Leserbriefe, Medienkritik & politische Analysen seit 2025

Schlagwort: Merz (Seite 1 von 5)

Kein Einzelfall – Merz‘ Rassismus hat Methode

Merz nutzte eine Debatte über digitale Gewalt gegen Frauen, um erneut pauschal Zuwanderer als Täter darzustellen. Es ist nicht das erste Mal. Von „kleinen Paschas“ über das „Stadtbild“ bis heute, das ist kein Ausrutscher, das ist Methode.

Hallo NOZ, hallo Frau Jaquet,

hier sende ich Ihnen meinen Leserbrief zur Meinung „Die Realität kann nicht rassistisch sein“ (NOZ, 30.3.2026).

Finja Jaquet argumentiert, Merz Aussagen zur „explodierenden Gewalt“ seien durch die Kriminalstatistik gedeckt und daher kein Rassismus. Diese Einordnung klingt sachlich, sie ist es aber nicht. Denn sie betrachtet eine Aussage im Vakuum, die Teil eines langen, erkennbaren Musters ist.

Erinnern wir uns, als Merz im Januar 2023 arabischstämmige Grundschulkinder bei Markus Lanz als „kleine Paschas“ bezeichnete, ohne Belege, pauschal und trotz Kritik unentschuldigt. Im September 2023 behauptete er, abgelehnte Asylbewerber würden Deutschen die Zahnarzttermine wegnehmen. Eine Aussage, die der Präsident der Bundeszahnärztekammer umgehend als falsch zurückwies, ebenso der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. Im November 2025 sprach er von einem „Problem im Stadtbild“, das durch Abschiebungen gelöst werden solle. Ein Satz, der Menschen, die seit Jahrzehnten hier leben, als unerwünschten Anblick markiert.

Und nun, im März 2026, nutzt er eine Debatte über digitale Gewalt gegen Frauen, ausgelöst durch den Fall Ulmen/Fernandes, einem gebürtigen Deutschen ohne jeden Migrationsbezug, um erneut Zuwanderer pauschal als Gewalttäter darzustellen.

Das ist kein nüchternes Benennen von Realität. Das ist ein wiederholtes, politisch kalkuliertes Muster, ein gesellschaftliches Problem wird aufgegriffen, und der Blick wird ohne sachliche Notwendigkeit auf Migranten gelenkt. Dabei bedient Merz jedes Mal dasselbe Grundnarrativ. „Die“ nehmen „uns“ etwas weg oder bedrohen „uns“. Mal sind es Zahnarzttermine, mal das Stadtbild, mal die Sicherheit der Frauen. Der Inhalt ist austauschbar, die Wirkung dieselbe.

Zur Statistik, die Jaquet anführt folgendes. Stimmt, ausländische Tatverdächtige sind in der Kriminalstatistik überrepräsentiert. Aber die Statistik erfasst Verdächtige, nicht Verurteilte, und sie spiegelt auch wider, wer häufiger kontrolliert und angezeigt wird. Vor allem aber erklärt sie nichts ohne den sozioökonomischen Kontext. Armut, Prekarität und fehlende gesellschaftliche Teilhabe sind bekannte Faktoren für erhöhte Kriminalitätsbelastung, unabhängig von Herkunft oder Pass. Diese Faktoren zu ignorieren und stattdessen auf Herkunft zu verweisen, ist keine Ehrlichkeit, es ist eine verkürzte Lesart, die Ursachen verschleiert statt sie zu benennen.

Der Vergleich mit dem Slogan „Not all men, but always men“ hinkt zudem erheblich. Dieser beschreibt strukturelle Machtverhältnisse, die historisch gewachsen und gesellschaftlich umfassend belegt sind. Eine ethnische Zuschreibung von Kriminalität ist kategorial etwas anderes. Sprache hat Folgen. Wenn der Bundeskanzler im Bundestag ohne sachlichen Anlass den Begriff „Zuwanderer“ in eine Debatte über Gewalt gegen Frauen einführt, entsteht ein Klima. Eines, in dem sich Menschen, die seit Jahrzehnten hier arbeiten, Steuern zahlen und ihr Leben aufgebaut haben, fragen müssen: Bin ich gemeint? Diese Menschen stellen diese Frage nicht, weil sie kriminell sind. Sie stellen sie, weil politische Sprache Zugehörigkeit verteilt, und entzieht.

