Leserbriefe, Medienkritik & politische Analysen seit 2025

Kategorie: Lucas Wiegelmann (Seite 1 von 2)

Fremd in der eigenen Partei – vertraut in der NOZ. Wie das Lucassen-Porträt AfD-Normalisierung betreibt

Die NOZ porträtiert AfD-Politiker Rüdiger Lucassen als nachdenklichen Pragmatiker mit Finca und Oper-Hobby – direkt neben einem Bericht über rechtsextreme Angriffe auf Zivilgesellschaft. Kein Satz verbindet beide Texte. Kein Satz nennt, was der Verfassungsschutz längst festgestellt hat. Es ist nicht der erste Fall.

Hallo NOZ, hallo Herr Wiegelmann,

der Artikel über Rüdiger Lucassen ist handwerklich solide geschrieben. Genau das ist das Problem.

Ein ausführliches Porträt, das einen AfD-Politiker als nachdenklichen Pragmatiker inszeniert (mit Familienfotos, Finca in Südspanien, rollendem R aus Schleswig-Holstein) leistet unabhängig von der Absicht des Autors journalistische Normalisierungsarbeit. Lucassen erscheint als couragierter Realist, der gegen interne Fanatiker kämpft. Dass er bei einer Partei bleibt, die der Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem einstuft, und das auch noch selbst erklärt, wird nicht als Widerspruch markiert, sondern als ehrliche Selbstauskunft eines integeren Mannes verpackt.

Dabei liefert Lucassen die Einordnung frei Haus. Er sagt, er grüble darüber, „wie ein Nationalstaat mit 25 Prozent aus Migranten auf Dauer bestehen kann“. Er sagt, seine Parteizugehörigkeit sei eine „negative Ausgrenzung“, es gebe keine andere Möglichkeit. Er sagt, er werde in fünf Jahren vermutlich in gar keiner Partei mehr sein. Das ist kein Profil eines gemäßigten Korrektivs. Das ist das Profil eines Mannes, der weiß, woran er teilnimmt, und es trotzdem tut.

Erschwerend kommt die Platzierung hinzu. Direkt neben dem Lucassen-Porträt berichtet die NOZ über den Amadeu-Antonio-Bericht zu systematischen Angriffen rechtsextremer Akteure auf zivilgesellschaftliche Initiativen. Kein redaktioneller Hinweis verbindet beide Texte. Kein Satz stellt die Frage, ob die Partei, deren „bürgerliches Gesicht“ hier porträtiert wird, und die Kräfte, die Jugendzentren angreifen und Demokratieinitiativen diffamieren, dasselbe politische Projekt verfolgen.

NOZblog

UPDATE – Am 01.04.2026 15:35 schrieb Wiegelmann, Lucas:

Hallo Herr Reichl,

haben Sie vielen Dank für Ihre Nachricht und Ihre Anmerkungen. Auch wenn es kritische Hinweise sind, empfinde ich die Ernsthaftigkeit und Sachlichkeit, mit der Sie mir schreiben, vor allem als große Wertschätzung, und das ja auch nicht zum ersten Mal. Sie können sich denken, dass Journalisten auch ganz andere Zuschriften bekommen. Also dafür erst einmal danke.

Rein inhaltlich werfen Sie völlig zurecht die Frage auf, wie die Medien angemessen mit der AfD umgehen können. Das ist die
Gretchenfrage im politischen Journalismus, die auch unsere Redaktion und mich ganz persönlich buchstäblich seit Jahren umtreibt. Ich habe leider keine abschließende Antwort. Wir ringen bei jedem Text immer neu darum.

Wie Sie wissen, gibt es sozusagen zwei Schulen. Die eine sagt, die Aufgabe des Journalismus in Zeiten des Populismus sei das
Zurückdrängen der AfD. Die andere sagt, die Aufgabe des Journalismus sei die Überparteilichkeit gegenüber allem und jedem. Beide Schulen haben gute Argumente.

Bei meinem Text über Rüdiger Lucassen habe ich mich an einem
Mittelweg versucht. Ich wollte, wie das immer so schön heißt, mit der AfD sprechen und nicht über sie. Zugleich wollte ich mich fernhalten von Rechtsextremen, weil die für mich keine
Ansprechpartner sein können. Und ich wollte den Lesern ermöglichen, sich selbst ein Bild von dieser Person, ihrem Werdegang, ihren Thesen und ihrem Erscheinungsbild zu machen, statt dass ich selbst diese Figur bewerte. Ich war davon ausgegangen, dass das dann schon aussagekräftig genug sein wird: Show, don't tell.

