Leserbriefe, Medienkritik & politische Analysen seit 2025

Autor: Timm Reichl (Seite 1 von 46)

Leserbrief zu „Omas gegen rechts am Scheideweg“ von Elke Bodderas, NOZ vom 13.01.2026, Seite 3

Wie die NOZ mit einem NZZ-Text Antifaschismus delegitimiert: Leserbrief zu medialen Frames gegen „Omas gegen rechts“.

Hallo NOZ, hallo Frau Bodderas,

mit der unkommentierten Übernahme des NZZ-Artikels „Omas gegen rechts‘ am Scheideweg“ beteiligt sich die NOZ an einer gezielten Delegitimierung zivilgesellschaftlichen Engagements gegen Rechtsextremismus.

Der Text arbeitet nicht journalistisch, sondern mit emotionalisierenden Einzelfällen, Schuld-durch-Assoziation und suggestiven Frames. Eine einzelne Demonstrantin wird zur Chiffre für eine Bewegung mit Zehntausenden Mitgliedern gemacht. Anekdoten ersetzen Analyse, Unterstellungen ersetzen Einordnung. Antifaschismus wird dabei subtil als Extremismusverdacht gerahmt, ein altbekanntes Narrativ.

Besonders problematisch ist, dass die NOZ diesen Beitrag ohne jede redaktionelle Einordnung veröffentlicht. Kein Hinweis auf die politische Positionierung der NZZ, keine Gegenperspektive, keine Abwägung. So entsteht der Eindruck, als handle es sich um eine sachliche Recherche, tatsächlich ist es ein meinungsgetriebter Text mit klarer Agenda.

Wer zivilgesellschaftlichen Protest gegen rechts pauschal problematisiert, während rechte Netzwerke, Sprache und Gewalt systematisch verharmlost oder relativiert werden, verschiebt den demokratischen Maßstab. Dass ausgerechnet eine Bewegung älterer Frauen dafür herhalten muss, ist bezeichnend.

Ich erwarte von einer Regionalzeitung wie der NOZ mehr journalistische Distanz, mehr Kontext, und weniger Bereitschaft, politische Narrative anderer Medien ungeprüft zu transportieren.

Mit freundlichen Grüßen

Leserbrief zu „Proteste gegen das Regime im IranTrump sagt Hilfe zu, Europa zaudert“ von Michael Clasen, NOZ vom 13.01.2026, Seite 1

Warum Michael Clasen Trumps leere Drohungen als Stärke verkauft und Europas Diplomatie systematisch abwertet – Kritik an einem vorhersehbaren Meinungsjournalismus.

Hallo NOZ, hallo Herr Clasen,

der Kommentar von Michael Clasen zu den Protesten im Iran ist ein weiteres Beispiel für ein inzwischen auffälliges Muster in seinen Meinungsbeiträgen. Donald Trump wird konsequent als entschlossener, handlungsfähiger Akteur inszeniert, während Europa reflexhaft als zaudernd und passiv dargestellt wird.

Dabei bleibt unklar, worin die von Clasen gelobte „Hilfe“ Trumps konkret bestehen soll. Vage Drohungen und rhetorische Solidaritätsbekundungen sind noch keine Außenpolitik. Sie als „starkes Signal“ zu feiern, während konkrete europäische Maßnahmen wie diplomatischer Druck, Sanktionen oder internationale Initiativen als „Funkstille“ abgewertet werden, zeugt von sehr unterschiedlichen Maßstäben.

Besonders problematisch ist die implizite Gleichsetzung von Lautstärke mit Wirksamkeit. Außenpolitische Verantwortung erschöpft sich nicht in martialischer Rhetorik, sondern besteht gerade darin, Eskalationsrisiken realistisch abzuwägen. Dass ein militärisches Eingreifen der USA im Iran unabsehbare regionale Folgen hätte, bleibt in Clasens Kommentar vollständig ausgeblendet.

Der Mut der iranischen Protestierenden verdient Solidarität und Unterstützung. Doch wer diesen Mut instrumentalisiert, um ein altbekanntes Narrativ von „Trump handelt, Europa zaudert“ zu bedienen, vereinfacht nicht nur die Realität, sondern betreibt politische Personalisierung statt Analyse.

Meinungsjournalismus darf pointiert sein. Er sollte aber nicht vorhersehbar werden und schon gar nicht einzelne politische Akteure dauerhaft verklären, während andere pauschal diskreditiert werden.

Mit freundlichen Grüßen

Leserbrief zu „Warum man den Bauern zuhören sollte“ von Philipp Ebert, NOZ vom 12.01.2025, Seite 4

Bauern zuhören? Ja, aber den richtigen. Ein Leserbrief über Macht, Bauernverband und warum kleine Höfe oft die Verlierer der Agrarpolitik sind.

