Ein Wort, das bei der NOZ konsequent fehlt, immer wenn es um die AfD geht: Rechtsextremismus. Das zieht sich durch. Nach dem Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt ordne ich das im Blog ein.
Die AfD ist am Sonntag, dem 06.09.2026, in Sachsen-Anhalt laut vorläufigem Ergebnis erstmals stärkste Kraft geworden, vor der CDU. Das ist ein Ergebnis mit vielen Ursachen, die sich nicht auf eine einzelne Zeitung zurückführen lassen. Trotzdem lohnt sich der Blick auf die eigene Region. Denn was die NOZ in den vergangenen Monaten über die AfD geschrieben hat, folgt einem erkennbaren Muster. Und dieses Muster trägt eher zur Enthemmung bei als zur Aufklärung.
Der auffälligste Punkt ist die Sprachverweigerung. Als der niedersächsische Verfassungsschutz die AfD im Februar als gesichert rechtsextrem einstufte, benannte die zuständige Pressemitteilung des Innenministeriums das ausdrücklich so. In gleich drei NOZ-Artikeln von Jonas Koch zu dieser Einstufung fehlte das Wort Rechtsextremismus konsequent. Stattdessen war von einer „extremistischen Partei“ die Rede, ein Begriff, der die konkrete Substanz der amtlichen Bewertung verwischt. Wer die Quelle nicht selbst nachschlägt, bekommt eine abgeschwächte Version der Realität serviert.
Noch deutlicher wird das Muster bei Personenporträts. Als die NOZ im Februar den AfD-Landratskandidaten Jörg Dilge vorstellte, geschah das unter Formulierungen wie „pragmatischer Unternehmer“ und „Mann von außen“. Dass Dilge die Verurteilung Björn Höckes als ungerechtfertigt bezeichnet und das Verfassungsschutzgutachten als aufgebauscht abtut, stand zwar im Text, wirkte dort aber wie eine Randnotiz neben der wohlwollenden Erzählung über seine Industriebiografie. Der zuständige Redakteur verteidigte das später als bewussten Kontrast zu den Positionen führender AfD-Vertreter. Das Problem ist, dass Kontrast nicht automatisch Einordnung bedeutet. Wer die warme Geschichte im Vordergrund erzählt und die politische Realität dahinter versteckt, normalisiert, auch wenn er das Gegenteil beabsichtigt.
Ein drittes Beispiel liefert Lucas Wiegelmann mit seiner Forderung nach mehr Fairness im Umgang mit der AfD. Die Partei kennt selbst keinerlei Fairness gegenüber Medien, Gerichten oder politischen Gegnern, das gehört seit Jahren zu ihrem politischen Kerngeschäft. Ein Kommentar, der ausgerechnet dieser Partei Nachsicht anmahnt, ohne den eigenen Umgang der AfD mit demokratischen Spielregeln zu erwähnen, bedient exakt das Opfer-Narrativ, das die Partei selbst pflegt.
Zur Fairness gehört an dieser Stelle auch ein Gegenbeispiel. Als Jean-Charles Fays im Fall Dilge auf Kritik reagierte, verwies er zu Recht darauf, im selben Artikel Zitate von Alice Weidel und Björn Höcke eingeordnet zu haben, inklusive der Höcke-Verurteilung wegen der SA-Parole. Das zeigt, dass in der Redaktion durchaus Bewusstsein für das Problem vorhanden ist. Nur bleibt dieses Bewusstsein bislang die Ausnahme, nicht die redaktionelle Linie.
Man kann der NOZ nicht vorwerfen, das Ergebnis von Sachsen-Anhalt verursacht zu haben. Diese Kausalkette gibt es nicht, und wer sie behauptet, macht sich angreifbar. Der berechtigte Vorwurf liegt woanders. Eine Regionalzeitung mit erheblicher Reichweite trifft redaktionelle Entscheidungen, in welcher Sprache sie eine rechtsextreme Partei beschreibt und wie sie deren Vertreter porträtiert. In einer Phase, in der die AfD bundesweit weiter erstarkt, wiegt jede dieser Entscheidungen schwerer als sonst. Genau deshalb verdient dieses Muster eine klare Benennung, nicht als Vorwurf ins „Blaue“, aber als das, was es ist, eine dokumentierte Häufung von Formulierungen, die Distanz vermissen lassen, wo Distanz journalistisch geboten wäre.
Hallo Timm,
mich würde interessieren, ob du beim Kommunalwahlkampf auch Tendenzen in der NOZ siehst. Ich finde ja, dass die NOZ sehr stark unterschwellig Katharina Pötter unterstützt unabhängig von der Entgleisung des SPD Landtagsabgeordneten…
Gerade wie sich manche Politiker bei Instagramm und Co. inszenieren so wie auch die OS OB geht aus meiner Sicht gar nicht. Das ist mehr Show als politsche Inhalte und wenn man kritische Diskussionen will und kommentiert, dann wird man tatsächlich sogar noch blockiert. Das darüber keiner berichtet finde ich schlimm. Wenn Politiker kritische Nachfragen (keine Hetze, keine Polemik) blockieren oder filtern hat das neben der Show auch noch ein Geschmäckle….
ach ja das gerade auch im Osnabrücker Kommunalwahlkampf keiner mehr stolz auf die Partei ist, sieht man ja dass das Parteilogo möglichst klein auf den Plakaten erscheint. Bei der OB denke ich auch immer sie sei in der SPD auf Grund der roten Farben
Hallo Martin,
danke für deinen Kommentar.
Ich muss gestehen, dass sich meine Analysen hauptsächlich mit dem Mantelteil der NOZ beschäftigen, die ganze Ausgabe im vollen Umfang ist aus Zeitgründen leider nicht jeden Tag von mir zu beobachten.
