Leserbriefe, Medienkritik & politische Analysen

Kategorie: Burkhard Ewert (Seite 1 von 11)

Burkhard Ewert ist seit Jahren Chefredakteur der Neuen Osnabrücker Zeitung (NOZ). Diese Kategorie dokumentiert und analysiert seine Kommentare und Meinungsbeiträge: von der Berichterstattung über Linksextremismus bis zur Pressefreiheitsdebatte, von Grönemeyer bis Yad Vashem. Die Serie „Ewerts Maßstäbe“ macht wiederkehrende Argumentationsmuster sichtbar.

Sechs Stationen, ein Loblied. Wie die NOZ ihre eigene Lesereise noch einmal feiert.

Am 6. Juli widmet die NOZ der eigenen Chefredaktion eine ganze Seite. Thema ist die Lesereise „Rest der Republik on Tour“, die Burkhard Ewert und seine Referentin Zwenja Lohe in den vergangenen Wochen durch sechs Orte in Norddeutschland geführt hat. Norden, Neumünster, Sylt, Flensburg, Lingen, Bissendorf. Der Text liest sich streckenweise wie ein Reisemagazin, mit Fotos, Zitaten und kleinen Tipps zu Hotels und Restaurants an jeder Station.

Das ist zunächst einmal legitim. Eine Zeitung darf über ihren eigenen Chefredakteur berichten. Nur wirft dieser Text ein paar Fragen auf, die über bloße Eigenwerbung hinausgehen.

Auffällig ist schon die Form. Der Artikel ist in „Reise-Notizen“ gegliedert, mit Hinweisen zur Fußgängerzone in Norden, zum Outletcenter in Neumünster, zum Blick aufs Wattenmeer auf Sylt. Das mag unterhaltsam gemeint sein. Es verschiebt aber den Fokus weg von den Inhalten der Gespräche, hin zur Kulisse und zur Atmosphäre. Aus einer Lesertour wird so am Ende auch ein kleines Stück Standortmarketing für die eigene Marke.

Inhaltlich fällt auf, wie durchgehend wohlwollend der Text bleibt. Kontroverse Aussagen werden referiert, aber nicht eingeordnet. Wenn Ewert in Lingen sagt, die AfD müsse man nicht verbieten, weil sie schließlich Punkte anspreche, um die man sich kümmern müsse, steht das einfach so im Raum. Dass die Partei in mehreren Bundesländern vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft wird, fehlt auch in dieser Zusammenfassung komplett. Genauso wird seine Aussage zu „5,5 Millionen Toten im Namen des Guten“ und der Doppelmoral des Westens unkommentiert wiedergegeben, obwohl sie einen Angriffskrieg und westliche Interventionen faktisch nebeneinanderstellt, als wären sie vergleichbare Größen.

Auch die Aussage zur eigenen politischen Verortung, „beides, links und rechts, je nach Tag„, wird hier erneut zitiert, diesmal ganz ohne kritische Nachfrage. Was auf der Schelenburg noch wie eine spontane Antwort im Gespräch wirkte, wird in der Rückschau zur Art Markenkern stilisiert. Der Chefredakteur, der sich keiner Seite zuordnen lässt und genau deshalb von beiden Seiten kritisiert wird. Diese Erzählung wiederholt sich über die gesamte Tour hinweg fast wortgleich, in Norden, auf Sylt, in Bissendorf.

Was in diesem Nachbericht komplett fehlt, ist Distanz. Keine Stimme aus der Redaktion, die fragt, ob eine Selbstverortung wie „mal so, mal so“ eigentlich eine journalistische Haltung ersetzen kann. Keine Einordnung der AfD-Aussage. Keine Rückfrage zur Kriegsvergleich-Rhetorik. Stattdessen sechsmal derselbe Ablauf, Ankunft, Location, Diskussion, versöhnlicher Abschluss, Reisetipp.

Das ist an sich schon aufschlussreich. Eine Zeitung, die gerade erst ihre Kommentarspalten geschlossen und ein kuratiertes Debattenformat eingeführt hat, in dem kritische Beiträge auf mysteriöse Weise verschwinden, feiert nun die persönliche Nähe ihres Chefredakteurs zu seinen Lesern, und lässt dabei jede kritische Distanz zu genau diesem Chefredakteur vermissen. Wer eine Lesereise so nacherzählt, betreibt keinen Journalismus über den eigenen Betrieb, sondern schreibt an der eigenen Legende weiter.

