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Strompreise und Merit-Order-Prinzip, was die NOZ zur Energiewende verschweigt

Die NOZ erklärt, warum Strom trotz Erneuerbarer teuer bleibt, und ignoriert dabei das Merit-Order-Prinzip. Gas setzt den Preis, nicht der Netzausbau. Was der Artikel weglässt, ist kein Versehen.

Hallo NOZ, hallo Herr Hinrichs,

Ihr Artikel zur Netzbelastung durch die Energiewende verschweigt das Entscheidende.

Der Satz, die Sonne schicke keine Rechnung, der Netzbetreiber schon, klingt eingängig. Er ist aber nicht mal die halbe Wahrheit. Der Hauptgrund für hohe Strompreise ist nicht der Netzausbau, sondern das Merit-Order-Prinzip. An der Strombörse setzt der teuerste noch benötigte Erzeuger den Preis. Das sind in Spitzenzeiten Gaskraftwerke. Egal wie viel Sonne und Wind Strom produzieren, Gas bestimmt den Marktpreis. Wer das weglässt, erklärt Strompreise falsch.Auch bei den Netzkosten fehlt der entscheidende Kontext. Die gestiegenen Netzentgelte sind kein Naturgesetz, sondern politische Entscheidung. Als die Bundesregierung 2024 die EEG-Umlage aus dem Bundeshaushalt strich, wurden die Kosten auf die Netzentgelte verlagert. Dazu kommen Jahrzehnte verschlafenen Netzausbaus, fehlende Speicherförderung und ein Marktdesign, das private Erzeuger systemisch benachteiligt.

Der Artikel lässt Stadtwerke-Chef Waschow diese Zusammenhänge als quasi unvermeidliche Konsequenz der Energiewende beschreiben, ohne eine kritische Nachfrage. Wer gesetzt hat, welche Rahmenbedingungen gelten, bleibt unsichtbar. So entsteht der Eindruck, die Energiewende selbst sei das Problem, nicht ihre politische Missverwaltung über Jahrzehnte. Faktenbasierter Journalismus müsste beides zeigen.

Mit freundlichen Grüßen

1 Kommentar

  1. Sabine Driehaus

    Der Strompreis besteht aus vielen Komponenten. Das Merit-Order-Prinzip bestimmt den Einkaufspreis an der Börse – der ist hoch, wenn auch nur ein(!) Gaskraftwerk zur Deckung des Strombedarfs zugeschaltet wird. Die Netzentgelte sind ein weiterer wichtiger Bestandteil des Strompreises – diese haben auch zu noch EEG-Umlage-Zeiten deren Höhe schon überholt, leider unbemerkt, weil alle auf die EEG-Umlage fixiert waren. Der Ausbau der Übertragungs(!)leitungen spielt dabei auch eine Rolle – schon allein der hohen Renditen für die Investoren (meines Wissens 9 %) wegen. Darüber hinaus sind die Netzentgelte sehr intransparent – die „Erlösobergrenze“ wird nicht von den tatsächlichen Kosten bestimmt, sondern orientiert sich an der wirtschaftlichen Situation des Netzbetreibers. Dieser kann sich die dann zurecht rechnen, um möglichst hohe Entgelte erzielen zu können. Das wurde schon 2015 / 16 öffentlich von WISO moniert, ist aber leider immer noch legal.
    Was tatsächlich nicht passierte – „verschlafen“ möchte ich das nicht nennen, da die Energiewende von den Konservativen immer aktiv torpediert wurde – ist, das Verteilnetz(!) der wachsenden Anzahl von EE-Anlagen anzupassen sowie die Speicher auszubauen und in den Markt zu integrieren. Abgesehen von den großen Offshore-Windparks speisen die nämlich alle ins Verteilnetz ein, nicht ins Übertragungsnetz, auf das der Fokus gelegt wurde. Letzteres dient in erster Linie dem Stromhandel (Stichwort: Kupferplatte), nicht der Energiewende. Das wird seit Jahren von Trassengegner:innen moniert, nicht jeder Protest war ein Nimby-Protest!
    Zum Thema „Redispatch“ (auch das angeblich ein Kostentreiber): Redispatch ist ein Marktinstrument, kein technisches. Entschädigung für das Abschalten – oder Hochfahren oder eine Bereitschaft (wie lange Jahre die sehr unwirtschaftlichen Gaskraftwerke) – bekommen a l l e Kraftwerke, nicht nur die EE. Nennt sich Regelenergie. Die wird es immer geben müssen (auch mit Back-Up Gaskraftwerken wie geplant), und die war auch schon immer teurer.

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