Leserbriefe, Medienkritik & politische Analysen

Schlagwort: Klimawandel (Seite 1 von 4)

Der grüne Mephisto und die fehlende Einordnung. Wie ein Clasen Talk zur Energiepolitik ohne Gegencheck erscheint

Fritz Vahrenholt nennt im Clasen Talk und in der NOZ vom 12.10.2026 Zahlen, die niemand prüft, und sein Hintergrund bleibt unerwähnt.

Hallo NOZ, hallo Frau Schmidt,

Ihre Zusammenfassung des Clasen Talks mit Fritz Vahrenholt gibt ein Gespräch wieder, ohne es einzuordnen. Das wiegt schwer, weil der Text im Wirtschaftsteil steht und wie ein Bericht wirkt.Vorweg das, was stimmt. Die Gasspeicher sind für die Jahreszeit ungewöhnlich niedrig gefüllt, und die Sorge vor hohen Preisen im Winter ist berechtigt. Dass jemand die Rückkehr zur Kernenergie fordert, darf man berichten.

Es fehlt aber die Frage, wer da spricht. Vahrenholt hat 2012 mit „Die kalte Sonne“ den Klimawandel kleingeredet, wofür er von Fachleuten kritisiert wurde, und leitete zuvor RWE Innogy. Im Text erfährt man davon nichts. Aus „Ex-Umweltsenator“ wird so ein neutraler Experte, dessen Rat („Verträge unbedingt halten“) ungeprüft als Handlungsempfehlung dasteht.

Dazu kommen Zahlen ohne Beleg. Strom für 2,5 Cent, die „höchsten Preise aller G20-Staaten“, 10.000 bis 15.000 verlorene Industriejobs im Monat (laut einem Interessenverband), 8,5 Milliarden für fünf Kernkraftwerke in vier Jahren, Fracking zu einem Drittel der Kosten. Die Rechnung mit den „74 Wintertagen“ unterstellt, dass kein Gas mehr nachfließt. Das Vier-Augen-Gespräch mit Friedrich Merz bleibt eine Einzelaussage ohne Stellungnahme der anderen Seite. Dual Fluid wird als Lösung genannt, ohne zu erwähnen, dass es keinen laufenden Reaktor gibt.

Meine Fragen. Wurden die Angaben geprüft, bevor sie erschienen? Handelt es sich um Bericht oder Meinung?

Mit freundlichen Grüßen

Panzer gegen Hacker? Ewerts Gefahrenliste lässt Russland und das Klima außen vor

Die Kolumne des Chefredakteurs der NOZ fragt, wovor wir uns schützen müssen, und verschweigt neben der Klimakrise, dass die Bundesregierung den Drohnenanschlag von Leipzig Russland zuordnet.

Hallo NOZ, hallo Herr Ewert,

Ihre Kolumne stellt eine Frage, die man stellen darf. Wird bei der Aufrüstung womöglich an den Gefahren vorbeigeplant, die uns im Alltag tatsächlich treffen? Dass Hackerangriffe auf Verwaltungen, Drohnen und unkontrollierte KI ernste Risiken sind, ist richtig, und Ihr Ruf nach Regeln für autonome Waffen verdient Zustimmung.

Die Argumentation trägt aber nicht, weil sie einen Gegensatz konstruiert, den es so nicht gibt. Drohnenabwehr, Schutz kritischer Infrastruktur und Cyberverteidigung gehören zur Sicherheitspolitik und sind genau das, wofür Geld gefordert wird. Wer Panzer gegen Hacker ausspielt, widerlegt eine Position, die kaum jemand vertritt.

Besonders deutlich wird das Problem bei Leipzig. Sie schreiben von einer Drohne, die stundenlang um einen Munitionstransport schwirrte, und halten es für plausibel, dass jemand lediglich zeigen wollte, was alles möglich ist. Dass das Gerät Sprengstoff trug, steht nicht im Text. Ebenso fehlt, dass die Bundesregierung Russland am 1. September offiziell für den versuchten Anschlag verantwortlich gemacht hat und ihn als Teil hybrider Kriegsführung einordnet. Ausgerechnet das Beispiel, das Ihrer These widerspricht, wird entschärft. Dabei belegt es, dass die Bedrohung durch Russland längst keine Frage von Panzern an einer Grenze mehr ist. Sie trifft Flughäfen, Netze und Lieferketten.

Stattdessen taucht „dem Russen“ im letzten Absatz in einer Reihe mit Plastikstrohhalmen und dem Autoverkehr auf, an denen man sich „abarbeite“. Ob beabsichtigt oder nicht, diese Gleichstellung macht aus einer realen Bedrohung ein Randthema.

Hinzu kommt eine Lücke, die ins Auge springt. In einer Liste der Gefahren unserer Zeit kommt die Klimakrise nicht vor. Der Anschlag aufs Stromnetz dient als Beleg für Ihre Gefahrenlage, über das Thema, das den Täter nach dem Bekennerschreiben antreibt, verlieren Sie kein Wort. Eine Liste, die das größte langfristige Risiko ausspart, ist keine Gefahrenanalyse.

