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Easy leben mit 563 Euro? Warum Jonas Schreibers Bürgergeld-Erzählung im NOZ-Interview an der Realität vorbeigeht

Ein Cicero-Autor erzählt der NOZ, Schüler würden gern ins Bürgergeld wechseln. Realität, 563 Euro Regelsatz, eingefroren seit 2024, gut jedes siebte Kind armutsgefährdet. Anekdoten statt Daten, keine Einordnung durch die NOZ. Man kennt es.

Hallo NOZ, hallo Frau Scheller, hallo Herr Schreiber,

wer im Interview suggeriert, Schülerinnen und Schüler würden Bürgergeld als bequeme Lebensperspektive betrachten, sollte zumindest die Zahlen kennen, über die er redet. Der Regelsatz für eine alleinstehende Person liegt seit 2024 unverändert bei 563 Euro im Monat, auch 2025 und 2026 gab es eine Nullrunde. Der rechnerisch ermittelte Wert für 2026 läge sogar darunter, nur eine gesetzliche Besitzschutzregelung verhindert eine Kürzung. Von diesem Betrag müssen Essen, Kleidung, Hygiene und Strom bestritten werden, Wohnen kommt zwar dazu, wird künftig aber strenger gedeckelt. Laut Statistischem Bundesamt gilt gut jedes siebte Kind in Deutschland als armutsgefährdet, knapp zwei Millionen Kinder leben vom Bürgergeld ihrer Familie. Das ist die Realität hinter diesem Interview, kein gemütliches Hängematten-Dasein.

Wenn Herr Schreiber die geplanten Sanktionen als überschaubar abtut, weil eine 30-prozentige Kürzung die restliche Familie angeblich nicht treffe, blendet er aus, dass 30 Prozent von einem Betrag, der das Existenzminimum ohnehin nur knapp deckt, für die betroffene Person trotzdem ein erheblicher Einschnitt sind. Wer von einer Position aus argumentiert, die selbst nie an dieser Grenze gelebt hat, sollte mit solchen Verharmlosungen vorsichtiger umgehen.

Methodisch ist das Interview ebenfalls dünn. Die zentrale These, Schüler würden Bürgergeld bewusst als Lebensmodell wählen, stützt sich im Wesentlichen auf zwei Anekdoten, den Schüler mit den Süßigkeiten und die geringe Teilnahme an Förderangeboten. Letzteres sagt etwas über das Engagement der Eltern aus, nicht über eine Strategie der Kinder. Belastbare Studien zu diesem Zusammenhang werden an keiner Stelle genannt, Frau Scheller hakt auch nicht nach.

Auffällig ist zudem, dass die NOZ nicht einordnet, wo Herr Schreiber publizistisch sonst unterwegs ist. Er schreibt regelmäßig für Cicero und war dort im Podcast zu Gast, sein Buch trägt ein Vorwort von Boris Palmer. Das macht seine Beobachtungen aus dem Klassenzimmer nicht automatisch falsch, aber es gehört zur journalistischen Einordnung dazu, wenn ein Interview mit derart steilen sozialpolitischen Forderungen daherkommt, von Polizeibesuchen bei Schulschwänzern bis zu finanziellen Sanktionen gegen Eltern.

Manche Befunde im Interview sind real, der PISA-Rückgang und die Noteninflation werden auch von Bildungsforschern jenseits jedes politischen Lagers beschrieben. Genau deshalb wäre eine sorgfältige Einordnung umso wichtiger gewesen, statt reale Probleme mit unbelegten Pauschalurteilen über angeblich verwahrloste Elternhäuser zu vermengen und die Lösung am Ende vor allem bei den Schwächsten zu suchen.

