bei Clasen kein neuer Ton, sondern eine Linie, die sich bis Februar 2025 zurückverfolgen lässt.

Hallo NOZ, hallo Herr Clasen,

Ihr Kommentar „Deutschland hat nichts in der Hinterhand“ widerspricht sich selbst, und zwar innerhalb derselben Ausgabe. Zwei Seiten weiter listet Ihre eigene Redaktion fünf konkrete Vergeltungsmaßnahmen der Bundesregierung auf, die Schließung des russischen Generalkonsulats in Bonn, die Kündigung des Vertrags über das Russische Haus, neue EU-Sanktionslistungen, verschärfte Einreisekontrollen sowie erhöhten Druck auf die russische Schattenflotte, dazu nachrichtendienstliche Maßnahmen. Wer behauptet, man habe „nichts in der Hinterhand“, ignoriert die eigene Berichterstattung.

Noch auffälliger ist die argumentative Bewegung direkt danach. Sie ordnen den Drohnenanschlag klar Russland zu, das folgt der Linie der Bundesregierung. Im nächsten Atemzug fordern Sie dann Kompromiss- und Gesprächsbereitschaft gegenüber genau diesem Akteur. Erst die Schuld benennen, dann relativieren.

Das ist kein neuer Ton bei Ihnen. Bereits im Februar 2025 warfen Leser Ihnen vor, Trumps Aussagen zu spiegeln und die Schuld am fehlenden Frieden dem überfallenen Land zuzuschieben. Im Juni 2025 schrieben Sie, Europa könne Putin nicht besiegen, und warfen der Ukraine vor, mit der Forderung nach ihrer territorialen Integrität „Not und Elend zu verlängern“. Im August 2025 forderten Sie explizit, die Ukraine solle russische „Sicherheitsbelange“ berücksichtigen und auf Krim und besetzte Gebiete verzichten. Das ist über anderthalb Jahre dieselbe Linie, nur die Anlässe wechseln.

Auch die Prognose, die Ukraine werde diesen Krieg „mit großer Wahrscheinlichkeit“ nicht gewinnen, wird ohne Beleg oder Gegenstimme als Tatsache präsentiert, obwohl es sich um eine politische Einschätzung handelt.

Dass Donald Trump als jemand dargestellt wird, der „erinnern muss, wie sinnlos dieser Krieg im Donbass ist“, passt ebenfalls ins Bild. Schon beim Attentat auf Charlie Kirk bezeichneten Sie Trump und Kirk als „ultra-konservative Aktivisten“ statt sie einzuordnen, und rahmten beide vor allem als Opfer.

Auch im Format „Clasen Talk“ wiederholt sich das Muster. Sowohl der frühere Nato-General Harald Kujat als auch der BSW-Politiker Michael von der Schulenburg durften dort mit teils widerlegbaren, russlandnahen Thesen unwidersprochen zu Wort kommen, von der Täter-Opfer-Umkehr bei der Kriegsursache bis zu falschen Bevölkerungszahlen der Ukraine.

Ein einzelner Kommentar mag eine Meinung sein. Sieben Belege über anderthalb Jahre, in eigener Stimme und in ausgewählten Interviewgästen, sind ein Muster.

Mit freundlichen Grüßen

Brandmauer – Wenn „Einzelfälle“ zur Ausrede werden

Warum die NOZ Rupert Scholz‘ Verharmlosung der AfD im Clasen Talk ohne Einordnung durchgehen lässt, während im selben Blatt ein Wagenknecht-Interview zeigt, wie kritisches Nachfragen aussehen kann.

Hallo NOZ, hallo Frau Kanke, hallo Herr Clasen,

der Bericht über den Auftritt von Rupert Scholz im Clasen Talk gibt dessen steile Thesen wieder, ohne sie an einer einzigen Stelle mit Fakten zu konfrontieren. Das ist journalistisch zu wenig.

