Leserbriefe, Medienkritik & politische Analysen

Schlagwort: Rechtsextremismus (Seite 1 von 13)

„Keine AfD in Talkshows“? Bednarz widerlegt ihre These selbst

Wer den Aufstieg der AfD mit einem Boykott erklärt und zugleich schreibt, sie brauche keine Öffentlich-Rechtlichen mehr, hat ein Logikproblem.

Hallo NOZ, hallo Frau Bednarz,

über den Umgang mit der neurechten Ideenwelt lässt sich streiten, und Ihre Frage nach der Auseinandersetzung ist berechtigt. Ihre Argumentation hat aber Lücken.

Sie schreiben selbst, die AfD und ihr Vorfeld benötigten „gar keine öffentlich-rechtlichen Formate mehr“, weil sie eigene reichweitenstarke Kanäle haben. Dann kann der angebliche Boykott kaum die Ursache des Wachstums sein. Ihre These widerlegt sich im eigenen Text.

Die Behauptung, es würden nur linke Stimmen eingeladen, bleibt ohne Beleg. Ebenso vermischen Sie Wertschätzung für Wähler mit einer Bühne für Vordenker, als wäre das dasselbe. Dass sich viele Wähler vom Vorwurf des Rechtsextremismus nicht mehr beeindrucken lassen, sagt nichts darüber, ob er stimmt.

Schließlich nennen Sie Rufe nach einem Verbotsverfahren „hilflos“, ohne ein Argument zu liefern. Auf der Titelseite derselben Ausgabe fragt die NOZ dagegen, warum die AfD nicht verboten wird. Die Leser bekommen am selben Tag zwei gegensätzliche Botschaften, ohne dass die Redaktion das einordnet.

Mit freundlichen Grüßen

Wer sich gegen Rechtsextreme wehrt, „überzieht“? Clasens Umgangsregeln treffen die Falschen

Gewalt bleibt ein Tabu. Doch wer eine private Abgrenzung mit Gewaltfantasien in einen Topf wirft, verschiebt die Maßstäbe.

Hallo NOZ, hallo Herr Clasen,

Gewalt muss ein Tabu bleiben, egal von wem. Da stimme ich Ihnen zu, und der Böhmermann-Clip ist auch nach meinem Eindruck keine gelungene Satire.

Schwierig wird es bei der Apothekerin. Nach Ihrer Darstellung hat sie sich mit „Meidet mein Umfeld“ gegen die AfD positioniert. Von einer verweigerten Behandlung steht im Text nichts. Die ärztliche Pflicht, jeden Menschen zu versorgen, greift aber erst, wenn jemand vor dem Tresen steht und nicht bedient wird. Eine private Abgrenzung mit Gewaltfantasien in einem Satz als „überziehen“ zusammenzufassen, verwischt diesen Unterschied.

Auffällig ist auch der Schluss. Sie fragen, warum die AfD nicht verboten wird, obwohl Sie zuvor Menschen rügen, die sich ihr deutlich entgegenstellen. Wer eine Partei für so gefährlich hält, dass ein Verbot im Raum steht, sollte Bürgern ihre Distanz nicht als Übertreibung auslegen.

Die Überschrift verspricht Tipps zum Umgang mit der AfD. Geliefert werden zwei Beispiele von Gegnern, die zu weit gehen, und keines von der AfD selbst.

Mit freundlichen Grüßen

Zwei Ränder, zwei Maßstäbe? Warum der Vergleich von Linke und AfD nach Sachsen-Anhalt nicht trägt

Ein AfD-Landtagspräsident mit mutmaßlichen CDU-Stimmen, und der Kommentar von Rena Lehmann in der NOZ sorgt sich um die Linke in Berlin. Warum diese Gleichung die Lage verzerrt.

Hallo NOZ, hallo Frau Lehmann,

Ihr Kommentar „CDU im Selbstzerstörungsmodus“ auf der Titelseite vom 08.10.2026 benennt das eigentliche Problem selbst. In Sachsen-Anhalt wurde mutmaßlich mit Stimmen aus der CDU-Fraktion ein AfD-Politiker zum Landtagspräsidenten gewählt. Angekündigt waren 14 Enthaltungen, gezählt wurden fünf, und der AfD-Kandidat bekam vier Stimmen mehr als AfD und BSW zusammen. Das ist ein Vorgang von demokratiepolitischer Tragweite.

Umso irritierender ist, dass Sie im nächsten Absatz auf die „in Teilen antisemitische Linke in Berlin“ umschwenken und beide Seiten als Ränder darstellen, zwischen denen die Mitte zerrieben werde. Die Nachrichtenseite derselben Titelseite schreibt noch, die Union sehe die Berliner Linke so. Im Kommentar wird daraus eine Feststellung in Ihrer eigenen Stimme, ohne Beleg und ohne Einordnung.

Dabei liegen die Dinge nicht auf einer Ebene. Die AfD in Sachsen-Anhalt gilt dem Landesverfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch. Eine vergleichbare Einstufung für die Berliner Linke ist mir nicht bekannt. Und es geht um Verschiedenes. Auf der einen Seite hat ein Landtag einen Präsidenten bekommen, dessen Partei die Demokratie ablehnt. Auf der anderen Seite führen drei demokratische Parteien Sondierungsgespräche. Das eine ist vollzogen, das andere ein Gespräch.