Die Realität ist nicht rassistisch. Aber ihre selektive, wiederholte und kontextfreie Nutzung gegen eine bestimmte Bevölkerungsgruppe kann es sehr wohl sein.

Mit freundlichen Grüßen

UPDATE 30/03/2026 – Finja Jaquet hat auf meinen Leserbrief geantwortet;

Hallo Herr Reichl, 
danke für Ihre Nachricht. Ich erkenne ein anderes, langes Muster, als Sie. Ein Muster, in dem Menschen, die hier Schutz und Unterstützung suchen, zu oft die Grenzen übertreten haben. Und ein Muster, in dem dieser Missstand zu oft eben nicht angesprochen gemacht wurde. Egal, ob wir über fehlende Täterbeschreibungen bei Straftaten reden, da diese Vorurteile schüren könnten oder über frisierte Erhebungen des Arbeitsamts darüber, welche Vornamen die häufigsten Bürgergeldempfänger haben - all das zahlt für mich in dasselbe Muster ein. 
Ob Merz diesen Punkt in dem Fernandes/Ulmen-Fall nun ohne sachliche Notwendigkeit eingebracht hat, darüber lässt sich streiten. Mein Komentar bezog sich eher auf die anschließende Empörung, die ich aus genannten Gründen für nicht gerechtfertigt halte. 
Den von Ihnen genannten sozioökonomischen Kontext habe ich aufgegriffen und halte ihn für eine Erklärung für Gewalt, aber nicht für eine Begründung oder gar Entschuldigung. Ebenso wenig die Herkunft. Ich schrieb nur, was ist: Und zwar, dass Gewaltstraftaten im Vergleich häufiger von Menschen nicht deutscher Herkunft begangen werden.  Das nutze ich nicht als Begründung oder Erklärung, sondern als Fakt. 
Ja, Sprache hat Folgen. Unausgesprochenes ebenfalls. 
Herzliche Grüße
Finja Jaquet

UPDATE 30/03/2026 – meine Antwort an Frau Jaquet lautet:

Hallo Frau Jaquet, danke für Ihre Antwort. Ich nehme sie ernst, und widerspreche ihr deshalb klar. Zum Argument des „langen Schweigens“; Merz spricht seit Jahren über Migration als Problem, „kleine Paschas“, Zahnarzttermine, das Stadtbild, jetzt Gewalt gegen Frauen. Von Schweigen kann keine Rede sein. Das Gegenteil ist wahr, kein anderer Politiker der Mitte hat das Thema in den letzten Jahren häufiger und pauschalisierender besetzt. Wenn Ihr Kommentar also eine Reaktion auf ein vermeintliches Tabu war…dieses Tabu existiert nicht. Was existiert, ist berechtigte Kritik an der Art, wie das Thema gerahmt wird. Zur Frage, ob Merz den Migrationsbezug sachlich eingebracht hat, folgendes. Sie schreiben, darüber lasse sich streiten. Ich finde, dazu lässt sich nicht streiten. Merz wurde nach digitaler Gewalt gegen Frauen gefragt, ausgelöst durch einen Fall, in dem der Täter ein gebürtiger Deutscher aus Rheinland-Pfalz ist. Es gab keinen sachlichen Anlass, Zuwanderung einzuführen. Keinen. Das ist keine Interpretation, das ist der protokollierte Verlauf der Bundestagsdebatte. Zum sozioökonomischen Kontext, ich habe ihn nicht als Entschuldigung eingebracht. Das schreiben Sie mir zu, ohne dass ich es gesagt habe. Ich habe ihn als Erklärung eingebracht, weil Erklärungen für eine ernsthafte Debatte notwendig sind. Wer Kriminalität bekämpfen will, muss ihre Ursachen verstehen. Wer stattdessen auf Herkunft zeigt, lenkt von den Ursachen ab, und damit auch von den Lösungen. Zur Gleichsetzung von Täterbeschreibungen und Bürgergeldstatistiken. Das sind zwei völlig verschiedene Sachverhalte, die Sie in einen Topf werfen. Täterbeschreibungen sind ein legitimes polizeiliches Instrument. Manipulierte Behördenstatistiken über Vornamen von Bürgergeldempfängern sind eine gezielte politische Kampagne. Diese Gleichsetzung ist kein Argument, sie ist Whataboutism. Zu „Unausgesprochenes hat ebenfalls Folgen“. Das ist Ihr stärkstes Argument, und es stimmt. Aber es trifft Ihre eigene Position. Unausgesprochen bleibt in Ihrer Analyse, dass die Kriminalstatistik Tatverdächtige erfasst, nicht Verurteilte. Unausgesprochen bleibt, dass erhöhte Kontrolldichte bestimmter Gruppen die Statistik verzerrt. Unausgesprochen bleibt, dass die von Merz beschworene „explodierende Gewalt“ im selben Moment stattfand, in dem die Asylzahlen auf den niedrigsten Stand seit zehn Jahren gefallen sind. Und unausgesprochen bleibt vor allem die Wirkung. Dass Menschen, die seit Jahrzehnten hier leben, nach solchen Debatten leiser sprechen, vorsichtiger werden, sich fragen, ob sie noch dazugehören. Sie schreiben, Sie hätten nur genannt, „was ist“. Aber Fakten ohne Kontext sind keine Wahrheit, sie sind eine Auswahl. Und diese Auswahl hat Merz, haben Sie, hat jeder zu verantworten. Mit freundlichen Grüßen

