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Meinungsfreiheit predigen, Widerspruch kuratieren – wie die NOZ am 02.05.2026 sich selbst widerspricht

Die NOZ widmet heute zwei große Stücke der Meinungsfreiheit. Gleichzeitig hat sie ihre Kommentarspalten geschlossen und Leserbriefe aus dem Artikelkontext herausgelöst. Wer Debattenkultur predigt und Widerspruch kontrolliert, hat ein Glaubwürdigkeitsproblem.

Hallo NOZ, hallo Herr Wiegelmann, hallo Herr Faus,

die heutige Ausgabe ist bemerkenswert. Auf Seite 4 dokumentiert Lucas Wiegelmann, wie viele Deutsche sich in ihrer Meinungsfreiheit eingeschränkt fühlen, und dass dieses Gefühl empirisch nicht unbegründet ist. Auf einer weiteren Seite mahnt Rainer Faus, dass öffentliche Debattenräume nur dann funktionieren, wenn Menschen nicht zum Schweigen gebracht werden. Beide Texte zusammen ergeben eine klare Botschaft: Wer verstummt, überlässt das Feld den Falschen.

Soweit, so richtig. Nur wer hat im Februar 2026 die Kommentarspalten auf noz.de geschlossen? Wer hat angekündigt, Leserbriefe künftig „in loser Folge“ und losgelöst vom jeweiligen Artikel zu veröffentlichen? Wer hat damit sichergestellt, dass Widerspruch gegen NOZ-Kommentare nicht mehr unmittelbar sichtbar ist, nicht mehr im Kontext des kritisierten Textes steht, nicht mehr für andere Leserinnen und Leser anschlussfähig bleibt?

Es ist dieselbe Redaktion, die heute zwei Seiten der Meinungsfreiheit widmet.

NOZblog

Faus schreibt, die Kosten der freien Rede müssten sinken. Traunmüller, den Wiegelmann zitiert, fordert „weniger vorschnelle moralische Etikettierung, mehr Bereitschaft, abweichende Meinungen als Teil demokratischer Auseinandersetzung auszuhalten“. Beides sind Sätze, die die NOZ offenbar für andere geschrieben hält. Denn ihre eigene Reaktion auf unbequeme Leserstimmen war nicht mehr Raum, sondern weniger. Nicht mehr Unmittelbarkeit, sondern mehr Kontrolle. Nicht Dialog auf Augenhöhe, sondern kuratierter Rückblick nach redaktionellen Spielregeln.

Das ist kein Kavaliersdelikt. Es ist ein struktureller Widerspruch, der die Glaubwürdigkeit dieser Debattenbeiträge untergräbt. Wer Meinungsfreiheit als gesellschaftliches Problem ernst nimmt, muss sich fragen lassen, wie er selbst damit umgeht, in der eigenen Redaktion, gegenüber der eigenen Leserschaft, in den eigenen Formaten.

Debattenkultur beginnt nicht mit dem, was man anderen empfiehlt. Sie beginnt damit, was man selbst aushält.

Mit freundlichen Grüßen

1 Kommentar

  1. Sabine Driehaus

    Der Artikel von Lucas Wiegelmannn über die „Mannheimer Studie“ ist mir ziemlich sauer aufgestoßen.
    Erstens wird verschwiegen, was der Anlass(!) für die Untersuchungen seit 2024 war: „Die Befürchtung, dass linke Gruppen an Universitäten andere Meinungen unterdrückten“.
    Und so passt auch die aktuelle Untersuchung ins Schema: Es geht nämlich um Beschuldigungen, „rechts“ oder „extrem“ zu sein. Auch wird nicht differenziert, ob es sich um Diffamierungen oder einfach um inhaltlichen(!) Widerspruch(!) handelt – gerade letzterer ist für Menschen insbesondere mit eher rechter Gesinnung oft schwer zu ertragen und wird mit „Unterdrückung von Meinung“ verwechselt.
    Völlig unter den Tisch fällt auch, dass das Ganze keine Einbahnstraße ist: Auch eher links oder grün eingestellte Menschen haben mit pauschalen Diffamierungen zu kämpfen.
    Es ist aber sehr offensichtlich, dass die Beschwerden „man dürfe ja hier nichts mehr sagen“ eher selten „von links“ kommen, sondern vorwiegend von rechts. Das liegt meiner Meinung nach nicht daran, dass hier eine „linke Meinungsdiktatur“ herrschte, sondern daran, dass Menschen, die rechte Narrative verbreiten, oft genug rassistische und menschenverachtende Meinungen, nicht dazu stehen, dass das rechte bis rechtsradikale Narrative sind, und sie demnach auch in dieser Ecke stehen(!), nicht, in sie „geschoben werden“.
    Meiner Erfahrung nach haben links oder grün eingestellte Menschen selten Probleme damit, auch als solche „betitelt“ zu werden – ich auch nicht, denn wenn der Einsatz für Demokratie, Vielfalt, soziale Gerechtigkeit und Umwelt / Klima „links-grün“ ist, dann bin ich gern „links-grün“ oder ein „Gutmensch“, weil es meinen Werten entspricht.
    Ich erwarte daher auch von Menschen, die andere Werte vertreten, ebenfalls dazu zu stehen.

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