Links oder rechts, beides, je nach Tag. Was Burkhard Ewerts Lesereise über Haltung und Beliebigkeit verrät.

Ewert auf der Schelenburg zu links oder rechts. „Beides, je nach Tag oder Thema.“ Zuvor in Lingen zur AfD und zu „5,5 Millionen Toten im Namen des Guten“. Beliebigkeit als Prinzip, verpackt in eine Tour durch kuratierte Kleingruppen.

Hallo NOZ, hallo Herr Buß,

Ihr Artikel über Burkhard Ewerts Abend auf der Schelenburg liest sich wie ein schönes Zeugnis gelebter Debattenkultur. Bei genauerem Lesen bleiben einige Fragen offen.

Auf die Frage, ob er links oder rechts sei, antwortet Ewert mit „beides, je nach Tag oder Thema“. Das klingt nach Offenheit, ist aber vor allem bequem. Wer sich nie festlegt, kann auch nie an einer klaren Haltung gemessen werden.

Zwei Aussagen von einer anderen Station seiner Lesereise zeigen, wohin diese Beliebigkeit führen kann. In Lingen beantwortete Ewert die Frage nach einem AfD-Verbot mit den Worten, man müsse sie nicht verbieten, sie spreche schließlich Punkte an, um die man sich kümmern müsse. Dabei lässt er aus, dass die Partei in mehreren Bundesländern vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft wird. Eine solche Partei auf „Themen ansprechen“ zu reduzieren, verschiebt den Maßstab.

In derselben Runde setzte Ewert russische Kriegsverbrechen und, wie er es nannte, „den Westen und seine Kriege“ seit dem 11. September nebeneinander, mit der Zahl von 5,5 Millionen Toten „im Namen des Guten“. Beim US-Angriff auf den Iran sprach er von „unerträglicher Doppelmoral“. So verständlich Kritik an westlicher Kriegspolitik sein kann, so schief wird sie, wenn sie zur reinen Aufrechnung wird. Ein Angriffskrieg mit imperialen Zielen und westliche Interventionen, so fragwürdig manche davon waren, sind keine vergleichbaren Größen. Wer sie in einem Atemzug nennt, erzeugt eine falsche Symmetrie, die am Ende beide Seiten verharmlost.

Auffällig ist zudem der Rahmen der gesamten Tour. Erst schließt die NOZ ihre Kommentarspalten, dann kommt ein kuratiertes Forum, in dem kritische Beiträge auf mysteriöse Weise verschwinden, und jetzt zieht der Chefredakteur mit kleinen, handverlesenen Gesprächsrunden durchs Verbreitungsgebiet. Das wird als Nähe zur Leserschaft verkauft. Wer eingeladen wird, wo die Runde stattfindet und worüber gesprochen wird, bestimmt weiterhin allein die Redaktion. Das ist etwas anderes als offene Debatte.

Mit freundlichen Grüßen

Ewert lobt Nuhr, die NOZ verschweigt die Kritik. Wie ein Jubelbericht entsteht, wenn zwei Weltbilder sich treffen.

Die NOZ berichtet über den Leo-Baeck-Preis für Dieter Nuhr mit Ewert-Zitat und ohne jede kritische Stimme. Gedenkstättenleiter Wagner, Czollek, Steinke, taz…alles weggelassen. Dass Ewert hier als Fürsprecher auftritt, passt. Die Grundhaltung beider ähnelt sich auffällig.

Hallo NOZ, hallo Herr Otten,

der Artikel über die Leo-Baeck-Preis-Verleihung an Dieter Nuhr liest sich wie eine Jubelmeldung ohne Gegenstimme. Besonders auffällig ist, dass Burkhard Ewert als Kuratoriumsmitglied des Freundeskreises Yad Vashem mit einem begeisterten Zitat zitiert wird, als handele es sich um eine neutrale Beobachtung. „Der Preis ist verdient!“ Eine kritische Einordnung fehlt vollständig.

