Leserbriefe, Medienkritik & politische Analysen

Kategorie: Burkhard Ewert (Seite 1 von 13)

Burkhard Ewert ist seit Jahren Chefredakteur der Neuen Osnabrücker Zeitung (NOZ). Diese Kategorie dokumentiert und analysiert seine Kommentare und Meinungsbeiträge: von der Berichterstattung über Linksextremismus bis zur Pressefreiheitsdebatte, von Grönemeyer bis Yad Vashem. Die Serie „Ewerts Maßstäbe“ macht wiederkehrende Argumentationsmuster sichtbar.

Furcht vor dem Feind, Verständnis für den Osten. Zwei Seiten NOZ und ein gemeinsamer Unterton

Ewert deutet Merz‘ Russland-Warnung als Disziplinierungstechnik, eine Seite weiter druckt die NOZ ganzseitig einen NZZ-Text über „Miete vor Moral“, beides ohne Einordnung.

Am 08.10.2026 stehen in der NOZ zwei Texte, die einzeln vertretbar sind und zusammen ein Bild ergeben. Auf Seite 2 kommentiert Burkhard Ewert in seiner Rubrik „Rest der Republik“ die Rede von Friedrich Merz in Münster. Auf Seite 3 folgt ganzseitig der NZZ-Beitrag „Sowjetnostalgie, Angst – oder beides?“ von Nathan Giwerzew.

Was Ewert richtig sieht

Seine historischen Einwände sind nicht aus der Luft gegriffen. Dass der Westfälische Frieden nicht verhinderte, dass von deutschem Boden später weitere Kriege ausgingen, ist ein Punkt, über den man reden kann. Auch seine Verwunderung, dass Merz dem Preisträger Nato so wenig Raum gab, ist legitim. Und Reinhard Zinkanns Rede als Gegenbild zu würdigen, ist eine Meinung, die ein Kommentar äußern darf.

Problematisch wird es bei Sallusts „Metus hostilis“. Ewert unterstellt dem Kanzler damit, er beschwöre eine äußere Gefahr, um die Bevölkerung zu disziplinieren und die Loyalität zu steigern. Ob die Gefahr real ist, prüft er nicht. Der russische Angriffskrieg taucht nur als Einschub auf („versteht sich“). Wer Merz‘ Warnung vor einer Kriegsmaschinerie, die sich irgendwann gegen die Nato richten könnte, zur Rhetorik erklärt, müsste zumindest sagen, warum er sie für unbegründet hält. Das geschieht nicht.

AfD und die Bots

Auch Merz‘ Hinweis auf Moskauer Bots und die AfD wird bei Ewert zum Versuch, die Einheit „hinter sich“ zu beschwören. Dass russische Einflussnahme auf Debatten dokumentiert ist, bleibt unerwähnt. So wird aus einer Warnung eine Pose.

Der Gegenentwurf trägt nicht. Zinkann dient als Gegenstück zu Krieg und Rüstung. Ewert zitiert aber selbst, dass dieser von soliden Finanzen, einer leistungsfähigen Wirtschaft und Stärke als Voraussetzung für Sicherheit spricht. Das ist keine Absage an Merz‘ Linie, sondern eine andere Betonung. Aus Krieg gegen Verständigung wird so ein Gegensatz, den die Redner selbst nicht aufmachen.

Die Seite danach

Der NZZ-Text will erklären, warum viele Ostdeutsche anders auf Russland blicken, und das ist ein berechtigtes Anliegen. Er räumt sogar ein, dass Ostdeutschland kein Monolith ist. Trotzdem bleibt er fast durchgehend bei der Perspektive derer, die er erklärt. Wichtige Aussagen stützen sich auf einen „Großteil der Bevölkerung“, der einzige konkrete Zahlenbeleg zur Sanktionspolitik stammt aus dem Juli 2022. Der Historiker, der die sowjetischen Soldaten als „arme Schweine“ beschreibt, steht ohne Gegenstimme da. Das Fazit, die Zeitenwende sei ein „westdeutsches Produkt mit moralischem Alleinvertretungsanspruch“, ist eine Wertung in einem Stück, das sich als Erklärstück gibt. Die ukrainische Sicht und die Folgen russischer Kriegsverbrechen kommen kaum vor. Unter dem Text steht nur der Hinweis auf die Erstveröffentlichung.

