Leserbriefe, Medienkritik & politische Analysen

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Nie wirklich weg, nie wirklich da…wie die NOZ Merz Urlaub schönredet

NOZ-Kolumnistin Rena Lehmann vergleicht Merz-Urlaub mit Kohl & Merkel, nur ohne den kleinen Unterschied 14.000+ Hitzetote, Waldbrände. Und die Tautologie des Regierungssprechers („nie wirklich weg… kann man auch nicht wieder da sein“) lässt sie unkommentiert stehen, obwohl sie sonst fleißig pointiert.

Rena Lehmanns „Berliner Geflüster“ vom 22.08.2026 nimmt sich vor, die Aufregung um Friedrich Merz rund dreieinhalbwöchigen Sommerurlaub zu relativieren. Der Vergleich, den sie dafür zieht, ist griffig, Kohl am Wolfgangsee, Schröder, Merkel in Südtirol, sogar Scholz trotz Ukraine-Krieg. Kanzler machen eben Urlaub, so die Botschaft, warum also die Aufregung?

Was in dieser Aufzählung fehlt, ist der Kontext des konkreten Sommers 2026. Keine der genannten Referenz-Auszeiten fiel mit einer Hitzewelle zusammen, der laut RKI-Schätzungen über 14.000 Menschen zum Opfer fielen. Keine fiel mit großflächigen Waldbränden zusammen, wie sie in diesem Sommer Teile Deutschlands betrafen. Der Vergleich mit Kohls Wolfgangsee-Idylle funktioniert nur, wenn man genau diesen Unterschied ausblendet, und das tut der Text konsequent.

Noch aufschlussreicher ist eine Passage, die Lehmann komplett unkommentiert lässt. Vize-Regierungssprecher Sebastian Hille beantwortete auf der Bundespressekonferenz die wiederholte Frage nach der Länge von Merz Urlaub so: „Wenn man nicht weg ist, nie wirklich weg ist sozusagen, nur weil man öffentlich nicht auftritt, kann man auch nicht wieder da sein.“ Diese Aussage ist strukturell eine Tautologie, sie klingt nach einer Antwort, transportiert aber keine Information.

Bemerkenswert ist nicht die Aussage selbst (Ausweichrhetorik von Regierungssprechern ist Alltag) sondern wie die NOZ damit umgeht. Lehmann, die im selben Text pointiert über Merz Urlaubslektüre und mögliche Netflix-Exzesse witzelt, verzichtet ausgerechnet bei dieser Passage auf jeden eigenen Kommentar. Wo sie sonst zuspitzt, lässt sie hier eine Sprecher-Nichtantwort kommentarlos stehen. Das ist dieselbe asymmetrische Kommentierungsschwelle, die sich in NOZ-Texten wiederholt beobachten lässt, Zuspitzung dort, wo es um den Kanzler und seine Freizeitgestaltung geht, Zurückhaltung dort, wo es um die sprachliche Konstruktion einer Nicht-Antwort seines eigenen Sprechers geht.

Rena Lehmanns Verteidigung von Merz in der NOZ verwechselt Rechenschaftspflicht mit Bilanzlogik

Rena Lehmann in der NOZ, wer den Kanzler kritisiert ist „selbstdemontierend“. Ihre Idee, Regierungen wie Unternehmen zu führen, verwechselt Gemeinwohl mit Bilanz. Bürger sind keine Kunden, die einfach gehen können.

Hallo NOZ, hallo Frau Lehmann,

Ihr Kommentar zur aktuellen CDU-Krise ist weniger eine Analyse als eine Loyalitätserklärung. Wer innerparteilich die Abschaffung der Rente mit 63 kurz vor der Wahl in Sachsen-Anhalt hinterfragt, wird bei Ihnen nicht als jemand mit nachvollziehbaren wahltaktischen Sorgen behandelt, sondern pauschal als illoyal und selbstdemontierend abgestempelt. Dass ausgerechnet die ostdeutschen Ministerpräsidenten dieses Thema im direkten Wettbewerb mit der AfD für hochriskant halten, wäre eine genauere Betrachtung wert gewesen. Stattdessen reicht Ihnen das Wort „unglaubwürdig“, ohne die inhaltliche Seite überhaupt zu prüfen.

Besonders deutlich wird die Schieflage bei Ihrer Verteidigung der Kabinettsumbildung. Sie schreiben, man müsse eine Bundesregierung „durchaus führen wie ein Unternehmen“. Dem widerspreche ich ausdrücklich. Ein Staat ist kein Unternehmen, und diese Gleichsetzung ist mehr als eine sprachliche Ungenauigkeit.