Dabei war die Kritik an der Preiswahl im Vorfeld laut und klar dokumentiert. Gedenkstättenleiter Jens-Christian Wagner warf Nuhr vor, rassistische und antiliberale Ressentiments zu bedienen und der antisemitisch konnotierten Bühnenarbeit von Lisa Eckart jahrelang eine Plattform geboten zu haben. Publizist Max Czollek und Journalist Ronen Steinke äußerten sich scharf. Die taz stellte fest, Nuhr bekämpfe Antisemitismus selektiv und spare jenen im bürgerlich-rechten Milieu konsequent aus. Das sind keine Randfiguren, sondern relevante Stimmen zu einer breiten Debatte, die der Artikel schlicht weggelassen hat.

Zum Kontext gehört auch, dass Nuhr in den vergangenen Jahren zunehmend durch Angriffe auf Klimaschutzbewegungen, Linke und Grüne aufgefallen ist, mit einer Grundhaltung, die strukturell gut zu jener Ewerts passt. Wer Ewerts Kommentare im Laufe der Zeit verfolgt hat, findet bei Nuhr viele vertraute Muster wieder. Dass ausgerechnet Ewert hier als zitierter Fürsprecher auftritt, ist also keine zufällige Konstellation.

Mit freundlichen Grüßen

Ewerts AfD-Analyse in der NOZ: Melonisierung oder Verharmlosung?

Ewerts These zur AfD in der NOZ vom 04.06.2026 ist nicht nur falsch, sondern gefährlich, da sie die AfD als normalen Akteur darstellt, obwohl Gerichte und Verfassungsschutz sie als Bedrohung für die Demokratie einstuft.

Burkhard Ewert, Chefredakteur der Neuen Osnabrücker Zeitung (NOZ), hat in seinem aktuellen Artikel „Die nächste Republik – Sechs Thesen über die Zukunft unseres Parteiensystems“ in der NOZ vom 04.06.2026 eine provokante These zur AfD aufgestellt. Die Partei werde sich „melonisieren“, also, ähnlich wie Giorgia Melonis Fratelli d’Italia, durch wachsenden Zuspruch aus der Mitte gemäßigter und damit salonfähiger werden. Doch diese These steht in eklatantem Widerspruch zu den jüngsten gerichtlichen Einstufungen der AfD in mehreren Bundesländern (darunter auch Niedersachsen) als gesichert rechtsextrem bzw. Verdachtsfall.

In Sachsen, Thüringen, Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Niedersachsen und Hessen wird die AfD bereits als gesichert rechtsextrem eingestuft. Nur auf Bundesebene blockierte das Verwaltungsgericht Köln im Februar 2026 eine solche Einstufung, vorerst und nur im Eilverfahren. Die Begründung: Der Verfassungsschutz müsse zunächst weitere Beweise vorlegen.

Ewerts These: Die AfD „melonisiert“ sich

Ewert argumentiert, der wachsende Zuspruch aus der Mitte der Gesellschaft (insbesondere von Ex-SPD-Wählern, Frauen und sozial besser Gestellten) werde die AfD zur Mäßigung zwingen. Als Beispiel führt er Sachsen an, wo sich die AfD bereits zahmer gebe, um nicht noch weiter nach rechts abgedrängt zu werden. Er verweist auf Manfred Güllner (Forsa), der feststellt, dass die AfD keine Partei alter, frustrierter Männer mehr sei, sondern zunehmend breitere Wählerschichten anziehe. Ewerts Schlussfolgerung lautet, die AfD werde sich anpassen, um regierungsfähig zu werden. Ähnlich wie Melonis Partei in Italien, die trotz rechtspopulistischer Wurzeln gemäßigter auftrat, sobald sie an die Macht kam.

Zitat Ewert:

„Die Melonisierung der AfD, um Italien und die dortige Rechte mit ihrer teilweisen Entradikalisierung als Referenz zu bemühen, wird durch den wachsenden und der Mitte entspringenden Zuspruch wahrscheinlicher.“

Die Realität: Gerichtliche Einstufungen und verfassungsfeindliche Tendenzen

Ewerts Optimismus (oder Naivität?) ignoriert drei zentrale Fakten:

Gerichtliche Einstufungen als rechtsextrem

Die AfD ist in fünf Bundesländern bereits als gesichert rechtsextrem eingestuft, in Hessen nun als Verdachtsfall. Das Verwaltungsgericht Wiesbaden begründete seine Entscheidung mit:

  • „Hinreichenden tatsächlichen Anhaltspunkten“ für Bestrebungen gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung
  • Keiner Distanzierung des hessischen Landesverbands vom Bundesverband, der selbst als Verdachtsfall gilt
  • Landesspezifischen Anhaltspunkten, die die Einstufung rechtfertigen

Fazit: Die AfD ist keine „normale“ Partei, sondern wird von Gerichten und Verfassungsschutz als Gefahr für die Demokratie eingestuft. Eine „Melonisierung“ wäre nur dann denkbar, wenn die Partei ihre ideologischen Kerne (z. B. völkisches Nationalverständnis, Ablehnung des Grundgesetzes) aufgäbe, wofür es allerdings keine Anzeichen gibt.

