Leserbriefe, Medienkritik & politische Analysen

Kategorie: Michael Clasen (Seite 2 von 7)

Michael Clasen ist Redakteur der Neuen Osnabrücker Zeitung (NOZ). Diese Kategorie dokumentiert seine Kommentare zu Wirtschaft, Außenpolitik und Innenpolitik, darunter Texte zu Trump, Iran, VW, Erbschaftsteuer und Energiewende. Analytischer Fokus: Faktenfehler, einseitige Rahmung und das Verhältnis von Meinung zu Beleg.

Brandmauer – Wenn „Einzelfälle“ zur Ausrede werden

Warum die NOZ Rupert Scholz‘ Verharmlosung der AfD im Clasen Talk ohne Einordnung durchgehen lässt, während im selben Blatt ein Wagenknecht-Interview zeigt, wie kritisches Nachfragen aussehen kann.

Hallo NOZ, hallo Frau Kanke, hallo Herr Clasen,

der Bericht über den Auftritt von Rupert Scholz im Clasen Talk gibt dessen steile Thesen wieder, ohne sie an einer einzigen Stelle mit Fakten zu konfrontieren. Das ist journalistisch zu wenig.

Wenn Scholz rechtsextreme Netzwerke in der AfD als „Einzelfälle“ abtut, hätte der Text darauf hinweisen müssen, dass genau diese Netzwerke, die völkische Ideologie führender Landesverbände und die dokumentierten Verbindungen zu gesichert rechtsextremen Gruppierungen der tragende Grund für die Einstufungen durch mehrere Landesämter für Verfassungsschutz sind. Stattdessen bleibt Scholz‘ Zweifel an dieser Einstufung („Da setze ich ein großes Fragezeichen“) unkommentiert stehen, obwohl er sich damit über eine fundierte behördliche Analyse hinwegsetzt.

Auch die Erzählung vom „entscheidenden Fehler“ der Kanzlerin Merkel 2015 als Ursprung des AfD-Erfolgs wird unwidersprochen übernommen. Das ist eine seit Jahren gängige, aber unvollständige Erklärung. Sie blendet aus, dass rechte Radikalisierung ein europaweites Phänomen ist und die AfD lange vor 2015 gegründet wurde, mit einer klaren wirtschaftsliberalen und nationalkonservativen Programmatik.

Besonders bemerkenswert ist Scholz‘ Vorschlag einer Minderheitsregierung mit fallweiser Zusammenarbeit mit der AfD. Wer als CDU-Urgestein eine kontrollierte Öffnung nach rechts fordert, verschiebt genau jene Grenze, die Parteien wie die AfD seit Jahren gezielt zu verschieben versuchen. Ein Interview-Format wie der Clasen Talk mag solche Positionen zurecht einladen, in der schriftlichen Aufbereitung braucht es dann aber Einordnung, keine bloße Wiedergabe.

Zum Vergleich, im Interview mit Sahra Wagenknecht auf Seite 4 derselben Ausgabe fragt Matti Gerstenlauer sehr direkt nach der AfD-Nähe ihrer Blockadepolitik. Genau diese Hartnäckigkeit hätte auch dem Scholz-Beitrag gutgetan.

Mit freundlichen Grüßen

Wie der Clasen Talk der NOZ unwidersprochene Kremlnarrative verbreitet

Im „Clasen Talk“ darf ein BSW-Politiker unwidersprochen erzählen, die Ukraine habe 22 statt der tatsächlich rund 36-43 Mio Einwohner und den Krieg schon verloren. Weder Fakten noch Gegenstimme. Klassisches unkritisches Interviewformat.

Hallo NOZ, hallo Frau Kanke, hallo Herr Clasen,

der Talk von Michael Clasen mit dem BSW-Politiker Michael von der Schulenburg ist ein Lehrstück dafür, wie unkritisches Interviewformat einer politischen Agenda zur Bühne wird. Wer als Gast eingeladen wird und welche Thesen dabei unwidersprochen stehen bleiben, ist eine redaktionelle Entscheidung, für die auch der Moderator Verantwortung trägt.

Von der Schulenburgs zentrale Behauptung, die Ukraine sei von 52 auf 22 Millionen Einwohner geschrumpft, hält einer Prüfung nicht stand. Aktuelle Schätzungen der Vereinten Nationen und anderer Statistikquellen gehen für 2026 von rund 36 bis 43 Millionen Menschen aus. Das ist ein dramatischer Rückgang gegenüber der Vorkriegszeit, aber eben nicht die apokalyptische Zahl, die hier unwidersprochen im Raum stehen bleibt.

Ähnlich verhält es sich mit den angeblichen 200.000 bis 400.000 Deserteuren. Diese Zahl kursiert in erster Linie in russischen und russlandnahen Quellen, eine unabhängige Bestätigung fehlt. Sie wird im Artikel als Faktum präsentiert, ohne dass die Herkunft eingeordnet wird.