Der Zusammenhang

Ich werfe Ewert nicht vor, er wolle Russland kleinreden. Das steht so nicht im Text. Aber wenn eine Zeitung auf Seite 2 die Warnung vor Russland als Stimmungsmache liest und auf Seite 3 ohne eigene Einordnung „Miete vor Moral“ als nachvollziehbare Haltung ausbreitet, entsteht ein Gesamteindruck. Russlands Gefährlichkeit erscheint dann vor allem als Stoff für deutsche Befindlichkeiten. Das darf man als Meinung vertreten. Man sollte es dann aber auch so benennen und nicht als Analyse verkaufen.

Panzer gegen Hacker? Ewerts Gefahrenliste lässt Russland und das Klima außen vor

Die Kolumne des Chefredakteurs der NOZ fragt, wovor wir uns schützen müssen, und verschweigt neben der Klimakrise, dass die Bundesregierung den Drohnenanschlag von Leipzig Russland zuordnet.

Hallo NOZ, hallo Herr Ewert,

Ihre Kolumne stellt eine Frage, die man stellen darf. Wird bei der Aufrüstung womöglich an den Gefahren vorbeigeplant, die uns im Alltag tatsächlich treffen? Dass Hackerangriffe auf Verwaltungen, Drohnen und unkontrollierte KI ernste Risiken sind, ist richtig, und Ihr Ruf nach Regeln für autonome Waffen verdient Zustimmung.

Die Argumentation trägt aber nicht, weil sie einen Gegensatz konstruiert, den es so nicht gibt. Drohnenabwehr, Schutz kritischer Infrastruktur und Cyberverteidigung gehören zur Sicherheitspolitik und sind genau das, wofür Geld gefordert wird. Wer Panzer gegen Hacker ausspielt, widerlegt eine Position, die kaum jemand vertritt.

Besonders deutlich wird das Problem bei Leipzig. Sie schreiben von einer Drohne, die stundenlang um einen Munitionstransport schwirrte, und halten es für plausibel, dass jemand lediglich zeigen wollte, was alles möglich ist. Dass das Gerät Sprengstoff trug, steht nicht im Text. Ebenso fehlt, dass die Bundesregierung Russland am 1. September offiziell für den versuchten Anschlag verantwortlich gemacht hat und ihn als Teil hybrider Kriegsführung einordnet. Ausgerechnet das Beispiel, das Ihrer These widerspricht, wird entschärft. Dabei belegt es, dass die Bedrohung durch Russland längst keine Frage von Panzern an einer Grenze mehr ist. Sie trifft Flughäfen, Netze und Lieferketten.

Stattdessen taucht „dem Russen“ im letzten Absatz in einer Reihe mit Plastikstrohhalmen und dem Autoverkehr auf, an denen man sich „abarbeite“. Ob beabsichtigt oder nicht, diese Gleichstellung macht aus einer realen Bedrohung ein Randthema.

Hinzu kommt eine Lücke, die ins Auge springt. In einer Liste der Gefahren unserer Zeit kommt die Klimakrise nicht vor. Der Anschlag aufs Stromnetz dient als Beleg für Ihre Gefahrenlage, über das Thema, das den Täter nach dem Bekennerschreiben antreibt, verlieren Sie kein Wort. Eine Liste, die das größte langfristige Risiko ausspart, ist keine Gefahrenanalyse.

Ihre Lösung lautet Ächtung, Achtung, Ausgleich, Aufklärung und Akzeptanz. Das klingt gut, nennt aber keine einzige Maßnahme, und Sie räumen selbst ein, man möge es Schwärmerei nennen. Diesem Einwand stimme ich zu.

Von einem Chefredakteur erwarte ich keine Begeisterung für Rüstung. Ich erwarte, dass er Bedrohungen benennt, wie sie sind, auch dort, wo sie unbequem sind und Russland heißen.

Mit freundlichen Grüßen

„Wenn es in der Mitte einsam wird …“ – Wie Burkhard Ewert die Hufeisentheorie zur Beschreibung macht

Ewerts NOZ-Kommentar zur Wahl in Berlin und MV setzt „linke“ und „rechte Radikale“ gleich. Ein Abgleich mit der Ausgabe vom 21.09.2026 zeigt Lücken.

