Leserbriefe, Medienkritik & politische Analysen

Schlagwort: Medienkritik (Seite 1 von 12)

Vermutet, aber schon verurteilt. Wie die NOZ einen offenen Ermittlungsfall zur politischen Kampfansage macht.

Bahnsabotage bei Leverkusen. Die Polizei ermittelt noch, ob das Bekennerschreiben echt ist. Die NOZ lässt trotzdem NRW-Innenminister Reul schon von „Chaoten“ sprechen, die „Politik durch Gewalt ersetzen“ wollen. Konjunktiv im Text, Urteil in der Überschrift.

Hallo NOZ,

der Artikel „Reul: Diese Menschen wollen Chaos“ zur mutmaßlichen Bahnsabotage bei Leverkusen übernimmt eine dpa-Meldung, die selbst noch von Vermutungen spricht, aber schon wie ein abgeschlossener Fall klingt.

Im Text selbst steht mehrfach der Konjunktiv. Die Polizei Köln ermittelt noch, „ob das Bekennerschreiben authentisch sei“. Zur Brandursache heißt es nur, ein technischer Defekt gelte als „wenig wahrscheinlich“. Das ist ein offener Ermittlungsstand, keine Bestätigung.

Trotzdem bekommt NRW-Innenminister Herbert Reul den größten Raum im Artikel, und zwar mit einer fertigen politischen Bewertung. Er spricht von „Chaoten“, die „keine bessere Welt“ wollten, sondern „Politik durch Gewalt ersetzen“. Eine Gegenstimme, eine unabhängige Einordnung oder auch nur der Hinweis, dass solche Ermittlungen oft lange unaufgeklärt bleiben, kommt im Text nicht vor.

Auffällig ist auch die schnelle politische Zuordnung. Ein Bekennerschreiben auf einer linken Plattform reicht aus, damit ein Innenminister im selben Artikel bereits von einer Gruppe spricht, „die Politik durch Gewalt ersetzen“ wolle. Bei anderen Themen, etwa der Einstufung der AfD durch den Verfassungsschutz, ist deutlich mehr Zurückhaltung bei klaren Begriffen zu beobachten.

Ein offener Ermittlungsstand verdient eine offene Darstellung. Wenn ein Minister schon vor Abschluss der Ermittlungen eine politische Kampfansage formuliert, sollte eine Zeitung das einordnen, nicht einfach weiterreichen.

Mit freundlichen Grüßen

Arbeitskosten zuerst, Patienten zuletzt

Tobias Schmidt lobt in der NOZ die Gesundheitsreform und verrät im selben Satz, worum es wirklich geht: „Arbeitskosten“. Von 40 Mrd geplanten Einsparungen blieben 16, Pharma und Kliniken kamen glimpflich davon. Zahlen tun die Versicherten

Hallo NOZ, hallo Herr Schmidt,

Ihr Kommentar zur Gesundheitsreform enthält einen Satz, der viel verrät. Sie schreiben, die Reform solle verhindern, dass „die Beiträge und damit die Arbeitskosten nicht immer weiter steigen“. Damit benennen Sie ungewollt die eigentliche Prioritätensetzung dieses Sparpakets. Es geht zuerst um Lohnnebenkosten, erst danach um die Versorgung der Patienten.

Ein Blick auf die einzelnen Maßnahmen bestätigt diesen Eindruck. Zuzahlungen für Medikamente steigen von bisher 5 bis 10 Euro auf künftig 7,50 bis 15 Euro. Der Festzuschuss für Zahnersatz sinkt von 60 auf 50 Prozent. Wer seinen Partner beitragsfrei mitversichern will, zahlt ab 2028 einen Aufschlag von 2,5 Prozent. Das sind reale Belastungen für Versicherte, keine abstrakten Verwaltungsposten.

Gleichzeitig zeigt der begleitende dpa-Bericht, wie stark die eigentlich vorgesehenen Einschnitte bei Pharmaindustrie und Kliniken zusammengeschrumpft sind. Von 40 Milliarden Euro, die die Expertenkommission ursprünglich vorschlug, blieben am Ende 16 Milliarden übrig. Wer in dieser Größenordnung verhandelt hat und wessen Lobbyarbeit dabei erfolgreich war, lässt sich unschwer erahnen.

Die taz-Kollegin Manuela Heim beschreibt in ihrem Kommentar zum gleichen Gesetz eine Reform im Krisenmodus, mit Änderungen bis zur letzten Minute, bei der selbst versierte Gesundheitspolitiker den Überblick verloren. Diese Einordnung wirkt deutlich näher an der Realität als Ihre Zustimmung zum Ergebnis.

Wer ein Sparpaket vor allem mit Blick auf Arbeitskosten rechtfertigt, sollte offen benennen, wer am Ende zahlt. In diesem Fall sind das vor allem Versicherte mit Zuzahlungen, Zahnersatzkosten und wegfallenden Familienmitversicherungen, während die ursprünglich stärker geplanten Einschnitte bei Pharma und Kliniken auf dem Verhandlungsweg verschwunden sind.