Ein Unternehmen hat ein Ziel, nämlich Gewinn. Eine Regierung hat einen Auftrag, nämlich das Gemeinwohl aller Bürgerinnen und Bürger, auch derjenigen, die sich wirtschaftlich nicht rechnen. Kunden können ein Unternehmen verlassen, wenn es sie enttäuscht. Bürgerinnen und Bürger können das nicht, sie sind auf funktionierende staatliche Institutionen angewiesen, ob es ihnen passt oder nicht. Ein Unternehmen darf unrentable Sparten schließen. Ein Staat darf Krankenhäuser, Schulen oder soziale Sicherung nicht nach Effizienzkennzahlen abwickeln, weil dahinter Menschen und Grundrechte stehen, keine Bilanzposten.

Auch die demokratische Legitimation unterscheidet beides fundamental. Ein Vorstand ist dem Aufsichtsrat und den Aktionären Rechenschaft schuldig. Eine Regierung ist dem Parlament und letztlich der gesamten Bevölkerung Rechenschaft schuldig, in offenen, öffentlichen Verfahren, nicht in geschlossenen Sitzungen. Wer Minister mit der Sprache von „Exzellenz in der Amtsführung“ und „herausragend abliefern“ bewertet, ohne auch nur ein konkretes Beispiel zu nennen, ersetzt politische Bewertung durch Managementfloskeln.

Am Ende Ihres Textes wird die Schlagseite vollends sichtbar. Der Appell, man solle „wieder etwas mehr Vertrauen in den eigenen Kanzler“ finden, weil man „keinen anderen“ habe, ist kein journalistischer Kommentar mehr, sondern eine Wahlkampfrede an die eigene Partei. Merz‘ eigener Anteil an den aktuellen Turbulenzen, seine Entscheidungen, seine Kommunikation, kommen in Ihrem gesamten Text nicht vor. Kritik wird ausschließlich denjenigen zugeschrieben, die ihn infrage stellen.

Das passt zu einem Muster, das sich in Ihren Kommentaren wiederholt zeigt. Ob bei Merz‘ Davos-Auftritt gegenüber Trump, beim CDU-Wirtschaftsflügel-Vorstoß zur Teilzeit oder bei der Sicherheitskonferenz, immer wieder übernehmen Sie die Perspektive der Macht, statt sie zu prüfen. Diesmal geht es nicht um einen politischen Gegner, sondern um innerparteiliche Kritik, die Sie im Kern kleinreden.

Mit freundlichen Grüßen

Merz: Wenn die eigene Zeitung die These widerlegt

Tobias Schmidt von der NOZ nennt Kritik an Merz „Berliner Blase“. Fakten sagen etwas anderes. 13 % Zufriedenheit im Mai, Forsa-Rekordtief. CDU-Ost-Länder drohen mit Bundesrats-Nein zur Rentenreform. Das ist keine Medienhysterie, sondern Rebellion durch die eigene Partei.

Hallo NOZ, hallo Herr Schmidt,

Ihre Kolumne „Berliner Geflüster“ tut die Kritik an Friedrich Merz als übertriebene Erregung der Hauptstadtpresse ab. Das mag bei einzelnen Personalquerelen zutreffen, geht an der eigentlichen Lage aber vorbei.

Die Zahlen sind eindeutig. Im Mai erreichte Merz in der Forsa-Umfrage einen Zufriedenheitswert von 13 Prozent, nach Aussage von Forsa-Chef Peter Matuschek ein historischer Tiefstwert. Im Juli lag der Wert bei 18 Prozent, eine leichte Erholung auf niedrigem Niveau, doch fast drei Viertel der Bevölkerung sind weiterhin unzufrieden. Das ist kein Stimmungsbild einer aufgeregten Medienblase, sondern ein breiter gesellschaftlicher Befund.

Auch der Unmut in der eigenen Partei lässt sich nicht als Berliner Empörungsroutine abtun. Der sächsische CDU-Abgeordnete Jens Lehmann bezeichnete den Kabinettsumbau im ZDF-Morgenmagazin öffentlich als „unter aller Kanone“. Dennis Radtke, Chef des CDU-Arbeitnehmerflügels, berichtete im Vorstand von Parteiaustritten im Ruhrgebiet und sprach von einer Lage, die „ernster als zur Zeit der Spendenaffäre“ sei.

Wie ernst diese Kritik ist, zeigt ausgerechnet die eigene Zeitung auf derselben Titelseite. Dort berichtet die NOZ, dass die ostdeutschen CDU-Ministerpräsidenten Kretschmer, Voigt und Schulze offen mit einem Nein im Bundesrat zur Rentenreform drohen. Das ist keine Stilfrage und keine Personalie, sondern eine inhaltliche Revolte der eigenen Parteifreunde gegen den Kanzler.

Wer die Kritik an Merz auf die Frage reduziert, wer welchen Ministerposten bekommen hat, verkennt einen handfesten Vertrauensverlust, den auch die eigene Partei nicht mehr wegdiskutieren kann.

Mit freundlichen Grüßen

Unspektakulär und gut so? Wie die NOZ den historischen Tiefstand von Merz als Reifeprozess verkauft.

