Die NOZ korrigiert Bärbel Bas per „Faktencheck“, setzt dabei Statistiken kontextlos ein und präsentiert politisches Framing als Empirie.
Hallo NOZ, hallo Frau Scheller,
Ihr Meinungsbeitrag wirft Bärbel Bas vor, die Migrationsdebatte „wegzumoderieren“. Das ist eine griffige Formulierung, die allerdings verdeckt, was der Text selbst tut: Statistiken ohne Kontext einsetzen, um eine politisch aufgeladene These abzusichern.
Die genannten Zahlen sind korrekt. Ihre Interpretation ist es nicht. Dass knapp die Hälfte der Bürgergeldempfänger keinen deutschen Pass hat, sagt nichts darüber aus, warum diese Menschen in Deutschland sind, ob sie zuvor Jahrzehnte Steuern gezahlt haben, ob sie als EU-Bürger aus dem Arbeitsmarkt gefallen sind oder ob sie tatsächlich als Asylsuchende gekommen sind. Diese Gruppen in einer Zahl zusammenzufassen und daraus auf „Einwanderung in Sozialsysteme“ zu schließen, ist kein Faktencheck, sondern Framing.
Dass Sozialleistungen bei der Wahl des Ziellandes „eine Rolle spielen können“, ist zutreffend, aber weit weniger eindeutig belegt als der Text suggeriert. Die Migrationsforschung zeigt überwiegend, dass Flucht- und Migrationsentscheidungen von Krieg, Verfolgung, sozialen Netzwerken und geografischer Erreichbarkeit dominiert werden. Die Rede von „Standortattraktivität“ durch Sozialleistungen klingt nach Wissenschaft, ist aber eine politische Rahmung.
Den Koalitionsvertrag als faktische Autorität gegen Bas zu zitieren ist methodisch schief. Koalitionsverträge sind politische Dokumente, keine empirischen Befunde.
Was Bas gesagt hat, war möglicherweise ungenau. Was Ihr Artikel daraus macht, ist es ebenfalls.
Mit freundlichen Grüßen
Ich finde schon den Begriff „Einwanderung in die Sozialsysteme“ als Abwertung schräg – denn jede/r Mensch ist Teil des Sozialsystems, entweder als „Geber“ oder „Empfänger“. Und dazu zählen auch arbeitende Migrant:innen – auch s i e sind also in „die Sozialsysteme eingewandert“.
Über Ihre Ausführungen hinaus wird offensichtlich auch nicht differenziert (wie meistens, wenn es um die Zahl von Bürgergeldempfänger:innen geht), ob es sich um erziehende Frauen, nicht arbeitende Kinder, aus diversen Gründen nicht arbeiten können- / dürfenden oder arbeitsunwilligen Menschen handelt (Gesetze, mangelnde Qualifikation, mangelnde Sprachkenntnisse, Diskriminierung….).
„Arbeitsmigrant:innen“ haben einen Job, bzw. diesen oft schon mit der Einreise in der Tasche, Asylbewerber:innen natürlich nicht, sie sind vor den Bedingungen im Heimatland geflüchtet, kommen unvorbereitet hier an und brauchen selbstverständlich erst einmal Unterstützung – keine Diffamierung!