Mit freundlichen Grüßen

Ferrari-Verzicht und Kupplungsverschleiß: Wie die NOZ Ulf Poschardt in Watte packt

Ein Homestory-Format macht aus Provokation Stil, und aus einem Wutbürger einen sympathischen Paradiesvogel. Warum das journalistisch ein Problem ist.

Hallo NOZ, hallo Herr Benedict,

Ihr Porträt über Ulf Poschardt liest sich streckenweise wie eine Modestrecke mit journalistischem Anstrich. Sneaker-Marken, Sonnenbrillen-Segmente, der Verschleiß der Ferrari-Kupplung. All das erfährt der Leser in großer Ausführlichkeit. Was in dieser Detailfülle untergeht, ist eine ernsthafte Einordnung dessen, wofür Poschardt öffentlich steht.

Wenn ein Zitat wie „Entschleunigungsspasti“ kommentarlos im Fließtext steht, ist das keine neutrale Wiedergabe. Es ist eine stillschweigende Normalisierung. Genau hier hätte der Text ansetzen müssen, denn abwertende Sprache gegenüber Menschen mit Behinderung verdient eine Einordnung, keine Zierde im Porträt eines „Wutbürgers“.

Auch die Bezugnahme auf Javier Milei wird nur als originelle Zuspitzung präsentiert. Dass sich ein deutscher Journalist rhetorisch bei einem Staatschef bedient, der politische Gegner pauschal als „voller Scheiße“ bezeichnet, ist mehr als ein Stilmittel. Es zeigt eine Angleichung an autoritäre Diskursformen, die eine Zeitung benennen sollte, statt sie unwidersprochen zu zitieren.

Am deutlichsten wird das Problem im letzten Absatz. Die entscheidende Frage, ob Poschardt Radikalisierung befeuert oder nur kanalisiert, wird gestellt, aber nicht beantwortet. Stattdessen überlässt der Text die Antwort Poschardt selbst, der sich mit dem Verweis auf das Grundgesetz freispricht. Das ist keine journalistische Einordnung, das ist eine Bühne.

Ein Hausbesuch darf unterhaltsam sein. Er darf aber nicht zur Ästhetisierung eines Mannes werden, dessen Kernbotschaft in Verächtlichmachung besteht.

Mit freundlichen Grüßen

Zwei Texte, ein blinder Fleck. Wie NOZ und dpa gemeinsam die Höcke-Lüge verschwinden lassen.

Erst verteidigt Philipp Ebert die Kritiker einer Medienaufsicht, dann liefert eine dpa-Übernahme das Porträt zum unkritischen Star. Was in beiden Texten fehlt, ist derselbe Satz.

Am 3. Juli schrieb Philipp Ebert in der NOZ über die Rüge der Landesanstalt für Medien NRW gegen Ben Berndts Podcast. Sechs Tage später folgte ein Porträt über Berndt, übernommen von der dpa. Liest man beide Texte hintereinander, wird ein Muster sichtbar, das für sich genommen schon in jedem einzelnen Artikel ärgerlich wäre, in der Kombination aber richtig Wirkung entfaltet.

Ebert lässt in seinem Text vor allem Stimmen zu Wort kommen, die der Medienaufsicht kritisch gegenüberstehen. Wolfgang Kubicki hält Landesmedienanstalten für Relikte des 20. Jahrhunderts, Volker Boehme-Neßler warnt vor psychologischer Vorzensur. Wer Boehme-Neßler ist, wird nicht eingeordnet, dabei hat er die Einstufung der AfD als gesichert rechtsextrem öffentlich als skandalös bezeichnet. Der eigentliche Anlass der Rüge, Höckes Lüge über die SA-Parole, taucht zwar auf, wird aber sofort von der Zensurdebatte überlagert.

Der dpa-Text in der NOZ vom 9. Juli setzt genau da an. Auch hier bekommt vor allem eine Seite Raum. Kai Diekmann darf ausführlich erklären, warum Berndt Höcke angeblich besser entlarve als klassische Interviews. Melanie Amann, die immerhin auf die Bedeutung journalistischer Einordnung hinweist, bekommt einen einzigen Satz. Was in diesem langen Porträt komplett fehlt, ist die konkrete Benennung dessen, worum es bei der Rüge eigentlich ging. Wer nur diesen Text liest, erfährt nicht, dass Höcke öffentlich behauptet hat, die SA habe gar keine Parole gehabt, eine Aussage, die schlicht falsch ist. Aus einer belegbaren Falschaussage wird eine abstrakte Frage von Sorgfaltspflicht und Zensur.

Bemerkenswert ist auch, wie unwidersprochen Berndts Satz stehen bleibt, ein Quoten-AfDler würde jeder Redaktion guttun. Die naheliegende Gegenfrage, warum Redaktionen kaum AfD-Mitglieder beschäftigen, nämlich weil journalistische Grundprinzipien wie die Trennung von Nachricht und Meinung mit der Programmatik dieser Partei kollidieren, wird nicht gestellt. Stattdessen wirkt der Satz wie ein Diversitätsappell, nicht wie das, was er ist, eine Aufforderung zur Aufweichung journalistischer Standards.