Auch die These, Russland führe den Krieg nicht aus territorialen Ansprüchen, sondern aus Furcht vor einem feindlichen Militärbündnis, blendet die einseitige Annexion von vier ukrainischen Gebieten im Jahr 2022 komplett aus. Wer diese Deutung unkommentiert stehen lässt, übernimmt de facto die russische Version des Kriegsgrunds.

Am schwersten wiegt der Satz, die Ukraine habe den Krieg bereits verloren. Das ist eine politische Prognose, keine Tatsache, und sie wird hier als Feststellung präsentiert, ohne dass eine einzige Gegenstimme, etwa aus Militärexpertise oder von ukrainischer Seite, zu Wort kommt.

Ein Talkformat lebt von Zuspitzung, das ist legitim. Doch wenn steile, teils widerlegbare Thesen ohne Einordnung stehen bleiben, wird aus Journalismus eine Plattform für einseitige Kriegspropaganda. Das gilt unabhängig davon, wer den Text am Ende geschrieben hat, denn die Auswahl des Gesprächspartners liegt in der Verantwortung der Redaktion.

Mit freundlichen Grüßen

Die Lücke im Sinnbild – Wie Michael Clasen in der NOZ VWs Kahlschlag zum Beweis für Deutschlands Niedergang erklärt, ohne den Konzern selbst als Akteur vorkommen zu lassen

Die Zahlen stimmen. Die Erklärung dafür, wie sie zustande kommen, lässt einen Akteur konsequent aus, Volkswagen selbst.

Michael Clasen beschreibt in der NOZ vom 27.06.2026 den drohenden Abbau von bis zu 100.000 VW-Stellen als „Sinnbild für Deutschlands Niedergang“. Die Faktenbasis dafür ist solide, die Verdoppelung des Stellenabbau-Ziels und die Gefährdung der vier Standorte Hannover, Zwickau, Emden und Neckarsulm sind durch Berichte des Manager Magazins gedeckt, ebenso die wirtschaftliche Stagnation Deutschlands, die der Sachverständigenrat zuletzt mit nur 0,1 Prozent realem BIP-Wachstum über fünf Jahre bezifferte.

Die Kausalkette, die Clasen aus diesen Zahlen baut, ist eine andere Frage. Verantwortlich macht er „hausgemachte Probleme […] auch ganz oben in der Konzernführung, die wegen der Macht von Gewerkschaft und Politik zu wenig Innovationstempo vorgelegt hat“, und dann, eine Ebene höher, Merkel, Scholz und Merz für eine „völlig verfehlte deutsche Industriepolitik“. Was in diesem Satz nicht vorkommt: VW als Unternehmen, das eigene strategische Entscheidungen getroffen hat. Der Dieselskandal taucht nicht auf. Die verschleppte Digitalisierung der Software-Tochter Cariad taucht nicht auf. Dass der Konzern noch im ersten Quartal 2026 einen Gewinneinbruch von 28 Prozent meldete, während Vorstandsboni und Dividenden weiterliefen, taucht nicht auf. Stattdessen wird die Konzernführung selbst zum Opfer von „Gewerkschaft und Politik“ erklärt, ein Akteur ohne Verantwortung, dem äußere Kräfte die Hände gebunden haben.

Das ist kein Einzelfall bei Clasen. Schon im März, beim ersten großen VW-Stellenabbau, hatte er die 35-Stunden-Woche als Argument gegen Wettbewerbsfähigkeit angeführt und E-Fuels als ernsthafte Alternative präsentiert, Dieselskandal und verschlafene Digitalisierung blieben unerwähnt. Das Muster wiederholt sich nun nahezu identisch, nur die Zahl ist größer geworden.

Hinzu kommt eine rhetorische Technik, die man von Ebert und Ewert auf dieser Meinungsseite kennt. Die unkommentierte Aufzählung von Superlativen („Weltspitze bei Energiekosten, Bürokratie, Sozialausgaben sowie Steuern und Abgaben“), die Monokausalität suggeriert, ohne sie zu belegen. Der Schlusssatz – „Wohlstand muss erst erarbeitet werden, bevor es etwas zu verteilen gibt“ – ist dann keine Analyse mehr, sondern eine politische Setzung, die unter dem Deckmantel der Wirtschaftsanalyse daherkommt.

Was bleibt, ist ein Text, dessen Einzeldaten stimmen und dessen Erzählung trotzdem eine Leerstelle hat, die kein Zufall ist.

Der NOZ-Clasen Talk und Harald Kujat: Kreml-Narrative in Expertenkleidung

Der NOZ-Clasen-Talk lädt Harald Kujat ein, bekannt für russlandnahe Narrative seit 2022, und präsentiert ihn unkommentiert als Experten. Selenskyj als NATO-Provokateur, Ukraine als Stellvertreter der USA, das ist keine Analyse, das ist Propaganda mit Schulterklappen.

Hallo NOZ, hallo Herr Clasen,

der Clasen Talk hat sich einen Gast eingeladen, den man mit wenigen Worten präzise beschreiben kann. Harald Kujat ist keine neutrale sicherheitspolitische Stimme, sondern eine der bekanntesten Figuren im deutschsprachigen Raum, die seit 2022 russische Kriegsnarrative in westliche Medien trägt. Dass die NOZ ihn ohne jede redaktionelle Einordnung als „Ex-Nato-General“ präsentiert, ist journalistisches Versagen.

