Leserbriefe, Medienkritik & politische Analysen

Schlagwort: Medienkritik (Seite 1 von 18)

Protestaktion Mantelrückgabe

Aufruf der Aktion NOZ-kritisch zu einer Protestaktion gegen die einseitige Kommunalwahlberichterstattung und den allgemeinen Rechtskurs der Neuen Osnabrücker Zeitung am Mittwoch, den 16. September 2026

In ihren Grundsätzen vom 4.Juli 2026 zur Berichterstattung über die Kommunalwahl hatte die Chefredaktion der NOZ noch versprochen: „Wir achten auf die Gleichbehandlung aller zugelassenen Parteien“. Das Gegenteil ist der Fall!

Vor allem mit ihren zahllosen Artikeln zur AfD verleiht die NOZ dieser Partei eine Bedeutung, die sie aufgrund der Dürftigkeit ihrer Kandidaten und ihrer Argumente nicht verdient hat. Reißerische Überschriften und überdimensionierte Fotos von AfD-Politikern mit dem Parteilogo im Hintergrund sorgen dafür, dass die Selbstdarstellung dieser Partei in der NOZ einen unfassbar großen Raum einnimmt. Andere Parteien, wie z.B. die Linken oder die Grünen kommen dagegen so gut wie gar nicht vor. Dadurch erscheinen diese Parteien automatisch als weniger wichtig, was sich in ihren Wahlergebnissen niederschlagen dürfte.

Hinzu kommt: in ihren Kommentaren vermittelt die NOZ-Redaktion immer wieder das Bild eines völlig abgewirtschafteten deutschen Staates. Das ist kein seriöser Journalismus mehr, das ist einseitige populistische Stimmungsmache, die eher dem Weltbild der AfD-Sympathisanten entspricht, als die aktuelle Lage in Deutschland korrekt abzubilden.Wir von der Aktion-NOZ-kritisch rufen deshalb zu einer Protestaktion gegen diesen rechtslastigen Meinungsjournalismus auf!

Alle, die ihren Unmut über das gebrochene Versprechen der NOZ zur Kommunalwahl zum Ausdruck bringen wollen, laden wir ein, sich am Mittwoch, dem 16. September 2026 um 17 Uhr gegenüber dem Hauptsitz der Zeitung am Breiten Gang zu versammeln. Bitte bringt möglichst viele Exemplare des politischen Mantelteils der NOZ mit! Diese Exemplare wollen wir anschließend gemeinsam der Redaktion als Zeichen unseres friedlichen Protestes gegen den penetranten Rechtskurs der Zeitung zurückgeben – unter dem Motto: „Annahme verweigert, da einseitig und ungenießbar!“

Dieser Artikel wurde zuerst von der Aktion-NOZ-kritisch am 24. August 2026 auf https://noz-kritisch.de/ veröffentlicht.

Wenn der NOZ beim MDR die Pointe wichtiger ist als die Gefahr

Warum Philipp Eberts Spott über den MDR in der NOZ am eigentlichen Problem vorbeigeht, nämlich einer rechtsextremen Partei, die öffentlich-rechtlichen Rundfunk finanziell abwürgen will.

Hallo NOZ, hallo Herr Ebert,

Ihr Kommentar zur MDR-Aktion gegen mögliche Rundfunkkündigungen durch die AfD verfehlt den eigentlichen Kern des Problems, und trägt selbst zu seiner Verharmlosung bei.

Sie machen sich über die „Fallhöhe“ lustig, die der MDR mit Nachrichtensendung, Morgenradio und Musikfestival aufmacht. Das mag rhetorisch schwach gewählt sein. Der eigentliche Vorgang bleibt davon aber unberührt, nämlich dass eine in mehreren Bundesländern als gesichert rechtsextrem eingestufte Partei ernsthaft plant, über die Kündigung von Rundfunkstaatsverträgen die Finanzierung öffentlich-rechtlicher Sender zu kappen. Das ist kein PR-Problem des MDR, das ist ein Angriff auf eine tragende Säule der Meinungsvielfalt.

Besonders schief ist die Formulierung, „behördenartige Apparate“ wie der ÖRR würden von „keinem Markt“ diszipliniert. Genau dieses Framing, Rundfunk als reine Kostenstelle statt als verfassungsrechtlich verankerte Institution zu behandeln, ist seit Jahren fester Bestandteil der AfD-eigenen Angriffe auf den ÖRR. Wer diese Sprache übernimmt, während er die AfD gleichzeitig kritisiert, schwächt die eigene Position erheblich.

Auch die Kontextlosigkeit fällt auf. Kein Wort dazu, dass der niedersächsische Verfassungsschutz die AfD explizit als gesichert rechtsextrem einstuft, kein Wort zu den konkreten Folgen einer Kündigung für die journalistische Grundversorgung ganzer Regionen. Stattdessen bleibt es bei der Pointe über eine missglückte Kampagne.