Für sich genommen ließen sich beide Texte noch als Einzelfälle abtun. Ebert hätte eben seine Meinung, die dpa liefert einen reinen Porträttext ohne kommentierenden Anspruch. Doch genau das macht die Kombination so wirksam. Der Kommentar bereitet den Boden, das scheinbar neutrale Porträt bestätigt ihn. Wer beide Texte im Abstand von sechs Tagen liest, bekommt zweimal dieselbe Auslassung serviert, einmal mit erkennbarer Haltung, einmal im Gewand der reinen Nachricht.

Gerade bei Übernahmen von Agenturmaterial trägt die Redaktion trotzdem Verantwortung. Eine Zeitung entscheidet, welchen Text sie einkauft, wo sie ihn platziert und ob sie ihn einordnet. Wenn ausgerechnet die Leerstelle des eigenen Kommentars sechs Tage später von einer scheinbar objektiven Agenturmeldung bestätigt wird, ist das das Ergebnis redaktioneller Auswahl.

Sechs Stationen, ein Loblied. Wie die NOZ ihre eigene Lesereise noch einmal feiert.

Am 6. Juli widmet die NOZ der eigenen Chefredaktion eine ganze Seite. Thema ist die Lesereise „Rest der Republik on Tour“, die Burkhard Ewert und seine Referentin Zwenja Lohe in den vergangenen Wochen durch sechs Orte in Norddeutschland geführt hat. Norden, Neumünster, Sylt, Flensburg, Lingen, Bissendorf. Der Text liest sich streckenweise wie ein Reisemagazin, mit Fotos, Zitaten und kleinen Tipps zu Hotels und Restaurants an jeder Station.

Das ist zunächst einmal legitim. Eine Zeitung darf über ihren eigenen Chefredakteur berichten. Nur wirft dieser Text ein paar Fragen auf, die über bloße Eigenwerbung hinausgehen.

Auffällig ist schon die Form. Der Artikel ist in „Reise-Notizen“ gegliedert, mit Hinweisen zur Fußgängerzone in Norden, zum Outletcenter in Neumünster, zum Blick aufs Wattenmeer auf Sylt. Das mag unterhaltsam gemeint sein. Es verschiebt aber den Fokus weg von den Inhalten der Gespräche, hin zur Kulisse und zur Atmosphäre. Aus einer Lesertour wird so am Ende auch ein kleines Stück Standortmarketing für die eigene Marke.

Inhaltlich fällt auf, wie durchgehend wohlwollend der Text bleibt. Kontroverse Aussagen werden referiert, aber nicht eingeordnet. Wenn Ewert in Lingen sagt, die AfD müsse man nicht verbieten, weil sie schließlich Punkte anspreche, um die man sich kümmern müsse, steht das einfach so im Raum. Dass die Partei in mehreren Bundesländern vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft wird, fehlt auch in dieser Zusammenfassung komplett. Genauso wird seine Aussage zu „5,5 Millionen Toten im Namen des Guten“ und der Doppelmoral des Westens unkommentiert wiedergegeben, obwohl sie einen Angriffskrieg und westliche Interventionen faktisch nebeneinanderstellt, als wären sie vergleichbare Größen.

Auch die Aussage zur eigenen politischen Verortung, „beides, links und rechts, je nach Tag„, wird hier erneut zitiert, diesmal ganz ohne kritische Nachfrage. Was auf der Schelenburg noch wie eine spontane Antwort im Gespräch wirkte, wird in der Rückschau zur Art Markenkern stilisiert. Der Chefredakteur, der sich keiner Seite zuordnen lässt und genau deshalb von beiden Seiten kritisiert wird. Diese Erzählung wiederholt sich über die gesamte Tour hinweg fast wortgleich, in Norden, auf Sylt, in Bissendorf.

Was in diesem Nachbericht komplett fehlt, ist Distanz. Keine Stimme aus der Redaktion, die fragt, ob eine Selbstverortung wie „mal so, mal so“ eigentlich eine journalistische Haltung ersetzen kann. Keine Einordnung der AfD-Aussage. Keine Rückfrage zur Kriegsvergleich-Rhetorik. Stattdessen sechsmal derselbe Ablauf, Ankunft, Location, Diskussion, versöhnlicher Abschluss, Reisetipp.

Das ist an sich schon aufschlussreich. Eine Zeitung, die gerade erst ihre Kommentarspalten geschlossen und ein kuratiertes Debattenformat eingeführt hat, in dem kritische Beiträge auf mysteriöse Weise verschwinden, feiert nun die persönliche Nähe ihres Chefredakteurs zu seinen Lesern, und lässt dabei jede kritische Distanz zu genau diesem Chefredakteur vermissen. Wer eine Lesereise so nacherzählt, betreibt keinen Journalismus über den eigenen Betrieb, sondern schreibt an der eigenen Legende weiter.

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