Leserbriefe, Medienkritik & politische Analysen

Kategorie: Die rechtsextreme AfD (Seite 1 von 8)

Die Neue Osnabrücker Zeitung (NOZ) berichtet regelmäßig über die AfD. Diese Kategorie dokumentiert, wie die NOZ dabei vorgeht: welche Begriffe verwendet werden, welche weggelassen werden und ob die Verfassungsschutz-Einstufung „gesichert rechtsextrem“ in der Berichterstattung vorkommt. Alle Beiträge zur AfD-Berichterstattung der NOZ sind hier gesammelt.

Nüchterner Diskurs? Wie die NOZ die Bas-Debatte dem AfD-Framing überlässt

Die NOZ fordert „nüchternen Diskurs“ zur Bas-Aussage, wertet dabei Vielfalt-Engagement als „moralisierendes Links“ ab und überlässt Weidel im Nachrichtenartikel die Deutungshoheit. Zwei Texte, ein Muster.

Hallo NOZ, hallo Herr Gerstenlauer,

der Kommentar zu Bärbel Bas‘ Formulierung „Einheitsbraun“ ist ein Lehrstück darin, wie man legitime Medienkritik zum Vehikel für Ressentiments macht.

Ja, die Formulierung war unglücklich. Aber was Bas meinte, ist bei nüchterner Lektüre eindeutig. Sie sprach von kultureller Monokultur als Gegenbegriff zu gesellschaftlicher Vielfalt. Diese Einordnung hätte der Kommentar leisten müssen. Stattdessen wählt er das klassische „Aber“-Muster. Migration sei nötig, aber nicht alle Zugewanderten bereicherten die Gesellschaft, Straftäter und Extremisten müssten gehen. Diese Sätze sind nicht falsch. Aber sie stehen nicht zufällig da. Sie transportieren genau den Deutungsrahmen, den die AfD für diese Debatte gesetzt hat, ohne dass die AfD dafür überhaupt zitiert werden müsste.

Bemerkenswert ist auch, wie Gerstenlauer die politische Lage beschreibt. Die AfD liegt in Umfragen vorn, das wird nüchtern registriert. Wer dagegen inhaltlich für eine offene Gesellschaft eintritt, wird als jemand abgewertet, der „von ganz links jede Diskussion sofort moralisiert“. Diese Formulierung ist keine Analyse, sondern ein Abwertungsgestus. Er signalisiert, dass gesellschaftspolitisches Engagement für Vielfalt als Zumutung gilt, während die Normalisierung rechter Positionen als pragmatischer Realismus durchgeht.

Der Nachrichtenartikel auf Seite 4 setzt das fort: Dort ist es Alice Weidel, die ausführlich und wörtlich zitiert wird und so die Deutungshoheit über das erhält, was „unhaltbar“ ist. Andere demokratische Parteien? Keine öffentliche Reaktion, heißt es lapidar.

Zwei Texte, eine Ausgabe, ein Muster. Wer einen „nüchternen Diskurs“ einfordert, sollte damit im eigenen Kommentar beginnen.

Mit freundlichen Grüßen

Update 28.05.2026: Matti Gerstenlauer hat geantwortet

Matti Gerstenlauer hat sich die Zeit genommen, auf meinen Leserbrief zu antworten. Ich dokumentiere seine beiden Mails und meine Replik hier vollständig.

Erste Mail von Matti Gerstenlauer:

Moin Herr Reichl,

vielen Dank für Ihre Zuschrift.

Wie Sie auch der Überschrift (online) entnehmen können, bin ich im Grunde einer Meinung mit Frau Bas. Sie hat völlig recht mit dem, was sie gesagt hat. Zum anderen habe ich versucht – das scheint mir aber offensichtlich nicht in Gänze gelungen zu sein –, die Problematik darzustellen, die deren Aussagen für weite Teile der Bevölkerung darstellen könnten, wenn man sie denn bewusst so verstehen will.

