Die NOZ gewinnt den European Publishing Award für „Räume für fairen Austausch“, während sie gleichzeitig Kommentarspalten schließt, Leserbriefe entkoppelt und kritische Kommentare verschwinden lässt. Ein Widerspruch, der dokumentiert ist.
Die Meldung ist kurz, aber sie sitzt: Die Unternehmensgruppe NOZ/mh:n hat den European Publishing Award 2026 gewonnen, für ihre 360°-Formate, für „Räume für fairen Austausch“, für das Ziel, „den Wert von Meinungsvielfalt greifbar zu erzählen“. Eine hochkarätig besetzte Jury, darunter ntv-Geschäftsführer Tilman Aretz und Funke-Chefredakteur Carsten Erdmann, findet das preiswürdig. Vielleicht sollte man die Jury mit ein paar Fakten versorgen.
Was die NOZ in den letzten Monaten getan hat
Im Februar 2026 wurden die Kommentarspalten auf noz.de geschlossen. Begründung: Qualitätssicherung, Debattenkultur, Verantwortung. Leserbriefe werden seitdem nicht mehr zeitnah zum jeweiligen Artikel veröffentlicht, sondern in „loser Folge“ gebündelt, entkoppelt vom Anlass, der sie ausgelöst hat, und damit entkoppelt von jeder öffentlichen Wirkung.
Das neue Vorzeige-Debattenformat, 360° | Das Forum, feierte im März seine Premiere mit Burkhard Ewerts Grönemeyer-Kommentar. Ich nahm teil, schrieb einen sachlichen Kommentar, erhielt eine Replik von Ewert, und konnte dann nicht mehr antworten. Meldung: „Kommentar kann aus technischen Gründen nicht abgeschickt werden.“ Ewerts letztes Wort blieb unwidersprochen im Raum stehen. Das Community-Team erklärte später, mein Kommentar sei „nie im System angekommen“. Warum, konnte man nicht sagen.
Das ist dokumentiert. Hier, auf diesem Blog.
Was die NOZ gleichzeitig behauptet
„In einer zunehmend fragmentierten Gesellschaft sieht das Medienhaus seine Aufgabe darin, Räume für fairen Austausch zu schaffen.“ So steht es in der Pressemitteilung zur Preisverleihung. Chefredakteur Burkhard Ewert wird zitiert: „Eine Gesellschaft ohne Diskurs ist eine Gesellschaft ohne Entwicklung.“
Das stimmt. Es stimmt sogar sehr. Nur: Wer Kommentarspalten schließt, Leserbriefe zeitlich entkernt und kritische Antworten im Forum verschwinden lässt, schafft keinen Diskurs. Er schafft eine Bühne, auf der die Redaktion spricht, und das Publikum applaudiert oder schweigt. Das nennt sich nicht Meinungsvielfalt. Das nennt sich Kontrolle.
Zur Einordnung
Ich bin nicht der einzige, dessen Erfahrungen mit der NOZ-Debattenkultur sich so zusammenfassen lassen. Auf diesem Blog finden sich Berichte von Lesern, deren Kommentare unter NOZ-Artikeln nie erschienen, die auf Instagram ausgeblendet wurden, die auf Leserbriefe keine Reaktion erhielten, oder eine so allgemeine, dass sie jede inhaltliche Auseinandersetzung elegant umschiffte.
Ein Preis für „fairen Austausch“ ändert daran nichts. Er macht es nur kontrastreicher.
Burkhard Ewert sagt, er sei stolz. Das glaube ich ihm. Ich wäre auch stolz, wenn ich für etwas ausgezeichnet würde, das ich nach außen so überzeugend erzähle, und nach innen so konsequent einschränke.
Herzlichen Glückwunsch, NOZ. Der Preis passt gut ins Regal. Gleich neben den geschlossenen Kommentarspalten.
Das hört sich so an, also ob die Jury lediglich der Selbstbeschreibung der NOZ gefolgt sei (siehe Begründung für den Preis) und weder „hinter die Kulissen“ geschaut noch die Entwicklung der NOZ und die Kritik an ihr berücksichtigt hat – obwohl diese ja durchaus öffentlich war / ist.
