Leserbriefe, Medienkritik & politische Analysen seit 2025

Schlagwort: Klimawandel (Seite 1 von 3)

Leserbrief zu „Sollten Wiedereinstieg in die Kernkraft prüfen“ von Andreas Schweiger/Braunschweiger Zeitung, NOZ vom 15.04.2026

Die NOZ übernimmt unkommentiert ein Kernkraft-Interview aus der Braunschweiger Zeitung. Erneuerbare kosten zu viel? Dabei fehlen im Text die 40 bis 65 Milliarden Euro jährlich für fossile Importe und Subventionen. Selektive Zahlen, keine Gegenstimme, kein Kontext.

Hallo NOZ,

am 15. April 2026 veröffentlichen Sie ein Interview des Energieexperten Jürgen Kuck, das zuerst in der Braunschweiger Zeitung erschien. Diese Herkunft wird erst im letzten Satz des Textes erwähnt, eine redaktionelle Einordnung fehlt vollständig. Das ist problematisch, weil der Artikel keine ausgewogene Analyse bietet, sondern eine klar positionierte Argumentation gegen die Energiewende, die ohne jede Gegenstimme präsentiert wird.

Inhaltlich fällt vor allem eine Leerstelle auf. Professor Kuck rechnet detailliert vor, was Erneuerbare-Subventionen und Netzausbau kosten. Er beziffert die Einspeisevergütungen auf 16 Milliarden Euro und den Netzzuschuss auf 6,5 Milliarden Euro. Was im gesamten Interview nicht auftaucht, sind die Kosten auf der anderen Seite der Bilanz. Deutschland gibt jährlich zwischen 40 und 65 Milliarden Euro für fossile Energieimporte aus, je nach Preisniveau. Hinzu kommen staatliche Subventionen für fossile Energieträger, die das Umweltbundesamt auf rund 65 Milliarden Euro jährlich beziffert, darunter die Steuerermäßigung auf Diesel, die Kerosinsteuerbefreiung und weitere Vergünstigungen. Wer über die Kosten der Energiewende spricht, ohne diese Zahlen zu nennen, betreibt keine Analyse, sondern selektive Arithmetik.

Auch die Forderung nach einem Kernkraft-Wiedereinstieg hält einer näheren Betrachtung nicht stand. Neue Reaktoren in Europa sind kein theoretisches Risiko, sondern eine dokumentierte Katastrophe. Der EPR-Reaktor in Flamanville kostete statt drei mittlerweile über 13 Milliarden Euro und wurde mit zwölf Jahren Verzögerung fertiggestellt. Das Projekt in Olkiluoto verlief ähnlich. Small Modular Reactors existieren bislang nicht in kommerziellem Maßstab. Selbst bei einer sofortigen politischen Entscheidung für einen Wiedereinstieg würde frühestens in den 2040er Jahren Strom fließen. Das ist kein Beitrag zur aktuellen Versorgungskrise, sondern ein Verweis auf eine Zukunft, die mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht eintrifft.

Dazu kommt, dass Kernkraft das Abhängigkeitsproblem nicht löst, sondern verschiebt. Uran stammt zu wesentlichen Teilen aus Niger, Kasachstan und Russland. Frankreich, das seinen Reaktorpark in den vergangenen Jahrzehnten konsequent ausgebaut hat, erlebte 2022 einen noch schärferen Strompreisschock als Deutschland, weil rund die Hälfte der Reaktoren wegen Wartungsproblemen nicht am Netz war.

Der eigentliche Befund des Interviews lautet, dass fossile Abhängigkeit das Kernproblem ist. Dieser Befund wird dann aber nicht konsequent zu Ende gedacht, sondern umgekehrt. Als Lösung wird nicht der beschleunigte Ausstieg aus fossilen Brennstoffen vorgeschlagen, sondern die Verlangsamung der Energiewende. Das ist eine politische Position, keine wissenschaftliche Einschätzung.

