Leserbriefe, Medienkritik & politische Analysen

Autor: Timm Reichl (Seite 2 von 72)

NOZ und die AfD: Wenn Symmetrie die Realität verdeckt

AfD-Parteitag in Erfurt. Weidel „triumphiert“, die Gegner „hassen“. Die NOZ nennt die Partei kein einziges Mal aus eigener Feder rechtsextrem, zitiert aber unwidersprochen Weidels Spott über das Verfassungsschutzgutachten. Schieflage mit System.

Hallo NOZ, hallo Herr Ebert, hallo Frau Lehmann,

Ihre Berichterstattung vom 06.07.2026 zum AfD-Parteitag in Erfurt zeigt in Kombination ein Muster, das bereits aus früheren Ausgaben bekannt ist. Die Partei wird an keiner Stelle als das benannt, was sie laut Verfassungsschutzgutachten ist, nämlich gesichert rechtsextrem. Der Begriff taucht überhaupt nur einmal auf, und zwar in einem Zitat von Alice Weidel, die das Gutachten als „lächerliches Konvolut“ abtut. Eine eigene Einordnung der Redaktion fehlt komplett.

Dabei ist die juristische Lage deutlich unklarer, als Frau Lehmanns Formulierung suggeriert. Dass sich die AfD „bis zu einem weiteren Urteil juristisch erfolgreich zur Wehr gesetzt hat“, klingt nach einem Sieg in der Sache. Tatsächlich handelt es sich um ein laufendes Verfahren, die Einstufung ist vorläufig ausgesetzt, nicht aufgehoben. Diesen Unterschied hätte man erklären müssen.

Noch auffälliger ist die Schieflage zwischen den beiden Artikeln. Philipp Eberts Text über die Proteste konzentriert sich auf Pyrotechnik, vermummte Selbstjustiz und den Angriff auf Journalisten der „Jungen Freiheit“. Das sind reale Vorfälle, die zu Recht Erwähnung finden. Problematisch wird es aber, wenn schon die Überschrift die Demonstrierenden über „Hass“ definiert, während die Motivation dahinter (eine vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestufte Partei) unerwähnt bleibt. Wer gegen Rechtsextremismus protestiert, hasst nicht einfach „die Rechten“, sondern verteidigt demokratische Grundwerte. Diese Nuance geht im Artikel verloren.

Rena Lehmanns Porträt von Weidel wiederum liest sich streckenweise wie eine Beschreibung geschickten Kampagnenmanagements, nicht wie kritischer Journalismus. Dass zwei der drei neu gewählten Stellvertreter dem Höcke-Lager zuzurechnen sind und „mehr Thüringer Linie“ ankündigen, wird referiert, aber nicht eingeordnet. Was das inhaltlich bedeutet, für eine Person, die wegen der Verwendung einer verbotenen SA-Parole rechtskräftig verurteilt wurde, bleibt offen.

In der Summe entsteht ein Bild von zwei Lagern, dem einen „erfolgreich“ und „triumphierend“, dem anderen „hasserfüllt“ und in Teilen gewaltbereit. Diese Symmetrie existiert in der Sache nicht. Eine Partei, die der Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem einstuft, und eine Protestbewegung, die genau dagegen auf die Straße geht, sind keine gleichwertigen Pole einer Debatte.

Mit freundlichen Grüßen

Links oder rechts, beides, je nach Tag. Was Burkhard Ewerts Lesereise über Haltung und Beliebigkeit verrät.

Ewert auf der Schelenburg zu links oder rechts. „Beides, je nach Tag oder Thema.“ Zuvor in Lingen zur AfD und zu „5,5 Millionen Toten im Namen des Guten“. Beliebigkeit als Prinzip, verpackt in eine Tour durch kuratierte Kleingruppen.

Hallo NOZ, hallo Herr Buß,

Ihr Artikel über Burkhard Ewerts Abend auf der Schelenburg liest sich wie ein schönes Zeugnis gelebter Debattenkultur. Bei genauerem Lesen bleiben einige Fragen offen.

Auf die Frage, ob er links oder rechts sei, antwortet Ewert mit „beides, je nach Tag oder Thema“. Das klingt nach Offenheit, ist aber vor allem bequem. Wer sich nie festlegt, kann auch nie an einer klaren Haltung gemessen werden.

Zwei Aussagen von einer anderen Station seiner Lesereise zeigen, wohin diese Beliebigkeit führen kann. In Lingen beantwortete Ewert die Frage nach einem AfD-Verbot mit den Worten, man müsse sie nicht verbieten, sie spreche schließlich Punkte an, um die man sich kümmern müsse. Dabei lässt er aus, dass die Partei in mehreren Bundesländern vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft wird. Eine solche Partei auf „Themen ansprechen“ zu reduzieren, verschiebt den Maßstab.