Kritik an einzelnen ÖRR-Formaten oder an ungeschickter Kommunikation ist legitim. Sie ersetzt aber nicht die Einordnung, worum es hier eigentlich geht.

Mit freundlichen Grüßen

Der Punk Monchi als Kronzeuge

Ewert macht Monchi zum Kronzeugen gegen die Brandmauer, quasi „selbst die Linken sagen, so schlimm ist die AfD nicht“. Nur lässt er dessen härtere Sätze weg. Und aus einem Freispruch wird bei ihm eine Verurteilung.

Burkhard Ewert hat einen neuen Kronzeugen gefunden, und der passt wunderbar in die eigene Erzählung. Jan Gorkow, besser bekannt als Monchi, Sänger von Feine Sahne Fischfilet, vorbestraft, einst im Verfassungsschutzbericht als Linksradikaler geführt. Wenn ausgerechnet der sagt, man solle AfD-Wähler nicht pauschal ausgrenzen, dann muss doch was dran sein, so die stille Botschaft der Kolumne. Seht her, selbst die Linken geben zu, dass die Brandmauer Unsinn ist.

Diese Rhetorik ist so alt wie durchsichtig. Die eigene These wirkt glaubwürdiger, wenn sie ausgerechnet von jemandem kommt, dem man sie nicht zutrauen würde. Nur funktioniert der Trick nur, wenn man sorgfältig auswählt, was der Kronzeuge sonst noch so sagt. Und genau hier wird Ewerts Text unredlich. Monchi erklärt in seinem Buch auch, dass er deshalb noch lange nicht die rechte Wange hinhält. Das kommt in der Kolumne nicht vor. Übrig bleibt nur der Teil, der die eigene Linie stützt, der Rest fällt der redaktionellen Schere zum Opfer.

Noch bezeichnender ist ein Detail, das sich leicht überprüfen lässt. Ewert schreibt, Monchi habe „Verurteilungen wegen Landfriedensbruchs“ kassiert. Plural. Tatsächlich gab es genau einen Fall. 2015 warfen Monchi und zwei weitere bei einer Kundgebung für Geflüchtete in Güstrow Stühle auf eine Gruppe angreifender Neonazis, um die Versammlung zu schützen. Verhandelt wurde das erst zwei Jahre später, und am 19. Dezember 2017 sprach das Amtsgericht Güstrow alle drei Angeklagten frei. Nicht verurteilt. Freigesprochen. Nachzulesen bei Wikipedia, in der taz, im Rolling Stone, überall mit identischem Datum und identischem Ausgang.

Aus einem Freispruch eine Verurteilung zu machen ist kein Ausrutscher, sondern das genaue Gegenteil der Wahrheit. Wer eine Biografie zur Stütze einer politischen These heranzieht, trägt eine gewisse Verantwortung dafür, diese Biografie korrekt wiederzugeben. Das gilt erst recht, wenn die falsche Version den Betroffenen kriminalisierter aussehen lässt, als er es tatsächlich ist, und damit die eigene Pointe (selbst ein Vorbestrafter mahnt zur Mäßigung) noch wirkungsvoller macht.

So bleibt am Ende ein Text, der zweifach danebenliegt. Er dreht einem Menschen einen Freispruch in eine Verurteilung um, und er stilisiert eine sehr persönliche, in einem konkreten Dorf verankerte Haltung zu einer allgemeinen politischen Lehre hoch, die so gar nicht dasteht. Wenn man schon einen linken Punk als Kronzeugen gegen die Brandmauer aufruft, sollte wenigstens stimmen, was man über ihn schreibt.

Wie der Clasen Talk der NOZ unwidersprochene Kremlnarrative verbreitet

Im „Clasen Talk“ darf ein BSW-Politiker unwidersprochen erzählen, die Ukraine habe 22 statt der tatsächlich rund 36-43 Mio Einwohner und den Krieg schon verloren. Weder Fakten noch Gegenstimme. Klassisches unkritisches Interviewformat.

Hallo NOZ, hallo Frau Kanke, hallo Herr Clasen,

der Talk von Michael Clasen mit dem BSW-Politiker Michael von der Schulenburg ist ein Lehrstück dafür, wie unkritisches Interviewformat einer politischen Agenda zur Bühne wird. Wer als Gast eingeladen wird und welche Thesen dabei unwidersprochen stehen bleiben, ist eine redaktionelle Entscheidung, für die auch der Moderator Verantwortung trägt.