Ich erwarte von der NOZ, dass sie externe Artikel mit einer klaren energiepolitischen Agenda nicht unkommentiert übernimmt. Ein Hinweis auf die Herkunft reicht nicht. Notwendig wäre eine Einordnung, die fehlende Zahlen ergänzt, den Interviewpartner kontextualisiert und zumindest andeutet, dass es zur dargestellten Position gewichtige Gegenargumente gibt. Ohne diese Einordnung betreibt die NOZ keine Berichterstattung, sondern Weitergabe.

Mit freundlichen Grüßen

Leserbrief zu „Verbrenner-Aus soll aufgeweicht werden – Zurück in die Vergangenheit“, NOZ vom 17.12.2025, Seite 7

Kritischer Leserbrief zum Aufweichen der EU-Klimapolitik: Warum politische Entscheidungen fossile Geschäftsmodelle schützen und Fortschritt blockieren.

Hallo NOZ, hallo Frau Pribyl,

der Kommentar von Katrin Pribyl zur jüngsten Entscheidung aus Brüssel trifft einen zentralen Punkt der europäischen Industrie- und Klimapolitik. Die Debatte wird gern als Frage individueller Mobilität verkauft, tatsächlich geht es um etwas Grundsätzlicheres, um den möglichst langen Erhalt fossiler, klimaschädlicher Geschäftsmodelle.

Dass politische Entscheidungsträger nun erneut den Eindruck erwecken, etablierte Antriebstechnologien müssten dauerhaft politisch geschützt werden, hat wenig mit Innovationsförderung zu tun. Vielmehr erinnert es an andere bekannte Fälle, in denen wirtschaftliche Interessen fossiler Branchen als vermeintliche Vernunftlösung auftreten. Das beharrliche Festhalten an Gas als „Brückentechnologie“, prominent vertreten etwa durch Katharina Reiche, folgt demselben Muster. Ein überholtes Geschäftsmodell soll mit politischer Rückendeckung verlängert werden, obwohl die klimapolitischen und ökonomischen Risiken längst bekannt sind.

Auch hier werden physikalische und wirtschaftliche Realitäten ausgeblendet. Synthetische Kraftstoffe oder fossiles Gas werden als zukunftsfähig dargestellt, obwohl sie teuer, ineffizient und auf Dauer nicht skalierbar sind. Ihr eigentlicher Nutzen liegt weniger in der Transformation als in der Stabilisierung bestehender Wertschöpfungsketten, von Energieunternehmen bis zu abhängigen Industriezweigen.

Wenn politische Entscheidungen immer wieder zugunsten genau jener Akteure ausfallen, die den technologischen Wandel jahrelang verzögert haben, drängt sich ein unangenehmer Eindruck auf: Der Einfluss fossiler Lobbyinteressen scheint größer zu sein als die Bereitschaft, Industriepolitik konsequent an Klimazielen und langfristiger Wettbewerbsfähigkeit auszurichten.

Europa verliert nicht, weil es zu ambitioniert wäre, sondern weil es zu zögerlich ist. Während andere Weltregionen entschlossen auf neue Technologien setzen, verstrickt sich die europäische Politik in Rückwärtsdebatten und Übergangslösungen ohne klares Enddatum.

Der Kommentar von Katrin Pribyl ist deshalb keine Ideologie, sondern eine nüchterne Bestandsaufnahme. Wer weiterhin politische Energie darauf verwendet, fossile Geschäftsmodelle (ob im Verkehrs- oder Energiesektor) künstlich am Leben zu halten, blockiert Fortschritt und verspielt die Zukunftsfähigkeit Europas.

Mit freundlichen Grüßen

Leserbrief zu „EU rudert beim „Verbrenner-Aus“ zurück – Vorsicht vor einem Pyrrhussieg!“ von Thomas Ludwig, NOZ vom 13.12.2025, Seite 1

Warum die Aufweichung des EU-Verbrennerausstiegs kein Sieg der Vernunft ist, sondern Industrie, Innovation und Wohlstand in Europa langfristig gefährdet.