Ihre Lösung lautet Ächtung, Achtung, Ausgleich, Aufklärung und Akzeptanz. Das klingt gut, nennt aber keine einzige Maßnahme, und Sie räumen selbst ein, man möge es Schwärmerei nennen. Diesem Einwand stimme ich zu.

Von einem Chefredakteur erwarte ich keine Begeisterung für Rüstung. Ich erwarte, dass er Bedrohungen benennt, wie sie sind, auch dort, wo sie unbequem sind und Russland heißen.

Mit freundlichen Grüßen

Die NOZ-Legende von der krisenfesten Atomkraft

Wie ein NZZ-Text in der NOZ die europäische Energiekrise im Juni ausblendet und Spitzentage mit Zeiträumen vermischt.

Die NOZ hat am 5. August einen NZZ-Text übernommen, der unter dem Titel „Die Legende vom Akw-Stillstand“ französische Atomkraftwerke als Krisengewinner der Junihitze feiert und deutsche Windräder als Wackelkandidaten vorführt. Die Rechnung geht aber nur auf, wenn man an mehreren Stellen gleichzeitig wegschaut.

Schon die Grundlage der Vergleichszahl ist schief. Die These, wonach Windräder an den Spitzentagen nur ein Zwanzigstel der Atomkraftleistung brachten, stammt aus zwei einzelnen Tagen. Andere Werte im Text, etwa zur CO2-Bilanz, sind Durchschnittswerte über zwei Wochen. Diese Vermischung von Extremwert und Zeitraumdurchschnitt ist kein Zufall, sie sorgt genau für die Dramatik, die der Text braucht.

Richtig ärgerlich wird es bei dem, was fehlt. Während der Text Frankreichs Atomkraft als stabilen Fels in der Brandung inszeniert, herrschte anderswo in Europa echte Energiekrise. Rumänien musste im August einen Felsen im Donaubett sprengen, um überhaupt noch Kühlwasser zum Atomkraftwerk Cernavodă zu bekommen, ein Reaktor stand da schon still. Die Autobauer Dacia und Ford legten ihre Produktion in Rumänien deshalb für Wochen auf Eis. In Ungarn stand das einzige Atomkraftwerk des Landes kurz vor der ersten Komplettabschaltung seit 44 Jahren, mit ihm ein Drittel des nationalen Strombedarfs. Diese Fakten passen nicht in die Erzählung vom robusten Atomstrom, deshalb tauchen sie im Text nicht auf.

Auch beim Strompreis-Rekord vom 24. Juni erzählt der Artikel nur die halbe Geschichte. Ja, Deutschland kletterte an diesem Abend auf 747 Euro je Megawattstunde. Aber Belgien lag bei über 1000 Euro, die Niederlande über 900 Euro, Dänemark bei knapp 800 Euro. Und Frankreich, das angebliche Vorbild, konnte den Nachbarländern an diesem Abend nicht vollständig aushelfen, weil der eigene Bedarf zu hoch war. Von der großen europäischen Rettungskraft der französischen Atomkraft war in dieser Nacht wenig zu spüren.

Auffällig ist außerdem, wann dieser eigentlich schon einige Wochen alte Text plötzlich wieder auftaucht. Bei den Ostfriesischen Nachrichten erschien dieselbe NZZ-Vorlage bereits am 3. August, zwei Tage vor der NOZ. Diese Verbreitungswelle fällt exakt in die Tage, in denen Rumänien seinen Felsen in der Donau sprengte und Ungarns einziges Kernkraftwerk kurz vor der ersten Komplettabschaltung seit 44 Jahren stand. Von alledem findet sich im Text kein Wort, obwohl es die zentrale These frontal infrage stellt.

Was bleibt, ist ein Text, der selektive Vergleiche mit ausgeblendeten Fakten kombiniert und dabei ausgerechnet als nüchterne Datenanalyse daherkommt. Die NOZ druckt das unkommentiert ab, ohne ein Wort zur energiepolitischen Schlagseite der NZZ, ohne Gegenrecherche, ohne Kontext, und wählt dafür ausgerechnet den Moment, in dem die Realität dem Text widerspricht. Das ist inzwischen ein Muster bei dieser Zeitung, und es wird mit jeder Wiederholung schäbiger.

Reiches Kompromiss und die Frage, die die NOZ nicht stellt

Warum die aus der Gaswirtschaft kommende Wirtschaftsministerin Katherina Reiche zuerst einen radikalen Kürzungsplan für Solar und Wind vorlegte, bevor sie zurückruderte, und was Tobias Schmidt in der NOZ dabei übersieht.

Hallo NOZ, hallo Herr Schmidt,

Ihr Kommentar zu Katherina Reiches Energiewende-Kompromiss lobt eine Ministerin für Nachgeben, ohne zu fragen, warum sie überhaupt so weit vorgeprescht war, dass jetzt zurückgerudert werden musste. Das ist keine Analyse, sondern Applaus für eine Verhandlungstaktik, deren Ausgangspunkt selbst das eigentliche Problem war.