Frau Bas hat sich unglücklich ausgedrückt und den Menschen, bewusst oder unbewusst, vorgeworfen, ohne Migration nur eine graue beziehungsweise braune Masse darzustellen. Das ist zumindest das, was bei vielen ankommt. Ich persönlich bin der Meinung, dass Migration und eine daraus entstehende multikulturelle Gesellschaft auch abseits von Fachkräften und wirtschaftlichen Gründen grundsätzlich immer gut für jedes Land sind. Andererseits muss man die, wie ich beschrieben habe, auch teilweise unbegründete Angst und Wut der Menschen verstehen – oder zumindest versuchen, sie nachzuvollziehen.

Uns Journalisten wird, wie Politikern auch, oft vorgeworfen, wir würden von oben herab belehren (dass das in vielen Fällen auch stimmt, steht für mich fest). Mein Kommentar sollte deswegen eher ein Plädoyer dafür sein, die – zu guten Teilen auch unbegründeten – Sorgen und Ängste der Menschen zumindest nachzuvollziehen und dementsprechend zu behandeln, statt sie durch moralische Zuspitzungen weiter in die Arme von Populisten zu treiben. Außer Trotzreaktionen lösen solche pauschalen Aussagen meiner Meinung nach nichts aus. Diese stehen dann, wie ich ebenfalls beschrieben habe, genau der offenen Gesellschaft im Weg, die sich Frau Bas genauso wie ich selbst und viele andere Menschen auch wünschen.Dass eine gewisse Empörungskultur, die sich meiner Meinung nach übrigens gerade auch stark auf der rechten Seite ausprägt, einen nüchternen Diskurs erschwert, steht für mich dabei jedoch außer Frage. Ich habe diese Entwicklung deshalb auch gemeinsam mit der AfD genannt, weil meiner Ansicht nach eben beide Seiten dazu beitragen – nur eben aus anderen Beweggründen.

Ich hoffe, dass ich Ihnen meinen Gedankengang hinter dem Artikel etwas näherbringen konnte, und würde mich freuen, wenn Sie trotz der vermeintlichen inhaltlichen Differenzen weiter Leser bleiben und Ihre Kritik auch äußern.

Beste Grüße und eine angenehme Restwoche.

Matti Gerstenlauer

Zweite Mail von Matti Gerstenlauer:

Moin Herr Reichl, kleiner Nachtrag:Meinen KI-Rechtschreibhelfer können Sie natürlich getrost ignorieren, das bringt eine leichte Lese-Rechtschreibschwäche als Journalist leider mit sich.

Beste Grüße

Matti Gerstenlauer

Meine Replik:

Moin Herr Gerstenlauer,

vielen Dank für Ihre ausführliche Antwort und den offenen Nachtrag.Ich nehme zur Kenntnis, dass Sie Bas‘ Position inhaltlich teilen und Ihren Kommentar als Plädoyer für mehr kommunikatives Augenmaß verstanden wissen wollen. Das ist ein legitimes Argument, und ich streite es nicht ab.

Das Problem ist nur, dieser Gedankengang kommt im Text nicht an. Was der Kommentar transportiert, ist keine Verteidigung von Bas, sondern eine Relativierung ihrer Position durch eine Reihe von Gegenargumenten, die dem Deutungsrahmen der AfD entsprechen, ohne dass die AfD dafür zitiert werden müsste. Der Hinweis auf Straftäter und Extremisten, die Formulierung der unbegründeten Ängste als politisches Sachargument, der Verweis auf die wirtschaftliche Nützlichkeit von Migration als primäre Rechtfertigung für Einwanderung. Das sind Konzessionen an einen Diskurs, der von rechts gesetzt wurde.

Besonders der Satz über die, die „von ganz links jede Diskussion sofort moralisieren“, bleibt auch in Ihrer Erklärung ohne Einordnung. Sie beschreiben Empörungskultur als Problem beider Seiten, im Kommentar selbst ist dieser Satz jedoch nicht symmetrisch eingebettet, er steht als Abwertung gesellschaftspolitischen Engagements für Vielfalt. Das ist ein Unterschied.