Von der Schulenburgs zentrale Behauptung, die Ukraine sei von 52 auf 22 Millionen Einwohner geschrumpft, hält einer Prüfung nicht stand. Aktuelle Schätzungen der Vereinten Nationen und anderer Statistikquellen gehen für 2026 von rund 36 bis 43 Millionen Menschen aus. Das ist ein dramatischer Rückgang gegenüber der Vorkriegszeit, aber eben nicht die apokalyptische Zahl, die hier unwidersprochen im Raum stehen bleibt.

Ähnlich verhält es sich mit den angeblichen 200.000 bis 400.000 Deserteuren. Diese Zahl kursiert in erster Linie in russischen und russlandnahen Quellen, eine unabhängige Bestätigung fehlt. Sie wird im Artikel als Faktum präsentiert, ohne dass die Herkunft eingeordnet wird.

Auch die These, Russland führe den Krieg nicht aus territorialen Ansprüchen, sondern aus Furcht vor einem feindlichen Militärbündnis, blendet die einseitige Annexion von vier ukrainischen Gebieten im Jahr 2022 komplett aus. Wer diese Deutung unkommentiert stehen lässt, übernimmt de facto die russische Version des Kriegsgrunds.

Am schwersten wiegt der Satz, die Ukraine habe den Krieg bereits verloren. Das ist eine politische Prognose, keine Tatsache, und sie wird hier als Feststellung präsentiert, ohne dass eine einzige Gegenstimme, etwa aus Militärexpertise oder von ukrainischer Seite, zu Wort kommt.

Ein Talkformat lebt von Zuspitzung, das ist legitim. Doch wenn steile, teils widerlegbare Thesen ohne Einordnung stehen bleiben, wird aus Journalismus eine Plattform für einseitige Kriegspropaganda. Das gilt unabhängig davon, wer den Text am Ende geschrieben hat, denn die Auswahl des Gesprächspartners liegt in der Verantwortung der Redaktion.

Mit freundlichen Grüßen

Nie wirklich weg, nie wirklich da…wie die NOZ Merz Urlaub schönredet

NOZ-Kolumnistin Rena Lehmann vergleicht Merz-Urlaub mit Kohl & Merkel, nur ohne den kleinen Unterschied 14.000+ Hitzetote, Waldbrände. Und die Tautologie des Regierungssprechers („nie wirklich weg… kann man auch nicht wieder da sein“) lässt sie unkommentiert stehen, obwohl sie sonst fleißig pointiert.

Rena Lehmanns „Berliner Geflüster“ vom 22.08.2026 nimmt sich vor, die Aufregung um Friedrich Merz rund dreieinhalbwöchigen Sommerurlaub zu relativieren. Der Vergleich, den sie dafür zieht, ist griffig, Kohl am Wolfgangsee, Schröder, Merkel in Südtirol, sogar Scholz trotz Ukraine-Krieg. Kanzler machen eben Urlaub, so die Botschaft, warum also die Aufregung?

Was in dieser Aufzählung fehlt, ist der Kontext des konkreten Sommers 2026. Keine der genannten Referenz-Auszeiten fiel mit einer Hitzewelle zusammen, der laut RKI-Schätzungen über 14.000 Menschen zum Opfer fielen. Keine fiel mit großflächigen Waldbränden zusammen, wie sie in diesem Sommer Teile Deutschlands betrafen. Der Vergleich mit Kohls Wolfgangsee-Idylle funktioniert nur, wenn man genau diesen Unterschied ausblendet, und das tut der Text konsequent.

Noch aufschlussreicher ist eine Passage, die Lehmann komplett unkommentiert lässt. Vize-Regierungssprecher Sebastian Hille beantwortete auf der Bundespressekonferenz die wiederholte Frage nach der Länge von Merz Urlaub so: „Wenn man nicht weg ist, nie wirklich weg ist sozusagen, nur weil man öffentlich nicht auftritt, kann man auch nicht wieder da sein.“ Diese Aussage ist strukturell eine Tautologie, sie klingt nach einer Antwort, transportiert aber keine Information.

Bemerkenswert ist nicht die Aussage selbst (Ausweichrhetorik von Regierungssprechern ist Alltag) sondern wie die NOZ damit umgeht. Lehmann, die im selben Text pointiert über Merz Urlaubslektüre und mögliche Netflix-Exzesse witzelt, verzichtet ausgerechnet bei dieser Passage auf jeden eigenen Kommentar. Wo sie sonst zuspitzt, lässt sie hier eine Sprecher-Nichtantwort kommentarlos stehen. Das ist dieselbe asymmetrische Kommentierungsschwelle, die sich in NOZ-Texten wiederholt beobachten lässt, Zuspitzung dort, wo es um den Kanzler und seine Freizeitgestaltung geht, Zurückhaltung dort, wo es um die sprachliche Konstruktion einer Nicht-Antwort seines eigenen Sprechers geht.

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