Leserbriefe, Medienkritik & politische Analysen seit 2025

Wenn Verfassungsschutz und NOZ-Kommentar in dieselbe Ausgabe passen

Die AfD SA plant 200 Beamtenstellen politisch umzubesetzen. Der VS stuft sie als gesichert rechtsextrem ein. Die NOZ findet das „nicht zu beanstanden“ und „sozusagen eine gute Nachricht“. Selbe Ausgabe, Seite 27: vier kritische Leserbriefe. Hinten.

Hallo NOZ, hallo Herr Wiegelmann,

der Kommentar „Diese Drohung hat auch ihr Gutes“ verdient eine Gegenfrage: Was genau ist daran gut?

Wiegelmann räumt ein, dass Ulrich Siegmund mit Verschwörungserzählungen von einer „planmäßigen Ersetzung der deutschen Bevölkerung“ Wahlkampf macht. Er räumt ein, dass 150 bis 200 Beamtenstellen nach politischer Loyalität neu vergeben werden sollen. Und seine Schlussfolgerung lautet, das sei „nicht zu beanstanden“ und sogar „sozusagen eine gute Nachricht“.

Was dabei fehlt, ist der entscheidende Kontext. Die AfD in Sachsen-Anhalt wird vom dortigen Landesverfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft. Wenn eine Partei mit diesem Befund ankündigt, den Staatsapparat politisch gleichzuschalten, ist das keine gewöhnliche Regierungsbildung. Es ist ein Angriff auf das Prinzip des neutralen Berufsbeamtentums, das dem politischen Zugriff gerade deswegen entzogen ist, um solche Szenarien zu verhindern.Wiegelmann unterschlägt diesen Unterschied vollständig. Stattdessen wird Siegmunds Ankündigung gelobt, weil sie „den Ernst der Lage offenlegt“. Transparenz über antidemokratische Absichten als redaktionellen Pluspunkt zu verbuchen, ist eine bemerkenswerte journalistische Entscheidung.

Gleichzeitig stehen auf Seite 27 derselben Ausgabe vier Leserbriefe, die Ewerts AfD-Analyse sachlich und differenziert widersprechen. Ein Leser warnt ausdrücklich vor Polemik, die rechtspopulistische Narrative stärkt. Eine Zeitzeugin des Jahres 1945 zieht historische Parallelen. Wer beide Seiten der heutigen Ausgabe nebeneinanderlegt, sieht die Verschiebung: Der Widerspruch kommt hinten, die Normalisierung steht vorne.

Mit freundlichen Grüßen

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3 Kommentare

  1. Christoph Schnare

    Hallo Herr Reichelt,

    ihrer zutreffenden Analyse des Kommentars von Lucas Wiegelmann schließe ich mich gerne an. Hinzufügen möchte ich die Beobachtung, dass ihre Wahrnehmung einer Verharmlosung von AfD-Positionen inzwischen für viele Kommentare und Artikel der NOZ zutrifft. Zunehmend kommen in der NOZ rechte Akteure auch ganz unmittelbar zu Wort, ohne dass ihre Aussagen jeweils angemessen journalistisch eingeordnet werden. Über das skandalöse antidemokratische Wahlprogramm der AfD in Sachsen-Anhalt wird dagegen der Mantel des Schweigens gebreitet. Auffällig sind ebenso das durchgängige Regierungs-Bashing, das häufig zu beobachtende Teilen der russischen Perspektive auf den Ukrainekrieg sowie die völlig einseitige Darstellung der ökologischen Transformation als Gefahr für den Wirtschaftsstandort Deutschland.

    In meinen Augen ist das alles kein Zufall mehr und lässt sich auch nicht mehr mit dem Prädikat „konservativ und wirtschaftsliberal“ einordnen. Für meine Begriffe handelt die NOZ mit ihren federführenden Redakteuren Ewert, Clasen, Ebert und Wiegelmann hier ganz gezielt als politischer Akteur, der das Meinungsklima und damit letztlich auch die Machtverhältnisse in Deutschland bis weit nach rechts verschieben möchte. Und die von der Zeitung selbst gerühmte 360-Grad-Perspektive entpuppt sich unübersehbar als ein „trojanisches Pferd“, um unter dem Deckmantel der Meinungsvielfalt immer mehr rechte Narrative im Blatt unterbringen zu können!

    • Timm Reichl

      Hallo Herr Schnare,
      vielen Dank für Ihren präzisen Beitrag. Ihre Beobachtungen zur tendenziösen Ausrichtung der NOZ decken sich mit den hier dokumentierten Mustern. Besonders die von Ihnen angesprochene einseitige Einordnung politischer Akteure und Themen unterstreicht die Notwendigkeit einer kritischen Begleitung durch Projekte wie die Aktion NOZ-kritisch, die OS Rundschau oder diesen und andere Blogs.
      Mit freundlichen Grüßen

  2. Norbert D.

    Frage an die NOZ Leser:
    Ist die Lesung mit Sally-Lisa Starken, die am 15.04. im Rosenhof statt finden sollte, ausgefallen ?
    Frau Starken tourt ja gerade mit ihrem neuen Buch „wenn der rechte Rand regiert“ durchs Land. 0 Treffer bei der NOZ zu der Dame. Auch ihre KI kennt sie nicht.
    Zeitungen aus Münster, Bielefeld und das RND Sonntags-Epaper haben Interviews mit ihr
    zum neuen Buch geführt. Über die Lesung in Halle(Westf) letzte Woche haben beide örtlichen Zeitungen ausführlich berichtet. Auch das eher konservativere Westfalenblatt.

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