NOZ feiert Merz „unspektakulären“ Auftritt als Reifeprozess, und verschweigt dabei den aktuellen Deutschlandtrend: 13% Zustimmung, neuer Tiefstand. Ob „vorsichtiger“ wirklich Reife bedeutet oder einfach fehlender Spielraum ist, bleibt unerwähnt.

Matti Gerstenlauers Meinungsbeitrag zu Friedrich Merz zweiter Sommerpressekonferenz zeichnet das Bild eines Kanzlers, der aus Fehlern gelernt hat, weniger vollmundige Versprechen, mehr Vorsicht, mehr Disziplin. „Unweigerlich auch erfahrener in der Rolle des Regierungschefs“, so das Fazit.

Was in diesem Text komplett fehlt, ist eine Zahl. Der aktuelle ARD-DeutschlandTrend (Juli 2026) sieht nur 13 Prozent der Wahlberechtigten wohlwollend gegenüber Merz, ein neuer Tiefstand seit seinem Amtsantritt, drei Punkte schlechter als im Vormonat. Die Union fällt zeitgleich auf 22 Prozent, ihren niedrigsten Wert seit November 2021, während die AfD unverändert bei 27 Prozent liegt.

Diese Zahlen tauchen im Artikel nicht auf. Nicht als Randnotiz, nicht als Einordnung, nicht als Gegengewicht zur Lobrede. Ein Leser, der nur diesen Text kennt, bekäme den Eindruck einer Regierung im leisen Aufwind, nicht einer, die einen historischen Vertrauensverlust verwaltet.

Das wirft eine Frage auf, die der Text nicht stellt. Ist das vorsichtigere, zurückhaltendere Auftreten wirklich ein Zeichen von Reife,oder eher Ausdruck fehlender Handlungsspielräume? Ein Kanzler, der bei 13 Prozent Zustimmung wenig zu verlieren, aber auch wenig zu gewinnen hat, könnte aus schlichter Erschöpfung leiser auftreten, nicht aus strategischer Weisheit. Diese Lesart lässt sich (anders als Gerstenlauers „lernendes System“-These) aus dem Text selbst nicht widerlegen, weil er die Ausgangslage schlicht nicht benennt.

Bezeichnend auch die Übernahme von Merz‘ Selbstbeschreibung als „lernendes System“ als Zwischenüberschrift, ohne den Begriff kritisch zu hinterfragen oder in Anführungszeichen zu setzen. Wer die Selbstdeutung des Kanzlers unkommentiert zur redaktionellen Kategorie macht, übernimmt dessen Rahmung, statt sie zu prüfen.

Der Text ist keine Falschdarstellung. Er ist eine Auslassung, und Auslassungen sind, wie wir bei nozblog.com immer wieder dokumentieren, oft die wirksamste Form von Framing

Plausibler Kern, billiger Rahmen, wie Philipp Ebert in der NOZ seriöse Außenpolitik mit Reizwörtern unterwandert

Eberts Merz-Kritik hat einen berechtigten Kern. Aber „Feministische Außenpolitik“ und „Dackel-Beauftragte“ als Argumente zu verkaufen, ist keine Analyse, das ist Stimmungsmache mit Anlauf.

Hallo NOZ, hallo Herr Ebert,

der Kommentar enthält einen berechtigten Kern, ein Bundeskanzler sollte seine öffentlichen Äußerungen über einen unberechenbaren US-Präsidenten sorgfältig abwägen, zumal die sicherheitspolitische Abhängigkeit Deutschlands von den USA real und kurzfristig nicht auflösbar ist. Soweit ist der Text nachvollziehbar.

Doch drumherum baut Ebert einen rhetorischen Rahmen, der mit Analyse wenig zu tun hat. „Feministische Außenpolitik“ und „regelbasierte Ordnung“ werden nicht diskutiert, sondern als Chiffren für weltfremde Selbstüberschätzung aufgestellt. Der „Dackel-Beauftragte“ als Bild für den öffentlichen Dienst ist keine Zuspitzung, sondern Verhöhnung. Subventionen werden pauschal als „verprasst“ gerahmt, ohne zu benennen, welche, für wen, mit welchem Ergebnis und was stattdessen hätte geschehen sollen.

Genau das fehlt dem Text durchgängig, die positive Gegenseite. Wer sagt, Geld sei verprasst worden, schuldet die Antwort, wofür es hätte verwendet werden sollen. Wer sicherheitspolitisches Versagen beklagt, muss benennen, welche Entscheidungen konkret falsch waren und wer sie getroffen hat, nicht pauschal auf Subventionen und öffentlichen Dienst zeigen.

Meinungsjournalismus darf pointiert sein. Er sollte aber unterscheidbar bleiben von konservativem Reizwort-Bingo, das einen plausiblen außenpolitischen Punkt nutzt, um nebenbei Feminismus, Bürokratie und Sozialstaat in eine Abkürzung für deutsches Versagen zu verwandeln.

Mit freundlichen Grüßen

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