Inwieweit mir das gelungen ist, müssen natürlich Sie und andere Leser beurteilen. Wenn Ihnen das Porträt bei aller versuchten Distanz zu positiv ausgefallen ist, werden das sicher noch weitere Leser so empfunden haben. Anderen (zum Beispiel manchen AfD-Anhängern, die sich ebenfalls bereits Luft gemacht haben) mag die Darstellung zu negativ gewesen sein.

Was ich aber schon festhalten möchte: Sie selbst begründen Ihre politische Ablehnung von Lucassen ja ironischerweise gar nicht mit anderen Quellen, sondern ausgerechnet mit Passagen aus meinem Text.
Sie verweisen auf Lucassens Satz über die Migranten, der auf einen ethnischen Volksbegriff schließen lässt, und können nicht verstehen, dass dieser Mann in einer Partei mitmacht, in der es auch Rechtsextreme gibt. Dass Herr Lucassen diese "Einordnung frei Haus" liefere, wie Sie schreiben, stimmt eben nicht: Die NOZ, Ihre Zeitung, hat diese Informationen recherchiert, ausgewählt und aufgeschrieben.
Und zwar aus der Überzeugung heraus, dass sie etwas über diesen Politiker und seine Partei aussagen, was man ohne solche journalistischen Beiträge eben nicht erführe.

Sie schreiben: "Das ist das Profil eines Mannes, der weiß, woran er teilnimmt, und es trotzdem tut." Wenn das der Eindruck ist, der bei Ihnen nach der Lektüre dieses NOZ-Artikels hängen geblieben ist, hat der Artikel zumindest in Ihrem Fall doch sehr zur Aufklärung über die AfD beigetragen.

Beste Grüße!
Lucas Wiegelmann

UPDATE – ich antwortete am 01.04.2026 darauf:

Hallo Herr Wiegelmann, vielen Dank für Ihre ausführliche und faire Antwort. Ich nehme Ihren stärksten Punkt ernst. Ich habe Ihre Recherche genutzt, um Ihre Darstellung zu kritisieren. Das ist ein echter Widerspruch, aber er löst das Problem nicht, er benennt es nur anders. „Show, don’t tell“ ist ein legitimes journalistisches Prinzip. Es setzt jedoch voraus, dass der Leser den Kontext mitbringt, den der Journalist stillschweigend voraussetzt. Wer weiß, dass die AfD als gesichert rechtsextrem eingestuft ist, liest Lucassens Satz über die Migranten anders als jemand, dem das nicht präsent ist. Ihr Text liefert die Aussagen, aber nicht den institutionellen Rahmen, der ihre Tragweite erst vollständig macht. Dieser Rahmen wäre keine Wertung gewesen und keine Parteinahme für eine der beiden Schulen, sondern die Wiedergabe eines rechtsstaatlichen Befunds. Ihre Unterscheidung zwischen „Zurückdrängen“ und „Überparteilichkeit“ halte ich für eine falsche Alternative, die den eigentlichen Maßstab verfehlt. Die Verfassungsschutz-Einstufung ist kein politisches Urteil, das man teilen oder ablehnen kann. Sie ist ein rechtsstaatlicher Befund. Ihn in einem ausführlichen Porträt wegzulassen ist keine Neutralität. Es ist eine Entscheidung, deren Konsequenzen der Text trägt, ob gewollt oder nicht. Und dann ist da noch die Platzierung. Direkt unter Ihrem Lucassen-Porträt berichtet die NOZ über systematische rechtsextreme Angriffe auf Zivilgesellschaft. Kein Satz verbindet beide Texte. Das ist keine Kritik an Ihnen persönlich, aber es ist eine Frage, die sich die Redaktion stellen lassen muss. Wer verantwortet den Resonanzraum, den solche Nebeneinanderstellungen erzeugen? Sie schreiben, der Artikel habe „zumindest in meinem Fall zur Aufklärung beigetragen“. Das stimmt. Aber ich bin ein Leser, der die Verfassungsschutz-Einstufung kennt, Ihre früheren Texte verfolgt und einen Leserbrief schreibt. Die meisten Leser tun das nicht. Journalismus, der nur für aufmerksame Kenner funktioniert, hat sein Ziel verfehlt. Mit freundlichen Grüßen