Hallo NOZ, hallo Herr Ludwig,

in der Diskussion um das sogenannte „Verbrenner-Aus“ lohnt zunächst eine sachliche Klarstellung, geplant war kein Nutzungsverbot bestehender Fahrzeuge, sondern ein Zulassungsstopp für neue Pkw, die nicht ohne CO2-Ausstoß betrieben werden können. Bereits zugelassene Fahrzeuge dürfen weiterhin genutzt werden. Diese Differenzierung geht in der öffentlichen Debatte häufig verloren.

Die von Thomas Ludwig als „Sieg der Vernunft“ bezeichnete mögliche Aufweichung ist jedoch weder industrie- noch klimapolitisch überzeugend. Gerade die europäische Automobilindustrie braucht klare, verlässliche und langfristige Rahmenbedingungen. Investitionen in neue Antriebstechnologien, Produktionsumstellungen und Qualifizierung von Beschäftigten erfolgen nicht auf Zuruf, sondern auf Basis verbindlicher Zielvorgaben. Werden diese relativiert, entsteht kurzfristig Entlastung, langfristig aber Unsicherheit.

Der Hinweis auf China zeigt das Dilemma deutlich, dort wurden klare politische Zielmarken gesetzt, was zu massiven Investitionen und einem rasanten technologischen Vorsprung geführt hat. Wenn Europa nun den eigenen Anspruch absenkt, droht genau das Gegenteil dessen, was beabsichtigt ist, nämlich der Verlust von Innovationskraft, Wertschöpfung und industrieller Souveränität.

Klimaschutz und wirtschaftlicher Erfolg stehen nicht im Widerspruch. Wohlstand entsteht nicht dadurch, notwendige Transformationen aufzuschieben, sondern durch planbares, vorausschauendes Handeln, das Unternehmen und Beschäftigten Orientierung gibt.

Mit freundlichen Grüßen

Leserbrief zum Interview „Man muss solche Kompromisse dann auch umsetzen“ mit Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder zum Rentenstreit und Verbrenner-Aus, NOZ vom 22.11.2025, Seite 3

Kritischer Leserbrief zur Verkehrspolitik: Warum Schnieders Plädoyer für den Verbrennungsmotor an Fakten, Markttrends und Klimarealität vorbeigeht

Hallo NOZ, hallo Frau Lehmann, hallo Herr Schmidt,hier mein Leserbrief zum Interview mit Schnieder.

Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder behauptet im Interview, der Verbrennungsmotor werde „eine Zukunft haben“ und die Autoindustrie brauche mehr Zeit für die Transformation. Diese Sicht wirkt beruhigend, ignoriert aber die Fakten.

Erstens: Der Markt bewegt sich mit großer Geschwindigkeit Richtung Elektromobilität. In vielen europäischen Ländern liegt der Anteil reiner Elektroautos schon heute bei 20–30 Prozent, und internationale Prognosen sehen Europa und China bis 2030 klar elektrisch dominiert. Die Wende ist also längst im Gang.

Zweitens: Für den europäischen Neuwagenmarkt ist die Zukunft des klassischen Verbrenners praktisch beendet. Die EU hat entschieden, ab 2035 keine neuen Pkw mit CO₂-Ausstoß mehr zuzulassen. Genau darauf richtet sich die Industrie aus. Ständige politische Zweifel, wie sie Schnieder schürt, schaffen keine Sicherheit, sondern bremsen Investitionen.

Drittens: Dass Hersteller die Transformation „bis 2035 nicht schaffen“ würden, ist wenig überzeugend. Die Konzerne investieren längst massiv in Elektroplattformen, Batteriefertigungen und neue Produktionsstrukturen. Was sie am meisten hemmt, ist politische Unklarheit, nicht technische Unfähigkeit.