Wenn die Absicht war zu sagen, dass Bas recht hat, aber sie sagt es falsch, dann wäre genau das der Kommentar gewesen, der gebraucht worden wäre. Den hat die NOZ nicht gedruckt.

Mit freundlichen Grüßen

Drei Seiten, kein einziges Mal „gesichert rechtsextrem“. Die NOZ und der AfD-Normalisierungsmarathon vom 23. Mai 2026

Heute NOZ, Seiten 1-3: Drei Artikel über die AfD. Kein einziges Mal „gesichert rechtsextrem“. Brandmauer-Debatte ohne Verfassungsschutz-Einstufung ist kein Journalismus, sondern Normalisierung.

Die heutige Ausgabe der Neuen Osnabrücker Zeitung widmet den ersten drei Seiten ein Thema, die AfD. Auf Seite 1 plädiert der frühere schleswig-holsteinische Ministerpräsident Torsten Albig dafür, die Brandmauer zur AfD aufzugeben. Auf Seite 2 fragt ein externer Kolumnist, ob eine AfD-Forderung die Demokratie retten könnte. Auf Seite 3 erklärt Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer, die Brandmauer habe der AfD genützt.

Drei Artikel, drei Seiten, ein roter Faden. Und ein gemeinsames Merkmal. Die Einstufung der AfD durch den Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem kommt in keinem der drei Texte vor. Kein einziges Mal. Das ist kein Versehen.

Was fehlt und warum es fehlt

Wer über die AfD schreibt, ihre Stärke analysiert, ihre Forderungen diskutiert und Empfehlungen zum Umgang mit ihr ausspricht, ohne zu benennen, dass sie vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem klassifiziert ist, trifft eine redaktionelle Entscheidung. Nicht mehr und nicht weniger.

Der Albig-Artikel auf Seite 1 setzt die AfD-Ablehnung als emotionale Übertreibung. Wenn Albig schreibt, man könne bei 30 Prozent Wahlergebnis nicht so tun, als sei die AfD „die Ausgeburt der Hölle“, dann ist das ein Strohmann. Niemand in der seriösen Demokratiedebatte bezeichnet die AfD als Ausgeburt der Hölle. Der Verfassungsschutz bezeichnet sie als gesichert rechtsextrem, und das ist eine nüchterne juristische und nachrichtendienstliche Klassifikation, keine moralische Überhöhung. Indem Albig diese Klassifikation durch einen hysterisch klingenden Ausdruck ersetzt, macht der Text die faktenbasierte Ablehnung zur Gefühlssache. Die NOZ druckt das auf Seite 1, unkommentiert.

Der Nelles-Text auf Seite 2 ist handwerklich das Problematischste der drei Stücke. Die Headline „Kann eine AfD-Forderung die Demokratie retten?“ rahmt eine rechtsextreme Partei als potenzielle Demokratie-Retterin. Der Text selbst argumentiert, Volksentscheide seien eine gute Idee, und es sei paradox, sie abzulehnen, nur weil die AfD sie fordert. Das mag als isoliertes demokratietheoretisches Argument Bestand haben. In diesem redaktionellen Kontext, auf dieser Seite, an diesem Tag, leistet es etwas anderes. Es normalisiert AfD-Positionen als diskussionswürdige Politikangebote, ohne dass der institutionelle Charakter der Partei auch nur erwähnt wird. Der Autor ist ein Buchautor mit erkennbarer Agenda, kein unabhängiger Analyst. Auch das wird nicht kenntlich gemacht.

Das Kretschmer-Interview auf Seite 3 enthält immerhin den Satz, man könne nicht so tun, als wäre die AfD eine Partei wie jede andere, wenn Leute wie Höcke an Einfluss gewinnen. Aber der entscheidende Schritt bleibt aus, Kretschmer sagt nicht, dass die AfD als Organisation vom Verfassungsschutz eingestuft ist. Er personalisiert die Kritik auf Höcke und macht sie damit zur Frage des internen Parteiflügels, nicht zur Frage des institutionellen Status der Gesamtpartei.