Wer die Mitte wirklich schützen will, sollte die Brandmauer zur AfD nicht mit der Sorge um eine mögliche Koalition der Linken aufwiegen. Diese Symmetrie nützt am Ende denen, die sie gerade durchlöchern.

Mit freundlichen Grüßen

Linke radikal, AfD ein Standortrisiko für die Wirtschaft. Gewichtung à la NOZ.

Ein Vergleich europäischer Linksparteien und ein Bericht über die Industrie in Sachsen-Anhalt stehen auf derselben NOZ-Seite. Zusammen legen sie nahe, Radikalität sei ein Problem der Linken und die AfD vor allem eine Frage des Standorts.

Hallo NOZ, hallo Herr Gerstenlauer, hallo Herr Schmidt,

auf Seite 4 stehen zwei Texte, die einzeln vertretbar wirken und nebeneinander ein schiefes Bild ergeben.

Der Vergleich der Berliner Linken mit ihren Schwesterparteien ist eine gute Idee, und der Text räumt selbst ein, dass die KPÖ in Graz geräuschlos mit der Mitte regiert und die Enhedslisten pragmatisch mit der Regierung zusammenarbeitet. Darüber steht trotzdem die Aussage, Linksparteien seien auch woanders radikal. Dafür werden sehr verschiedene Dinge zusammengelegt. Eine Erbschaftsteuer von 100 Prozent oberhalb von zwölf Millionen Euro steht neben der Unterstützung eines Importverbots für Waren aus illegalen Siedlungen, scharfe Kritik an Israels Regierung neben antisemitischen Parolen gegen eine Musikerin. Das sind unterschiedliche Kategorien, und der Text trennt sie nicht. Verstaatlichungspläne, die in keinem der genannten Länder umgesetzt werden, wirken so wie eine Regierungsgefahr.

Es fehlt außerdem der Maßstab. Wer die Radikalität der Linken ausleuchtet, könnte auch fragen, wie es bei den Rechten aussieht. Eine Spalte weiter geschieht das nicht.

Dort fragt Herr Schmidt, was eine AfD-Regierung in Sachsen-Anhalt für die Wirtschaft bedeutet. Die Warnung des BDI ist wichtig, und Frau Gönner nennt auch Offenheit und die freiheitlich-demokratische Grundordnung. Gebaut ist der Text aber als Standortfrage, es geht um Investoren, Fachkräfte und Aufschwung. Wer unter einer AfD-geführten Landesregierung ganz konkret leiden würde, also Minderheiten, Zugewanderte und alle, die in ihrer Programmatik als Feindbild auftauchen, kommt nicht vor.

Das ist umso bemerkenswerter, weil auf der Titelseite steht, dass das BSW am Dienstag dem ersten AfD-Landtagspräsidenten die Mehrheit verschafft, während die CDU Enthaltung empfiehlt. Am Tag vor dieser Wahl erscheint also ein Text, der die Linke als radikal einordnet, und einer, der die AfD vor allem als Risiko für die Konjunktur behandelt. Beides zusammen legt nahe, Radikalität sei vor allem ein Problem der Linken, die AfD dagegen ein Standortnachteil. Das ist eine Gewichtung, die man als Redaktion verantworten sollte.

Mit freundlichen Grüßen

Ein Lieferservice ohne Rückfragen. Wie die NOZ dem AfDler Klaus Wichmann Gehör verschafft

Das Interview von Jonas E. Koch beginnt mit der richtigen Frage. Danach bleiben Rahmung, Überschrift und unkorrigierte Aussagen bei Klaus Wichmann von der AfD.

Hallo NOZ, hallo Herr Koch,

zuerst das, was ich anerkenne. Ihre erste Frage an Klaus Wichmann lautet, ob er Rechtsextremist sei, und im Vorspann steht, dass der Verfassungsschutz die Partei für rechtsextrem hält. Genau diese Einordnung habe ich in früheren Texten vermisst. Umso mehr fällt auf, was danach folgt.

Der Vorspann beschreibt Wichmann als „vergleichsweise sachlichen Redner“, der die Landesregierung „pointiert, aber fair“ unter Feuer nimmt. Das ist ein Zeugnis, das die AfD selbst nicht besser hätte schreiben können, und es steht direkt vor dem Gespräch.

Die Überschrift ist ein Wichmann-Zitat, und zwar seine Botschaft an die CDU. Die NOZ macht die Brandmauer-Werbung einer vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuften Partei zur Schlagzeile.

Dazu kommt, was im Gespräch unwidersprochen bleibt. „Zu Verurteilungen kommt es nur nie“ steht da, obwohl Björn Höcke rechtskräftig verurteilt ist. Ein „Signal an unser eigenes Volk“ durch Abschiebungen, die Frage „Welche Einwanderung nützt uns“ und die Entwicklungshilfe als Druckmittel bleiben ebenso stehen wie der Antisemitismusvorwurf gegen die Linke. Einen Einordnungskasten oder eine Gegenrecherche gibt es nicht. Übrig bleibt die Selbstbeschreibung als „politischer Lieferservice“ und das Bild vom Kapitän mit brennendem Maschinenraum.

Ein Interview ist keine Zustimmung, das gilt. Aber wer einem Spitzenkandidaten fast eine ganze Seite gibt und seine Behauptungen nicht prüft, überlässt ihm die Deutung. Meine Frage lautet daher, warum diese Aussagen ohne Faktencheck erscheinen, obwohl die Redaktion die Fakten kennt.

Mit freundlichen Grüßen

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