Leserbrief zu „Habecks Windräder verfassungswidrig? Ein Gutachten stellt den Turbo-Ausbau in Deutschland infrage: Recht auf Eigentum verletzt“ von Lucas Wiegelmann, NOZ vom 12.02.2026, Seite 6

Wenn Meinung als Nachricht verkauft wird; eine kritische Einordnung der Windkraft-Debatte und des politischen Framings vgegen Habeck von Lucas Wiegelmann in der NOZ.

Hallo „neue“ NOZ, hallo Herr Wiegelmann,

der Artikel „Sind Habecks Windräder verfassungswidrig?“ erweckt den Eindruck, als stünde der beschleunigte Ausbau der Windkraft juristisch auf tönernen Füßen. Tatsächlich wird hier jedoch ein einzelnes Rechtsgutachten, beauftragt von einem erklärten Windkraft-Gegnerverein, stark überhöht und politisch instrumentalisiert.

Ein Gutachten ist kein Urteil. Über Verfassungswidrigkeit entscheidet allein das Bundesverfassungsgericht, und bislang hat die Rechtsprechung § 2 EEG gerade nicht kassiert. Dass der Gesetzgeber öffentliche Interessen priorisiert, ist im deutschen Planungsrecht seit Jahrzehnten gängige Praxis, beim Straßenbau, bei Bahnprojekten oder beim Hochwasserschutz. Warum ausgerechnet der Klimaschutz dabei plötzlich als verfassungsrechtlicher Tabubruch gelten soll, bleibt unbegründet.

Besonders irritierend ist die Personalisierung. Ständig ist von „Habecks Norm“ die Rede, obwohl es sich um ein vom Bundestag beschlossenes Gesetz handelt. Diese Zuspitzung dient weniger der Aufklärung als der politischen Abrechnung. Gleichzeitig wird der entscheidende verfassungsrechtliche Kontext nur am Rand erwähnt. Der Klimaschutz ist mit Artikel 20a selbst Verfassungsauftrag. Das Bundesverfassungsgericht hat 2021 ausdrücklich festgestellt, dass der Staat frühzeitig und entschieden handeln muss, um Freiheitsrechte künftiger Generationen zu schützen.

Natürlich kann und muss man über Akzeptanz, kommunale Planungshoheit und die konkrete Ausgestaltung von Genehmigungsverfahren diskutieren. Doch wer ein parteiliches Gutachten zur vermeintlichen Wahrheit erklärt und es als Beleg für das Scheitern der Energiewende nutzt, ersetzt Debatte durch Framing.

Das ist kein nüchterner Journalismus, sondern Meinung, und als solche sollte sie auch kenntlich gemacht werden.

Mit freundlichen Grüßen

Leserbrief zu „Filz-Vorwürfe – Im Umgang mit der AfD ist jetzt Fairness angesagt, keine Häme“ von Lucas Wiegelmann, NOZ vom 12.02.2026, Seite 3

Wenn „Fairness“ zur Verharmlosung wird…warum der NOZ-Kommentar von Lucas Wiegelmann die AfD normalisiert und ihr Opfer-Narrativ bedient.

Hallo NOZ, hallo Herr Wiegelmann,

Lucas Wiegelmann fordert im Umgang mit der AfD „Fairness statt Häme“. Das wirkt realitätsfern. Die AfD schont niemanden, nicht Medien, nicht Parlament, nicht Gerichte, nicht politische Gegner. Verachtung demokratischer Institutionen gehört zu ihrem politischen Geschäftsmodell.

Wenn ein NOZ-Kommentar nun zur Mäßigung mahnt und der AfD sogar „Selbstheilungskräfte“ zuschreibt, wird nicht differenziert, sondern normalisiert. Die AfD ist keine Partei, die lediglich an einem Filz-Skandal zu messen wäre, sondern an ihrem fortgesetzten Angriff auf demokratische Grundregeln.

Kritische, auch scharfe Befragung ist keine Häme. Sie ist das Mindeste gegenüber einer Partei, die selbst keinerlei Fairness kennt.