Die Wirkung der Summe

Einzeln betrachtet ließe sich über jeden dieser Texte noch streiten. In der Summe, auf drei aufeinanderfolgenden Seiten, ergibt sich ein eindeutiges Bild. Die AfD wird als politisches Phänomen behandelt, das man verstehen, de-eskalieren und möglicherweise einbinden soll. Ihr verfassungsschutzrechtlicher Status bleibt konsequent ausgeblendet.

Das ist nicht Neutralität. Neutralität wäre, die Debatte über die Brandmauer zu führen und dabei zu benennen, worüber eigentlich gestritten wird, nämlich ob demokratische Parteien mit einer vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuften Partei kooperieren sollen. Wer den zweiten Teil dieses Satzes weg lässt, betreibt keine neutrale Berichterstattung, sondern eine, die eine Seite systematisch entlastet.

Die NOZ macht das heute nicht zum ersten Mal. Das Muster ist dokumentiert, Porträts von AfD-Kandidaten ohne Verfassungsschutz-Einordnung, Übernahme von NZZ-Texten, die die AfD als Gesprächspartner für Wirtschaftsverbände normalisieren, Berichterstattung zur niedersächsischen Hochstufung, in der der Begriff „Rechtsextremismus“ konsequent vermieden wurde. Was heute auf den ersten drei Seiten steht, ist kein Ausrutscher. Es ist Linie.

Viermal Ewert: Wenn die Zusammenfassung das Problem wiederholt

Die NOZ fasst ihr eigenes Forum zusammen, und Ewerts Kernthese wird zum Leitfaden, Kritiker zu Leuten ohne Sachargumente. Ich werde namentlich genannt. Oh je.

Die NOZ hat das Forum-Thema nun zum vierten Mal aufgewärmt, diesmal als Zusammenfassung der Leserdebatte, verfasst von Eva Kowalski. Ich werde darin namentlich genannt, mein Kommentar wurde entgegen der Meldung doch irgendwann veröffentlicht (zumindest ist er jetzt online einsehbar) und wird zitiert. Das gibt mir Anlass zur Einordnung.

Was in der Zusammenfassung steht

Ewerts Fazit wird als Leitgedanke des gesamten Artikels gesetzt: Die etablierten Parteien treiben der AfD die Wähler in die Arme. Leser, die dieser These zustimmten, werden ausführlich referiert. Gegenwind (auch meiner) erscheint als Mangel, Ewert habe „inhaltliche Gegenargumente“ vermisst.

NOZblog

Das ist eine rhetorische Verschiebung, die die Zusammenfassung unkritisch übernimmt. Meine Kritik galt nicht Ewerts Einzelbeispielen, sondern dem Framing. Wer den AfD-Aufstieg ausschließlich aus staatlichem Versagen erklärt und die Partei dabei nicht als gesichert rechtsextrem benennt, übernimmt ihr eigenes Narrativ. Darauf gibt es keine inhaltliche Antwort, weder im Forum noch in der Zusammenfassung.

Ewerts Gegenfrage

In seiner Forumsantwort an mich schreibt Ewert: „Gegenargumente, weshalb meine Beispiele nicht greifen, vermisse ich. Darf ich das als Zustimmung werten?“

Äh, nein! Die Frage, ob Bürokratie oder Energiepreise Menschen frustrieren, ist nicht der Streitpunkt. Der Streitpunkt ist, ob ein Chefredakteur diese Frustration als Erklärung für den Zulauf einer rechtsextremen Partei rahmen darf, ohne diese einmal beim Namen zu nennen. Das ist keine Frage der Sachbeispiele. Das ist eine Frage der redaktionellen Haltung.

Was die Zusammenfassung über das Format verrät

„360° | Das Forum“ soll laut Ewert einen „moderierten Ersatz für konstruktiven Austausch“ bieten. Die Zusammenfassung zeigt, wie dieser Austausch nachträglich gerahmt wird. Zustimmung zur Kernthese wird ausführlich referiert, strukturelle Kritik am Framing wird als inhaltliche Leerstelle dargestellt. Das ist kein Protokoll einer Debatte. Das ist ihre nachträgliche Deutung.

