Leserbriefe, Medienkritik & politische Analysen

Schlagwort: Russland (Seite 1 von 2)

Furcht vor dem Feind, Verständnis für den Osten. Zwei Seiten NOZ und ein gemeinsamer Unterton

Ewert deutet Merz‘ Russland-Warnung als Disziplinierungstechnik, eine Seite weiter druckt die NOZ ganzseitig einen NZZ-Text über „Miete vor Moral“, beides ohne Einordnung.

Am 08.10.2026 stehen in der NOZ zwei Texte, die einzeln vertretbar sind und zusammen ein Bild ergeben. Auf Seite 2 kommentiert Burkhard Ewert in seiner Rubrik „Rest der Republik“ die Rede von Friedrich Merz in Münster. Auf Seite 3 folgt ganzseitig der NZZ-Beitrag „Sowjetnostalgie, Angst – oder beides?“ von Nathan Giwerzew.

Was Ewert richtig sieht

Seine historischen Einwände sind nicht aus der Luft gegriffen. Dass der Westfälische Frieden nicht verhinderte, dass von deutschem Boden später weitere Kriege ausgingen, ist ein Punkt, über den man reden kann. Auch seine Verwunderung, dass Merz dem Preisträger Nato so wenig Raum gab, ist legitim. Und Reinhard Zinkanns Rede als Gegenbild zu würdigen, ist eine Meinung, die ein Kommentar äußern darf.

Problematisch wird es bei Sallusts „Metus hostilis“. Ewert unterstellt dem Kanzler damit, er beschwöre eine äußere Gefahr, um die Bevölkerung zu disziplinieren und die Loyalität zu steigern. Ob die Gefahr real ist, prüft er nicht. Der russische Angriffskrieg taucht nur als Einschub auf („versteht sich“). Wer Merz‘ Warnung vor einer Kriegsmaschinerie, die sich irgendwann gegen die Nato richten könnte, zur Rhetorik erklärt, müsste zumindest sagen, warum er sie für unbegründet hält. Das geschieht nicht.

AfD und die Bots

Auch Merz‘ Hinweis auf Moskauer Bots und die AfD wird bei Ewert zum Versuch, die Einheit „hinter sich“ zu beschwören. Dass russische Einflussnahme auf Debatten dokumentiert ist, bleibt unerwähnt. So wird aus einer Warnung eine Pose.

Der Gegenentwurf trägt nicht. Zinkann dient als Gegenstück zu Krieg und Rüstung. Ewert zitiert aber selbst, dass dieser von soliden Finanzen, einer leistungsfähigen Wirtschaft und Stärke als Voraussetzung für Sicherheit spricht. Das ist keine Absage an Merz‘ Linie, sondern eine andere Betonung. Aus Krieg gegen Verständigung wird so ein Gegensatz, den die Redner selbst nicht aufmachen.

Die Seite danach

Der NZZ-Text will erklären, warum viele Ostdeutsche anders auf Russland blicken, und das ist ein berechtigtes Anliegen. Er räumt sogar ein, dass Ostdeutschland kein Monolith ist. Trotzdem bleibt er fast durchgehend bei der Perspektive derer, die er erklärt. Wichtige Aussagen stützen sich auf einen „Großteil der Bevölkerung“, der einzige konkrete Zahlenbeleg zur Sanktionspolitik stammt aus dem Juli 2022. Der Historiker, der die sowjetischen Soldaten als „arme Schweine“ beschreibt, steht ohne Gegenstimme da. Das Fazit, die Zeitenwende sei ein „westdeutsches Produkt mit moralischem Alleinvertretungsanspruch“, ist eine Wertung in einem Stück, das sich als Erklärstück gibt. Die ukrainische Sicht und die Folgen russischer Kriegsverbrechen kommen kaum vor. Unter dem Text steht nur der Hinweis auf die Erstveröffentlichung.

Der Zusammenhang

Ich werfe Ewert nicht vor, er wolle Russland kleinreden. Das steht so nicht im Text. Aber wenn eine Zeitung auf Seite 2 die Warnung vor Russland als Stimmungsmache liest und auf Seite 3 ohne eigene Einordnung „Miete vor Moral“ als nachvollziehbare Haltung ausbreitet, entsteht ein Gesamteindruck. Russlands Gefährlichkeit erscheint dann vor allem als Stoff für deutsche Befindlichkeiten. Das darf man als Meinung vertreten. Man sollte es dann aber auch so benennen und nicht als Analyse verkaufen.