Mit freundlichen Grüßen

Leserbrief/-frage zum Artikel „Wie politisch darf ein Bundespräsident sein?Nach Eklat um Steinmeiers Rede zum Gedenken am 9. November: AfD wirft ihm Amtsmissbrauch vor – zurecht?“ von Lucas Wiegelmann, NOZ vom 26.11.2025, Seite 3

Warum widersprechen sich Überschrift und Inhalt? Ein Leserbrief an NOZ-Autor Wiegelmann über irritierende Headlines und die Rolle journalistischer Klicklogik.

Sehr geehrter Herr Wiegelmann,sehr geehrte Redaktion,

mit großem Interesse habe ich Ihren Artikel gelesen, in dem Sie die Aussagen des Bundespräsidenten zur AfD differenziert einordnen und juristisch wie historisch einordnen. Der Text selbst wirkt ausgewogen, reflektiert und frei von Übertreibung.

Umso mehr irritiert mich jedoch die Überschrift. Sie stellt eine zugespitzte Frage in den Raum, die beim ersten Eindruck den Eindruck einer Kontroverse oder Grenzüberschreitung erzeugt, die Sie im Artikel selbst anschließend relativieren oder sogar verneinen. Die Headline und der Inhalt kommunizieren damit zwei unterschiedliche Botschaften.

Meine Frage an Sie lautet daher:Warum wählen Sie eine Überschrift, die eine völlig andere, und deutlich dramatischere, Intention suggeriert als Ihr eigentlicher Text?

Ist dies eine redaktionelle Entscheidung, die der Logik digitaler Aufmerksamkeit geschuldet ist? Oder möchten Sie bewusst Spannung erzeugen, die der Artikel anschließend auflöst? Für mich als Leser wirkt diese Diskrepanz irritierend und wirft die Frage auf, wie stark Headlines in der NOZ inzwischen der Klicklogik folgen.

Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie diese Praxis kurz einordnen könnten. Gerade in politisch aufgeheizten Zeiten halte ich es für wichtig, dass Überschriften nicht mehr Verwirrung stiften als notwendig.

Mit freundlichen Grüßen

Leserbrief zur Meinung von Lucas Wiegelmann „Ukraine-Gespräche in Genf – Der Friedensplan ist eine gute Nachricht“, NOZ vom 24.11.2025, Seite 1

Warum der angebliche Friedensplan zur Ukraine kein Hoffnungssignal, sondern ein von Russland dominierter Diktatfrieden ist, und weshalb der dazugehörige Kommentar die Lage politisch gefährlich verharmlost.

Hallo NOZ, hallo Herr Wiegelmann,

hier mein Leserbrief zur Meinung von Lucas Wiegelmann „Ukraine-Gespräche in Genf – Der Friedensplan ist eine gute Nachricht“, NOZ vom 24.11.2025, Seite 1.

Der Kommentar „Der Friedensplan ist eine gute Nachricht“ verkennt die Realität in einer Weise, die gefährlich naiv ist. Nicht die Existenz eines „Plans“ ist die gute Nachricht, entscheidend ist, wer ihn schreibt und wem er nützt. Mittlerweile ist klar: Der 28-Punkte-Plan trägt weitgehend die Handschrift des Kreml. Wenn ein Angreifer seine Maximalforderungen in ein Dokument diktiert, wird daraus kein Friedensplan, sondern ein Diktatfrieden.

Erschwerend kommt hinzu, dass selbst die USA widersprüchliche Signale senden: Erst wurde der Entwurf als offizieller amerikanischer Vorstoß präsentiert, dann wieder dementiert. Ein diplomatisches Chaos, das alles ist, nur kein Ausdruck amerikanischer Stärke. Ein solches Durcheinander schafft keinen Rahmen für ernsthafte Verhandlungen und schon gar keine verlässlichen Sicherheitsgarantien für die Ukraine.

Der Kommentar reduziert all das auf die scheinbar tröstliche Botschaft, dass „überhaupt etwas auf dem Tisch liegt“. Doch ein schlechter Plan ist nicht besser als keiner, er verschiebt die Gewichte zugunsten des Aggressors und gefährdet die Souveränität eines Landes, das bereits um sein Überleben kämpft. Wer hier von einer „guten Nachricht“ spricht, verkennt die Dimension des Konflikts und verharmlost die politische Realität.

Mit freundlichen Grüßen

« Ältere Beiträge