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Schlagwort: Sachsenanhalt

Ewert und die Wahl in Sachsen-Anhalt: Wenn Erklären zu Entschuldigen wird

Ewert erklärt den AfD-Sieg in Sachsen-Anhalt mit allgemeinem Politikversagen, ohne die Verfassungsschutz-Einstufung als rechtsextrem auch nur zu erwähnen. Am Ende soll sich jeder Bürger einzeln „zusammenreißen“. Verantwortung sieht anders aus.

Hallo NOZ, hallo Herr Ewert,

Ihr Kommentar zur Wahl in Sachsen-Anhalt benennt zunächst richtige Kritikpunkte an der AfD. Beleidigungen, Lügen, Vetternwirtschaft, Druck auf Medien, das ist alles belegt und zu Recht angesprochen. Genau hier beginnt aber auch das Problem des Textes.

Der Satz „All dies haben Vertreter der übrigen Parteien ebenfalls bereits einmal fertiggebracht“ stellt eine falsche Symmetrie her. Einzelne Verfehlungen einzelner Politiker sind etwas anderes als das systematische Verhalten einer Partei, deren Landesverband in Sachsen-Anhalt vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft wird. Diese Einstufung fehlt in Ihrem Text übrigens komplett. Gerade bei einem so deutlichen Wahlsieg wäre das der entscheidende Fakt gewesen, nicht Stilfragen wie Tonlage oder Populismusvorwürfe.

Auch die Erklärung für den AfD-Erfolg bleibt seltsam diffus. Gebrochene Versprechen, wachsende Bürokratie, eine allgemeine Politikmüdigkeit, all das mag stimmen. Aber wer den Aufstieg einer rechtsextremen Partei vor allem mit allgemeinem Politikversagen erklärt, entlastet am Ende jene demokratischen Kräfte, die tatsächlich Verantwortung tragen, sei es durch Anbiederung an rechte Narrative oder durch mangelnde klare Abgrenzung.

Besonders schief wirkt die These, eine erstarkende Rechte führe andernorts in Europa zur Mäßigung. Diese Beobachtung ist weder eindeutig belegt noch beruhigend. Sie liest sich eher wie eine vorweggenommene Entwarnung, die zur tatsächlichen Faktenlage über die AfD in Sachsen-Anhalt nicht passt.

Am Ende landet die Verantwortung beim einzelnen Bürger, der sich „zusammenreißen“ soll. Das ist zu wenig. Verantwortung tragen zuerst die demokratischen Parteien und auch die Medien, die (wie auch die NOZ häufig normalisierend) über sie berichten. Wer diese Verantwortung so allgemein streut, dass am Ende niemand konkret benannt wird, macht es sich zu leicht

Mit freundlichen Grüßen

Wenn Verfassungsschutz und NOZ-Kommentar in dieselbe Ausgabe passen

Die AfD SA plant 200 Beamtenstellen politisch umzubesetzen. Der VS stuft sie als gesichert rechtsextrem ein. Die NOZ findet das „nicht zu beanstanden“ und „sozusagen eine gute Nachricht“. Selbe Ausgabe, Seite 27: vier kritische Leserbriefe. Hinten.

Hallo NOZ, hallo Herr Wiegelmann,

der Kommentar „Diese Drohung hat auch ihr Gutes“ verdient eine Gegenfrage: Was genau ist daran gut?

Wiegelmann räumt ein, dass Ulrich Siegmund mit Verschwörungserzählungen von einer „planmäßigen Ersetzung der deutschen Bevölkerung“ Wahlkampf macht. Er räumt ein, dass 150 bis 200 Beamtenstellen nach politischer Loyalität neu vergeben werden sollen. Und seine Schlussfolgerung lautet, das sei „nicht zu beanstanden“ und sogar „sozusagen eine gute Nachricht“.

Was dabei fehlt, ist der entscheidende Kontext. Die AfD in Sachsen-Anhalt wird vom dortigen Landesverfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft. Wenn eine Partei mit diesem Befund ankündigt, den Staatsapparat politisch gleichzuschalten, ist das keine gewöhnliche Regierungsbildung. Es ist ein Angriff auf das Prinzip des neutralen Berufsbeamtentums, das dem politischen Zugriff gerade deswegen entzogen ist, um solche Szenarien zu verhindern.Wiegelmann unterschlägt diesen Unterschied vollständig. Stattdessen wird Siegmunds Ankündigung gelobt, weil sie „den Ernst der Lage offenlegt“. Transparenz über antidemokratische Absichten als redaktionellen Pluspunkt zu verbuchen, ist eine bemerkenswerte journalistische Entscheidung.

Gleichzeitig stehen auf Seite 27 derselben Ausgabe vier Leserbriefe, die Ewerts AfD-Analyse sachlich und differenziert widersprechen. Ein Leser warnt ausdrücklich vor Polemik, die rechtspopulistische Narrative stärkt. Eine Zeitzeugin des Jahres 1945 zieht historische Parallelen. Wer beide Seiten der heutigen Ausgabe nebeneinanderlegt, sieht die Verschiebung: Der Widerspruch kommt hinten, die Normalisierung steht vorne.

Mit freundlichen Grüßen