Viertens: Die Idee, Verbrenner mit synthetischen Kraftstoffen klimaneutral zu retten, bleibt Illusion. E-Fuels sind extrem teuer, ineffizient und nur in kleinen Mengen verfügbar. Für Flugzeuge oder Schiffe mag das sinnvoll sein, für Millionen Pkw nicht.Fünftens: Klimapolitisch ist das Festhalten am Verbrenner ein Risiko. Der Verkehr ist seit Jahren das Sorgenkind der deutschen CO2-Bilanz. Wenn selbst Neuwagen noch lange fossile Emissionen verursachen, sind die Klimaziele schlicht nicht erreichbar.

Schnieders Argumentation ist daher nicht zukunftsorientiert, sondern rückwärtsgewandt. Deutschland muss die Transformation entschlossen gestalten, statt alte Technologien künstlich am Leben zu halten. Die Zukunft des Autos wird elektrisch sein, nicht, weil Politik es diktiert, sondern weil Märkte, Technologie und Klimarealität längst dorthin drängen.

Mit freundlichen Grüßen

Leserbrief zur NOZ vom Freitag, 21.11.2025, Seite 2, „Zum Weglaufen? Das Stadtbild von Belém – Wie sieht der brasilianische Ort aus, den Bundeskanzler Merz ganz schnell wieder verlassen wollte?“ von Tobias Käufer

Die NOZ-Berichterstattung zu Merz abwertender Bemerkung über Belém blendet die politischen Gründe für die bewusste Wahl des COP-Austragungsortes weitgehend aus und erzeugt damit ein verzerrtes Bild. Im folgenden Leserbrief erläutere ich, warum Belém gerade wegen seiner ökologischen und sozialen Bedeutung ausgewählt wurde, und weshalb Merz Kommentar dadurch nicht relativiert werden kann.

Hallo NOZ, hallo Herr Käufer,

in Ihrem Bericht über die Reaktionen auf die abwertende Äußerung von Bundeskanzler Merz zu Belém in der NOZ vom Freitag, 21.11.2025, entsteht der Eindruck, als sei der Austragungsort der COP30 eine fragwürdige Wahl gewesen. Fast so, als könnte die Stadt selbst die irritierende Bemerkung des Kanzlers nachträglich rechtfertigen. Dieses Framing ist problematisch.

Belém wurde nicht zufällig oder leichtfertig ausgewählt. Die brasilianische Regierung hat sich bewusst dafür entschieden, die Weltklimakonferenz erstmals in das Kerngebiet des Amazonas zu holen, dorthin, wo die Folgen der Entwaldung, der Klimakrise und sozialer Ungleichheit besonders sichtbar werden. Genau diese Sichtbarkeit war politisch gewollt: Die Welt sollte nicht in einem abgeschirmten Konferenzzentrum debattieren, sondern dort, wo die ökologische und soziale Realität des globalen Südens unmittelbar spürbar ist.

Dass Belém infrastrukturelle und soziale Herausforderungen hat, ist kein „Fehler“, es ist Teil der Realität, auf die aufmerksam gemacht werden soll. Die Wahl des Ortes ist deshalb ein starkes symbolisches Zeichen und ein notwendiger Impuls, um internationale Unterstützung für die Region zu mobilisieren.

Die Berichterstattung der NOZ unterschlägt diesen Kontext weitgehend und verengt die Perspektive auf den Zustand der Stadt. Damit erscheint Merz respektlose Bemerkung im Nachhinein fast nachvollziehbar. Die eigentliche Frage sollte jedoch sein, warum ein deutscher Bundeskanzler eine Gastgeberstadt herabwürdigt, statt die politische Bedeutung dieses Ortes anzuerkennen, und warum dies in der Berichterstattung nicht klarer eingeordnet wird.

Mit freundlichen Grüßen

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