Wenn eine Jury das nicht tut, ist der Preis so viel wert wie der Fifa-Friedenspreis für Trump.
Genau das ist der Punkt, den Sie so treffend formulieren. Eine Jury, die ausschließlich der eingereichten Selbstbeschreibung folgt, prämiert im Grunde die Qualität der PR-Abteilung – nicht die journalistische Praxis. Und die Kritik an der NOZ war öffentlich, dokumentiert und nicht schwer zu finden.
Ihr Vergleich mit dem Fifa-Friedenspreis für Trump trifft es präzise: Wenn Auszeichnungen Narrative belohnen statt Realitäten zu prüfen, verlieren sie ihre Funktion. Im besten Fall sind sie bedeutungslos. Im schlechtesten Fall verleihen sie Glaubwürdigkeit dort, wo Skepsis angebracht wäre.
Danke für diesen Kommentar.
Klappern gehört zum Geschäft. Die NOZ übertreibt es damit aber in letzter Zeit doch arg. mit der Eigenwerbung und Selbsterklärung.. Wollen die Leute stattdessen nicht einfach mehr lesen, was bei ihnen in der Stadt los ist Und alles andere ist nur Gedöns ?
In ihrem Transparenzblog, „Hinter den Kullissen“ schmückt sich die NOZ auch noch mit den nach Hannover davon geflogenen Edelfedern.
Zur NOZ Erfolgs-Wahrheit gehört aber auch dazu: Der NOZ Mantel erscheint jetzt auch in Wilhelmshaven: Aus stategischen Gründen. Da über kurz oder lang die NWZ aus Oldenburg, ihre Mantelinhalte aus Hannover geliefert bekommt, wechselt der örtliche Verleger zur NOZ, bei der ihm die Ausrichtung wohl besser passt. Und die Rundschau in Köln bekommt nach dem Verlegerwechsel auch weiter Mantel-Inhalte aus Osnabrück geliefert. Als Gegengewicht zum eindeutigen Marktführer in Köln, dem liberalen Stadtanzeiger im gleichen Verlagshaus, der überregionale Inhalte aus Hannover übernimmt.Lokalteile sind jetzt inhaltlich nahezu identisch.
In Osnabrück kann man sich den Mantel leider nicht selbst aussuchen. Das ist das ganze Dilemma der Diskussion. Man muss mehr investieren, wenn man dem „Erfolgsmodell“ der NOZ nicht folgen möchte.
Danke für diesen Kommentar, er trifft einen wichtigen Punkt, der in der Preisdiskussion leicht untergeht.
Die strukturelle Dimension, die Sie beschreiben, ist entscheidend: Der NOZ-Mantel expandiert nicht wegen journalistischer Qualität, sondern wegen Kosteneffizienz und redaktioneller Ausrichtung. Wer als Regionalverleger günstig überregionalen Mantelinhalt lizenzieren will und dabei eine bestimmte politische Grundhaltung bevorzugt, landet bei der NOZ. Das ist ein Geschäftsmodell, kein Qualitätsmerkmal.
Und das macht den Preis noch problematischer: Prämiert wird hier nicht nur eine einzelne Zeitung, sondern ein Inhaltssystem, das über Wilhelmshaven, Köln und anderswo verbreitet wird – ohne dass die Leserinnen und Leser dort eine Wahl hätten.
Ihr letzter Satz bringt das Dilemma auf den Punkt. Wer dem „Erfolgsmodell“ nicht folgen will, muss mehr investieren. Wer es nicht kann, bekommt den Mantel aus Osnabrück – ob er will oder nicht. Das ist keine Debattenkultur. Das ist Marktmacht.
Hallo, lieber Herr Reichl – ein mustergültiges Beispiel für den neuen Qualitätsanspruch im Hause Ebke/Elatermann: die „Debatte“ mit Frau Lehmann vom 5.5…..
Immer wieder dienstags dürfen wir nun „Qualität“ erleben, die sich vorrangig in der Abwesenheit derselben auszeichnet. Ein „preisgekröntes“ Trauerspiel.
Danke für Ihren Kommentar.