Leserbrief zu „Iran-Krieg und die Folgen Merz überlässt Trump die Show“ von Thomas Ludwig, NOZ vom 05.03.2026

Diplomatie ohne Haltung? Warum Merz Auftritt bei Trump kein ‚prinzipienfester Realismus war.

Hallo NOZ, hallo Herr Ludwig,

Thomas Ludwigs Einschätzung, Friedrich Merz agiere als „pragmatischer Brückenbauer“ zwischen Europa und den USA, verkennt die prekären Folgen eines solchen „Pragmatismus“. Merz Auftritt im Oval Office war kein Zeichen diplomatischer Stärke, sondern ein symptomatisches Versagen, europäische Werte und Verbündete zu verteidigen.

Merz ließ zu, dass Donald Trump Spanien und Großbritannien öffentlich demütigte, ohne dies zu konterkarieren. Statt die europäische Solidarität zu betonen, pflichtete er Trump bei, Spanien müsse „endlich“ die NATO-Ziele erfüllen. Dass er diese Aussage erst nach dem Treffen relativierte, unterstreicht, dass sein Schweigen taktisch war. Ein „Brückenbauer“ darf Brücken nicht selbst sprengen.

Während Trump die Militärschläge gegen den Iran als „Erfolg“ feierte, vermied Merz jede öffentliche Einordnung, obwohl selbst US-Experten die fehlende Strategie für den „Tag danach“ anprangern. Ein Kanzler, der Völkerrecht nur hinter verschlossenen Türen thematisiert, handelt nicht als Vermittler, sondern als Komplize.

Ludwig lobt Merz „Draht zu Trump“, doch was nützt ein persönliches Verhältnis, wenn es keine substanzielle Ergebnisse bringt? Die Zollkonflikte bleiben ungelöst, die Iran-Strategie der USA ist planlos, und Europa wirkt gespalten. Merz symbolische Geschenke ersetzen keine klare Linie. Diplomatie, die auf Unterordnung statt auf Gleichberechtigung setzt, ist keine Diplomatie, sie ist Dienstbarkeit.

Ludwigs These ignoriert, dass Kooperation nicht einseitig sein darf. Ein Kanzler, der europäische Partner nicht verteidigt, verliert Glaubwürdigkeit; bei den Verbündeten und bei den Bürgern. Merz Auftritt war kein „prinzipienfester Realismus“, sondern ein Realitätsverlust. Er opferte europäische Interessen für den Schein der Harmonie. Das ist nicht Pragmatismus, das ist Preisgabe.

Mit freundlichen Grüßen

Leserbrief zu „Reaktion des Bundeskanzlers auf die Rede von Donald Trump in Davos – Alles richtig gemacht, Herr Merz!“ von Rena Lehmann, NOZ vom 23.01.2026, Seite 1

Ein Leserbrief über Nähe statt Analyse; wie Rena Lehmann Friedrich Merz rahmt, statt seine Politik kritisch zu prüfen.

Hallo NOZ, hallo Frau Lehmann,

der Kommentar von Rena Lehmann wirkt weniger wie eine eigenständige Analyse als wie eine wohlwollende Begleitmusik zur Kanzlerrede. Kritik wird darin nicht geprüft, sondern vorab als populistische Sehnsucht nach verbaler Konfrontation mit Donald Trump abgeräumt. Wer mehr als rhetorische Zurückhaltung erwartet, wird so elegant aus dem Diskurs verabschiedet.

