Warum die NOZ Siegmunds Remigrationsrhetorik unkommentiert stehen lässt, drei Wochen vor der Wahl in Sachsen-Anhalt.
Hallo NOZ, hallo Herr Otten,
Ihr Bericht über den Podcast-Auftritt von Ulrich Siegmund nennt die Verfassungsschutz-Einstufung der AfD Sachsen-Anhalt immerhin beim Namen. Das ist mehr, als man von vergleichbaren Texten in der NOZ gewohnt ist. Trotzdem bleibt der Artikel in einem entscheidenden Punkt hinter journalistischer Sorgfalt zurück.
Große Teile des Textes bestehen aus langen, unwidersprochenen Zitatblöcken. Wenn Siegmund „Remigration“ zur bloßen „Definitionsfrage“ erklärt, hätte eine Einordnung gutgetan. Der Begriff steht in der einschlägigen Forschung längst für ein politisches Programm der Vertreibung nach ethnischen Kriterien. Ihn unkommentiert als Auslegungsfrage stehen zu lassen, verharmlost seine tatsächliche Bedeutung.
Ähnlich verhält es sich mit Siegmunds Ankündigung, den Verfassungsschutz womöglich abzuschaffen oder umzubauen, während er zugleich behauptet, die Behörde überwache die Opposition. Diese Selbstwidersprüche werden referiert, aber nicht benannt. Auch die geplante Arbeitspflicht für Asylbewerber und die Umwidmung einer Einrichtung in eine Abschiebehaftanstalt stehen im Raum, ohne dass rechtliche oder menschenrechtliche Fragen dazu aufgeworfen werden.
Besonders aufschlussreich ist der Verweis auf das frühere Höcke-Gespräch im selben Podcast-Format. Dass der Moderator eingangs erklärt, er wolle „mit der Einordnerei“ gar nicht erst beginnen, wird von Ihnen fast beiläufig zitiert, ohne dass die Konsequenz dieser Ansage für den Rest des Gesprächs eingeordnet wird. Ein Format, das Politiker einer als rechtsextrem eingestuften Partei ausdrücklich ohne Widerspruch reden lässt, ist keine neutrale Plattform. Über diese strukturelle Schieflage hätte der Artikel etwas sagen müssen.
Drei Wochen vor einer Landtagswahl, in der die AfD laut Umfragen eine absolute Mehrheit erringen könnte, reicht es nicht, Zitate zu sammeln und die Einstufung einmal zu erwähnen. Journalismus, der seinem Anspruch gerecht werden will, muss auch erklären, warum diese Aussagen problematisch sind.
Mit freundlichen Grüßen
Überhaupt einen Artikel über diesen Podcast zu veröffentlichen, „adelt“ ihn schon. Absolut unnötig. Und dann auch noch einen, in dem Ulrich Siegmund stundenlang uneingeordnet zu Wort kommt – das ist nichts anderes als jemandem eine Bühne zu geben, der öffentlich lügt und sich ständig widerspricht, wie man auch schon in der Wahlarena des mdr kürzlich feststellen konnte.
Siegmund hat dort sein eigenes „Regierungs- bzw. Wahlprogramm“ verleugnet – unwidersprochen!
Ich finde es generell schwierig, wenn seriöse Medien „Aufregerthemen“ aus den Sozialen Medien aufgreifen. Denn ob diese relevant sind, oder nur von wenigen aufgebauscht werden sollen, ist oft nicht erkennbar. Und so gibt man ggf. Minderheitsmeinungen eine unverdiente Reichweite, Aufmerksamkeit und vermeintliche Seriosität.
Die Spiegel-Redaktion hat ein Siegmund-Cover mit umfangreicher Titelstory heraus gebracht, zweifellos mit der Absicht, seine „dunklen“ Machenschaften aufzudecken.
Die Chefredaktion verteidigt dies so:
https://www.spiegel.de/politik/deutschland/news-warum-ulrich-siegmund-auf-dem-spiegel-titel-ist-a-2e74d73a-af37-4986-b8a6-7d79ee19f3b4
Ein bezeichnender letzter Absatz:
„Relevanz ist unser oberstes Kriterium, nicht die Frage, wem eine Titelgeschichte nützt oder schadet. Ohnehin leiden wir nicht an der Hybris zu glauben, dass wir mit unserem Journalismus Wahlergebnisse beeinflussen können.“
Da hat jemand offensichtlich nicht verstanden, dass heutzutage Aufmerksamkeit und Schlagwörter alles sind – die Wenigsten lesen solch lange Texte ganz, und ganz bestimmt nicht die Zielgruppe der AfD. Im Gegenteil, die freut sich, wenn sie vor Wahlkämpfen wie jede andere Partei behandelt wird – bzw. von einigen Medien noch hervorgehoben wird, egal wie. Der Untertitel „Gefährlichster Mann Deutschlands“ adelt ihn weiter – denn das will die AfD: Dem vermeintlich schlechten System Deutschland gefährlich werden.
Siegmund großformatig auf dem „Spiegel“ – Cover hat einen ähnlichen Effekt wie ein Wahlplakat.
Die „Spiegel-Chefredaktion“ hat offensichtlich ein kurzes Gedächtnis: Die Ampel – insbesondere Robert Habeck – wurde von den Medien so herunter geschrieben (auch jenseits der Springer-Presse), dass gar keine Chance mehr bestand, die auch sinnvolle Politik der Ampel sachlich zu betrachten (das Sommerinterview Wulf Schmieses mit Felix Banaszak gestern zeigte deutlich, wie sehr das immer noch die Bewertung der Grünen bestimmt).