Kujats Kernthesen im Clasen Talk sind keine sicherheitspolitische Analyse, sondern Kreml-Narrative in Expertenkleidung. Die Behauptung, die Ukraine habe die NATO aktiv in den Krieg hineinziehen wollen, kehrt die Logik des Angriffskriegs um. Nicht Russland überfiel die Ukraine, sondern das Opfer wird zum Provokateur erklärt. Das ist eine rhetorische Figur, die seit 2022 systematisch aus Moskauer Propagandakanälen in westliche Debatten eingespeist wird.

Besonders problematisch ist die Anekdote über den Raketeneinschlag auf polnischem Boden 2022. Kujat behauptet, Selenskyj habe darauf gedrängt, diesen als russischen Angriff zu deklarieren, gestützt auf eine Aussage des polnischen Präsidenten Duda. Tatsächlich war diese Behauptung bereits 2022 umstritten und wurde von keiner unabhängigen Quelle bestätigt. Der Clasen Talk präsentiert sie als Tatsache, ohne jeden Hinweis auf ihre fragliche Belastbarkeit.

Das Narrativ vom „Stellvertreterkrieg zwischen USA und Russland“ ist das wirkmächtigste Instrument zur Delegitimierung der ukrainischen Souveränität. Es degradiert die Ukraine zum Objekt fremder Mächte und blendet aus, dass ein souveräner Staat sein Recht auf Selbstverteidigung wahrnimmt. Dass der Clasen Talk diese These unwidersprochen stehen lässt, ist keine Ausgewogenheit. Es ist Mitverantwortung am Framing.

Meinungsjournalismus darf Kontroversen suchen. Er sollte dabei jedoch nicht zum Resonanzboden für Positionen werden, die in sicherheitspolitischen Fachkreisen längst als russlandnah klassifiziert sind, und das ohne jeden kontextualisierenden Hinweis an die Lesenden.

Mit freundlichen Grüßen

Leserbrief zu „Merz‘ Renten-Ansage wirft Fragen auf – Ist der Fleißige am Ende der Dumme?“ von Michael Clasen, NOZ vom 22.04.2026

Clasen warnt vor Rentenkürzung, aber sein eigentliches Ziel ist die alte Rechnung: Arbeitnehmer gegen Sozialleistungsempfänger. Falsche Zahlen, fehlende Fragen, bekannte Agenda.

Hallo NOZ, hallo Herr Clasen,

der Kommentar zu Merz‘ Rentenansage verspricht eine nüchterne Analyse, liefert aber vor allem Ressentiments mit ökonomischem Anstrich.

Das zentrale rhetorische Manöver ist die Gegenüberstellung von Fleißigen und Sozialleistungsempfängern. Der Arbeitnehmer, der sich abrackert, soll am Ende nicht mehr haben als jemand, der „wenig oder gar nicht gearbeitet“ hat. Dieses Bild ist nicht neu, es ist Klassiker des Sozialstaatspopulismus. Was er verschweigt, ist dass das Grundsicherungsniveau in Deutschland bewusst niedrig gehalten ist. Wer ein Leben lang gearbeitet hat, bekommt durch Freibeträge, Rentenansprüche und Wohneigentum strukturell mehr als jemand, der auf Bürgergeld angewiesen ist. Die Gleichsetzung ist empirisch falsch und dient einzig dazu, Arbeitnehmer gegen Transferleistungsempfänger auszuspielen, statt die eigentlichen Fragen zu stellen.

Die eigentlichen Fragen sind hier andere. Warum sind Löhne in Deutschland jahrzehntelang hinter der Produktivitätsentwicklung zurückgeblieben? Warum wird Kapital steuerlich so viel günstiger behandelt als Arbeit? Warum werden Rentenbeiträge ausschließlich aus Erwerbseinkommen finanziert, Kapitalerträge aber nicht herangezogen? Diese Fragen stellt Clasen nicht, er deutet stattdessen auf Entwicklungshilfe und Beamte.

Die Diagnose zur Deindustrialisierung ist nicht falsch, aber selektiv. Dass die deutsche Industrie unter hohen Energiepreisen leidet, stimmt. Dass diese Energiepreise aber vor allem auf jahrzehntelange Abhängigkeit von fossilem Gas zurückgehen, und nicht auf die Energiewende, die Clasen als Kostenfaktor anklagt, bleibt unerwähnt. Ebenso, dass Länder mit konsequenterer Energiewende wie Dänemark oder Schweden heute niedrigere Strompreise für Industrie und Haushalte haben.

Merz‘ Ankündigung, die gesetzliche Rente zur Basisabsicherung zu degradieren, ist ein weitreichender sozialpolitischer Einschnitt. Er verdient keine apologetische Begleitung durch Hinweise auf Demografiekurven und Staatsschulden, sondern eine ehrliche Debatte darüber, wer diese Last tragen soll, und wer bisher weitgehend verschont geblieben ist.

Mit freundlichen Grüßen

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