Auffällig ist (wie gewohnt) vor allem die konsequente Übernahme der Deutungsmuster des Kanzlers. Begriffe wie „kluger Realismus“, „kühler Kopf“ oder die Beschwörung der Nato als alternativlose Ordnung werden nicht hinterfragt, sondern als objektive Beschreibung der Weltlage präsentiert. Risiken dieser Linie, etwa wachsende europäische Abhängigkeiten, fehlende strategische Eigenständigkeit oder die Frage, ob Zurückhaltung gegenüber Trump tatsächlich Stabilität schafft, kommen schlicht nicht vor.

Gerade ein Meinungsstück sollte jedoch Distanz herstellen, nicht Perspektiven normalisieren. Statt Argumente gegeneinander abzuwägen, entscheidet der Kommentar von Beginn an, was als vernünftig zu gelten hat, und was nicht. Das ist bequem, aber journalistisch dünn.

Friedrich Merz mag in Davos eine formal solide Rede gehalten haben. Ob seine Strategie politisch trägt, bleibt jedoch offen. Diese Frage hätte ein Leitkommentar stellen müssen, statt sie mit einem emphatischen „Alles richtig gemacht“ gleich mit zu beantworten.

Mit freundlichen Grüßen

Leserbrief zu „Berliner Geflüster – Warum Merz und ich zu Wegner halten“ von Tobias Schmidt, NOZ vom 10.12.2025, Seite 3

Der Leserbrief kritisiert Tobias Schmidts Artikel über Kai Wegner und zeigt, wie die Relativierung politischer Lügen das Vertrauen in die Demokratie untergräbt. Der wahre Skandal ist nicht das Tennis, sondern die Täuschung der Öffentlichkeit.

Hallo NOZ, hallo Herr Schmidt,

der Artikel „Warum Merz und ich zu Wegner halten“ von Tobias Schmidt verfehlt den Kern des Problems, und trägt damit selbst zur Erosion politischen Vertrauens bei.

Nicht die Tatsache, dass Berlins Bürgermeister Kai Wegner in einer Krisensituation eine Stunde Tennis spielte, ist der Skandal. Der Skandal ist, dass er der Öffentlichkeit erklärte, er habe sich in dieser Zeit im Büro eingeschlossen, und damit nachweislich die Unwahrheit sagte.

In einer Phase, in der das Vertrauen in Politik ohnehin schwindet, ist genau das untragbar. Wer Verantwortung trägt, darf Fehler machen. Was er nicht darf, ist die Bevölkerung über sein Handeln zu täuschen. Vertrauen entsteht nicht durch Ruhe, Sympathie oder nachträgliche Rechtfertigungen, sondern durch Wahrhaftigkeit.

Umso irritierender ist die journalistische Relativierung dieses Vorgangs. Der Artikel lenkt von der Lüge ab, indem er die Debatte zur Frage umdeutet, ob ein Bürgermeister Tennis spielen dürfe, und indem er Kritik pauschal als überzogene Empörung darstellt. Das ist ein Ablenkungsmanöver.

Demokratie lebt von Kritik, nicht von Nachsicht. Wer berechtigte Kritik an politischer Unwahrheit als hysterisch abtut, verschiebt Maßstäbe, zulasten der Glaubwürdigkeit von Politik und Medien gleichermaßen.

Nicht die Öffentlichkeit verliert Maß und Mitte. Sondern jene, die versuchen, eine Lüge zum Nebenschauplatz zu erklären.

Mit freundlichen Grüßen

Am 12. Januar 2026 14:30:20 MEZ schrieb „Schmidt, Tobias“ <t.schmidt@noz.de>:

Lieber Herr Reichl,

ich antworte ausnahmsweise mal mit einem BILD-Artikel.https://www.bild.de/regional/berlin/stromausfall-die-empoerung-hat-mit-der-wirklichkeit-nichts-zu-tun-695f7b8c482dcf8831fcd73bUnd mit der Einschätzung des DRK:https://www.morgenpost.de/berlin/article410899447/tennis-gate-drk-mitarbeiter-verteidigt-gescholtenen-kai-wegner.html

Beste Grüße!

Tobias Schmidt

Moin Herr Schmidt,

danke für Ihre Antwort und die beiden Verweise.