Panzer gegen Hacker? Ewerts Gefahrenliste lässt Russland und das Klima außen vor

Die Kolumne des Chefredakteurs der NOZ fragt, wovor wir uns schützen müssen, und verschweigt neben der Klimakrise, dass die Bundesregierung den Drohnenanschlag von Leipzig Russland zuordnet.

Hallo NOZ, hallo Herr Ewert,

Ihre Kolumne stellt eine Frage, die man stellen darf. Wird bei der Aufrüstung womöglich an den Gefahren vorbeigeplant, die uns im Alltag tatsächlich treffen? Dass Hackerangriffe auf Verwaltungen, Drohnen und unkontrollierte KI ernste Risiken sind, ist richtig, und Ihr Ruf nach Regeln für autonome Waffen verdient Zustimmung.

Die Argumentation trägt aber nicht, weil sie einen Gegensatz konstruiert, den es so nicht gibt. Drohnenabwehr, Schutz kritischer Infrastruktur und Cyberverteidigung gehören zur Sicherheitspolitik und sind genau das, wofür Geld gefordert wird. Wer Panzer gegen Hacker ausspielt, widerlegt eine Position, die kaum jemand vertritt.

Besonders deutlich wird das Problem bei Leipzig. Sie schreiben von einer Drohne, die stundenlang um einen Munitionstransport schwirrte, und halten es für plausibel, dass jemand lediglich zeigen wollte, was alles möglich ist. Dass das Gerät Sprengstoff trug, steht nicht im Text. Ebenso fehlt, dass die Bundesregierung Russland am 1. September offiziell für den versuchten Anschlag verantwortlich gemacht hat und ihn als Teil hybrider Kriegsführung einordnet. Ausgerechnet das Beispiel, das Ihrer These widerspricht, wird entschärft. Dabei belegt es, dass die Bedrohung durch Russland längst keine Frage von Panzern an einer Grenze mehr ist. Sie trifft Flughäfen, Netze und Lieferketten.

Stattdessen taucht „dem Russen“ im letzten Absatz in einer Reihe mit Plastikstrohhalmen und dem Autoverkehr auf, an denen man sich „abarbeite“. Ob beabsichtigt oder nicht, diese Gleichstellung macht aus einer realen Bedrohung ein Randthema.

Hinzu kommt eine Lücke, die ins Auge springt. In einer Liste der Gefahren unserer Zeit kommt die Klimakrise nicht vor. Der Anschlag aufs Stromnetz dient als Beleg für Ihre Gefahrenlage, über das Thema, das den Täter nach dem Bekennerschreiben antreibt, verlieren Sie kein Wort. Eine Liste, die das größte langfristige Risiko ausspart, ist keine Gefahrenanalyse.

Ihre Lösung lautet Ächtung, Achtung, Ausgleich, Aufklärung und Akzeptanz. Das klingt gut, nennt aber keine einzige Maßnahme, und Sie räumen selbst ein, man möge es Schwärmerei nennen. Diesem Einwand stimme ich zu.

Von einem Chefredakteur erwarte ich keine Begeisterung für Rüstung. Ich erwarte, dass er Bedrohungen benennt, wie sie sind, auch dort, wo sie unbequem sind und Russland heißen.

Mit freundlichen Grüßen

Natascha Wodin – Rest der Republik ohne Rest der Geschichte

Warum Ewerts Wiedergabe von Wodins Brief zur FAZ-Frage an Selenskyj den entscheidenden Kontext auslässt und damit dasselbe Muster bedient wie Clasen einen Tag zuvor.

Hallo NOZ, hallo Herr Ewert,

einen Tag nachdem Michael Clasen in seinem Kommentar zum Drohnenvorfall in Leipzig erst Russland die Schuld zuweist und im nächsten Satz zu Kompromissen mit genau diesem Akteur aufruft, vollführen Sie in Ihrer Kolumne eine ähnliche Bewegung, nur über einen fremden Text. Sie geben Natascha Wodins offenen Brief fast vollständig wieder und kommentieren ihn davor und danach nur wohlwollend. Eine Einordnung fehlt.