Ewerts AfD-Relativierung im Forum: Eine kritische Bestandsaufnahme

In meinem Artikel „Ewerts AfD-Erklärung: Fünf Gründe, die keine sind“ habe ich beschrieben, wie Burkhard Ewert den Aufstieg der AfD auf „Fehler der etablierten Parteien“ reduziert und die Partei damit aus der Verantwortung entlässt. Seine aktuellen Antworten im Rahmen des NOZ-Formats „360° | Das Forum“ zeigen, dass diese Relativierung kein Einzelfall ist, sondern eine durchgehende Herangehensweise. Statt die AfD als das zu benennen, was sie ist – eine Partei mit gesichert rechtsextremen Teilen und demokratiefeindlichen Zielen –, bleibt Ewert bei seiner These, ihr Erfolg sei vor allem ein „Protestphänomen“. Diese Perspektive verkennt, dass die AfD selbst durch gezielte Desinformation und extremistische Forderungen den Zulauf aktiv fördert.

NOZblog

Die AfD als „Symptom“: Ewerts wiederkehrendes Muster

In seinem Artikel „In Umfragen stärkste Kraft: Der Aufstieg der AfD hat seine Gründe“ vom 18. Mai 2026 führt Ewert fünf Beispiele an, die den Zulauf zur AfD erklären sollen. Falsche Aussagen in der Asylpolitik, Doppelmoral in der Justiz, Aufschläge für Beamte, Bürokratismus und doktrinäre Sichtweisen wie das Tempolimit. Sein Fazit lautet: „Die erwähnten Punkte bedeuten nicht, dass die AfD Lösungen für die Fragen dieser Zeit hätte. Aber sie bilden mit Sicherheit Gründe, warum eine wachsende Zahl von Menschen im Rest der Republik von den etablierten Parteien Abstand nimmt.“

Diese Formulierung ist bezeichnend. Ewert benennt zwar Probleme der etablierten Politik, aber er unterlässt es, die AfD selbst als Problem zu benennen. Stattdessen stellt er sie als passive Profiteurin dar, die von den Fehlern anderer profitiert. Diese Reduktion der AfD auf ein „Symptom“ ist problematisch, weil sie die Partei von ihrer eigenen Verantwortung entbindet.

Dass es sich dabei um kein Versehen handelt, zeigen seine Antworten im „360° | Das Forum“. Auf die Frage eines Lesers, warum die AfD in Umfragen so stark sei, antwortet Ewert: „Die AfD mag keine Lösungen für diese Fragen haben, doch die Fehler der etablierten Parteien treiben ihr die Menschen geradezu in die Arme.“

Wiederum wird die AfD als Reaktion auf andere dargestellt, nicht als Akteur mit eigenen Zielen. Diese Herangehensweise ist nicht neutral, sondern entlastend für die AfD.

Keine klare Einordnung: Warum Ewert die AfD nicht benennt

Auffällig ist, dass Ewert in seinem Artikel und seinen Forum-Antworten keine klare Einordnung der AfD als rechtsextrem oder verfassungsfeindlich vornimmt. Dabei gibt es dafür ausreichend Belege. Das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) stuft den „Flügel“ der AfD als gesichert rechtsextrem ein. Dies ist keine Meinung, sondern eine amtliche Feststellung.

Die AfD selbst vertritt in ihrem Programm Positionen, die mit dem Grundgesetz unvereinbar sind, etwa die Forderung nach einer „Remigration“ oder die Ablehnung des menschengemachten Klimawandels. Wissenschaftliche Studien, etwa die Mitte-Studien der Friedrich-Ebert-Stiftung, belegen, dass die AfD-Wählerschaft durch Rassismus, Autoritarismus und Demokratieskepsis geprägt ist.

