Eberts Merz-Kritik hat einen berechtigten Kern. Aber „Feministische Außenpolitik“ und „Dackel-Beauftragte“ als Argumente zu verkaufen, ist keine Analyse, das ist Stimmungsmache mit Anlauf.
Hallo NOZ, hallo Herr Ebert,
der Kommentar enthält einen berechtigten Kern, ein Bundeskanzler sollte seine öffentlichen Äußerungen über einen unberechenbaren US-Präsidenten sorgfältig abwägen, zumal die sicherheitspolitische Abhängigkeit Deutschlands von den USA real und kurzfristig nicht auflösbar ist. Soweit ist der Text nachvollziehbar.
Doch drumherum baut Ebert einen rhetorischen Rahmen, der mit Analyse wenig zu tun hat. „Feministische Außenpolitik“ und „regelbasierte Ordnung“ werden nicht diskutiert, sondern als Chiffren für weltfremde Selbstüberschätzung aufgestellt. Der „Dackel-Beauftragte“ als Bild für den öffentlichen Dienst ist keine Zuspitzung, sondern Verhöhnung. Subventionen werden pauschal als „verprasst“ gerahmt, ohne zu benennen, welche, für wen, mit welchem Ergebnis und was stattdessen hätte geschehen sollen.
Genau das fehlt dem Text durchgängig, die positive Gegenseite. Wer sagt, Geld sei verprasst worden, schuldet die Antwort, wofür es hätte verwendet werden sollen. Wer sicherheitspolitisches Versagen beklagt, muss benennen, welche Entscheidungen konkret falsch waren und wer sie getroffen hat, nicht pauschal auf Subventionen und öffentlichen Dienst zeigen.
Meinungsjournalismus darf pointiert sein. Er sollte aber unterscheidbar bleiben von konservativem Reizwort-Bingo, das einen plausiblen außenpolitischen Punkt nutzt, um nebenbei Feminismus, Bürokratie und Sozialstaat in eine Abkürzung für deutsches Versagen zu verwandeln.
Mit freundlichen Grüßen
Hallo Herr Reichl,
ihrer Analyse des Kommentars von Phillip Ebert stimme ich gerne zu. Hinzufügen möchte ich aber noch die Bemerkung, dass die von ihnen monierten populistischen Zuspitzungen im Kommentar in meinen Augen mehr sind, als nur ein „konservatives Reizwort-Bingo“.
Für mich sind sie Elemente eines libertären Kulturkampfes mit dem Ziel, nicht nur den links-grün-woken Gegner zu diskreditieren sondern auch Misstrauen in die tragenden Institutionen unserer demokratischen Ordnung zu schüren. Die Zeitung mag dadurch ihre Klickzahlen und ihren geschäftlichen Erfolg kurzfristig erhöhen. Der gesellschaftliche Schaden, den sie dadurch anrichtet, wiegt in meinen Augen aber weitaus schwerer.
Denn mit ihrer permanenten Bewirtschaftung des Misstrauens verschärft sie nicht nur die innergesellschaftliche Polarisierung, sie untergräbt gleichzeitig die Fähigkeit zur Kompromissbildung in der demokratischen Mitte unseres Landes. Für mich ist das alles andere als „preiswürdig“!
Hallo Herr Schnare,
Die Diskussion weist auf elementare Schwächen und Lücken der NOZ Berichterstattung hin.
Schon zu den Zeiten, als ich das NOZ E-Paper noch abonniert hatte, gleichzeitig aber auch ein Plus Abo aus dem RND Imperium, fiel mir die fehlende Kompetenz bei der USA Berichterstattung und bei Wirtschaftsthemen auf. Das RND hat eben noch eigene Korrespondenten vor Ort. Heute eine sehr gute Analyse zum Niedergang der Lokalmedien in den USA und warum dies Trump in die Hände gespielt hat. Auch der kostenlose Newsletter „US Radar“ ist lesenswert.
Man hat den Eindruck, dass bei der NOZ Generalisten fürs Grobe zu allen Themen der Welt aus ihren Osnabrücker Schreibstuben heraus analysieren und kommentieren, geleitet dabei, wie sie zutreffend schreiben, von einem Grundgeist der Freiheit, die radikal libertär ausgelegt wird.