Hallo NOZ, hallo Herr Ebert,

„den Bauern zuhören“, das klingt vernünftig, fast schon unstrittig. Doch genau hier beginnt das Problem des Meinungsbeitrags von Philipp Ebert: Er fordert Zuhören, ohne klar zu benennen, wer eigentlich spricht und wessen Interessen dabei systematisch unter den Tisch fallen.

Wenn der Bauernverband klagt, spricht er nicht für „die Bauern“, sondern vor allem für große, kapitalstarke Betriebe, für Flächenwachstum, Intensivierung und Subventionssicherung. Kleine und mittlere Höfe, die im Artikel zu Recht als Verlierer beschrieben werden, sind im Bauernverband strukturell unterrepräsentiert und oft sogar Leidtragende seiner Politik. Das ist kein Randdetail, sondern der zentrale Konflikt.

Ja, der Lebensmitteleinzelhandel ist hoch konzentriert. Ja, Marktmacht drückt Erzeugerpreise. Aber ebenso wahr ist, dass der Bauernverband seit Jahren genau jene Reformen bekämpft, die kleinen Betrieben helfen könnten. Etwa eine stärkere Umverteilung von EU-Agrarsubventionen, verbindliche Tierwohlstandards mit fairer Finanzierung oder eine Abkehr von der exportgetriebenen Überproduktion.

Stattdessen wird regelmäßig gegen Umweltauflagen, Mindestlohn oder Baurecht mobilisiert, also gegen Regeln, die gesellschaftliche Kosten begrenzen sollen. Wer dabei nur „zuhört“, ohne diese Interessenkonflikte offenzulegen, betreibt Romantisierung statt Aufklärung.

Unsere Kulturlandschaft ist nicht durch Agrarkonzerne bedroht, weil Politik zu streng wäre, sondern weil sie zu lange den Falschen zugehört hat. Wer wirklich Vielfalt, Dorfleben und bäuerliche Landwirtschaft erhalten will, muss Machtverhältnisse benennen und sich vom Bauernverband emanzipieren, statt ihn unhinterfragt als Stimme der Bauern zu behandeln.

Zuhören? Ja.Aber bitte nicht den Lautesten, sondern denjenigen, die sonst verdrängt werden.

Mit freundlichen Grüßen

Leserbrief zu „Günthers Aussagen zu Medienverboten irritieren“ von Ewert und Schulte, NOZ vom 12.01.2025, Seite 1

Pressefreiheit oder Gatekeeper-Panik? Ein Leserbrief zur NOZ, politischer Medienkritik und dem Verlust journalistischer Deutungshoheit.

Hallo NOZ, hallo Herr Ewert, hallo Herr Schulte,

der Kommentar von NOZ-Chefredakteur Burkhard Ewert und Martin Schulte zu Daniel Günthers Auftritt bei Markus Lanz wirft eine Frage auf, die im Text selbst nicht gestellt wird: Verteidigen Ewert und Schulte hier wirklich die Pressefreiheit, oder vor allem die eigene Deutungshoheit?

Es ist auffällig, mit welcher Vehemenz politische Kritik an bestimmten Medienangeboten sofort zur angeblichen Zensurgefahr hochgezogen wird. Dabei schützt Artikel 5 des Grundgesetzes vor staatlichen Verboten, nicht vor politischer Einordnung oder öffentlicher Kritik. Wer jede scharfe Bewertung von Medien durch Politiker bereits als autoritären Dammbruch framet, betreibt keine Aufklärung, sondern Dramatisierung.

Besonders entlarvend ist Ewerts Klage über die Öffentlichkeitsarbeit von Ministerien und Behörden. Wenn staatliche Stellen schneller und direkter mit Bürgerinnen und Bürgern kommunizieren, ist das kein Angriff auf die Demokratie, sondern ein Verlust an Gatekeeper-Macht für klassische Medien. Dass dies aus Verlagssicht schmerzt, ist nachvollziehbar. Es als Gefahr für die Pressefreiheit zu verkaufen, hingegen nicht.Irritierend ist zudem die moralische Überhöhung. Ausgerechnet große Medienhäuser, die selbst zuspitzen, weglassen, rahmen und politische Narrative selektiv verstärken, geben sich plötzlich als letzte Bastion differenzierter Wahrheit. Kritik daran wird reflexhaft als demokratiefeindlich etikettiert.

Der vielzitierte China-Vergleich schließlich wirkt wie ein rhetorischer Nebelwerfer. In einem Rechtsstaat mit unabhängigen Gerichten, Medienvielfalt und föderaler Ordnung ist es unseriös, politische Medienkritik in die Nähe totalitärer Zensur zu rücken.