Der Anlass des Briefs ist die Frage des FAZ-Korrespondenten Michael Martens an Selenskyj, was Europa tun könne, um der Ukraine zu helfen, mehr russische Soldaten zu töten. Wodin gibt diese Frage nahezu wörtlich wieder, das ist an dieser Stelle korrekt. Was fehlt, sowohl bei ihr als auch bei Ihnen, ist der Rest der Geschichte. Die FAZ hat sich noch am selben Wochenende von der Formulierung distanziert und erklärt, es sei um Debatten zur personellen Schwächung der russischen Armee gegangen, mit dem Ziel, Moskau zu Verhandlungen zu bewegen, nicht um eine pauschale Tötungsaufforderung. Das russische Außenministerium wiederum nutzte die Frage, um Martens wegen der NSDAP-Vergangenheit seines Großvaters als „erblichen Nazi“ zu diffamieren. Wer eine einzelne, missverständlich formulierte Journalistenfrage zum Beleg für nie vergangenen deutschen Russenhass erklärt, ohne diesen Kontext zu erwähnen, übernimmt eine Erzählung, die selbst ihr Anlass nicht trägt und die von Moskau propagandistisch verwertet wurde.

Ebenso unwidersprochen bleibt die Behauptung, Putin habe der EU und der Nato einen Nichtangriffspakt angeboten, den der Westen ausgeschlagen habe. Wer die Vorgeschichte der Nato-Russland-Beziehungen und Putins wiederholt widerlegte Zusicherungen vor 2022 kennt, kann diese Darstellung nicht kommentarlos stehen lassen.

Sie betonen in dieser Kolumne regelmäßig, wie wichtig Ihnen unbequeme Perspektiven sind. Das ist ein legitimer Anspruch. Perspektive ersetzt aber keine Einordnung, besonders wenn ein Text derart selektiv mit Fakten umgeht. Diese fehlende Distanz zu russlandnahen Narrativen begleitet auch Ihren Kollegen Clasen seit Jahren, mal in eigener Stimme, mal über unwidersprochen bleibende Interviewgäste. Dass beide Muster an aufeinanderfolgenden Tagen in derselben Zeitung erscheinen, ist eine redaktionelle Schwachstelle und kein Zufall.

Mit freundlichen Grüßen

Gegen Russland nichts in der Hinterhand? Clasen NOZ-Kommentar widerlegt sich selbst

Zwei Seiten weiter listet die eigene Redaktion fünf Vergeltungsmaßnahmen auf. Und der Aufruf zu Kompromissen mit dem benannten Täter ist bei Clasen kein neuer Ton, sondern eine Linie, die sich bis Februar 2025 zurückverfolgen lässt.

Hallo NOZ, hallo Herr Clasen,

Ihr Kommentar „Deutschland hat nichts in der Hinterhand“ widerspricht sich selbst, und zwar innerhalb derselben Ausgabe. Zwei Seiten weiter listet Ihre eigene Redaktion fünf konkrete Vergeltungsmaßnahmen der Bundesregierung auf, die Schließung des russischen Generalkonsulats in Bonn, die Kündigung des Vertrags über das Russische Haus, neue EU-Sanktionslistungen, verschärfte Einreisekontrollen sowie erhöhten Druck auf die russische Schattenflotte, dazu nachrichtendienstliche Maßnahmen. Wer behauptet, man habe „nichts in der Hinterhand“, ignoriert die eigene Berichterstattung.

Noch auffälliger ist die argumentative Bewegung direkt danach. Sie ordnen den Drohnenanschlag klar Russland zu, das folgt der Linie der Bundesregierung. Im nächsten Atemzug fordern Sie dann Kompromiss- und Gesprächsbereitschaft gegenüber genau diesem Akteur. Erst die Schuld benennen, dann relativieren.

Das ist kein neuer Ton bei Ihnen. Bereits im Februar 2025 warfen Leser Ihnen vor, Trumps Aussagen zu spiegeln und die Schuld am fehlenden Frieden dem überfallenen Land zuzuschieben. Im Juni 2025 schrieben Sie, Europa könne Putin nicht besiegen, und warfen der Ukraine vor, mit der Forderung nach ihrer territorialen Integrität „Not und Elend zu verlängern“. Im August 2025 forderten Sie explizit, die Ukraine solle russische „Sicherheitsbelange“ berücksichtigen und auf Krim und besetzte Gebiete verzichten. Das ist über anderthalb Jahre dieselbe Linie, nur die Anlässe wechseln.