Die AfD radikalisiert sich weiter

Während Ewert eine Mäßigung prognostiziert, zeigt die Realität das Gegenteil:

  • In Thüringen und Sachsen dominieren Flügel wie der „Flügel“ (ehemals um Björn Höcke), die eine offen rechtsextreme Agenda vertreten.
  • Die Programmatik der AfD (z. B. Forderung nach Remigration, Ablehnung der Menschenwürde für alle, Angriffe auf die Pressefreiheit) ist unvereinbar mit der freiheitlichen demokratischen Grundordnung.
  • Personelle Verstrickungen: Mehrere AfD-Mitglieder stehen in Verbindung zu rechtsextremen Netzwerken (z. B. Identitäre Bewegung, Reichsbürger).

Aktuelles Beispiel Hessen:
Der hessische AfD-Landesverband wird von Andreas Lichert und Robert Lambrou geführt, beide gelten als hardliner und stehen für eine unversöhnliche Opposition gegen den „Systemwechsel“ (i. e. die demokratische Ordnung). Eine Distanzierung von extremistischen Positionen ist nicht erkennbar.

Wahlstrategie ≠ Ideologie

Ewert verwechselt Wahlkampftaktik mit ideologischer Veränderung. Dass die AfD gemäßigtere Töne anschlägt, um Wähler aus der Mitte zu gewinnen, bedeutet nicht, dass sie ihre Ziele geändert hat. Im Gegenteil:

  • Die Doppeldeutigkeit der AfD-Sprache (z. B. „Heimat“ statt „völkisch“, „Souveränität“ statt „Ausländer raus“) ist eine bewusste Strategie, um Salonfähigkeit zu erlangen, ohne die Substanz zu ändern.
  • Historische Parallelen: Auch die NPD versuchte in den 1960ern, sich als „bürgerlich“ zu geben, ohne Erfolg. Die Ideologie blieb antidemokratisch.

Warum Ewerts Analyse problematisch ist

Verharmlosung durch Terminologie

Ewerts Begriff der „Melonisierung“ ist irreführend. Giorgia Meloni hat zwar gemäßigtere Rhetorik übernommen, ihre Politik (z. B. Migrationsbekämpfung, Angriffe auf LGBTQ+-Rechte, Medienfeindlichkeit) bleibt rechtspopulistisch bis rechtsextrem.

Die AfD geht noch weiter. Während Meloni sich an die demokratischen Spielregeln hält, lehnt die AfD das Grundgesetz explizit ab (z. B. durch Forderungen nach „Widerstandsrecht“ gegen die Regierung).

Kann eine Partei, die das Grundgesetz ablehnt, überhaupt „melonisiert“ werden, oder ist das eine Verharmlosung?

Ignoranz gegenüber gerichtlichen Fakten

Ewert erwähnt gar nicht erst, dass die AfD in mehreren Bundesländern als gesichert rechtsextrem gilt. Stattdessen stützt er sich auf Wahlumfragen und soziodemografische Verschiebungen, als ob Wählerzuspruch die Ideologie der Partei ändern würde.

Die Realität sieht anders aus. Verfassungsschutzberichte (Bund und Länder) dokumentieren kontinuierlich verfassungsfeindliche Bestrebungen. Gerichte bestätigen diese Einschätzung – trotz Klagen der AfD.

Fehlende Differenzierung

Ewert behandelt die AfD als homogene Partei, dabei gibt es unterschiedliche Flügel. Zum einen die „Realos“ (z. B. Alice Weidel), die versuchen, bürgerliche Wähler anzusprechen. Dann die „Hardliner“ (z. B. Björn Höcke, Andreas Kalbitz), welche offen rechtsextreme Positionen vertreten.

