Halbseitige AfD-Rentenvorschläge in der NOZ, ohne Verfassungsschutzeinstufung, ohne echte Prüfung. Wer einer gesichert rechtsextremen Partei so viel Raum gibt, betreibt ungewollt Normalisierung. Das ist das eigentliche Problem.

Hallo NOZ, hallo Herr Gerstenlauer,

der Artikel „Geburtenprämie statt Entwicklungshilfe?“ vom 08.06.2026 stellt das rentenpolitische Programm der AfD auf einer halben Seite vor. Was fehlt, ist das Wesentliche, die journalistische Einordnung.

Dass die AfD Rentenniveau, Kindergeld und Sparkonten verspricht, obwohl ihre eigene Rechnung mehr als 140 Milliarden Euro zusätzlich im Jahr verschluckt und eine Beitragserhöhung von vier Prozent impliziert, wird zwar erwähnt, aber nicht bewertet. Der Widerspruch zwischen ambitionierten Ausgabenversprechen und gleichzeitiger Ablehnung der Schuldenbremse ist kein Randdetail, sondern das Herzstück des Programms. Genau das müsste Mittelpunkt der Berichterstattung sein, nicht Fußnote.

Vollständig ausgeblendet bleibt, dass die AfD bundesweit vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft wird. Das ist kein semantisches Detail, es ist der Kontext, ohne den jede Auseinandersetzung mit ihren Programminhalten im Ungefähren bleibt. Wer die Rentenvorschläge einer Partei referiert, die mehrfach gerichtlich wegen verfassungsfeindlicher Positionen auffiel, und den Verfassungsschutzstatus nicht einmal erwähnt, betreibt keine Sachberichterstattung.

Und das führt zum eigentlichen Problem dieses Artikels. Wer einer gesichert rechtsextremen Partei auf einer halben Seite Raum gibt, ihre Programmpunkte als diskutable Politikoptionen zu präsentieren, ohne diesen Kontext zu benennen, betreibt ungewollt Wahlkampfhilfe. Die AfD profitiert genau von dieser Art Berichterstattung, von institutioneller Behandlung durch ein Qualitätsmedium mit sechsstelliger Reichweite, das ihre Sprecher als seriöse Ansprechpartner führt und ihrem Programm Legitimität verleiht. Das ist die Normalisierung, vor der Medienforscher seit Jahren warnen.Schielke-Ziesings vage Formel von der „Neupriorisierung“ und den „mehr als 100 Milliarden Euro finanziellem Freiraum“ bleibt im Artikel unwidersprochen stehen. Woher genau das Geld kommen soll, wird nicht herausgearbeitet. Der Text zitiert die AfD, prüft sie aber kaum.

Sachberichterstattung über Parteiprogramme braucht Maßstäbe, die für alle Parteien gleich gelten. Dass die AfD gesichert rechtsextrem ist, gehört beim Namen genannt. Wer das weglässt, gibt einer antidemokratischen Partei eine Bühne, die sie sich im fairen Wettbewerb der Argumente nicht verdient hätte.

Mit freundlichen Grüßen

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