Vielleicht geht es hier weniger um den Schutz der Demokratie als um die Angst, dass Meinungsbildung nicht mehr ausschließlich über etablierte Redaktionen läuft. Pressefreiheit bedeutet Vielfalt und auch die Freiheit, journalistische Autoritäten zu hinterfragen.

Mit freundlichen Grüßen

Leserbrief zu „Berliner Geflüster – Warum Merz und ich zu Wegner halten“ von Tobias Schmidt, NOZ vom 10.12.2025, Seite 3

Der Leserbrief kritisiert Tobias Schmidts Artikel über Kai Wegner und zeigt, wie die Relativierung politischer Lügen das Vertrauen in die Demokratie untergräbt. Der wahre Skandal ist nicht das Tennis, sondern die Täuschung der Öffentlichkeit.

Hallo NOZ, hallo Herr Schmidt,

der Artikel „Warum Merz und ich zu Wegner halten“ von Tobias Schmidt verfehlt den Kern des Problems, und trägt damit selbst zur Erosion politischen Vertrauens bei.

Nicht die Tatsache, dass Berlins Bürgermeister Kai Wegner in einer Krisensituation eine Stunde Tennis spielte, ist der Skandal. Der Skandal ist, dass er der Öffentlichkeit erklärte, er habe sich in dieser Zeit im Büro eingeschlossen, und damit nachweislich die Unwahrheit sagte.

In einer Phase, in der das Vertrauen in Politik ohnehin schwindet, ist genau das untragbar. Wer Verantwortung trägt, darf Fehler machen. Was er nicht darf, ist die Bevölkerung über sein Handeln zu täuschen. Vertrauen entsteht nicht durch Ruhe, Sympathie oder nachträgliche Rechtfertigungen, sondern durch Wahrhaftigkeit.

Umso irritierender ist die journalistische Relativierung dieses Vorgangs. Der Artikel lenkt von der Lüge ab, indem er die Debatte zur Frage umdeutet, ob ein Bürgermeister Tennis spielen dürfe, und indem er Kritik pauschal als überzogene Empörung darstellt. Das ist ein Ablenkungsmanöver.

Demokratie lebt von Kritik, nicht von Nachsicht. Wer berechtigte Kritik an politischer Unwahrheit als hysterisch abtut, verschiebt Maßstäbe, zulasten der Glaubwürdigkeit von Politik und Medien gleichermaßen.

Nicht die Öffentlichkeit verliert Maß und Mitte. Sondern jene, die versuchen, eine Lüge zum Nebenschauplatz zu erklären.

Mit freundlichen Grüßen

Am 12. Januar 2026 14:30:20 MEZ schrieb „Schmidt, Tobias“ <t.schmidt@noz.de>:

Lieber Herr Reichl,

ich antworte ausnahmsweise mal mit einem BILD-Artikel.https://www.bild.de/regional/berlin/stromausfall-die-empoerung-hat-mit-der-wirklichkeit-nichts-zu-tun-695f7b8c482dcf8831fcd73bUnd mit der Einschätzung des DRK:https://www.morgenpost.de/berlin/article410899447/tennis-gate-drk-mitarbeiter-verteidigt-gescholtenen-kai-wegner.html

Beste Grüße!

Tobias Schmidt

Moin Herr Schmidt,

danke für Ihre Antwort und die beiden Verweise.

Beide gehen jedoch am Kern der Kritik vorbei. Weder der BILD-Artikel noch die Einschätzung eines einzelnen DRK-Mitarbeiters betreffen das eigentliche Problem. Es geht nicht um die Frage, ob die Lage operativ beherrschbar war oder ob Kai Wegners Anwesenheit vor Ort etwas verändert hätte. Diese Debatte führen Sie, sie ist aber nicht meine.

Der entscheidende Punkt bleibt, dassKai Wegner der Öffentlichkeit erklärt hat, er habe sich im Büro eingeschlossen, obwohl er tatsächlich Tennis spielte. Das ist keine Frage der Einsatzlage, sondern der Wahrhaftigkeit.

Dass Sie zur Verteidigung Ihrer Position ausgerechnet einen BILD-Artikel anführen, ist dabei aufschlussreich. Nicht wegen des Mediums an sich, sondern wegen des dortigen Framings. Auch dort wird eine belegbare Unwahrheit in eine Debatte über angeblich maßlose Empörung umgedeutet. Genau dieses Muster reproduzieren Sie.

Ob die Versorgungslage stabil war oder nicht, ändert nichts daran, dass politisches Vertrauen nicht durch nachträgliche Entlastungsargumente entsteht, sondern durch Ehrlichkeit im Moment der Verantwortung. Wer diesen Maßstab relativiert, verschiebt die Verantwortung von der politischen Führung auf die Öffentlichkeit.

Genau das halte ich für journalistisch problematisch.

Mit freundlichen Grüßen

« Ältere Beiträge