Erst schließt die NOZ ihre Kommentarspalten, dann sucht sie Leser, die ungefiltert Kritik üben. Ich nehme das Angebot ernst und lege offen, was ich geschrieben habe.
Das Angebot
Die NOZ ruft gemeinsam mit der shz einen Leserbeirat ins Leben. Es gibt 15 Plätze, die Treffen finden ab Dezember einmal im Monat per Videokonferenz statt, die Mitgliedschaft gilt ein Jahr, Bewerbungsschluss ist der 31. Oktober. Chefredakteur Jan Schönstedt sagt, man wolle nicht im eigenen Saft schmoren, sondern ungefiltert hören, was die Leserinnen und Leser erwarten. Das klingt gut, und ich nehme es zunächst so, wie es dasteht. Wer kritisch liest, sollte ein solches Angebot nicht reflexhaft abtun.
Der Zusammenhang
Zur Wahrheit gehört aber, was in den Monaten davor passiert ist. Seit dem 13. Februar sind die Kommentarspalten auf noz.de geschlossen. Leserbriefe sollen künftig gebündelt und zeitversetzt erscheinen. Im neuen Forum 360° ging im März mein zweiter Kommentar verloren, ohne dass ich eine Fehlermeldung bekam. Die Redaktion schrieb mir später, sie könne nicht nachvollziehen, wo das Problem lag. Ein Beirat mit 15 ausgewählten Stimmen ersetzt keine offene Debatte. Er kann aber etwas leisten, was Kommentarspalten nie konnten, nämlich ein regelmäßiges Gespräch mit der Redaktionsleitung. Ob das Gremium diesen Anspruch einlöst, hängt davon ab, wer drinsitzt und was dort gesagt werden darf.
Meine Rolle
Ich sehe mich nicht als den großen Kritiker der Region. Mit bspw. der Aktion NOZ kritisch teile ich das Anliegen, trete aber anders auf. Dort wird aktionistischer gearbeitet, ich lese, vergleiche und dokumentiere auf nozblog.com. Für den Beirat habe ich mich so beworben, wie ich hier schreibe, und offen gesagt, dass es diesen Blog gibt. Ich gehe davon aus, dass die Redaktion ihn kennt, denn mehrere Autoren haben auf meine Leserbriefe geantwortet.
Meine Antworten im Wortlaut
Warum möchten Sie Teil des Leserbeirats werden? Ich lese die NOZ seit Jahren sehr genau und schreibe seit 2025 auf nozblog.com Leserbriefe und Analysen zu Ihrer Berichterstattung. Das sollten Sie wissen, bevor Sie meine Bewerbung lesen. Ich bewerbe mich, weil Sie schreiben, Sie wollten nicht im eigenen Saft schmoren, und weil ich bisher erlebt habe, dass Kritik oft nur im Einzelfall und per Mail ankommt. Im Beirat könnte ich sie dort einbringen, wo sie gebündelt und im Gespräch mit der Redaktion landet. Ich bin überzeugt, dass eine Regionalzeitung mit dieser Reichweite einen kritischen Leser mehr braucht als einen zufriedenen.
Welches Thema kommt Ihrer Meinung nach in unserer Berichterstattung zu kurz oder wird einseitig beleuchtet? Die Einordnung der AfD. Als der niedersächsische Verfassungsschutz die Partei hochgestuft hat, fehlte in mehreren Artikeln das Wort Rechtsextremismus, obwohl das Innenministerium es in seiner Pressemitteilung benutzt. Auch Porträts einzelner Kandidaten stehen ohne klaren Bezug zur Einstufung der Partei. Zweitens fällt mir auf, dass im überregionalen Teil häufig Texte aus der NZZ ohne eigene Einordnung erscheinen. Drittens wirken Meinungsbeiträge zu Wirtschafts- und Sozialthemen oft aus einer Richtung geschrieben, etwa bei Erbschaftsteuer, Streiks oder Sozialleistungen. Gegenpositionen kommen selten vor.
Was gefällt Ihnen aktuell besonders gut? Dass Autorinnen und Autoren auf Kritik antworten. Mehrere Reporter und Redakteure haben auf meine Leserbriefe reagiert, auch wenn wir uns nicht einig wurden, und das ist keine Selbstverständlichkeit. Außerdem beeindruckt mich Ihre regionale Erinnerungsarbeit, zum Beispiel das Dokumentationsprojekt zur Reichspogromnacht. Und ich finde es gut, dass Sie jetzt einen Leserbeirat aufbauen.
Wo sehen Sie Verbesserungsbedarf? Beim Umgang mit Leserstimmen. Die Kommentarspalten sind geschlossen, Leserbriefe sollen künftig gebündelt und zeitversetzt erscheinen, und beim neuen Forum 360° ging mein zweiter Kommentar aus technischen Gründen verloren, ohne dass ich eine Fehlermeldung bekam. Leserreaktionen verlieren so ihre Wirkung, weil sie nicht mehr neben dem Anlass stehen. Ich wünsche mir feste Regeln, wie Beiträge zugehen, und eine Benachrichtigung, wenn etwas nicht ankommt. Dazu kommt ein klareres Kennzeichnen von Meinung und Nachricht und eine eigene Einordnung bei übernommenen Texten.
Gibt es noch etwas, das Sie uns mitgeben möchten? Ich möchte offen sein, dass ich den Beirat nicht als Werbebühne für meinen Blog verstehe. Wenn es Vertraulichkeitsregeln gibt, halte ich sie ein, und ich würde vorher gern wissen, was darunter fällt. Kritik heißt bei mir nicht, dass ich der NOZ schaden will. Ich will, dass sie besser wird, und deshalb lese ich so genau.
Wie würden Sie sich als Leser beschreiben? Sehr kritisch.
Woran ich die Ernsthaftigkeit messe
Ich lege die Kriterien vorher fest, damit ich sie hinterher nicht zurechtbiegen kann. Erstens, ob ich überhaupt eine Antwort bekomme, auch bei einer Absage. Zweitens, ob eine Absage begründet wird. Drittens, ob Vertraulichkeitsregeln vor der Teilnahme offen auf dem Tisch liegen und nicht erst nach der ersten Sitzung auftauchen. Viertens, ob im Beirat auch Themen Platz haben, die der Redaktion unangenehm sind. Wenn das alles stimmt, habe ich mich getäuscht, und das schreibe ich dann auch.
Wie es weitergeht
Die NOZ meldet sich bei ausgewählten Bewerbern ab dem 11. November. Ich berichte hier, was sie mir schreibt, bei Zusage wie bei Absage. Bei einer Zusage kommt später ein weiterer Beitrag dazu, was ich aus den Sitzungen erzählen darf und was sich bewegt hat.

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