Hallo NOZ, hallo Herr Ewert,

Ihr Kommentar „Wenn es in der Mitte einsam wird …“ auf der Titelseite vom 21. September beginnt mit einer Gleichung, „Rechte Radikale sind die großen Gewinner der Wahl in Schwerin, linke Radikale sind es in Berlin.“ Die Symmetrie setzt sich fort. Beide Seiten stünden für „moralische und machtorientierte Maximalpositionen“, man könne sie „den Parteien am Rand überlassen“, dort seien sie „gut aufgehoben“. Das ist die Logik der Hufeisentheorie, und sie wird als Beschreibung präsentiert, nicht als Position.

Ein Blick in dieselbe Ausgabe zeigt, wie wenig die Gleichsetzung von den eigenen Seiten gedeckt ist. Christian Andresen beschreibt auf Seite 3, dass die Linke in Mecklenburg-Vorpommern mit 6,2 bis 7,4 Prozent deutlich verliert und für Manuela Schwesig „als Regierungspartnerin erhalten“ bleibt. Ein Gewinner ist sie dort nicht. Tobias Schmidt schreibt auf Seite 1, in MV wolle „niemand“ mit der AfD regieren, und diskutiert zugleich eine Koalition mit der Linken als reguläre Option.

NOZblog

In Berlin porträtiert Katharina Wiechers Elif Eralp als Juristin aus einer Akademikerfamilie, die mit dem Mietenthema antritt und sich auf einen erfolgreichen Volksentscheid von 2021 beruft. Man kann Vergesellschaftung ablehnen, ein Umsturzprogramm ist es nicht. Die im Porträt genannte Kritik am Neuköllner Bezirksverband ist ernst zu nehmen, betrifft aber einen Verband, von dem sich Eralp distanzierte.

Bundeskanzler Merz sagte am Wahlabend, das Vertrauen in die Institutionen werde „von radikalen Parteien links und rechts aktiv untergraben“. Damit nennt er die AfD im selben Atemzug wie eine Partei, die in Schwerin seit fünf Jahren mitregiert. Ihr Kommentar liefert dafür den Deutungsrahmen, ohne ihn zu begründen.

Absicht? Wer weiß. Ich beschreibe hier nur, was der Text bei Leserinnen und Lesern bewirkt. Er stellt zwei Parteien mit unterschiedlichem Status auf eine Stufe. Meine Fragen, worauf stützt sich die Gleichsetzung, und wie verträgt sie sich mit der Berichterstattung Ihrer eigenen Kollegen?

Mit freundlichen Grüßen

Wer fragt hier eigentlich kritisch? Wie Ewert und Wiegelmann im Banaszak-Interview mit zweierlei Maß messen

Im Banaszak-Interview der NOZ, Grünen-Klimapositionen bekommen Populismus-Vorwurf & den Versuch, „Klimaextremist“ zu etablieren. Banaszaks AfD-kritische Kernaussagen bleiben unkommentiert.

Am 16. September veröffentlichte die NOZ ein Interview von Burkhard Ewert und Lucas Wiegelmann mit Grünen-Chef Felix Banaszak. Ein Blick auf die Fragestruktur zeigt ein textlich klar nachweisbares Muster. Positionen des Interviewten werden unterschiedlich intensiv hinterfragt, je nachdem, ob sie sich gegen die AfD oder gegen die eigene Partei richten.

Die Asymmetrie im Detail

Als Banaszak seine Formulierung von den „demokratischen Parteien“ erläutert, fragen die Interviewer nach, ob er damit nicht selbst die AfD-Erzählung von den „Blockparteien“ bestätige. Eine legitime Nachfrage, aber sie bleibt die einzige ihrer Art in diese Richtung.Anders bei den klimapolitischen Passagen. Hier findet sich mit „Also ein Klimaextremist?“ der Versuch, einen Begriff zu etablieren, den Banaszak explizit als diskreditierend zurückweist. Kurz darauf folgt die Frage „Wie viel Populismus verträgt die Klimadebatte?“, ein Vorwurf, der sonst primär gegen die AfD in Stellung gebracht wird, hier aber auf die Klimarhetorik der Grünen angewendet wird. Die Frage „Wenn man die Grünen wählt, werden davon ja die Sommer nicht kühler“ schließlich verlässt die Ebene der Sachfrage zugunsten einer rhetorischen Pointe.