Mit freundlichen Grüßen

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2 Kommentare

  1. Sabine Driehaus

    Ein Lehrer, der ein solches Pauschalurteil über seine Schüler:innen fällt und diese dann auch noch öffentlich bloßstellt, hat meiner Meinung nach den Beruf verfehlt.
    Wenn die Kinder in Perspektivlosigkeit, Armut und fehlender Unterstützung aufwachsen, helfen weder Sanktionen bei Kindern (härtere Notengebung usw.) noch Bürgergeldentzug bei den Eltern.
    Es ist doch nun schon lange bekannt – und wird auch ebenso lange von der OECD moniert – dass der Bildungserfolg in Deutschland immer noch zu stark von der Herkunft abhängt.
    Viele Eltern haben von wiederum ihren Eltern „gelernt“, sind teilweise schlicht überfordert – es geht hier nicht nur um „Vollzeit-Bürgergeldempfänger:innen“, sondern auch um Familien, die trotz harter Arbeit nicht ausreichend verdienen, um die Familie zu ernähren (da bekommt man natürlich mit, dass „Leistung sich nicht lohnt“), und dadurch auch nicht viele Möglichkeiten haben, sich „angemessen“ um die Kinder zu kümmern, also Nachhilfe, Sportverein, Musikunterricht zu ermöglichen, sich abends noch um Probleme und Schularbeiten zu kümmern usw.. In einem Schulsystem, das immer noch darauf ausgelegt ist, dass die Eltern ebenfalls „Schulleistungen“ erbringen, sind natürlich die Kinder die Verlierer, deren Eltern das nicht können, aus welchen Gründen auch immer.
    Kinder sind das Rückgrat unserer Gesellschaft. Also sollte deren Erziehung und Bildung auch ein prioritäres Anliegen der Gesellschaft sein.
    Was tatsächlich passiert ist ein ständiges Nichtbeachten der Bedürfnisse junger Menschen und eine komplette Unterfinanzierung des Bildungssystems bzw. ein Reformwillen, der sich an heutige Bedürfnisse und Herausforderungen anpasst.
    Ein/e engagierte/r Lehrer/in würde sich dafür einsetzen, dass d i e s e Missstände behoben werden. Lehrer:innen wie Jonas Schreiber sind da kontraproduktiv!
    Nur kritisieren, an den Pranger stellen und bestrafen ist „Pädagogik“ von Vorvorgestern – ebenso wie das Schulsystem als solches! Allein Halbtagsschulen in Ganzstagsschulen umzuwandeln ist keine Reform!
    Etwas mehr Respekt statt Verachtung und Herabwürdigung auf beiden(!) Seiten wäre wünschenswert. Denn es gibt sowohl Eltern und Schüler:innen, die sich um konstruktive Zusammenarbeit bemühen, als auch Lehrer:innen, die ihren Job als Pädagog:innen(!) ernst nehmen.

    • Timm Reichl

      Hallo Sabine,

      danke für den Kommentar, der trifft ziemlich genau den Kern, den ich im Text nur angerissen habe. Der Punkt mit der Herkunftsabhängigkeit des Bildungserfolgs ist ja wirklich seit Jahrzehnten dokumentiert, die OECD moniert das bei jeder PISA-Auswertung aufs Neue, und trotzdem wird in solchen Interviews immer wieder so getan, als läge das Problem vor allem am fehlenden Willen der Familien.

      Den Hinweis auf die Working Poor finde ich besonders wichtig. Das kommt bei Schreiber komplett unter den Tisch. Es geht eben nicht nur um Bürgergeld-Bezug, sondern um Eltern, die trotz Vollzeitjob kaum über die Runden kommen und abends schlicht keine Kraft mehr für Nachhilfe oder Vereinsfahrten haben. Wenn ein Schulsystem stillschweigend voraussetzt, dass zuhause jemand Zeit und Nerven für Hausaufgabenbetreuung hat, werden genau diese Kinder strukturell benachteiligt, unabhängig davon, ob die Eltern sich bemühen oder nicht.

      Und ja, der Schlusssatz sitzt. Es gibt auf beiden Seiten Menschen, die sich wirklich reinhängen, Lehrkräfte genauso wie Eltern und Schüler:innen. Wenn ein Buch und ein Interview aber vor allem mit Bestrafung, Polizeibesuchen und Notenverschärfung werben, wird genau diese Gruppe der engagierten Pädagog:innen mit in den Sog gezogen, obwohl sie ganz anders arbeitet.

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