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Ewerts Beckenrand-Ironie zum Volksbad in der NOZ: Wenn die Kolumne mehr über den Autor verrät als über das Kunstwerk

Ewerts Kolumne zum Berliner „Volksbad“; Kosten pro Kopf statt Werkanalyse, Seitenhieb gegen die „natürlich“ geförderte NGO, Schlingensief als moralischer Maßstab. Auffällig auch, zum dauerhaften Sprachausschluss im Heidebad Halle reichte der NOZ im Juni eine dpa-Zeile.

Burkhard Ewert widmet sich am 13. August 2026 dem Volksbadprojekt der Berliner Volksbühne, einem mobilen Schwimmbad, das Intendant Matthias Lilienthal vor dem Theater aufstellen ließ, unter anderem mit einer befristeten Öffnungszeit für Menschen aus der schwarzen Community. Der Text lohnt eine genauere Lektüre, weil er gleich mehrere typische Kommentar-Techniken versammelt.

Die Ökonomisierung als Ausweichmanöver

Statt sich mit der künstlerischen Aussage des Projekts auseinanderzusetzen, rechnet Ewert die 300.000 Euro Projektkosten auf „15 Euro pro Badegast“ herunter. Das verschiebt die Debatte von der Frage „was will das Werk sagen“ zur Frage „lohnt sich das“. Mit derselben Rechnung ließe sich praktisch jede öffentlich geförderte Kunst als Verschwendung markieren, die Methode sagt mehr über die Bereitschaft zur Auseinandersetzung aus als über das Projekt selbst.

Der insinuierte NGO-Vorwurf

Die Formulierung von der „natürlich steuergeförderten“ NGO unterstellt durch das Wörtchen „natürlich“, ohne es zu behaupten. Sachlich ist an einer Kooperation mit einer geförderten Organisation meist nichts Besonderes, die Rhetorik aktiviert trotzdem ein Deutungscluster, das mit dem eigentlichen Thema nichts zu tun hat.

Der Schlingensief-Vergleich als moralische Abgrenzung

Ewert baut sich erst eine wohlwollende Referenzfigur auf, um das aktuelle Projekt daran zu messen und für unwürdig zu befinden. Schlingensief habe „verbinden“ wollen, „nicht ausgrenzen“. Das ignoriert, dass befristete Schutz- oder Communityräume eine lange Tradition genau in der Kunst- und Aktivismuspraxis haben, die Ewert eigentlich goutiert, die Volksbühne grenzt niemanden dauerhaft aus, sie öffnet einen Nachmittag lang gezielt.

Ein Kontrastfall, der zu denken gibt

Interessant ist dabei auch, wie unterschiedlich die NOZ mit vergleichbaren Themen umgeht. Als das Heidebad in Halle (Saale) im Juni 2026 dauerhaft Menschen mit unzureichenden Deutschkenntnissen den Zutritt verweigerte, blieb es bei einer knappen, unkommentierten dpa-Meldung. Keine Kolumne, kein Spott, keine Einordnung. Das muss man nicht überinterpretieren aber es zeigt, dass die NOZ durchaus in der Lage ist, Zugangsfragen zu Schwimmbädern auch sachlich und ohne Häme zu behandeln, wenn sie will.

Am Ende bleibt der Eindruck, dass Ewerts Text weniger eine Auseinandersetzung mit einem Kunstwerk ist, als eine Übung in rhetorischer Abwehr. Kosten statt Inhalt, Andeutung statt Argument, ein selektiv gewählter Vergleichsmaßstab.

Nachtrag: Der PS-Satz, der alles noch einmal verschärft

Dank an Kommentator Jürgen, der mich auf die Fortsetzung in der Online-Ausgabe des Rest der Republik aufmerksam gemacht hat.

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Was im Ursprungstext noch als Ökonomisierung und Insinuation durchging, bekommt im Nachsatz eine deutlich härtere Note. Ewert kommentiert dort, dass die Volksbühne die Ankündigung des Projekts zunächst entschärft und den Termin am Ende ganz abgesagt hat, nach eigenen Angaben wegen rassistischer Anfeindungen, die die Sicherheit gefährdet hätten.