Bemerkenswert dabei, Banaszaks deutlichste AfD-kritischen Aussagen im selben Interview, etwa seine Einordnung des Stromnetz-Anschlags als Terrorismus unabhängig von der Motivation, oder sein Bekenntnis „Demokraten dürfen nicht aufgeben, für die Demokratie zu kämpfen“, werden nicht gegengefragt oder eingeordnet. Sie stehen unkommentiert im Text.

Die Schlagzeile als Verstärker

Die Wahl der Überschrift, „Nicht alle AfD-Wähler sind verkappte Nazis“, greift ausgerechnet die relativierendste Formulierung aus Banaszaks Antworten heraus. Im selben Antwortblock warnt er explizit davor, diese Einsicht mit einer „Relativierung dessen, was von der AfD propagiert und geplant wird“ zu verwechseln. Die Schlagzeile transportiert also nicht die Kernaussage, sondern deren Randbemerkung.

Fazit

Hier lässt sich neutral keine Aussage über Absichten treffen, nur über den Text selbst. Und der zeigt, Grünen-/Klimapositionen werden mit pointierten Gegenfragen konfrontiert, AfD-kritische Kernaussagen bleiben stehen. Das ist ein dokumentierbarer redaktioneller Effekt, den man beim Lesen im Blick behalten sollte.

Ewert und die Wahl in Sachsen-Anhalt: Wenn Erklären zu Entschuldigen wird

Ewert erklärt den AfD-Sieg in Sachsen-Anhalt mit allgemeinem Politikversagen, ohne die Verfassungsschutz-Einstufung als rechtsextrem auch nur zu erwähnen. Am Ende soll sich jeder Bürger einzeln „zusammenreißen“. Verantwortung sieht anders aus.

Hallo NOZ, hallo Herr Ewert,

Ihr Kommentar zur Wahl in Sachsen-Anhalt benennt zunächst richtige Kritikpunkte an der AfD. Beleidigungen, Lügen, Vetternwirtschaft, Druck auf Medien, das ist alles belegt und zu Recht angesprochen. Genau hier beginnt aber auch das Problem des Textes.

Der Satz „All dies haben Vertreter der übrigen Parteien ebenfalls bereits einmal fertiggebracht“ stellt eine falsche Symmetrie her. Einzelne Verfehlungen einzelner Politiker sind etwas anderes als das systematische Verhalten einer Partei, deren Landesverband in Sachsen-Anhalt vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft wird. Diese Einstufung fehlt in Ihrem Text übrigens komplett. Gerade bei einem so deutlichen Wahlsieg wäre das der entscheidende Fakt gewesen, nicht Stilfragen wie Tonlage oder Populismusvorwürfe.

Auch die Erklärung für den AfD-Erfolg bleibt seltsam diffus. Gebrochene Versprechen, wachsende Bürokratie, eine allgemeine Politikmüdigkeit, all das mag stimmen. Aber wer den Aufstieg einer rechtsextremen Partei vor allem mit allgemeinem Politikversagen erklärt, entlastet am Ende jene demokratischen Kräfte, die tatsächlich Verantwortung tragen, sei es durch Anbiederung an rechte Narrative oder durch mangelnde klare Abgrenzung.

Besonders schief wirkt die These, eine erstarkende Rechte führe andernorts in Europa zur Mäßigung. Diese Beobachtung ist weder eindeutig belegt noch beruhigend. Sie liest sich eher wie eine vorweggenommene Entwarnung, die zur tatsächlichen Faktenlage über die AfD in Sachsen-Anhalt nicht passt.

Am Ende landet die Verantwortung beim einzelnen Bürger, der sich „zusammenreißen“ soll. Das ist zu wenig. Verantwortung tragen zuerst die demokratischen Parteien und auch die Medien, die (wie auch die NOZ häufig normalisierend) über sie berichten. Wer diese Verantwortung so allgemein streut, dass am Ende niemand konkret benannt wird, macht es sich zu leicht

Mit freundlichen Grüßen

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