Leserbriefe, Medienkritik & politische Analysen

Kategorie: Michael Clasen (Seite 1 von 6)

Michael Clasen ist Redakteur der Neuen Osnabrücker Zeitung (NOZ). Diese Kategorie dokumentiert seine Kommentare zu Wirtschaft, Außenpolitik und Innenpolitik, darunter Texte zu Trump, Iran, VW, Erbschaftsteuer und Energiewende. Analytischer Fokus: Faktenfehler, einseitige Rahmung und das Verhältnis von Meinung zu Beleg.

Der NOZ-Clasen Talk und Harald Kujat: Kreml-Narrative in Expertenkleidung

Der NOZ-Clasen-Talk lädt Harald Kujat ein, bekannt für russlandnahe Narrative seit 2022, und präsentiert ihn unkommentiert als Experten. Selenskyj als NATO-Provokateur, Ukraine als Stellvertreter der USA, das ist keine Analyse, das ist Propaganda mit Schulterklappen.

Hallo NOZ, hallo Herr Clasen,

der Clasen Talk hat sich einen Gast eingeladen, den man mit wenigen Worten präzise beschreiben kann. Harald Kujat ist keine neutrale sicherheitspolitische Stimme, sondern eine der bekanntesten Figuren im deutschsprachigen Raum, die seit 2022 russische Kriegsnarrative in westliche Medien trägt. Dass die NOZ ihn ohne jede redaktionelle Einordnung als „Ex-Nato-General“ präsentiert, ist journalistisches Versagen.

Kujats Kernthesen im Clasen Talk sind keine sicherheitspolitische Analyse, sondern Kreml-Narrative in Expertenkleidung. Die Behauptung, die Ukraine habe die NATO aktiv in den Krieg hineinziehen wollen, kehrt die Logik des Angriffskriegs um. Nicht Russland überfiel die Ukraine, sondern das Opfer wird zum Provokateur erklärt. Das ist eine rhetorische Figur, die seit 2022 systematisch aus Moskauer Propagandakanälen in westliche Debatten eingespeist wird.

Besonders problematisch ist die Anekdote über den Raketeneinschlag auf polnischem Boden 2022. Kujat behauptet, Selenskyj habe darauf gedrängt, diesen als russischen Angriff zu deklarieren, gestützt auf eine Aussage des polnischen Präsidenten Duda. Tatsächlich war diese Behauptung bereits 2022 umstritten und wurde von keiner unabhängigen Quelle bestätigt. Der Clasen Talk präsentiert sie als Tatsache, ohne jeden Hinweis auf ihre fragliche Belastbarkeit.

Das Narrativ vom „Stellvertreterkrieg zwischen USA und Russland“ ist das wirkmächtigste Instrument zur Delegitimierung der ukrainischen Souveränität. Es degradiert die Ukraine zum Objekt fremder Mächte und blendet aus, dass ein souveräner Staat sein Recht auf Selbstverteidigung wahrnimmt. Dass der Clasen Talk diese These unwidersprochen stehen lässt, ist keine Ausgewogenheit. Es ist Mitverantwortung am Framing.

Meinungsjournalismus darf Kontroversen suchen. Er sollte dabei jedoch nicht zum Resonanzboden für Positionen werden, die in sicherheitspolitischen Fachkreisen längst als russlandnah klassifiziert sind, und das ohne jeden kontextualisierenden Hinweis an die Lesenden.

Mit freundlichen Grüßen

Leserbrief zu „Merz‘ Renten-Ansage wirft Fragen auf – Ist der Fleißige am Ende der Dumme?“ von Michael Clasen, NOZ vom 22.04.2026

Clasen warnt vor Rentenkürzung, aber sein eigentliches Ziel ist die alte Rechnung: Arbeitnehmer gegen Sozialleistungsempfänger. Falsche Zahlen, fehlende Fragen, bekannte Agenda.