Nun muss man aber neuerdings feststellen, dass die NOZ bei dieser Tendenz keine Alleinstellung in Deutschland hat. Auch die Mantelteile des RND lieferten am Samstag einen libertären Rundumschlag am Tag nach dem 01.Mai ( Milei lässt grüßen!) in der neuen Kolumne „Wills Woche“. (Kostenfrei auf rnd.de nachzulesen und mittlerweile auf Platz 1 der Klickstatistik der Kommentare.) NWZ Chefautor Dr. Alexander Will aus Oldenburg. Das RND übenimmt seit 3 Wochen dessen Kolumne. In seiner Historie bei der NWZ wird seit längerem munter gegen die Umverteiler aus der SPD gepöbelt, gegen NGO gehetzt und die Kirchen sollen sich gefälligst auf das Seelenheil ihrer Schäfchen beschränken. Mißtrauen sei der elementare Grundsatz der Demokratie.
Beim neuen Debattenformat des RND seit 01.05. wurde denn gleich mal das Thema „Abschaffung von Feiertagen“ vorgeschlagen. „Vox Populi“im Newsletter sagt aber trotzdem zu 80% nein dazu. Über jeden Unsinn die Leser abstimmen zu lassen, ist ebenfalls eine Form des Populismus, die mittlerweile auch beim NDR intensiv genutzt wird und die Abstimmungs-Ergebnisse meist vorhersehbar sind. Alles wird auf eine einfache Ja oder Nein Antwort reduziert. Grautöne scheint es nicht mehr zu geben.
Ausgeklingt hat sich am Samstag interessenterweise die Neue Westfälische in Bielefeld, die Alexander Wills Rundumschlag ihren Lesern nicht zumuten wollte und den RND Text durch eine Pro Lesermeinung zum Thema Tempolimit ersetzt hat. (Disclaimer: NW gehört zu 100 % der SPD Medienholding).Aber kündigt man oder wechselt wegen einer wöchentlichen Kolumne dann seine Zeitung ,wenn ansonsten Inhalte und Analysen ok sind ?
Heute sind übrigens alle Blätter vollgestopft mit Texten und Bekenntnissen zum Thema „ Tag des Lokaljournalismus“ Die NOZ sicherlich auch. Und hier wäre mein Ansatzpunkt für die Diskussion: Wie gut und wertvoll ist die lokale Berichterstattung der NOZ mittlerweile noch? Speziell für die Stadt Osnabrück. Noch ein „must have“? Oder kann das weg ? Fehlen Themen oder ist die Mischung ausgewogen ? Alternative Mantelinhalte kann man sich auf digtalem Wege für sehr wenig Geld anderen Orts, manche sogar kostenlos beschaffen.
Wenn die Monopol-Zeitung in ihrem Lokalteil lückenhaft berichtet und Teile der Gesellschaft und deren Themen ignoriert, dann wäre das Machtmißbrauch. Als Kündiger kann ich das heute nicht mehr beurteilen. Hier wäre das Ergebnis einer Analyse der NOZ Kritiker für mich interessant.
Hallo Norbert,
vielen Dank für diesen substanzreichen Kommentar.
Der Vergleich mit dem RND und dem „Wills Woche“-Phänomen trifft einen wunden Punkt: Die libertäre Grundtendenz, die ich bei der NOZ kritisiere, ist kein Osnabrücker Sonderfall mehr, sondern breitet sich als redaktionelle Haltung durch den regionalen Medienmarkt aus. Dass die Neue Westfälische den Text bewusst nicht übernommen hat, ist ein interessantes Signal – und dass das ausgerechnet das SPD-Blatt ist, macht es analytisch nicht einfacher.
Ihr Kernpunkt zum Lokaljournalismus ist für mich die eigentlich drängende Frage: Wenn der Mantel beliebig austauschbar oder ersetzbar ist, hängt der Wert einer Regionalzeitung fast ausschließlich am Lokalteil. Und genau dort – das ist mein Eindruck aus den Leserzuschriften und Hinweisen, die ich bekomme – gibt es bei der NOZ zunehmend Lücken: Themen, die nicht vorkommen, Milieus, die nicht auftauchen, Konflikte, die nicht benannt werden.
Das wäre tatsächlich ein lohnender Analyseschwerpunkt für die ANK oder für den Blog: Was fehlt in der Osnabrück-Berichterstattung systematisch? Wer kommt nicht vor?
Wenn Sie dazu Beobachtungen oder Beispiele hast – auch aus der Zeit, als Sie noch Abonnent warst – würde mich das sehr interessieren.
Herzliche Grüße
Vielen Dank, Herr Schnare – das bringt es auf den Punkt!
„Libertärer Kulturkampf“ trifft es tatsächlich besser als mein „Reizwort-Bingo“. Es geht eben nicht nur ums Markieren eines Gegners, sondern ums systematische Untergraben von Vertrauen in Institutionen – und das mit einer gewissen geschäftlichen Logik dahinter: Polarisierung klickt, Kompromiss nicht.
Dass das alles andere als preiswürdig ist – da sind wir uns einig.