Aber Teile deine Beobachtungen gerne weiter auch hier.
schade, ich finde schon wie das Thema gegen Frank Henning jetzt wohl an 3 Tagen hintereinander ausgewalzt wird extrem. ja, man muss darüber berichten. aber am Dienstag immer noch ein Artikel auf der Titelseite zu haben, finde ich schon langsam grenzwertig und morgen kommt wohl noch ein Kommentar.
Kritik an OB Pötter dagegen Fehlanzeige, obwohl ihre Instagramm Vermarktung einiges hergeben würde („Endlich mal wieder einen reinpöttern“, „KP’s Running Club“ „KP’s Tagesablauf“).
von dem Grünen Spitzenkandidat zur OB Wahl kommen wenig Artikel.
ach ja im Manteil war heute ja auch eine Stellungnahme der Herausgber zu dem Fall. glaubst du zu Burkhardt Ewerts Kommentaren schreiben die Herausgeber mal eine öffentliche Stellungnahme?
Hallo Martin,
zwei Dinge fallen auf, wenn man das neben die bisherige NOZ-Dokumentation legt.
Erstens; die Stellungnahme von Elstermann und Ebke ist klar, unmissverständlich und ohne die übliche Rahmung, die man aus anderen NOZ-Texten kennt. Henning wird nicht in Schutz genommen, sein Verhalten wird als das benannt, was es ist, nämlich frauenverachtend und persönlich herabwürdigend. Es gibt keine false Symmetrie, keine Verwässerung, keine Relativierung a la „man muss auch die andere Seite sehen“. Das ist bemerkenswert, weil Henning SPD-Politiker ist und die NOZ in der Vergangenheit gerade bei Angriffen von rechts (siehe die AfD-Berichterstattung) deutlich zurückhaltender war mit klaren Worten. Hier zeigt sich, dass die Redaktion durchaus in der Lage ist, unmissverständlich Stellung zu beziehen, wenn sie will.
Zweitens, der Text enthält einen Satz, der sich fast wie eine unfreiwillige Selbstkritik liest. Die Herausgeber schreiben, das Volk müsse sich mit Kritik zurückhalten, während Politiker austeilen dürften, ein „klassisches Beispiel für Doppelmoral“. Das ist ein starkes Argument, wenn es um Henning und die Klagedrohungen gegenüber kritischen Bürgern geht. Es wirkt aber seltsam, wenn man es neben die eigene Praxis der letzten Monate hält. Die NOZ hat ihre Kommentarspalten geschlossen. Sie hat die Sichtbarkeit von Leserbriefen eingeschränkt, indem sie diese zeitversetzt bündelt statt sie zeitnah zum Anlass zu drucken. Beides sind strukturelle Verengungen des Raums, in dem Bürger öffentlich Kritik äußern können, nicht an Journalisten persönlich, aber am journalistischen Produkt selbst.
Der Vorwurf der Doppelmoral, den die Herausgeber hier formulieren, „Politiker dürfen austeilen, das Volk muss einstecken“, lässt sich mit wenig Mühe umdrehen. Die NOZ verteidigt zu Recht die Freiheit ihrer eigenen Journalisten, hart und unnachgiebig zu fragen. Gleichzeitig hat sie den Raum verkleinert, in dem Leser selbst hart und unnachgiebig zurückfragen können, öffentlich und zeitnah zum Artikel, nicht als private E-Mail ins Leere.
Das Tucholsky-Zitat am Ende, „Journalismus muss die Freiheit haben, alles zu sagen, damit gewisse Leute nicht die Freiheit haben, alles zu tun“, ist im Kern richtig und wichtig. Es wirkt nur eigenartig aus dem Mund einer Redaktion, die zeitgleich die eigene Öffentlichkeit gegenüber der Leserschaft verkleinert hat.
konkret finde ich solche Clips wie „endlich mal einen reinpöttern“ doch sehr grenzwertig. was meint ihr?
Hallo Martin, ich finde du hast recht mit deinem Eindruck bezüglich der Schieflage im Lokalbereich – das gleiche gilt für den Landkreis; hier wird aus allen Kanonen gegen die grüne Landrätin geschossen, ohne die anderen Bewerber kritisch zu beleuchten. Im Gegenteil, dem AfD-Kandidaten wurde vor einiger Zeit noch eine große Bühne für Kritik an der Kreishaussanierung eingeräumt, die vor Unwissenheit über die Sachlage nur so strotzte.
Erst bauschte man die Vorwürfe gegen Anna Kebschull bezüglich der Musikschule auf – die ursprünglich von einem(!) CDU-nahen Bürgermeister im Landkreis erhoben wurden. Dann schrieb man ihre Verkehrspolitik schlecht, weil die Ziele nicht zu hundert Prozent erreicht wurden, jetzt impliziert man „Unregelmäßigkeiten“ in ihrem Wahlkampf.
Hauptsache gegen links-grün.
Danke für die Einschätzung. Bislang kam der Lokalteil immer gut weg. Und leider hat auch der Sportteil massiv abgebaut. wenn man schon ein Spitzenspiel wie VFL gegen Bayern in der Stadt hat, hätte es am nächsten Tag früher direkt einen Artikel gegebeb. Durch den frühen Redaktionsschluss leiden mittlerweile auch die Nicht- Mantel Anteile, auch wenn diese bislang in der Öffentlichkeit noch gut wegkommen
Man darf sich da keine Illusionen machen.
Der Rechtsruck zieht sich durch die gesamte Zeitung. Will man konsequent sein, muss man halt auch auf seinen gewohnten Lokalteil verzichten. Es nützt ja nichts, wie der Osnabrücker sagen würde…