Hallo NOZ, hallo Herr Clasen,

der Kommentar zu Merz‘ Rentenansage verspricht eine nüchterne Analyse, liefert aber vor allem Ressentiments mit ökonomischem Anstrich.

Das zentrale rhetorische Manöver ist die Gegenüberstellung von Fleißigen und Sozialleistungsempfängern. Der Arbeitnehmer, der sich abrackert, soll am Ende nicht mehr haben als jemand, der „wenig oder gar nicht gearbeitet“ hat. Dieses Bild ist nicht neu, es ist Klassiker des Sozialstaatspopulismus. Was er verschweigt, ist dass das Grundsicherungsniveau in Deutschland bewusst niedrig gehalten ist. Wer ein Leben lang gearbeitet hat, bekommt durch Freibeträge, Rentenansprüche und Wohneigentum strukturell mehr als jemand, der auf Bürgergeld angewiesen ist. Die Gleichsetzung ist empirisch falsch und dient einzig dazu, Arbeitnehmer gegen Transferleistungsempfänger auszuspielen, statt die eigentlichen Fragen zu stellen.

Die eigentlichen Fragen sind hier andere. Warum sind Löhne in Deutschland jahrzehntelang hinter der Produktivitätsentwicklung zurückgeblieben? Warum wird Kapital steuerlich so viel günstiger behandelt als Arbeit? Warum werden Rentenbeiträge ausschließlich aus Erwerbseinkommen finanziert, Kapitalerträge aber nicht herangezogen? Diese Fragen stellt Clasen nicht, er deutet stattdessen auf Entwicklungshilfe und Beamte.

Die Diagnose zur Deindustrialisierung ist nicht falsch, aber selektiv. Dass die deutsche Industrie unter hohen Energiepreisen leidet, stimmt. Dass diese Energiepreise aber vor allem auf jahrzehntelange Abhängigkeit von fossilem Gas zurückgehen, und nicht auf die Energiewende, die Clasen als Kostenfaktor anklagt, bleibt unerwähnt. Ebenso, dass Länder mit konsequenterer Energiewende wie Dänemark oder Schweden heute niedrigere Strompreise für Industrie und Haushalte haben.

Merz‘ Ankündigung, die gesetzliche Rente zur Basisabsicherung zu degradieren, ist ein weitreichender sozialpolitischer Einschnitt. Er verdient keine apologetische Begleitung durch Hinweise auf Demografiekurven und Staatsschulden, sondern eine ehrliche Debatte darüber, wer diese Last tragen soll, und wer bisher weitgehend verschont geblieben ist.

Mit freundlichen Grüßen

„Es geht ums Öl“ – Clasens Golfkommentar entlarvt sich selbst

Clasen fordert in der NOZ deutsche Militärbeteiligung am Golf – und gesteht am Ende ein: „Es geht ums Öl.“ Der letzte Satz entlarvt den gesamten Text. Warum Interessenpolitik als Friedenspolitik verpackt wird.

Hallo NOZ, hallo Herr Clasen,

der Kommentar „Warum auch Deutschland am Golf Flagge zeigen muss“ argumentiert für eine deutsche Militärbeteiligung am Golf, und begeht dabei denselben analytischen Fehler wie schon Clasens Kommentar vom 1. März. Er verschweigt, was er eigentlich sagen will, bis zum letzten Satz. „Es geht ums Öl“, dieses Eingeständnis am Ende des Textes entlarvt rückwirkend den gesamten Argumentationsaufbau als euphemistisch.

Denn worum geht es laut Clasen? Um „Prosperität und Wohlstand“, um „friedenssichernde Missionen“, um Verhandlungstische. Was tatsächlich beschrieben wird, ist die Sicherung fossiler Handelsrouten durch militärische Präsenz, im Namen von Interessen, die Clasen selbst als ökonomische identifiziert. Das ist legitim zu diskutieren. Nur sollte man es so nennen.