Doch selbst die „gemäßigteren“ Kräfte der AfD distanzieren sich nicht von den Extremisten, im Gegenteil. Sie tolerieren sie, um die Macht in der Partei nicht zu verlieren. Das zeigt deutlich, dass die AfD ist keine Partei der Mitte, sondern eine Sammlungsbewegung des Rechtsextremismus mit taktischer Anpassungsfähigkeit.

Fazit: Ewerts These ist eine gefährliche Verharmlosung

Burkhard Ewerts Annahme, die AfD werde sich durch Wählerzuspruch aus der Mitte „melonisieren“, ist naiv.

Seine Analyse verharmlost die AfD, indem sie Wahlstrategie mit Ideologie verwechselt. Sie ignoriert gerichtliche Einstufungen als rechtsextrem in mehreren Bundesländern (inkl. Hessen). Sie ignoriert die ideologische Kernagenda der AfD, die unvereinbar mit der Demokratie ist. Sie ignoriert historische Erfahrungen, die zeigen, dass Rechtsextremismus sich tarnen, aber nicht ändern lässt.

Ob er bewusst oder unbewusst die Gefahr seiner normalisierenden Texte ignoriert, lässt sich nur spekulieren.

Die NOZ und Ewerts Maßstäbe: Wenn Kunstkritik zur Entlastungsrhetorik wird

Ewert beklagt mangelndes Kunstverständnis beim Publikum, das Rechtsextremismus auf der Bühne nicht toleriert. Und die NOZ, die den Begriff „Rechtsextremismus“ bei der AfD selbst meidet, nickt dazu. Das Muster bleibt dasselbe.

Hallo NOZ, hallo Herr Ewert,

die Kolumne „Geht das Kunstverständnis verloren?“ folgt einem Muster, das aus Ihren Texten vertraut ist. Eine Dritte spricht, Sie geben wieder, und am Ende steht eine politische These, die Sie sich durch Auswahl und Schweigen zu eigen machen.

Der Kerngedanke, den Sie aus Angela Richters Essay destillieren, lautet, wer Rechtsextremismus zu scharf benennt, treibt Wähler in die Arme der AfD. Das ist keine kunstkritische Beobachtung, sondern eine politische Umkehrstrategie. Nicht die AfD ist das Problem, sondern die, die sie klar einordnen. Dass diese These empirisch nicht belegt ist, bleibt unerwähnt.

Die rhetorische Konstruktion ist dabei bemerkenswert. Richter sagt, Ewert nickt. Kritik kommt nicht von ihm, sondern aus einem zitierten Essay. Das ist eine bekannte Technik der Entlastungsrhetorik. Wer auswählt, was er wiedergibt, und es unkommentiert stehen lässt, übernimmt inhaltlich Verantwortung, ohne sie formal zu beanspruchen.Inhaltlich ist das Argument über begriffliche Unschärfe zwischen „rechts“ und „rechtsextrem“ zudem doppelt problematisch. Die NOZ ist selbst für genau diese Unschärfe dokumentiert kritisiert worden. In mehreren Artikeln zur AfD-Hochstufung durch den niedersächsischen Verfassungsschutz im Februar 2026 vermied die Redaktion konsequent den Begriff „Rechtsextremismus“, obwohl er aus der Primärquelle des Innenministeriums stammt. Wer also Unschärfe beklagt, sollte im eigenen Haus anfangen.

Das nostalgisch beschriebene „gebildete, gelassene“ Theaterpublikum, das Provokation aushielt, hielt diese vor allem deshalb aus, weil es gesellschaftlich privilegiert und nie wirklich betroffen war. Gelassenheit ist ein Luxus, den man sich leisten kann, wenn die Bühne über andere spricht. Dass dieses Publikum als Maßstab demokratischer Reife gesetzt wird, sagt mehr über den Standpunkt des Textes als über das Theater.

Der Satz, dass das neue Publikum sich „bestätigt fühlen“ wolle statt sich beleidigen zu lassen, soll nach Kunstkritik klingen, ist aber tatsächlich politische Abwertung. Ebenso ist es Verharmlosung, das Unbehagen von Menschen, die auf einer öffentlich geförderten Bühne mit Positionen konfrontiert werden, die ihre Grundrechte in Frage stellen, als Kunstverständnismangel umzudeuten. Mit ästhetischer Analyse hat das nun wirklich nichts zu tun.

Mit freundlichen Grüßen

« Ältere Beiträge