Leserbriefe, Medienkritik & politische Analysen

„Nazi“: Strenge Maßstäbe, aber nur für die einen

Der NOZ-Kommentar von Carlotta Vorbrüggen warnt vor Begriffsinflation beim Wort Nazi, verschweigt aber die eigene Zurückhaltung beim Wort Rechtsextremismus.

Carlotta Vorbrüggens Kommentar zur Debatte um Danger Dans neuen Song klingt zunächst vernünftig. Sprache verliere ihren Maßstab, schreibt sie, der Begriff „Nazi“ werde zu leichtfertig verteilt. Wer genauer hinschaut, merkt jedoch schnell, dass der Text ein Problem beschreibt, das er selbst erst herbeischreibt.

Der Popanz vom inflationären Nazi-Vorwurf

Vorbrüggen führt als Belege den AfD-Wähler an, der angeblich pauschal zum Nazi erklärt werde, den Polizisten, den Bundeswehrsoldaten, den Nachbarn mit dem dummen Witz. Wer in der aktuellen Debatte um Danger Dan tatsächlich diese Gruppen pauschal als Nazis bezeichnet, bleibt offen. Diese Beispiele sind Strohmänner. Sie erzeugen den Eindruck einer Gesellschaft, die wahllos etikettiert, ohne dass der Text dafür auch nur einen konkreten Fall liefert.

Strenge hier, Nachsicht dort

Interessant ist, mit welcher Sorgfalt Verbrüggen den Begriff „Nazi“ behandelt wissen will. Historische Genauigkeit, klare Abgrenzung, keine Inflation. Für ihre eigene zentrale Behauptung, die Gesellschaft würde immer leichtsinniger labeln, reicht ihr dagegen ein Bauchgefühl. Diese Asymmetrie ist kein Zufall, sondern ein Muster, das sich durch die NOZ-Berichterstattung zieht.

Genau dieses Muster zeigt sich, sobald es um die AfD geht. Der niedersächsische Verfassungsschutz ordnet die Partei explizit dem Rechtsextremismus zu. Diese Einordnung ist keine Meinung, sondern eine amtliche Feststellung. In der Berichterstattung der NOZ taucht der Begriff Rechtsextremismus in diesem Zusammenhang jedoch auffällig selten auf, wie mehrere Leserbriefe auf diesem Blog in den vergangenen Wochen dokumentiert haben.

Wo bleibt die Sorgfalt, wenn es amtlich ist

Wer beim Wort „Nazi“ auf Präzision besteht, sollte diese Präzision auch dort anwenden, wo eine Behörde längst eine klare Einordnung getroffen hat. Stattdessen wirkt der Kommentar wie ein Plädoyer für Zurückhaltung genau dann, wenn Zurückhaltung der eigenen politischen Bequemlichkeit dient, und für Dramatisierung dort, wo sie ein griffiges Meinungsstück ergibt.

Eine Debatte über die Bedeutung von Begriffen ist wichtig. Sie verdient aber Konsequenz. Wer Begriffsschärfe einfordert, darf sie nicht selektiv anwenden, je nachdem, welche Seite gerade betroffen ist.

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2 Kommentare

  1. Norbert D.

    Hallo Herr Reichl,

    Ich fand den Kommentar in weiten Teilen als eine Ansammlung von Banalitäten, denen weite Teileder Gesellschaft sicher irgendwie zustimmen können. Ich mag diese oberflächlichen Antifa Parolen : „Keinen Meter den Nazis“ „Den Rechten die Räume nehmen „. auch nicht: Und auch die Überschrift der TAZ von heute zu der Abweisung des AFD Kandidaten in Friesland:“ Selbst für die Rechten zu rechts“ ist nicht ok, weil dabei CDU und AFD in den gleichen Topf geworfen werden.

    Wie die Autorin ja auch erwähnt ,ist der Maßstab die Verfassungstreue. Und daran gibt es
    in NDS in weiten Teilen der AFD erhebliche Zweifel. Das wird ja jetzt vor Ort als Einzelfallentscheidung von den Wahlausschüssen geprüft. In Hannover wird die Kandidatin
    der AFD wohl zugelasen werden.
    Ein weiterer Maßstab ist auch, wie es mit der innerparteilichen Demokratie bei der AFD aussieht. Die Szenen bei der Kandidatenaufstellung in NRW erinnerten an den Charakter einer veritablen Kneipenschlägerei der zerstrittenen Flügel. Der Versuch, dem von den zersatrittenen Altparteien enttäuschten Wählern das Bild einer einigen Alternative zu zeigen ist dort um den Preis einer Nichtzulassung der Liste fast gescheitert.
    Das Problem ist dabei, dass die Lage vor Ort und in den Ländern unterschiedlich ist und deshalb ein bundesweites Verbot der AFD sich nicht so ganz einfach rechtssicher begründen lässt.

  2. Sabine Driehaus

    Ich finde es immer wieder interessant, wie empfindlich Rechtsextreme auf den Begriff „Nazi“ reagieren, aber überhaupt kein Problem damit haben, Haltungen, die nicht den ihren entsprechen, als woke, „Gutmenschen“, links-grün versifft, oder gar linksextrem zu beschimpfen.
    Neo-Nazis verwenden Nazi-Symbolik, vertreten faschistoide „Politik“, hetzen gegen Andersdenkende, andere Religionen, Menschen anderer Hautfarbe und die LGBTQ-Gemeinschaft, und haben militante Strukturen aufgebaut – all das trifft für Mitglieder der AfD und Teile der Anhängerschaft auch zu.
    Ebenso trifft das auf die Haltungen und Praktiken der Nationalsozialisten zu. Warum sollte man nicht benennen, was ist?
    Viele möchten ja nicht einmal „rechts“ eingeordnet werden, sondern in der „Mitte“.
    Auch interessant. Warum steht man nicht zu dem, was man denkt?

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