Der Leserbrief kritisiert Tobias Schmidts Artikel über Kai Wegner und zeigt, wie die Relativierung politischer Lügen das Vertrauen in die Demokratie untergräbt. Der wahre Skandal ist nicht das Tennis, sondern die Täuschung der Öffentlichkeit.
Hallo NOZ, hallo Herr Schmidt,
der Artikel „Warum Merz und ich zu Wegner halten“ von Tobias Schmidt verfehlt den Kern des Problems, und trägt damit selbst zur Erosion politischen Vertrauens bei.
Nicht die Tatsache, dass Berlins Bürgermeister Kai Wegner in einer Krisensituation eine Stunde Tennis spielte, ist der Skandal. Der Skandal ist, dass er der Öffentlichkeit erklärte, er habe sich in dieser Zeit im Büro eingeschlossen, und damit nachweislich die Unwahrheit sagte.
In einer Phase, in der das Vertrauen in Politik ohnehin schwindet, ist genau das untragbar. Wer Verantwortung trägt, darf Fehler machen. Was er nicht darf, ist die Bevölkerung über sein Handeln zu täuschen. Vertrauen entsteht nicht durch Ruhe, Sympathie oder nachträgliche Rechtfertigungen, sondern durch Wahrhaftigkeit.
Umso irritierender ist die journalistische Relativierung dieses Vorgangs. Der Artikel lenkt von der Lüge ab, indem er die Debatte zur Frage umdeutet, ob ein Bürgermeister Tennis spielen dürfe, und indem er Kritik pauschal als überzogene Empörung darstellt. Das ist ein Ablenkungsmanöver.
Demokratie lebt von Kritik, nicht von Nachsicht. Wer berechtigte Kritik an politischer Unwahrheit als hysterisch abtut, verschiebt Maßstäbe, zulasten der Glaubwürdigkeit von Politik und Medien gleichermaßen.
Nicht die Öffentlichkeit verliert Maß und Mitte. Sondern jene, die versuchen, eine Lüge zum Nebenschauplatz zu erklären.
Mit freundlichen Grüßen
Am 12. Januar 2026 14:30:20 MEZ schrieb „Schmidt, Tobias“ <t.schmidt@noz.de>:
Lieber Herr Reichl,
ich antworte ausnahmsweise mal mit einem BILD-Artikel.https://www.bild.de/regional/berlin/stromausfall-die-empoerung-hat-mit-der-wirklichkeit-nichts-zu-tun-695f7b8c482dcf8831fcd73bUnd mit der Einschätzung des DRK:https://www.morgenpost.de/berlin/article410899447/tennis-gate-drk-mitarbeiter-verteidigt-gescholtenen-kai-wegner.html
Beste Grüße!
Tobias Schmidt
Moin Herr Schmidt,
danke für Ihre Antwort und die beiden Verweise.
Beide gehen jedoch am Kern der Kritik vorbei. Weder der BILD-Artikel noch die Einschätzung eines einzelnen DRK-Mitarbeiters betreffen das eigentliche Problem. Es geht nicht um die Frage, ob die Lage operativ beherrschbar war oder ob Kai Wegners Anwesenheit vor Ort etwas verändert hätte. Diese Debatte führen Sie, sie ist aber nicht meine.
Der entscheidende Punkt bleibt, dassKai Wegner der Öffentlichkeit erklärt hat, er habe sich im Büro eingeschlossen, obwohl er tatsächlich Tennis spielte. Das ist keine Frage der Einsatzlage, sondern der Wahrhaftigkeit.
Dass Sie zur Verteidigung Ihrer Position ausgerechnet einen BILD-Artikel anführen, ist dabei aufschlussreich. Nicht wegen des Mediums an sich, sondern wegen des dortigen Framings. Auch dort wird eine belegbare Unwahrheit in eine Debatte über angeblich maßlose Empörung umgedeutet. Genau dieses Muster reproduzieren Sie.
Ob die Versorgungslage stabil war oder nicht, ändert nichts daran, dass politisches Vertrauen nicht durch nachträgliche Entlastungsargumente entsteht, sondern durch Ehrlichkeit im Moment der Verantwortung. Wer diesen Maßstab relativiert, verschiebt die Verantwortung von der politischen Führung auf die Öffentlichkeit.
Genau das halte ich für journalistisch problematisch.
Mit freundlichen Grüßen