Die Medien hatten einen ziemlich großen Einfluss auf das Scheitern der Ampel und die anschließende Wahl der Union.
„Da hat jemand offensichtlich nicht verstanden, dass heutzutage Aufmerksamkeit und Schlagwörter alles sind“
Das können die eher links-liberalen Blätter vor allem in ihren Online Überschriften mittlerweile auch. Im „modernen“ E-Paper der SN am Freitag die Überschrift: „Hitzehöllentage im poltischen Schatten“ statt klassich ; „Die Hitze lässt Berlin kalt“ für eine seriöse Analyse des Versagens der Bundesregierung beim Klimamanagement. auf der Seite 3,, die ja auch viele andere Blätterim Land. wie die FR übernehmen.
Da scrollt der AFD Wähler sofort weiter.
Ehrenwert auch die Kommentierungen zum Thema am Samstag aus der Chefredaktion der NW. „Können wir uns weniger Klimaschutz leisten ?“ mit Bezug auf die Äußerungen von Lies und Lechner in NDS. Und lokal das ganze nochmal im Wochenkommentar: “ Die Hitze erzwingt einen Bewustseinswandel“
Alles gut gemeint. Aber wie die aktuelle Studie von Bertelsmann zeigt, scheitert der Bewusttseinswandel an der Frage. “ Was kostet mich das ? “ Das merken gerade auch die Grünen im Osten, die ohnmächtig feststellen, das inen das als Argument ständig um die Ohren gehaut wird. Bei den AFD Leuten ist das alles zur Glaubensfrage geworden. Mit Argumenten kann da keiner mehr überzeugen.
Sie wollen doch jetzt nicht ernsthaft die Schlagzeilen bezüglich der Rekordhitze – eine Tatsache(!), die sicht- und spürbare humanitäre und wirtschaftliche Folgen hat, mit rechtsextremistischer Propaganda vergleichen, die n i c h t auf sachlicher, sondern rein emotionaler Ebene geführt wird?!
Seid langem zeigt die Wissenschaft auf, dass die Folgen des Klimawandels teurer sind als Investitionen in den Klimaschutz – auch für die Bevölkerung. Vor diesem Hintergrund ist es absolut legitim, die derzeitige Bundes- und Landespolitik scharf zu kritisieren.
Wir haben immer noch rechtslastige und -extreme Parteien, die einen Zusammenhang der derzeitigen Temperaturen, der Dürre und der Waldbrände mit dem Klimawandel „abtun“ oder schlicht leugnen (siehe z.B. NOZ-online heute). Das wird verheerende Folgen auch auf den privaten Geldbeutel haben, und das sollte man auch klarstellen.
Es hat schon Tradition, jeden Verweis auf die dramatischen Folgen des Klimawandels, deren Anfänge wir seit Wochen und in der Gesamtheit sogar seit Jahren erleben, als „Klimahysterie“ zu stigmatisieren, Warnungen davor als „kontraproduktiv“ zu bezeichnen, weil man angeblich der Bevölkerung damit nur Angst und diese dann entsprechend „dicht“ mache.
Es ist wichtig, in diesem Zusammenhang die Tatsachen zu benennen, aber gleichzeitig aufzuzeigen, d a s s man etwas dagegen tun kann und auch tut bzw. die Bevölkerung unterstützt. Das lässt die derzeitige Bundespolitik allerdings vermissen (im Gegenteil!), und deshalb muss aufgerüttelt werden – gegen diese propagierte Gleichgültigkeit und Wissenschaftsleugnung von Union und AfD.
Die AfD macht mit reinen Emotionen, Desinformation und sogar Lügen Propaganda – die Klimawissenschaft hat immerhin Fakten hinter sich!
Das Klimathema rückt nur deshalb in den Hintergrund des Bewusstseins, weil insbesondere die Regierung und die AfD Panik vor einem wirtschaftlichen Abschwung schüren und Sozialabbau als notwendige Reaktion darauf rechtfertigen – d a s schürt Ängste! Denn objektiv betrachtet geht es den Menschen in Deutschland überwiegend gut – trotz Krisen immer noch besser als in vielen anderen Ländern – und die Dax-Konzerne fahren Rekordgewinne ein.
Dass die Grünen „ohnmächtig zuschauen müssen, wie ihnen die Kosten des Klimaschutzes ständig um die Ohren gehauen werden“ ist auch der „seriösen“ Journaille zu verdanken – siehe das Sommerinterview gestern.
Ein Problem des Themas ist, dass kaum jemand noch sachliche Überschriften und Artikel liest (da muss man ja ggf. denken und prüfen) – beim Buhlen um Aufmerksamkeit haben sie leider das Nachsehen hinter den „reißerischeren Schlagzeilen“. Die „Social Media“ setzen da offensichtlich (schlechte) Maßstäbe.
Aber wenn man den reißerisch und emotional aufgemachten AFD-Lügen nicht sachlich beikommen kann – warum ist es dann nicht legitim, sachlich Korrektes ebenfalls auf die emotionale Ebene zu rücken, um mehr Aufmerksamkeit zu generieren? Warum kritisieren Sie also die „Höllenhitze im politischen Schatten“?