Leserbriefe, Medienkritik & politische Analysen

Kategorie: Burkhard Ewert (Seite 1 von 12)

Burkhard Ewert ist seit Jahren Chefredakteur der Neuen Osnabrücker Zeitung (NOZ). Diese Kategorie dokumentiert und analysiert seine Kommentare und Meinungsbeiträge: von der Berichterstattung über Linksextremismus bis zur Pressefreiheitsdebatte, von Grönemeyer bis Yad Vashem. Die Serie „Ewerts Maßstäbe“ macht wiederkehrende Argumentationsmuster sichtbar.

Ewert und die Wahl in Sachsen-Anhalt: Wenn Erklären zu Entschuldigen wird

Ewert erklärt den AfD-Sieg in Sachsen-Anhalt mit allgemeinem Politikversagen, ohne die Verfassungsschutz-Einstufung als rechtsextrem auch nur zu erwähnen. Am Ende soll sich jeder Bürger einzeln „zusammenreißen“. Verantwortung sieht anders aus.

Hallo NOZ, hallo Herr Ewert,

Ihr Kommentar zur Wahl in Sachsen-Anhalt benennt zunächst richtige Kritikpunkte an der AfD. Beleidigungen, Lügen, Vetternwirtschaft, Druck auf Medien, das ist alles belegt und zu Recht angesprochen. Genau hier beginnt aber auch das Problem des Textes.

Der Satz „All dies haben Vertreter der übrigen Parteien ebenfalls bereits einmal fertiggebracht“ stellt eine falsche Symmetrie her. Einzelne Verfehlungen einzelner Politiker sind etwas anderes als das systematische Verhalten einer Partei, deren Landesverband in Sachsen-Anhalt vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft wird. Diese Einstufung fehlt in Ihrem Text übrigens komplett. Gerade bei einem so deutlichen Wahlsieg wäre das der entscheidende Fakt gewesen, nicht Stilfragen wie Tonlage oder Populismusvorwürfe.

Auch die Erklärung für den AfD-Erfolg bleibt seltsam diffus. Gebrochene Versprechen, wachsende Bürokratie, eine allgemeine Politikmüdigkeit, all das mag stimmen. Aber wer den Aufstieg einer rechtsextremen Partei vor allem mit allgemeinem Politikversagen erklärt, entlastet am Ende jene demokratischen Kräfte, die tatsächlich Verantwortung tragen, sei es durch Anbiederung an rechte Narrative oder durch mangelnde klare Abgrenzung.

Besonders schief wirkt die These, eine erstarkende Rechte führe andernorts in Europa zur Mäßigung. Diese Beobachtung ist weder eindeutig belegt noch beruhigend. Sie liest sich eher wie eine vorweggenommene Entwarnung, die zur tatsächlichen Faktenlage über die AfD in Sachsen-Anhalt nicht passt.

Am Ende landet die Verantwortung beim einzelnen Bürger, der sich „zusammenreißen“ soll. Das ist zu wenig. Verantwortung tragen zuerst die demokratischen Parteien und auch die Medien, die (wie auch die NOZ häufig normalisierend) über sie berichten. Wer diese Verantwortung so allgemein streut, dass am Ende niemand konkret benannt wird, macht es sich zu leicht

Mit freundlichen Grüßen

Natascha Wodin – Rest der Republik ohne Rest der Geschichte

Warum Ewerts Wiedergabe von Wodins Brief zur FAZ-Frage an Selenskyj den entscheidenden Kontext auslässt und damit dasselbe Muster bedient wie Clasen einen Tag zuvor.

Hallo NOZ, hallo Herr Ewert,

einen Tag nachdem Michael Clasen in seinem Kommentar zum Drohnenvorfall in Leipzig erst Russland die Schuld zuweist und im nächsten Satz zu Kompromissen mit genau diesem Akteur aufruft, vollführen Sie in Ihrer Kolumne eine ähnliche Bewegung, nur über einen fremden Text. Sie geben Natascha Wodins offenen Brief fast vollständig wieder und kommentieren ihn davor und danach nur wohlwollend. Eine Einordnung fehlt.