In derselben Runde setzte Ewert russische Kriegsverbrechen und, wie er es nannte, „den Westen und seine Kriege“ seit dem 11. September nebeneinander, mit der Zahl von 5,5 Millionen Toten „im Namen des Guten“. Beim US-Angriff auf den Iran sprach er von „unerträglicher Doppelmoral“. So verständlich Kritik an westlicher Kriegspolitik sein kann, so schief wird sie, wenn sie zur reinen Aufrechnung wird. Ein Angriffskrieg mit imperialen Zielen und westliche Interventionen, so fragwürdig manche davon waren, sind keine vergleichbaren Größen. Wer sie in einem Atemzug nennt, erzeugt eine falsche Symmetrie, die am Ende beide Seiten verharmlost.

Auffällig ist zudem der Rahmen der gesamten Tour. Erst schließt die NOZ ihre Kommentarspalten, dann kommt ein kuratiertes Forum, in dem kritische Beiträge auf mysteriöse Weise verschwinden, und jetzt zieht der Chefredakteur mit kleinen, handverlesenen Gesprächsrunden durchs Verbreitungsgebiet. Das wird als Nähe zur Leserschaft verkauft. Wer eingeladen wird, wo die Runde stattfindet und worüber gesprochen wird, bestimmt weiterhin allein die Redaktion. Das ist etwas anderes als offene Debatte.

Mit freundlichen Grüßen

Ein NOZ-Interview mit dem Vorsitzenden der AfD-Jugendorganisation, das ihm alle Erklärungen abnimmt

Wie Tim Prahle in der NOZ dem AfD-Nachwuchspolitiker Jean-Pascal Hohm Raum gibt, Rechtsextremismus-Vorwürfe und den Begriff Bevölkerungsaustausch unwidersprochen als Missverständnis darzustellen.

Hallo NOZ, hallo Herr Prahle,

Ihr Interview mit Jean-Pascal Hohm liest sich wie eine Bühne für Selbstdarstellung, nicht wie eine kritische Befragung.Wenn Hohm die Einstufung als rechtsextremer Politiker durch den brandenburgischen Verfassungsschutz als bloße Einschätzung im politischen Wettstreit abtut, wäre eine Nachfrage fällig gewesen. Stattdessen lassen Sie diese Aussage einfach stehen. Genauso beim Begriff Bevölkerungsaustausch, den Hohm als rein beschreibend umdeutet, obwohl er zu den klassischen Versatzstücken rechtsextremer Verschwörungserzählungen gehört. Dass er selbst eingesteht, das Worst-Case-Szenario sei eine Zukunft ohne deutsche Mehrheitsbevölkerung, hätten Sie aufgreifen müssen, statt direkt zur nächsten Frage überzugehen.

Auffällig ist auch die Frageform. Verletzt es Sie oder Haben Sie Angst sind keine Fragen, die eine Position prüfen, sondern Fragen, die zum Sich-Erklären einladen. So bekommt Hohm reichlich Raum, seine Aussagen als Missverständnisse zu framen, ohne dass Sie an einer einzigen Stelle konkret nachhaken, welches dieser angeblich neunzig Prozent erklärbaren Zitate er denn nun erklären soll.

Ein Interview mit dem Vorsitzenden der AfD-Jugendorganisation darf durchaus kritische Distanz zeigen. Ihres tut das nicht.

Mit freundlichen Grüßen

Wenn Zensurwarnung der NOZ und Ebert wichtiger ist als die Höcke-Lüge selbst

Warum die NOZ bei der LfM-Rüge gegen einen Höcke-Podcast nur Kritiker der Behörde zu Wort kommen lässt und den eigentlichen Anlass aus dem Blick verliert.

Hallo NOZ, hallo Herr Ebert,

Ihr Artikel zur Rüge der Landesanstalt für Medien NRW gegen den Podcast von Ben Berndt wirft eine berechtigte Frage auf, nämlich wie viel inhaltliche Kontrolle Behörden über journalistische Angebote ausüben dürfen. Leider beantworten Sie diese Frage nur mit einer Stimme.

Sie zitieren Wolfgang Kubicki, der die Landesmedienanstalten als Relikte des 20. Jahrhunderts abtut, und Volker Boehme-Neßler, der vor einer psychologischen Vorzensur warnt. Was fehlt, ist eine Einordnung dieser Quellen. Boehme-Neßler hat die Einstufung der AfD als gesichert rechtsextremistisch öffentlich als skandalös bezeichnet und mehrfach vor einem AfD-Verbot gewarnt. Das macht seine Einschätzung nicht automatisch falsch, aber es macht sie zu einer politisch verorteten Position, die man Ihren Lesern hätte mitteilen müssen.