Auch die Prognose, die Ukraine werde diesen Krieg „mit großer Wahrscheinlichkeit“ nicht gewinnen, wird ohne Beleg oder Gegenstimme als Tatsache präsentiert, obwohl es sich um eine politische Einschätzung handelt.

Dass Donald Trump als jemand dargestellt wird, der „erinnern muss, wie sinnlos dieser Krieg im Donbass ist“, passt ebenfalls ins Bild. Schon beim Attentat auf Charlie Kirk bezeichneten Sie Trump und Kirk als „ultra-konservative Aktivisten“ statt sie einzuordnen, und rahmten beide vor allem als Opfer.

Auch im Format „Clasen Talk“ wiederholt sich das Muster. Sowohl der frühere Nato-General Harald Kujat als auch der BSW-Politiker Michael von der Schulenburg durften dort mit teils widerlegbaren, russlandnahen Thesen unwidersprochen zu Wort kommen, von der Täter-Opfer-Umkehr bei der Kriegsursache bis zu falschen Bevölkerungszahlen der Ukraine.

Ein einzelner Kommentar mag eine Meinung sein. Sieben Belege über anderthalb Jahre, in eigener Stimme und in ausgewählten Interviewgästen, sind ein Muster.

Mit freundlichen Grüßen

Wie der Clasen Talk der NOZ unwidersprochene Kremlnarrative verbreitet

Im „Clasen Talk“ darf ein BSW-Politiker unwidersprochen erzählen, die Ukraine habe 22 statt der tatsächlich rund 36-43 Mio Einwohner und den Krieg schon verloren. Weder Fakten noch Gegenstimme. Klassisches unkritisches Interviewformat.

Hallo NOZ, hallo Frau Kanke, hallo Herr Clasen,

der Talk von Michael Clasen mit dem BSW-Politiker Michael von der Schulenburg ist ein Lehrstück dafür, wie unkritisches Interviewformat einer politischen Agenda zur Bühne wird. Wer als Gast eingeladen wird und welche Thesen dabei unwidersprochen stehen bleiben, ist eine redaktionelle Entscheidung, für die auch der Moderator Verantwortung trägt.

Von der Schulenburgs zentrale Behauptung, die Ukraine sei von 52 auf 22 Millionen Einwohner geschrumpft, hält einer Prüfung nicht stand. Aktuelle Schätzungen der Vereinten Nationen und anderer Statistikquellen gehen für 2026 von rund 36 bis 43 Millionen Menschen aus. Das ist ein dramatischer Rückgang gegenüber der Vorkriegszeit, aber eben nicht die apokalyptische Zahl, die hier unwidersprochen im Raum stehen bleibt.

Ähnlich verhält es sich mit den angeblichen 200.000 bis 400.000 Deserteuren. Diese Zahl kursiert in erster Linie in russischen und russlandnahen Quellen, eine unabhängige Bestätigung fehlt. Sie wird im Artikel als Faktum präsentiert, ohne dass die Herkunft eingeordnet wird.

Auch die These, Russland führe den Krieg nicht aus territorialen Ansprüchen, sondern aus Furcht vor einem feindlichen Militärbündnis, blendet die einseitige Annexion von vier ukrainischen Gebieten im Jahr 2022 komplett aus. Wer diese Deutung unkommentiert stehen lässt, übernimmt de facto die russische Version des Kriegsgrunds.

Am schwersten wiegt der Satz, die Ukraine habe den Krieg bereits verloren. Das ist eine politische Prognose, keine Tatsache, und sie wird hier als Feststellung präsentiert, ohne dass eine einzige Gegenstimme, etwa aus Militärexpertise oder von ukrainischer Seite, zu Wort kommt.

Ein Talkformat lebt von Zuspitzung, das ist legitim. Doch wenn steile, teils widerlegbare Thesen ohne Einordnung stehen bleiben, wird aus Journalismus eine Plattform für einseitige Kriegspropaganda. Das gilt unabhängig davon, wer den Text am Ende geschrieben hat, denn die Auswahl des Gesprächspartners liegt in der Verantwortung der Redaktion.

Mit freundlichen Grüßen

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