Der Anlass des Briefs ist die Frage des FAZ-Korrespondenten Michael Martens an Selenskyj, was Europa tun könne, um der Ukraine zu helfen, mehr russische Soldaten zu töten. Wodin gibt diese Frage nahezu wörtlich wieder, das ist an dieser Stelle korrekt. Was fehlt, sowohl bei ihr als auch bei Ihnen, ist der Rest der Geschichte. Die FAZ hat sich noch am selben Wochenende von der Formulierung distanziert und erklärt, es sei um Debatten zur personellen Schwächung der russischen Armee gegangen, mit dem Ziel, Moskau zu Verhandlungen zu bewegen, nicht um eine pauschale Tötungsaufforderung. Das russische Außenministerium wiederum nutzte die Frage, um Martens wegen der NSDAP-Vergangenheit seines Großvaters als „erblichen Nazi“ zu diffamieren. Wer eine einzelne, missverständlich formulierte Journalistenfrage zum Beleg für nie vergangenen deutschen Russenhass erklärt, ohne diesen Kontext zu erwähnen, übernimmt eine Erzählung, die selbst ihr Anlass nicht trägt und die von Moskau propagandistisch verwertet wurde.

Ebenso unwidersprochen bleibt die Behauptung, Putin habe der EU und der Nato einen Nichtangriffspakt angeboten, den der Westen ausgeschlagen habe. Wer die Vorgeschichte der Nato-Russland-Beziehungen und Putins wiederholt widerlegte Zusicherungen vor 2022 kennt, kann diese Darstellung nicht kommentarlos stehen lassen.

Sie betonen in dieser Kolumne regelmäßig, wie wichtig Ihnen unbequeme Perspektiven sind. Das ist ein legitimer Anspruch. Perspektive ersetzt aber keine Einordnung, besonders wenn ein Text derart selektiv mit Fakten umgeht. Diese fehlende Distanz zu russlandnahen Narrativen begleitet auch Ihren Kollegen Clasen seit Jahren, mal in eigener Stimme, mal über unwidersprochen bleibende Interviewgäste. Dass beide Muster an aufeinanderfolgenden Tagen in derselben Zeitung erscheinen, ist eine redaktionelle Schwachstelle und kein Zufall.

Mit freundlichen Grüßen

Der Punk Monchi als Kronzeuge

Ewert macht Monchi zum Kronzeugen gegen die Brandmauer, quasi „selbst die Linken sagen, so schlimm ist die AfD nicht“. Nur lässt er dessen härtere Sätze weg. Und aus einem Freispruch wird bei ihm eine Verurteilung.

Burkhard Ewert hat einen neuen Kronzeugen gefunden, und der passt wunderbar in die eigene Erzählung. Jan Gorkow, besser bekannt als Monchi, Sänger von Feine Sahne Fischfilet, vorbestraft, einst im Verfassungsschutzbericht als Linksradikaler geführt. Wenn ausgerechnet der sagt, man solle AfD-Wähler nicht pauschal ausgrenzen, dann muss doch was dran sein, so die stille Botschaft der Kolumne. Seht her, selbst die Linken geben zu, dass die Brandmauer Unsinn ist.

Diese Rhetorik ist so alt wie durchsichtig. Die eigene These wirkt glaubwürdiger, wenn sie ausgerechnet von jemandem kommt, dem man sie nicht zutrauen würde. Nur funktioniert der Trick nur, wenn man sorgfältig auswählt, was der Kronzeuge sonst noch so sagt. Und genau hier wird Ewerts Text unredlich. Monchi erklärt in seinem Buch auch, dass er deshalb noch lange nicht die rechte Wange hinhält. Das kommt in der Kolumne nicht vor. Übrig bleibt nur der Teil, der die eigene Linie stützt, der Rest fällt der redaktionellen Schere zum Opfer.

Noch bezeichnender ist ein Detail, das sich leicht überprüfen lässt. Ewert schreibt, Monchi habe „Verurteilungen wegen Landfriedensbruchs“ kassiert. Plural. Tatsächlich gab es genau einen Fall. 2015 warfen Monchi und zwei weitere bei einer Kundgebung für Geflüchtete in Güstrow Stühle auf eine Gruppe angreifender Neonazis, um die Versammlung zu schützen. Verhandelt wurde das erst zwei Jahre später, und am 19. Dezember 2017 sprach das Amtsgericht Güstrow alle drei Angeklagten frei. Nicht verurteilt. Freigesprochen. Nachzulesen bei Wikipedia, in der taz, im Rolling Stone, überall mit identischem Datum und identischem Ausgang.

Aus einem Freispruch eine Verurteilung zu machen ist kein Ausrutscher, sondern das genaue Gegenteil der Wahrheit. Wer eine Biografie zur Stütze einer politischen These heranzieht, trägt eine gewisse Verantwortung dafür, diese Biografie korrekt wiederzugeben. Das gilt erst recht, wenn die falsche Version den Betroffenen kriminalisierter aussehen lässt, als er es tatsächlich ist, und damit die eigene Pointe (selbst ein Vorbestrafter mahnt zur Mäßigung) noch wirkungsvoller macht.

