Ewert beschreibt zu Recht Angriffe auf Journalisten in Erfurt. Doch seine Aussage, „sie taten es, nicht die AfD“ entlastet die Partei von ihrer eigenen Lügenpresse-Rhetorik. Genau diese Asymmetrie fehlt in seiner Kolumne.
Hallo NOZ, hallo Herr Ewert,
Ihre Kolumne beschreibt zu Recht, dass Journalisten in Deutschland zunehmend unter Druck geraten, und das nicht nur aus einer politischen Richtung.
Problematisch wird Ihr Text an anderer Stelle. Der Satz „sie taten es, nicht die AfD“ ist für den konkreten Vorfall richtig, funktioniert im Kontext Ihrer Kolumne aber wie eine Entlastungsformel für die Partei insgesamt. Genau in der Bundestagsdebatte, auf die sich der Vorfall letztlich bezieht, wiesen Abgeordnete von SPD und Linke darauf hin, dass die AfD selbst seit Jahren mit Lügenpresse-Rhetorik und Angriffen auf einzelne Journalistinnen wie Dunja Hayali ein Klima befördert, das schwer mit der jetzt eingeforderten Solidarität zusammenpasst. Wer über die Verantwortung für Angriffe auf Journalisten schreibt, sollte diese Asymmetrie mitdenken, statt sie durch einen einzelnen Nebensatz stillschweigend zu klären.
Das mindert nicht die Berechtigung Ihrer generellen Beobachtung, dass Pressefreiheit von vielen Seiten unter Druck steht, von Gesetzen zum Politikerschutz bis zur Chatkontrolle. Aber gerade weil Ihre Kolumne diese Breite für sich beansprucht, hätte sie an der einen Stelle, wo es um die AfD geht, genauer sein müssen.
Mit freundlichen Grüßen
Gewalt gegen Journalist:innen ist ein Angriff auf unsere Grundwerte; das steht außer Frage und das verurteile ich auch.
Wenn man aber den Fokus so stark auf politische Motive legt, sollte nicht unerwähnt bleiben, dass (2025 laut BKA) Angriffe von Rechts mit 244 Fällen circa dreimal so häufig vorkamen wie von links mit 78 Fällen.
Nach Recherchen der „Zeit“ zeigte sich in Erfurt auch, dass sich die betroffenen rechten Medienschaffenden offensichtlich nicht an journalistische Gepflogenheiten hielten: In der Regel gibt sich ein/e Journalist/in als solche zu erkennen, z.B. mittels eines Presseausweises, und fotografiert auch nicht einzelne Gesichter in Nah(!)aufnahme ohne Einwilligung des /der Abgelichteten – soweit ich weiß, gilt „das Recht am Bild“ auch hier. Beides ist hier aber (nicht) geschehen, so dass die Demonstrant:innen z.T. nicht wussten, dass es sich um Pressevertreter handelte. Und bestimmten Medien keine Interviews zu geben, ist auch keine „Gewalt“ sondern ein gutes Recht.
Die Demonstrant:innen fühlten sich ganz offensichtlich bedroht – nicht selten landen solche Fotos auf entsprechenden Listen von Rechtsradikalen.
Das entschuldigt nicht die angewandte körperliche Gewalt, ist dann aber eine Gewalt gegen politische Gegner:innen und keine Gewalt gegen die Presse.
Darüber hinaus möchte ich daran erinnern, dass es die AfD ist, die nur eine „handverlesene“ Berichterstattung bei ihren Veranstaltungen zulässt (oder es zumindest versucht) – wie steht’s da mit der Pressefreiheit?
Oh, ja, und wer eine Einschränkung der Meinungsfreiheit beklagt, sollte nicht die Kommentarspalten der eigenen Zeitung schließen, bzw. nur ein wöchentliches Forum veranstalten, bei dem das Freischalten von Beiträgen von der redaktionellen Einschätzung(!) der „Bedeutsamkeit“ der entsprechenden Beiträge abhängt.