Wenn Scholz rechtsextreme Netzwerke in der AfD als „Einzelfälle“ abtut, hätte der Text darauf hinweisen müssen, dass genau diese Netzwerke, die völkische Ideologie führender Landesverbände und die dokumentierten Verbindungen zu gesichert rechtsextremen Gruppierungen der tragende Grund für die Einstufungen durch mehrere Landesämter für Verfassungsschutz sind. Stattdessen bleibt Scholz‘ Zweifel an dieser Einstufung („Da setze ich ein großes Fragezeichen“) unkommentiert stehen, obwohl er sich damit über eine fundierte behördliche Analyse hinwegsetzt.

Auch die Erzählung vom „entscheidenden Fehler“ der Kanzlerin Merkel 2015 als Ursprung des AfD-Erfolgs wird unwidersprochen übernommen. Das ist eine seit Jahren gängige, aber unvollständige Erklärung. Sie blendet aus, dass rechte Radikalisierung ein europaweites Phänomen ist und die AfD lange vor 2015 gegründet wurde, mit einer klaren wirtschaftsliberalen und nationalkonservativen Programmatik.

Besonders bemerkenswert ist Scholz‘ Vorschlag einer Minderheitsregierung mit fallweiser Zusammenarbeit mit der AfD. Wer als CDU-Urgestein eine kontrollierte Öffnung nach rechts fordert, verschiebt genau jene Grenze, die Parteien wie die AfD seit Jahren gezielt zu verschieben versuchen. Ein Interview-Format wie der Clasen Talk mag solche Positionen zurecht einladen, in der schriftlichen Aufbereitung braucht es dann aber Einordnung, keine bloße Wiedergabe.

Zum Vergleich, im Interview mit Sahra Wagenknecht auf Seite 4 derselben Ausgabe fragt Matti Gerstenlauer sehr direkt nach der AfD-Nähe ihrer Blockadepolitik. Genau diese Hartnäckigkeit hätte auch dem Scholz-Beitrag gutgetan.

Mit freundlichen Grüßen

Wie der Clasen Talk der NOZ unwidersprochene Kremlnarrative verbreitet

Im „Clasen Talk“ darf ein BSW-Politiker unwidersprochen erzählen, die Ukraine habe 22 statt der tatsächlich rund 36-43 Mio Einwohner und den Krieg schon verloren. Weder Fakten noch Gegenstimme. Klassisches unkritisches Interviewformat.

Hallo NOZ, hallo Frau Kanke, hallo Herr Clasen,

der Talk von Michael Clasen mit dem BSW-Politiker Michael von der Schulenburg ist ein Lehrstück dafür, wie unkritisches Interviewformat einer politischen Agenda zur Bühne wird. Wer als Gast eingeladen wird und welche Thesen dabei unwidersprochen stehen bleiben, ist eine redaktionelle Entscheidung, für die auch der Moderator Verantwortung trägt.

Von der Schulenburgs zentrale Behauptung, die Ukraine sei von 52 auf 22 Millionen Einwohner geschrumpft, hält einer Prüfung nicht stand. Aktuelle Schätzungen der Vereinten Nationen und anderer Statistikquellen gehen für 2026 von rund 36 bis 43 Millionen Menschen aus. Das ist ein dramatischer Rückgang gegenüber der Vorkriegszeit, aber eben nicht die apokalyptische Zahl, die hier unwidersprochen im Raum stehen bleibt.

Ähnlich verhält es sich mit den angeblichen 200.000 bis 400.000 Deserteuren. Diese Zahl kursiert in erster Linie in russischen und russlandnahen Quellen, eine unabhängige Bestätigung fehlt. Sie wird im Artikel als Faktum präsentiert, ohne dass die Herkunft eingeordnet wird.

Auch die These, Russland führe den Krieg nicht aus territorialen Ansprüchen, sondern aus Furcht vor einem feindlichen Militärbündnis, blendet die einseitige Annexion von vier ukrainischen Gebieten im Jahr 2022 komplett aus. Wer diese Deutung unkommentiert stehen lässt, übernimmt de facto die russische Version des Kriegsgrunds.