So bleibt am Ende ein Text, der zweifach danebenliegt. Er dreht einem Menschen einen Freispruch in eine Verurteilung um, und er stilisiert eine sehr persönliche, in einem konkreten Dorf verankerte Haltung zu einer allgemeinen politischen Lehre hoch, die so gar nicht dasteht. Wenn man schon einen linken Punk als Kronzeugen gegen die Brandmauer aufruft, sollte wenigstens stimmen, was man über ihn schreibt.

Ewerts Beckenrand-Ironie zum Volksbad in der NOZ: Wenn die Kolumne mehr über den Autor verrät als über das Kunstwerk

Ewerts Kolumne zum Berliner „Volksbad“; Kosten pro Kopf statt Werkanalyse, Seitenhieb gegen die „natürlich“ geförderte NGO, Schlingensief als moralischer Maßstab. Auffällig auch, zum dauerhaften Sprachausschluss im Heidebad Halle reichte der NOZ im Juni eine dpa-Zeile.

Burkhard Ewert widmet sich am 13. August 2026 dem Volksbadprojekt der Berliner Volksbühne, einem mobilen Schwimmbad, das Intendant Matthias Lilienthal vor dem Theater aufstellen ließ, unter anderem mit einer befristeten Öffnungszeit für Menschen aus der schwarzen Community. Der Text lohnt eine genauere Lektüre, weil er gleich mehrere typische Kommentar-Techniken versammelt.

Die Ökonomisierung als Ausweichmanöver

Statt sich mit der künstlerischen Aussage des Projekts auseinanderzusetzen, rechnet Ewert die 300.000 Euro Projektkosten auf „15 Euro pro Badegast“ herunter. Das verschiebt die Debatte von der Frage „was will das Werk sagen“ zur Frage „lohnt sich das“. Mit derselben Rechnung ließe sich praktisch jede öffentlich geförderte Kunst als Verschwendung markieren, die Methode sagt mehr über die Bereitschaft zur Auseinandersetzung aus als über das Projekt selbst.

Der insinuierte NGO-Vorwurf

Die Formulierung von der „natürlich steuergeförderten“ NGO unterstellt durch das Wörtchen „natürlich“, ohne es zu behaupten. Sachlich ist an einer Kooperation mit einer geförderten Organisation meist nichts Besonderes, die Rhetorik aktiviert trotzdem ein Deutungscluster, das mit dem eigentlichen Thema nichts zu tun hat.

Der Schlingensief-Vergleich als moralische Abgrenzung

Ewert baut sich erst eine wohlwollende Referenzfigur auf, um das aktuelle Projekt daran zu messen und für unwürdig zu befinden. Schlingensief habe „verbinden“ wollen, „nicht ausgrenzen“. Das ignoriert, dass befristete Schutz- oder Communityräume eine lange Tradition genau in der Kunst- und Aktivismuspraxis haben, die Ewert eigentlich goutiert, die Volksbühne grenzt niemanden dauerhaft aus, sie öffnet einen Nachmittag lang gezielt.

Ein Kontrastfall, der zu denken gibt

Interessant ist dabei auch, wie unterschiedlich die NOZ mit vergleichbaren Themen umgeht. Als das Heidebad in Halle (Saale) im Juni 2026 dauerhaft Menschen mit unzureichenden Deutschkenntnissen den Zutritt verweigerte, blieb es bei einer knappen, unkommentierten dpa-Meldung. Keine Kolumne, kein Spott, keine Einordnung. Das muss man nicht überinterpretieren aber es zeigt, dass die NOZ durchaus in der Lage ist, Zugangsfragen zu Schwimmbädern auch sachlich und ohne Häme zu behandeln, wenn sie will.

Am Ende bleibt der Eindruck, dass Ewerts Text weniger eine Auseinandersetzung mit einem Kunstwerk ist, als eine Übung in rhetorischer Abwehr. Kosten statt Inhalt, Andeutung statt Argument, ein selektiv gewählter Vergleichsmaßstab.

Nachtrag: Der PS-Satz, der alles noch einmal verschärft

Dank an Kommentator Jürgen, der mich auf die Fortsetzung in der Online-Ausgabe des Rest der Republik aufmerksam gemacht hat.

NOZblog

Was im Ursprungstext noch als Ökonomisierung und Insinuation durchging, bekommt im Nachsatz eine deutlich härtere Note. Ewert kommentiert dort, dass die Volksbühne die Ankündigung des Projekts zunächst entschärft und den Termin am Ende ganz abgesagt hat, nach eigenen Angaben wegen rassistischer Anfeindungen, die die Sicherheit gefährdet hätten.