Auffällig ist zudem, wie der Text Trumps und Netanjahus Angriff auf den Iran zunächst als von Deutschland abzulehnendes Vorhaben einführt („nicht unser Krieg“), um dann schrittweise zur Forderung nach deutscher Beteiligung überzuleiten; nicht am Krieg selbst, aber an seiner Konsequenz, nämlich der Kontrolle der Meerenge. Diese Unterscheidung ist fein genug, um Kritik abzuwehren, aber zu fein, um analytisch zu tragen. Wer die militärische Sicherung der Handelsrouten fordert, die durch einen Krieg verstopft wurden, den er selbst ablehnt, beschreibt eine Interessenpolitik, keine Friedenspolitik.

Dass Clasen die Verständigung mit China und Russland für sinnvoll hält, fügt sich nahtlos in eine redaktionelle Linie ein, die gegenüber Moskau regelmäßig zur Mäßigung neigt, auch dort, wo Zurückhaltung gegenüber einem Angreifer politisch fragwürdig ist. Das UN-Mandat als Rahmung ändert daran wenig. Es dient hier weniger als Prinzip als als Legitimationsvehikel für eine Position, die ohnehin schon feststand. Aber die grundsätzliche Frage bleibt. Warum verdient ein möglicher Militäreinsatz im Golf einen Kommentar, der für mehr Beteiligung wirbt, während für diplomatische Alternativen nicht annähernd dieselbe Energie aufgewendet wird?Meinungsjournalismus darf Positionen vertreten. Er sollte nur nicht verschleiern, welche Interessen hinter ihnen stehen, besonders dann nicht, wenn es „ums Öl“ geht.

Mit freundlichen Grüßen

Leserbrief zum Thema Videoüberwachung, NOZ vom 21.03.2026, Mehr Sozialarbeit statt Überwachung – nachhaltige Sicherheit braucht Prävention

Mehr Kameras = mehr Sicherheit?Polizeipräsident de Vries fordert Ausweitung der Videoüberwachung, doch Überwachung verhindert keine Straftaten, sie dokumentiert sie nur. Statt in teure Technik zu investieren, brauchen wir soziale Arbeit, Prävention und klare Datenschutzregeln.

Hallo NOZ, hallo Herr Clasen, hallo Herr Streckwaldt,

der Vorstoß von Polizeipräsident Friedo de Vries für mehr Videoüberwachung und erweiterte Gesichtserkennung in Ihrer Ausgabe vom 21.03.2026 greift zu kurz. Zwar mag Überwachungstechnik kurzfristig das Sicherheitsgefühl steigern, doch sie löst keine Probleme, sondern dokumentiert sie nur.

Die Annahme, dass Kameras Kriminalität verhindern, ist fragwürdig. Studien zeigen, dass Überwachung allenfalls an hochfrequentierten Orten, wie Bahnhöfen, abschreckend wirkt. Messerangriffe oder Jugendkriminalität entstehen jedoch oft in sozialen Brennpunkten, wo Prävention durch Streetworker oder Jugendzentren weitaus wirksamer wäre. Stattdessen werden teure Technologien eingesetzt, deren Nutzen unbewiesen bleibt, während die eigentlichen Ursachen, wie Armut oder fehlende Perspektiven, ignoriert werden.

Besonders problematisch ist der Umgang mit Datenschutz. Projekte wie das niederländische Modell „Camera in Beeld“ oder der Einsatz von KI-Tools wie Palantir werfen drängende Fragen auf. Wer kontrolliert den Zugang zu den Daten? Wie wird Missbrauch verhindert? Transparenz und klare Regeln fehlen bisher völlig. Eine flächendeckende Überwachung ohne demokratische Kontrolle gefährdet Grundrechte und schafft neue Risiken.