Am schwersten wiegt der Satz, die Ukraine habe den Krieg bereits verloren. Das ist eine politische Prognose, keine Tatsache, und sie wird hier als Feststellung präsentiert, ohne dass eine einzige Gegenstimme, etwa aus Militärexpertise oder von ukrainischer Seite, zu Wort kommt.

Ein Talkformat lebt von Zuspitzung, das ist legitim. Doch wenn steile, teils widerlegbare Thesen ohne Einordnung stehen bleiben, wird aus Journalismus eine Plattform für einseitige Kriegspropaganda. Das gilt unabhängig davon, wer den Text am Ende geschrieben hat, denn die Auswahl des Gesprächspartners liegt in der Verantwortung der Redaktion.

Mit freundlichen Grüßen

Die Lücke im Sinnbild – Wie Michael Clasen in der NOZ VWs Kahlschlag zum Beweis für Deutschlands Niedergang erklärt, ohne den Konzern selbst als Akteur vorkommen zu lassen

Die Zahlen stimmen. Die Erklärung dafür, wie sie zustande kommen, lässt einen Akteur konsequent aus, Volkswagen selbst.

Michael Clasen beschreibt in der NOZ vom 27.06.2026 den drohenden Abbau von bis zu 100.000 VW-Stellen als „Sinnbild für Deutschlands Niedergang“. Die Faktenbasis dafür ist solide, die Verdoppelung des Stellenabbau-Ziels und die Gefährdung der vier Standorte Hannover, Zwickau, Emden und Neckarsulm sind durch Berichte des Manager Magazins gedeckt, ebenso die wirtschaftliche Stagnation Deutschlands, die der Sachverständigenrat zuletzt mit nur 0,1 Prozent realem BIP-Wachstum über fünf Jahre bezifferte.

Die Kausalkette, die Clasen aus diesen Zahlen baut, ist eine andere Frage. Verantwortlich macht er „hausgemachte Probleme […] auch ganz oben in der Konzernführung, die wegen der Macht von Gewerkschaft und Politik zu wenig Innovationstempo vorgelegt hat“, und dann, eine Ebene höher, Merkel, Scholz und Merz für eine „völlig verfehlte deutsche Industriepolitik“. Was in diesem Satz nicht vorkommt: VW als Unternehmen, das eigene strategische Entscheidungen getroffen hat. Der Dieselskandal taucht nicht auf. Die verschleppte Digitalisierung der Software-Tochter Cariad taucht nicht auf. Dass der Konzern noch im ersten Quartal 2026 einen Gewinneinbruch von 28 Prozent meldete, während Vorstandsboni und Dividenden weiterliefen, taucht nicht auf. Stattdessen wird die Konzernführung selbst zum Opfer von „Gewerkschaft und Politik“ erklärt, ein Akteur ohne Verantwortung, dem äußere Kräfte die Hände gebunden haben.

Das ist kein Einzelfall bei Clasen. Schon im März, beim ersten großen VW-Stellenabbau, hatte er die 35-Stunden-Woche als Argument gegen Wettbewerbsfähigkeit angeführt und E-Fuels als ernsthafte Alternative präsentiert, Dieselskandal und verschlafene Digitalisierung blieben unerwähnt. Das Muster wiederholt sich nun nahezu identisch, nur die Zahl ist größer geworden.

Hinzu kommt eine rhetorische Technik, die man von Ebert und Ewert auf dieser Meinungsseite kennt. Die unkommentierte Aufzählung von Superlativen („Weltspitze bei Energiekosten, Bürokratie, Sozialausgaben sowie Steuern und Abgaben“), die Monokausalität suggeriert, ohne sie zu belegen. Der Schlusssatz – „Wohlstand muss erst erarbeitet werden, bevor es etwas zu verteilen gibt“ – ist dann keine Analyse mehr, sondern eine politische Setzung, die unter dem Deckmantel der Wirtschaftsanalyse daherkommt.

Was bleibt, ist ein Text, dessen Einzeldaten stimmen und dessen Erzählung trotzdem eine Leerstelle hat, die kein Zufall ist.

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