Drei Dinge fallen am Nachsatz auf

Die Umbenennung entzieht dem Projekt die eigene Sprache. Statt beim Begriff „Volksbad“ zu bleiben, den die Veranstalter selbst gewählt haben, prägt Ewert einen neuen Begriff, der das Projekt auf ein Hautmerkmal reduziert. Das ist keine neutrale Beschreibung, sondern selbst eine Zuschreibung, ausgerechnet in einem Text, der dem Projekt vorwirft, mit Hautfarbe zu arbeiten.

Die Absagegründe werden mit einer Floskel weggewischt. Die genannte Bedrohungslage (eine sicherheitsrelevante, überprüfbare Aussage der Veranstalter) kassiert er mit zwei Worten, die weder Zustimmung noch Widerspruch bedeuten, sondern einfach Zweifel im Raum stehen lassen, ohne dass er sich festlegen müsste.

Der letzte Satz ist der eigentliche Skandal. Ewert zweifelt zunächst an, dass es tatsächlich „rechte und rassistische Hetze“ war, die zur Absage führte („Mag sein“, gemeint ist: eher nicht). Seine Alternativerklärung lautet, dass die Veranstalter vermutlich einfach überrascht gewesen seien, dass die Gesellschaft außerhalb ihrer eigenen Blase eine nach Hautfarbe getrennte Zugangsregelung selbst für überholt hält. Damit dreht Ewert den Vorwurf einfach um. Nicht die Kritiker des Projekts hätten ein Problem, sondern die Veranstalter selbst hätten mit ihrer hautfarbenbasierten Regelung „Rassentrennung“ betrieben, und die berechtigte gesellschaftliche Ablehnung dessen fälschlich als „rechte Hetze“ missverstanden. Es ist ein „Farbenblindheits“-Argument. Wer nach Hautfarbe unterscheidet, auch wohlmeinend, mache sich selbst der Rassentrennung schuldig, während die eigentliche Bedrohungslage, die die Veranstalter als Absagegrund nannten, stillschweigend infrage gestellt wird. Für einen Chefredakteur eine bemerkenswert steile Position.

Der Ursprungstext ließ sich noch als handwerkliche Schwäche lesen, Ausweichen statt Argumentieren, man kennt es. Der Nachsatz ist etwas anderes, hier wird nicht mehr nur schlecht kommentiert, sondern eine Position eingenommen, die Kritik an Rassentrennung selbst verspottet.

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4 Kommentare

  1. Frank Meding

    Zur Einordnung des RdR-Kulturkampfes lohnt sich unbedingt die Lektüre der Süddeutschen Zeitung (SZ) vom 17.08.2026, S. 9: „Kulturkampf im Wasser“: Der Berliner Verein „Each One Teach One“ „arbeitet mit schwarzen Kindern und Jugendlichen. Viele von ihnen dürften schon im Heranwachsen alltagsrassistische Unverschämtheiten erleben. Da kann ein Verein helfen – ein sicherer Hafen, der auch mal für ein paar Stunden ein eigenes Schwimmbecken bietet. Warum nicht?
    Für das auf Ressentiment-Bewirtschaftung spezialisierte Portal Nius des früheren Bild-Chefredakteurs Julian Reichelt ein gefundenes Fressen. Eine tagelange Kampagne blies den Freibad-Nachmittag zum Beweis für Wokeness-Terror auf: `Elite-Pool`, `Kultur-Schickeria`, `Berliner Volksbad schließt weiße Menschen vom Schwimmen aus`. Und so weiter.
    Bild und Welt stiegen zügig ein, AfD-Politiker hatten Stoff für ihre Social-Media-Kanäle. Die Nius- und Welt-Kommentatoren bastelten sich begeistert einen Fall von Diskriminierung, rassistischer Segregation und `umgekehrtem Rassismus`, mit der weißen Mehrheitsgesellschaft in der Rolle der verfolgten Unschuld. Wer annimmt, dass es in Deutschland Rassismus geben könnte, vor dem man zum Beispiel schwarze Kinder schützen sollte, muss selbst ein Rassist sein, so die messerscharfe Logik. Täter-Opfer-Umkehr ging auch schon mal eleganter.“
    So weit Zitate aus der SZ. Zu ergänzen ist noch, dass einem Artikel in der Frankfurter Rundschau zu entnehmen war, dass am Anfang „das Empörungsvideo einer Berliner CDU-Politikerin viral war“.

