Die Kolumne des Chefredakteurs der NOZ fragt, wovor wir uns schützen müssen, und verschweigt neben der Klimakrise, dass die Bundesregierung den Drohnenanschlag von Leipzig Russland zuordnet.
Hallo NOZ, hallo Herr Ewert,
Ihre Kolumne stellt eine Frage, die man stellen darf. Wird bei der Aufrüstung womöglich an den Gefahren vorbeigeplant, die uns im Alltag tatsächlich treffen? Dass Hackerangriffe auf Verwaltungen, Drohnen und unkontrollierte KI ernste Risiken sind, ist richtig, und Ihr Ruf nach Regeln für autonome Waffen verdient Zustimmung.
Die Argumentation trägt aber nicht, weil sie einen Gegensatz konstruiert, den es so nicht gibt. Drohnenabwehr, Schutz kritischer Infrastruktur und Cyberverteidigung gehören zur Sicherheitspolitik und sind genau das, wofür Geld gefordert wird. Wer Panzer gegen Hacker ausspielt, widerlegt eine Position, die kaum jemand vertritt.
Besonders deutlich wird das Problem bei Leipzig. Sie schreiben von einer Drohne, die stundenlang um einen Munitionstransport schwirrte, und halten es für plausibel, dass jemand lediglich zeigen wollte, was alles möglich ist. Dass das Gerät Sprengstoff trug, steht nicht im Text. Ebenso fehlt, dass die Bundesregierung Russland am 1. September offiziell für den versuchten Anschlag verantwortlich gemacht hat und ihn als Teil hybrider Kriegsführung einordnet. Ausgerechnet das Beispiel, das Ihrer These widerspricht, wird entschärft. Dabei belegt es, dass die Bedrohung durch Russland längst keine Frage von Panzern an einer Grenze mehr ist. Sie trifft Flughäfen, Netze und Lieferketten.
Stattdessen taucht „dem Russen“ im letzten Absatz in einer Reihe mit Plastikstrohhalmen und dem Autoverkehr auf, an denen man sich „abarbeite“. Ob beabsichtigt oder nicht, diese Gleichstellung macht aus einer realen Bedrohung ein Randthema.
Hinzu kommt eine Lücke, die ins Auge springt. In einer Liste der Gefahren unserer Zeit kommt die Klimakrise nicht vor. Der Anschlag aufs Stromnetz dient als Beleg für Ihre Gefahrenlage, über das Thema, das den Täter nach dem Bekennerschreiben antreibt, verlieren Sie kein Wort. Eine Liste, die das größte langfristige Risiko ausspart, ist keine Gefahrenanalyse.
Ihre Lösung lautet Ächtung, Achtung, Ausgleich, Aufklärung und Akzeptanz. Das klingt gut, nennt aber keine einzige Maßnahme, und Sie räumen selbst ein, man möge es Schwärmerei nennen. Diesem Einwand stimme ich zu.
Von einem Chefredakteur erwarte ich keine Begeisterung für Rüstung. Ich erwarte, dass er Bedrohungen benennt, wie sie sind, auch dort, wo sie unbequem sind und Russland heißen.
Mit freundlichen Grüßen
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