Drei Dinge fallen am Nachsatz auf

Die Umbenennung entzieht dem Projekt die eigene Sprache. Statt beim Begriff „Volksbad“ zu bleiben, den die Veranstalter selbst gewählt haben, prägt Ewert einen neuen Begriff, der das Projekt auf ein Hautmerkmal reduziert. Das ist keine neutrale Beschreibung, sondern selbst eine Zuschreibung, ausgerechnet in einem Text, der dem Projekt vorwirft, mit Hautfarbe zu arbeiten.

Die Absagegründe werden mit einer Floskel weggewischt. Die genannte Bedrohungslage (eine sicherheitsrelevante, überprüfbare Aussage der Veranstalter) kassiert er mit zwei Worten, die weder Zustimmung noch Widerspruch bedeuten, sondern einfach Zweifel im Raum stehen lassen, ohne dass er sich festlegen müsste.

Der letzte Satz ist der eigentliche Skandal. Ewert zweifelt zunächst an, dass es tatsächlich „rechte und rassistische Hetze“ war, die zur Absage führte („Mag sein“, gemeint ist: eher nicht). Seine Alternativerklärung lautet, dass die Veranstalter vermutlich einfach überrascht gewesen seien, dass die Gesellschaft außerhalb ihrer eigenen Blase eine nach Hautfarbe getrennte Zugangsregelung selbst für überholt hält. Damit dreht Ewert den Vorwurf einfach um. Nicht die Kritiker des Projekts hätten ein Problem, sondern die Veranstalter selbst hätten mit ihrer hautfarbenbasierten Regelung „Rassentrennung“ betrieben, und die berechtigte gesellschaftliche Ablehnung dessen fälschlich als „rechte Hetze“ missverstanden. Es ist ein „Farbenblindheits“-Argument. Wer nach Hautfarbe unterscheidet, auch wohlmeinend, mache sich selbst der Rassentrennung schuldig, während die eigentliche Bedrohungslage, die die Veranstalter als Absagegrund nannten, stillschweigend infrage gestellt wird. Für einen Chefredakteur eine bemerkenswert steile Position.

Der Ursprungstext ließ sich noch als handwerkliche Schwäche lesen, Ausweichen statt Argumentieren, man kennt es. Der Nachsatz ist etwas anderes, hier wird nicht mehr nur schlecht kommentiert, sondern eine Position eingenommen, die Kritik an Rassentrennung selbst verspottet.

Ein Satz zu viel Entlastung – Warum Burkhard Ewerts Kolumne zur Pressefreiheit an einer Stelle genau das tut, was sie eigentlich kritisiert.

Ewert beschreibt zu Recht Angriffe auf Journalisten in Erfurt. Doch seine Aussage, „sie taten es, nicht die AfD“ entlastet die Partei von ihrer eigenen Lügenpresse-Rhetorik. Genau diese Asymmetrie fehlt in seiner Kolumne.

Hallo NOZ, hallo Herr Ewert,

Ihre Kolumne beschreibt zu Recht, dass Journalisten in Deutschland zunehmend unter Druck geraten, und das nicht nur aus einer politischen Richtung.

Problematisch wird Ihr Text an anderer Stelle. Der Satz „sie taten es, nicht die AfD“ ist für den konkreten Vorfall richtig, funktioniert im Kontext Ihrer Kolumne aber wie eine Entlastungsformel für die Partei insgesamt. Genau in der Bundestagsdebatte, auf die sich der Vorfall letztlich bezieht, wiesen Abgeordnete von SPD und Linke darauf hin, dass die AfD selbst seit Jahren mit Lügenpresse-Rhetorik und Angriffen auf einzelne Journalistinnen wie Dunja Hayali ein Klima befördert, das schwer mit der jetzt eingeforderten Solidarität zusammenpasst. Wer über die Verantwortung für Angriffe auf Journalisten schreibt, sollte diese Asymmetrie mitdenken, statt sie durch einen einzelnen Nebensatz stillschweigend zu klären.

Das mindert nicht die Berechtigung Ihrer generellen Beobachtung, dass Pressefreiheit von vielen Seiten unter Druck steht, von Gesetzen zum Politikerschutz bis zur Chatkontrolle. Aber gerade weil Ihre Kolumne diese Breite für sich beansprucht, hätte sie an der einen Stelle, wo es um die AfD geht, genauer sein müssen.

Mit freundlichen Grüßen

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