Ewert geht auf diese Fakten nicht ein. Stattdessen bleibt er bei seiner These, die AfD sei vor allem ein „Protestphänomen“. Diese Herangehensweise ist nicht nur unvollständig, sondern irreführend. Denn sie suggeriert, die AfD sei eine legitime Alternative, obwohl ihre Ziele und Methoden mit den Werten der Demokratie nicht vereinbar sind.

Übernahme des AfD-Narrativs: „Die Elite lügt“

Ein weiteres Problem ist Ewerts unreflektierte Übernahme des AfD-Narrativs. In seinem Artikel schreibt er, „Menschen lassen sich nicht für dumm verkaufen.“ Dieser Satz ist kein Zufall. Er ist zentral für die Propaganda der AfD, die sich als „einzige Stimme der Vernunft“ in einer „lügenden Elite“ inszeniert. Björn Höcke, einer der führenden Köpfe der Partei, nutzt diese Rhetorik regelmäßig, um die AfD als Opfer eines „Systems“ darzustellen, das die Bürger belügt.

Indem Ewert diesen Satz ohne kritische Distanz übernimmt, bestärkt er ungewollt das Selbstbild der AfD. Dabei wäre es seine Aufgabe als Journalist, solche Narrative zu hinterfragen und einzuordnen. Stattdessen reproduziert er sie und trägt damit zur Normalisierung der AfD bei.

Fehlende Auseinandersetzung mit AfD-Inhalten

Ewerts Artikel und seine Forum-Antworten zeugen von einer fehlenden inhaltlichen Auseinandersetzung mit den Zielen der AfD. Auf die Frage eines Lesers, bei welchen konkreten Problemen die AfD keine Lösungen habe, antwortet Ewert, „Beim Haushalt sind die Vorstellungen absurd. In anderen Fragen kann die Antwort anders ausfallen.“

Diese Aussage ist vage und unpräzise. Was bedeutet „kann anders ausfallen“? Heißt das, dass einige AfD-Forderungen akzeptabel sind? Ewert geht nicht darauf ein. Dabei gäbe es genug Beispiele, die eine klare Einordnung erfordern.

Haushaltspolitik: Die AfD fordert Steuersenkungen und Ausgabenkürzungen bei gleichzeitigem Ausbau des Sozialstaats – ein unfinanzierbares Vorhaben, wie das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in einer Studie nachweist.

Energiepolitik: Die AfD lehnt den menschengemachten Klimawandel ab und setzt stattdessen auf Atomkraft und Kohle ohne einen Plan für die energetische Zukunft Deutschlands.

EU-Politik: Die AfD fordert einen Austritt Deutschlands aus der EU („Dexit“), mit keinem konkreten Plan für die wirtschaftlichen und politischen Folgen.

Ewerts mangelnde Auseinandersetzung mit diesen Inhalten führt dazu, dass die AfD in seiner Darstellung als „Protestpartei“ erscheint, nicht als Partei mit extremistischen und unrealistischen Zielen.

Warum Ewerts Herangehensweise problematisch ist

Ewerts Relativierung der AfD ist aus mehreren Gründen problematisch. Als Chefredakteur einer großen Regionalzeitung hat Ewert eine besonders hohe Verantwortung. Wenn er die AfD nicht klar einordnet, trägt er zur Normalisierung einer Partei bei, die in Teilen rechtsextrem und demokratiefeindlich ist. Studien zeigen, dass die Medienberichterstattung maßgeblich beeinflusst, wie Parteien wahrgenommen werden. Eine unkritische Darstellung der AfD kann daher dazu führen, dass ihre extremistischen Positionen als „normal“ wahrgenommen werden.

