Die NOZ druckt einen mopo-Text zu linksextremer Gewalt. Drei Absätze Erklärung für die eine Seite, ein Satz für den Anstieg rechtsextremer Gewaltbereiter um zwei Drittel. Und der Fall Reutlingen wird als geklärt verkauft, obwohl die Täter unbekannt sind.

Hallo NOZ, hallo Frau Clausen,

Ihr Text über die zunehmende Gewalt aus der linksextremen Szene benennt ein reales Problem, baut die Erzählung aber auf einer schiefen Statik auf.

Die eigenen Zahlen aus dem Artikel zeigen das deutlich. Die linksextreme Anhängerschaft mit Gewaltbereitschaft bleibt in Hamburg mit rund 800 Personen praktisch stabil, während die Zahl gewaltorientierter Rechtsextremisten um etwa zwei Drittel steigt, von 150 auf 250. Für die linke Szene liefern Sie drei Absätze Erklärung, Zersplitterung, interne Konflikte, kleine Gruppen mit hoher Schlagkraft. Für den Anstieg auf der rechten Seite bleibt ein einziger Satz am Ende des Textes, ohne jede Einordnung. Wachstum bei gleichbleibender Personenzahl wird ausführlich seziert, Wachstum der Personenzahl selbst fällt unter den Tisch.

Auch die Unterzeile arbeitet mit einer Schieflage. „Vermeintlicher Rechtsruck der Gesellschaft“ wertet eine Wahrnehmung ab, die Ihr eigener Zitatgeber, der Verfassungsschutz, ohne dieses Wort beschreibt. Die Behörde spricht von einer beobachteten Entwicklung, nicht von einer Einbildung. Das „vermeintlich“ stammt aus der Redaktion, nicht aus der Quelle.

Bei der Auswahl Ihrer Gesprächspartner bleiben Sie ebenfalls einseitig. Verfassungsschutz und Polizeigewerkschaft sind legitime Stimmen, stehen aber strukturell auf derselben Seite der Debatte. Eine Einordnung aus der Radikalisierungsforschung oder eine Gegenstimme fehlt komplett, obwohl Sie selbst erwähnen, dass unter den angegriffenen Fußballfans möglicherweise auch Rechtsextremisten und Neonazis waren. Dieser Punkt verschwindet sofort wieder aus dem Text.

Besonders schief liegt der Fall Reutlingen. Sie führen den Brand am Umspannwerk unter den linksextremistischen Anschlägen auf kritische Infrastruktur auf, als wäre die Täterschaft geklärt. Tatsächlich ermittelt das Landeskriminalamt Baden-Württemberg nach aktuellem Stand ergebnisoffen wegen Brandstiftung. Es gibt weder ein Bekennerschreiben noch konkrete Hinweise auf die Identität der Täter. Der Verdacht auf eine linksextreme Motivation stützt sich bislang allein auf methodische Parallelen zu früheren Anschlägen in Berlin, wie auch Sicherheitskreise selbst einräumen. Das neben belegten Taten in einer Aufzählung zu platzieren, verwischt den Unterschied zwischen Verdacht und Tatsache.

Linksextreme Gewalt zu dokumentieren ist richtig und nötig. Aber wer dabei die eigenen Zahlen zur wachsenden rechtsextremen Gewaltbereitschaft in einem Nebensatz versteckt und unbestätigte Verdachtsfälle wie gesicherte Taten behandelt, betreibt keine Bestandsaufnahme, sondern Auswahl mit Schlagseite.

Mit freundlichen Grüßen

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