Was in Ihrem Text komplett fehlt, ist Reiches berufliche Herkunft. Bis zu ihrem Amtsantritt 2025 war sie Vorstandsvorsitzende der Westenergie AG, einer E.ON-Tochter und einem der größten Gasnetzbetreiber Deutschlands. Sie kommt nicht zufällig aus der Gaswirtschaft in dieses Ministerium, sie hat dort ihre gesamte jüngere Karriere verbracht. Wer aus einem solchen Umfeld heraus als erstes einen kompletten Förderstopp für private Solaranlagen und eine Kompensationskürzung für Windkraft vorschlägt, verdient bei diesem Vorschlag mindestens die Nachfrage, wessen Interessen da eigentlich bedient werden sollten. Genau diese Nachfrage stellen Sie nicht.

Stattdessen wird der Rückzug vom Maximalvorschlag als Zeichen von Kompromissfähigkeit gefeiert. Dabei war der ursprüngliche Plan kein Verhandlungsangebot, das man abschleift, sondern ein Vorstoß, der erst durch öffentlichen Widerstand, unter anderem sogar von Markus Söder, zurückgestutzt wurde. Wer hier „okay“ sagt, lobt eine Ministerin dafür, dass sie ihre eigene Bremse nur teilweise gezogen hat.

Der Text erwähnt sogar selbst, dass die Netze unter Solarboom-Stress stehen, zieht daraus aber nicht die naheliegende Konsequenz. Wenn Strom nicht ankommt, weil Leitungen fehlen, ist die Antwort Netzausbau, nicht Bremsung der Erzeugung. Diese Verschiebung von einem Infrastrukturversäumnis auf die erneuerbaren Energien selbst ist ein bekanntes Muster politischer Verzögerung, keine neutrale Beobachtung.

Der Vorwurf „Gaslobbyistin“ wird in Ihrem Kommentar zwar erwähnt, aber mit einem Nebensatz abgetan, ohne ihn an den konkreten politischen Entscheidungen zu prüfen. Genau das wäre journalistisch die Aufgabe gewesen.

Mit freundlichen Grüßen

Warum der Verweis auf Hans-Werner Sinn die Klimadebatte nicht ehrlicher macht, sondern nur anders verschleiert

Die NOZ holt sich Hans-Werner Sinn als Kronzeugen gegen nationalen Klimaschutz, ohne seine umstrittene Rolle in der Energiewende-Debatte zu erwähnen. Am Ende landet man bei derselben Schlussfolgerung wie die AfD, nur wissenschaftlich verkleidet.

Hallo NOZ, hallo Herr Schmidt,

Ihr Kommentar zur Hitzewelle und zum Klimaschutz stützt sich stark auf Hans-Werner Sinn, was bei näherer Betrachtung mehr Fragen aufwirft, als er beantwortet.

Die Aussage, Deutschland könne das Klima mit rund zwei Prozent der globalen Emissionen allein nicht retten, ist rechnerisch richtig. Problematisch wird sie durch die Funktion, die sie im Text übernimmt. Sie suggeriert, nationale Klimapolitik lohne sich kaum, eine Schlussfolgerung, die in der Klimaforschung als typisches Verzögerungsargument gilt. Lamb und Kollegen beschreiben dieses Muster 2020 als „Redirect Responsibility“, den Hinweis auf die eigene Kleinheit als Ablenkung von der eigenen Handlungsmöglichkeit.

Auffällig ist auch die Wahl des Kronzeugen. Sinn wurde vor allem durch sein sogenanntes grünes Paradoxon bekannt, die These, Ankündigungen künftiger CO2-Einsparungen würden Förderkonzerne zu schnellerer statt langsamerer Ausbeutung fossiler Reserven bewegen. Diese These stieß in der Klimaökonomie auf erhebliche Kritik. Auch seine langjährige Gegnerschaft zur deutschen Energiewende bleibt im Artikel unerwähnt. Wer Sinn als Stimme der Vernunft gegenüber der AfD positioniert, sollte diesen Streit nicht ausblenden.

Der Vergleichsrahmen fehlt zudem. Die EU zusammen verursacht etwa sieben Prozent der weltweiten Emissionen, eine andere Größenordnung als der deutsche Anteil allein. Bei den kumulierten historischen Emissionen seit der Industrialisierung gehört Deutschland weiterhin zu den größten Verursachern. Und die deutsche Solarförderung der 2000er Jahre hat den globalen Preisverfall bei Photovoltaik mit angestoßen, ein Effekt, der weit über den eigenen Emissionsanteil hinausreicht.

Dass Sinn den Klimawandel anders als die AfD nicht leugnet, macht den Verweis auf ihn nicht unproblematisch. Beide Positionen laufen in der praktischen Konsequenz auf dasselbe hinaus, nämlich Zurückhaltung bei nationaler Klimapolitik. Ausgerechnet an einem Tag mit Hitzerekorden ist das eine unglückliche Botschaft.

Mit freundlichen Grüßen

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