Er verharmlost zudem die Gefahren. Die AfD vertritt Ziele, die direkt gegen die Werte des Grundgesetzes verstoßen. Dazu gehören u.a. die Abschaffung der Demokratie (vgl. Höckes Forderung nach einer „Remigration“ und einem „Systemwechsel“). Der Angriff auf Minderheitenrechte (z. B. die Ablehnung der Ehe für alle oder die Forderung nach Abschaffung der Genderforschung). Die Leugnung des Klimawandels (AfD bestreitet den menschengemachten Klimawandel). Indem Ewert diese Ziele nicht thematisiert, verharmlost er die Gefahren, die von der AfD ausgehen. Ewert zitiert in seinem Artikel und seinen Forum-Antworten keine AfD-Kritiker. Weder kommt das Bundesamt für Verfassungsschutz zu Wort, noch Wissenschaftler oder Politiker, die die AfD klar als Gefahr für die Demokratie einordnen. Diese einseitige Darstellung führt dazu, dass die AfD in seiner Berichterstattung unkritisch dasteht.

Journalismus zwischen Neutralität und Verantwortung

Burkhard Ewerts Artikel und seine Antworten im „360° | Das Forum“ zeigen ein .klares Muster. Die AfD wird als „Symptom“ dargestellt, nicht als Ursache. Diese Relativierung trägt zur Normalisierung einer Partei bei, die in Teilen rechtsextrem und demokratiefeindlich ist. Die NOZ hat als regionale Stimme eine besonders hohe Verantwortung, sie sollte sie nutzen, um Aufklärung zu betreiben, nicht um Verharmlosung.

Es ist Zeit, dass die NOZ – und insbesondere Burkhard Ewert – die AfD klar benennt als das, was sie ist. Nur so kann eine echte, kritische Diskussion über ihren Aufstieg geführt werden. Die Leser der NOZ verdienen eine vollständige und faktenbasierte Einordnung, nicht eine Relativierung, die die AfD als legitime Alternative erscheinen lässt.

Wenn Verfassungsschutz und NOZ-Kommentar in dieselbe Ausgabe passen

Die AfD SA plant 200 Beamtenstellen politisch umzubesetzen. Der VS stuft sie als gesichert rechtsextrem ein. Die NOZ findet das „nicht zu beanstanden“ und „sozusagen eine gute Nachricht“. Selbe Ausgabe, Seite 27: vier kritische Leserbriefe. Hinten.

Hallo NOZ, hallo Herr Wiegelmann,

der Kommentar „Diese Drohung hat auch ihr Gutes“ verdient eine Gegenfrage: Was genau ist daran gut?

Wiegelmann räumt ein, dass Ulrich Siegmund mit Verschwörungserzählungen von einer „planmäßigen Ersetzung der deutschen Bevölkerung“ Wahlkampf macht. Er räumt ein, dass 150 bis 200 Beamtenstellen nach politischer Loyalität neu vergeben werden sollen. Und seine Schlussfolgerung lautet, das sei „nicht zu beanstanden“ und sogar „sozusagen eine gute Nachricht“.

Was dabei fehlt, ist der entscheidende Kontext. Die AfD in Sachsen-Anhalt wird vom dortigen Landesverfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft. Wenn eine Partei mit diesem Befund ankündigt, den Staatsapparat politisch gleichzuschalten, ist das keine gewöhnliche Regierungsbildung. Es ist ein Angriff auf das Prinzip des neutralen Berufsbeamtentums, das dem politischen Zugriff gerade deswegen entzogen ist, um solche Szenarien zu verhindern.Wiegelmann unterschlägt diesen Unterschied vollständig. Stattdessen wird Siegmunds Ankündigung gelobt, weil sie „den Ernst der Lage offenlegt“. Transparenz über antidemokratische Absichten als redaktionellen Pluspunkt zu verbuchen, ist eine bemerkenswerte journalistische Entscheidung.

Gleichzeitig stehen auf Seite 27 derselben Ausgabe vier Leserbriefe, die Ewerts AfD-Analyse sachlich und differenziert widersprechen. Ein Leser warnt ausdrücklich vor Polemik, die rechtspopulistische Narrative stärkt. Eine Zeitzeugin des Jahres 1945 zieht historische Parallelen. Wer beide Seiten der heutigen Ausgabe nebeneinanderlegt, sieht die Verschiebung: Der Widerspruch kommt hinten, die Normalisierung steht vorne.

Mit freundlichen Grüßen

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