Beide gehen jedoch am Kern der Kritik vorbei. Weder der BILD-Artikel noch die Einschätzung eines einzelnen DRK-Mitarbeiters betreffen das eigentliche Problem. Es geht nicht um die Frage, ob die Lage operativ beherrschbar war oder ob Kai Wegners Anwesenheit vor Ort etwas verändert hätte. Diese Debatte führen Sie, sie ist aber nicht meine.

Der entscheidende Punkt bleibt, dassKai Wegner der Öffentlichkeit erklärt hat, er habe sich im Büro eingeschlossen, obwohl er tatsächlich Tennis spielte. Das ist keine Frage der Einsatzlage, sondern der Wahrhaftigkeit.

Dass Sie zur Verteidigung Ihrer Position ausgerechnet einen BILD-Artikel anführen, ist dabei aufschlussreich. Nicht wegen des Mediums an sich, sondern wegen des dortigen Framings. Auch dort wird eine belegbare Unwahrheit in eine Debatte über angeblich maßlose Empörung umgedeutet. Genau dieses Muster reproduzieren Sie.

Ob die Versorgungslage stabil war oder nicht, ändert nichts daran, dass politisches Vertrauen nicht durch nachträgliche Entlastungsargumente entsteht, sondern durch Ehrlichkeit im Moment der Verantwortung. Wer diesen Maßstab relativiert, verschiebt die Verantwortung von der politischen Führung auf die Öffentlichkeit.

Genau das halte ich für journalistisch problematisch.

Mit freundlichen Grüßen

Leserbrief zu „Merz täuscht das Volk nicht – Bestsellerautor und Theologe Manfred Lütz widerspricht Chefredakteur Burkhard Ewert“ in der NOZ vom 10.01.2025, Seite 2

Der Leserbrief kritisiert Manfred Lütz‘ Verteidigung von Friedrich Merz und enthüllt rhetorische Tricks, die echte politische Verantwortung in Frage stellen. Apologetik ersetzt keine Aufrichtigkeit und untergräbt das Vertrauen in die Demokratie.

Hallo NOZ, hallo Herr Lütz,

hier mein Leserbrief zu siehe Titel.

Apologetik ersetzt keine Aufrichtigkeit

Die Replik von Manfred Lütz auf den Kommentar des Chefredakteurs Burkhard Ewert ist weniger eine sachliche Erwiderung als eine politische Verteidigungsrede für Friedrich Merz. Was als Differenzierung verkauft wird, ist bei näherem Hinsehen eine systematische Entlastungsrhetorik.

Zentral ist dabei der rhetorische Taschenspielertrick, Wahlkampfaussagen nachträglich zu bloßen „Positionen“ umzudeuten, die angeblich nie verbindlich gemeint waren. Wer jedoch im Wahlkampf kategorisch an der Schuldenbremse festhält, darf sich nicht wundern, wenn Wählerinnen und Wähler darin mehr sehen als eine unverbindliche Diskussionsgrundlage. Demokratie lebt vom Vertrauen in politische Kommunikation, nicht von semantischen Rückzugsgefechten nach der Wahl.

Auch die Konstruktion einer angeblich völlig neuen „Zeitenwende“ im Februar 2025 überzeugt nicht. Die sicherheitspolitische Lage Europas, der Ukrainekrieg und die Unzuverlässigkeit der USA unter Trump waren lange vor der Bundestagswahl bekannt. Wer diese Realität im Wahlkampf ausblendet, trägt Verantwortung für enttäuschte Erwartungen. Das nachträglich mit „staatspolitischer Notwendigkeit“ zu übertünchen, ist bequem, aber nicht redlich.

Besonders irritierend ist der moralische Gestus des Beitrags. Kritiker werden als hämisch, lösungsunfähig oder moralbesessen abqualifiziert, während der Kanzler zum überkritischen Staatsmann stilisiert wird, der sich angeblich jeder normalen politischen Rechenschaft entzieht. Genau diese Immunisierung politischer Führung gegen berechtigte Kritik beschädigt das Vertrauen in die Demokratie, nicht deren Einforderung.

Man kann Friedrich Merz verteidigen. Man sollte dann aber Argumente prüfen, Widersprüche benennen und Verantwortung anerkennen. Lobhudelei ersetzt keine Aufrichtigkeit und schon gar keine politische Analyse.

Mit freundlichen Grüßen

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