In einem gebe ich Herrn Ewert recht: Die Einschränkung des Informationsfreiheitsgesetzes ist nicht hinnehmbar – und meiner Ansicht nach eine der größten Beschneidungen der seriösen Recherchearbeit. Warum wird das nur in einem Nebensatz erwähnt?!
Hallo Sabine,
danke für Ihren Kommentar.
Der einseitigen Instrumentalisierung von „Reporter ohne Grenzen“ (RSF) muss (unter anderem) ebenso heftig widersprochen werden. Auf der aktuellen Rangliste der Pressefreiheit steht Deutschland aktuell immer noch auf einem „zufriedenstellenden“ Rang 14 von 180 Ländern. So schlecht kann es also um die Pressefreiheit in Deutschland gar nicht bestellt sein, anders als etwa in den USA.
Im Report Nahaufnahme 2026 zur Lage der Pressefreiheit in Deutschland schreiben „Reporter ohne Grenzen“ (RSF): „Die Delegitimierung journalistischer Arbeit wird von vielen Reporter*innen als große Herausforderung im Jahr 2025 wahrgenommen – befeuert durch politische Akteure, digitale Hetze und neue publizistische Milieus, die mit Zuspitzung und Desinformation immer mehr Reichweite erzielen. Besonders dramatisch wird dies, wo die zunehmende Polarisierung und ein rauer werdendes gesellschaftliches Klima zu Sicherheitsrisiken führen.“ In „RdR“ wird mal wieder systematisch ausgeblendet, aus welcher Richtung „Hass und Diffamierung“ kommen. Dazu hat RSF ein Kapitel 3 veröffentlicht, „Polarisierung und ein neues rechtes Mediensystem“, ergänzt durch Kapitel 5 „Digitale Desinformation“. Vereinzelt wurden RSF auch Angriffe aus der linksextremen Szene gemeldet.
In dieses „neue publizistische Ökosystem“ fügen sich „RdR“ und viele andere Meinungsartikel der NOZ aus meiner Sicht nahtlos ein.
Hallo Frank, danke für Ihren Kommentar.
Gewalt gegen Journalist:innen ist als Angriff auf Pressefreiheit und demokratische Meinungsbildung ohne jeden Zweifel zu verurteilen, darin stimme ich Burkhard Ewert ausdrücklich zu. Der Versuch der Reinwaschung der AFD im Text ist jedoch zurückzuweisen und zeugt wohl eher von Ewerts eigener politischen Gesinnung. Da passt es dann auch ins Bild, dass die heftigen Entgleisungen und Angriffe von AFD-Vertretern z.B. gegen die ZDF-Journalistin Dunja Hayali im Artikel keine Erwähnung finden.
Doch im Text steht ja noch mehr. Offensichtlich sieht Ewert seine ganz persönliche Pressefreiheit auch schon durch „Parteien, Aktivisten und manche Unternehmer, Bürgermeister und empörte Bürger“ bedroht, die ihren Unmut über seine (oft rechtslastigen) Meinungsbeiträge artikuliert haben. Hier werden die Konturen nun sehr unscharf, denn wer so zugespitzt und polemisch argumentiert wie Herr Ewert das immer wieder tut, der muss auch mit lautstarkem Widerspruch rechnen. Doch ist das dann eben kein „Angriff auf die Pressefreiheit“ sondern der ganz normale politische Diskurs in einem – Gott sei Dank – immer noch demokratischen Staat. Nur in Diktaturen und autokratisch regierten Staaten duldet die Meinung der Mächtigen in Politik und Medien keinerlei Widerspruch!
Hallo Christoph, danke für deinen Kommentar.
Deinem letzten Absatz stimme ich ausdrücklich zu. Scheinbar vermischt Ewert hier persönliche Pressefreiheit und Meinungsfreiheit, seinem Kolumnen sind reine Meinungsstücke, die er aber öffentlich in der Zeitung, deren Chefredakteur er ist, abdruckt. Widerspruch ist legitim.