    Polarisierungsunternehmer Burkhard Ewert schließt sich bewusst dieser Kampagne an und trägt zu ihrer Verbreitung und Verstärkung bei. Als Quelle führt Ewert „Welt“ und das „Netz“ an. Sicher hat Ewert die Kommentierung in der Welt gelesen und ist sehr wahrscheinlich auch „Nius“ gefolgt (also ein Follower seiner Gesinnungsbrüder). Die Rubrik „Rest der Republik“ muss schließlich Woche für Woche mit den üblichen Empörungsthemen gefüllt werden. Ewert wirft der Volksbühne vor, sie wolle „ausgrenzen“ und „in ungut deutscher Art“ definieren, „wer aufgrund ethnischer Kriterien ins Wasser darf und wer nicht.“ Mir wird davon übel. Wie schreibt die SZ? „Täter-Opfer-Umkehr ging auch schon mal eleganter“.

  2. Jürgen

    In der online-Ausgabe des RdR hat Ewert noch ein p.s. angehängt, in dem er sich über die Gründe für die Absage lustig macht. Finde, in dieser RdR Ausgabe hat er sich selbst an Fiesheit übertroffen.
    Zitat:
    „PS: In Berlin hielt man später vom Hautfarbenschwimmtag selbst nicht mehr so viel. Erst bereinigte die Volksbühne den Ankündigungstext auf der Webseite und beseitigte die schwierigen Formulierungen, während der Termin selbst bestehen blieb. Am Donnerstagabend wurde die Aktion ganz abgesagt. Es sei zu „rechter und rassistischer Hetze“ gekommen, weshalb die Sicherheit nicht zu gewährleisten sei. Mag sein. Vielleicht war auch einfach die Überraschung groß, dass es ein Leben außerhalb der eigenen Blase gibt, das Rassentrennung und phänotypische Zuschreibungen für veraltet hält.“

  3. Timm Reichl

    Hallo Frank, hallo Jürgen, vielen Dank für Ihre Kommentare.

  4. Frank Meding

    Ich weiß nicht, ob ich so was Widerliches wie im PS von Ewert schon mal zur Kenntnis nehmen musste. Man ist schließlich schon so Einiges gewohnt. Ewert benutzt hier den Begriff „Rassentrennung“. Das ist genau das Vokabular von „Nius“, das Ewert hier übernommen hat.

    Zur Dokumentation im Folgenden weitere Auszüge aus dem o.g. Artikel der SZ:
    „Insgesamt ist der Vorgang ein Musterbeispiel für das, was der Soziologe Wilhelm Heitmeyer als ‚rechte Bedrohungsallianzen‘ analysiert, in denen sich die unterschiedlichen Akteure gegenseitig befeuern und mit ‚Legitimationsbrücken‘ (Heitmeyer) versorgen.“
    (Ergänzung von mir: „unterschiedliche Akteure“ einschließlich der NOZ).
    „Als am Donnerstag Dutzende Influencer auf der Suche nach Erregungscontent mit ihrem Kameras vor der Volksbühne standen, entschloss sich der Intendant, den Badenachmittag abzusagen, schon um die schwarzen Kinder nicht zum Bilderfutter zu machen und vor den Pöbeleien eines rechten Mobs zu schützen. Ulf Poschardt, der lautstärkste Kulturkämpfer des Springer-Verlags, machte sich keine Mühe, seine Triumphgefühle zu verbergen, als er die Absage auf Social Media mit einem höhnischen „Hahahaha“ kommentierte. Wie als Antwort auf den gepflegten Poschardt-Zynismus und die auch am Freitag vor der Volksbühne herumstehenden Influencer hängte das Theater für einen Tag ein unmissverständliches Transparent an sein Volksbad: ‚Fickt Euch‘.“

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