Burkhard Ewert erklärt den AfD-Aufstieg mit staatlichem Versagen, und vergisst dabei zu erwähnen, dass die Partei gesichert rechtsextrem ist. Eine strukturelle Entlastungsrhetorik mit Disclaimer.
Hallo NOZ, hallo Herr Ewert,
Ihr Kommentar zum AfD-Aufstieg ist handwerklich geschickt, und analytisch unredlich. Er listet fünf staatliche Versäumnisse auf, die den AfD-Zulauf „erklären“, und stellt am Ende fest, die Partei habe dennoch keine Lösungen. Dieser Disclaimer ändert nichts am Gewicht des Textes. Er ist eine Entlastungsrhetorik für eine gesichert rechtsextreme Partei, die an keiner Stelle als solche benannt wird.
Das ist kein Zufall, sondern Methode. Wer den Aufstieg der AfD ausschließlich aus staatlichem Fehlverhalten ableitet, übernimmt ihr eigenes Narrativ; die Partei als vernünftige Reaktion auf unvernünftige Politik. Was dabei strukturell fehlt, ist die Frage, wofür die AfD tatsächlich steht, Remigration, völkisches Staatsverständnis, Angriffe auf die freiheitlich-demokratische Grundordnung, eine Einstufung durch den Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem. Nichts davon kommt vor.Stattdessen erklärt Ewert, Menschen ließen sich „nicht für dumm verkaufen“, und reproduziert damit exakt das Selbstbild, das die AfD von sich pflegt: als Stimme derer, die die Wahrheit sagen, während alle anderen lügen. Dass dieser Satz im Kommentar eines Chefredakteurs steht, ohne jede kritische Distanz, ist bemerkenswert.
Die fünf Beispiele sind beliebig genug, um fast alles zu „erklären“. Ein Naturschutzveto gegen ein Trance-Festival, das Tempolimit, Beamtengehälter, das sind Politikfelder, auf denen man trefflich streiten kann. Als Erklärung für den Zulauf zu einer Partei, die den Rechtsstaat offen delegitimiert, taugen sie nicht. Sie lenken ab: von der Frage, warum Menschen eine verfassungsfeindliche Partei wählen, hin zur Frage, was der Staat falsch macht.
Journalismus, der den Aufstieg des Rechtsextremismus erklärt, ohne das Wort zu benutzen, erklärt nichts. Er normalisiert.
Mit freundlichen Grüßen
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