Auch der eigentliche Anlass der Rüge gerät bei Ihnen aus dem Blick. Björn Höcke hat in dem Podcast behauptet, die SA habe gar keine Parole gehabt, eine Aussage, die schlicht unwahr ist. Genau das hat die Landesanstalt beanstandet, nicht eine generelle Meinungsäußerung. Wer daraus eine Zensurdebatte macht, verschiebt die Frage von der journalistischen Sorgfaltspflicht auf ein angeblich bedrohtes Grundrecht.

Eine ausgewogene Berichterstattung hätte auch fragen können, warum ein Format mit sechs Millionen Aufrufen eine Falschbehauptung über ein NS-Symbol unwidersprochen stehen lässt. Diese Frage stellen Sie nicht.

Mit freundlichen Grüßen

Easy leben mit 563 Euro? Warum Jonas Schreibers Bürgergeld-Erzählung im NOZ-Interview an der Realität vorbeigeht

Ein Cicero-Autor erzählt der NOZ, Schüler würden gern ins Bürgergeld wechseln. Realität, 563 Euro Regelsatz, eingefroren seit 2024, gut jedes siebte Kind armutsgefährdet. Anekdoten statt Daten, keine Einordnung durch die NOZ. Man kennt es.

Hallo NOZ, hallo Frau Scheller, hallo Herr Schreiber,

wer im Interview suggeriert, Schülerinnen und Schüler würden Bürgergeld als bequeme Lebensperspektive betrachten, sollte zumindest die Zahlen kennen, über die er redet. Der Regelsatz für eine alleinstehende Person liegt seit 2024 unverändert bei 563 Euro im Monat, auch 2025 und 2026 gab es eine Nullrunde. Der rechnerisch ermittelte Wert für 2026 läge sogar darunter, nur eine gesetzliche Besitzschutzregelung verhindert eine Kürzung. Von diesem Betrag müssen Essen, Kleidung, Hygiene und Strom bestritten werden, Wohnen kommt zwar dazu, wird künftig aber strenger gedeckelt. Laut Statistischem Bundesamt gilt gut jedes siebte Kind in Deutschland als armutsgefährdet, knapp zwei Millionen Kinder leben vom Bürgergeld ihrer Familie. Das ist die Realität hinter diesem Interview, kein gemütliches Hängematten-Dasein.

Wenn Herr Schreiber die geplanten Sanktionen als überschaubar abtut, weil eine 30-prozentige Kürzung die restliche Familie angeblich nicht treffe, blendet er aus, dass 30 Prozent von einem Betrag, der das Existenzminimum ohnehin nur knapp deckt, für die betroffene Person trotzdem ein erheblicher Einschnitt sind. Wer von einer Position aus argumentiert, die selbst nie an dieser Grenze gelebt hat, sollte mit solchen Verharmlosungen vorsichtiger umgehen.

Methodisch ist das Interview ebenfalls dünn. Die zentrale These, Schüler würden Bürgergeld bewusst als Lebensmodell wählen, stützt sich im Wesentlichen auf zwei Anekdoten, den Schüler mit den Süßigkeiten und die geringe Teilnahme an Förderangeboten. Letzteres sagt etwas über das Engagement der Eltern aus, nicht über eine Strategie der Kinder. Belastbare Studien zu diesem Zusammenhang werden an keiner Stelle genannt, Frau Scheller hakt auch nicht nach.

Auffällig ist zudem, dass die NOZ nicht einordnet, wo Herr Schreiber publizistisch sonst unterwegs ist. Er schreibt regelmäßig für Cicero und war dort im Podcast zu Gast, sein Buch trägt ein Vorwort von Boris Palmer. Das macht seine Beobachtungen aus dem Klassenzimmer nicht automatisch falsch, aber es gehört zur journalistischen Einordnung dazu, wenn ein Interview mit derart steilen sozialpolitischen Forderungen daherkommt, von Polizeibesuchen bei Schulschwänzern bis zu finanziellen Sanktionen gegen Eltern.

Manche Befunde im Interview sind real, der PISA-Rückgang und die Noteninflation werden auch von Bildungsforschern jenseits jedes politischen Lagers beschrieben. Genau deshalb wäre eine sorgfältige Einordnung umso wichtiger gewesen, statt reale Probleme mit unbelegten Pauschalurteilen über angeblich verwahrloste Elternhäuser zu vermengen und die Lösung am Ende vor allem bei den Schwächsten zu suchen.

Mit freundlichen Grüßen

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