Die Prioritäten sind falsch gesetzt. Statt in Überwachungstechnik zu investieren, braucht es mehr soziale Arbeit, Armutsbekämpfung und digitale Aufklärung. Polizeipräsident de Vries selbst weist auf die Gefahren von Social-Media-Challenges hin, doch anstatt Jugendliche durch Aufklärung zu schützen, wird auf Repression gesetzt. Konkrete Alternativen wären der Ausbau präventiver Programme oder die Einführung unabhängiger Kontrollinstanzen für Videoüberwachung.

Sicherheit entsteht nicht durch Beobachtung, sondern durch Vertrauen und Perspektiven. Die NOZ sollte diese Diskussion führen und kritisch hinterfragen, statt unreflektiert Polizeiforderungen zu verbreiten.

Mit freundlichen Grüßen

Leserbrief zu „VW-Gewinn bricht ein – Geschäftsmodell unter Druck Wachsende Angst um Standorte“ von Michael Clasen, NOZ vom 11.03.2026

Rückwärtsgewandt statt zukunftsfähig. Warum Michael Clasens Analyse zu VW in der NOZ an der Realität vorbeigeht.

Hallo NOZ, hallo Herr Clasen,

Michael Clasen bedient sich in seiner Meinung im der NOZ vom 11.03.2026 eines längst widerlegten Mythos, das angebliche „EU-Verbrennerverbot“. Tatsächlich gibt es kein solches Verbot, nur Klimaziele, die andere Länder als Chance nutzen. Während China und die USA mit E-Mobilität und autonomem Fahren die Zukunft gestalten, klammert sich Deutschland an überholte Technologien. Dass Clasen den Dieselskandal, ein zentrales Symbol für die Selbsttäuschung der Branche, verschweigt, passt ins Bild. Hier wird Geschichte umgeschrieben, statt Lehren zu ziehen.

Clasens Verweis auf E-Fuels als „Option“ ist entweder naiv oder bewusste Desinformation. Selbst die Industrie hat diese Technologie für den Privatverkehr ad acta gelegt, zu ineffizient, zu teuer. Stattdessen fließen Steuermilliarden in eine Sackgasse, während chinesische Hersteller mit preiswerten E-Autos und innovativer Software den Markt erobern. Wer hier von „Wettbewerbsfähigkeit“ spricht, ignoriert die Fakten.

Clasen kritisiert die 35-Stunden-Woche, doch statt die Diskussion auf die tatsächlichen Herausforderungen zu lenken, wird sie als Argument für mangelnde Wettbewerbsfähigkeit instrumentalisiert. Dabei sind es nicht die Gewerkschaften, die Innovationen blockieren, sondern eine Kultur der Beharung in Management und Politik. Gewerkschaften haben ihre Berechtigung, doch ihre Rolle muss heute darin bestehen, gerechte Transitionen zu gestalten, nicht veraltete Strukturen zu zementieren.

Die Diagnose ist klar, VW hat jahrzehntelang auf Verbrenner gesetzt, die Digitalisierung verschlafen und sich in Bürokratie und überhöhten Managergehältern verlaufen. Dass nun 50.000 Stellen gestrichen werden sollen, ist keine politische Attacke, sondern Folge dieser strategischen Blindheit. Die Lösung? Keine Rüstungsproduktion in unrentablen Werken, sondern ein radikaler Neustart mit wettbewerbsfähigen E-Autos, schlankeren Strukturen, und eine kooperative Transformation, die Beschäftigte mitnimmt.

Clasens Beitrag ist ein Musterbeispiel dafür, wie Verantwortung externalisiert wird. Doch die Wahrheit ist: Die deutsche Autoindustrie hat sich selbst in diese Krise manövriert. Gewerkschaften, Management und Politik müssen jetzt gemeinsam handeln, nicht gegeneinander. Wer die Kurve noch kriegen will, braucht klare Ziele, Investitionen in Zukunftstechnologien und den Willen, soziale Gerechtigkeit mit wirtschaftlichem Fortschritt zu verbinden. Alles andere ist Zeitverschwendung.

Mit freundlichen Grüßen

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