Die Zahlen stimmen. Die Erklärung dafür, wie sie zustande kommen, lässt einen Akteur konsequent aus, Volkswagen selbst.
Michael Clasen beschreibt in der NOZ vom 27.06.2026 den drohenden Abbau von bis zu 100.000 VW-Stellen als „Sinnbild für Deutschlands Niedergang“. Die Faktenbasis dafür ist solide, die Verdoppelung des Stellenabbau-Ziels und die Gefährdung der vier Standorte Hannover, Zwickau, Emden und Neckarsulm sind durch Berichte des Manager Magazins gedeckt, ebenso die wirtschaftliche Stagnation Deutschlands, die der Sachverständigenrat zuletzt mit nur 0,1 Prozent realem BIP-Wachstum über fünf Jahre bezifferte.
Die Kausalkette, die Clasen aus diesen Zahlen baut, ist eine andere Frage. Verantwortlich macht er „hausgemachte Probleme […] auch ganz oben in der Konzernführung, die wegen der Macht von Gewerkschaft und Politik zu wenig Innovationstempo vorgelegt hat“, und dann, eine Ebene höher, Merkel, Scholz und Merz für eine „völlig verfehlte deutsche Industriepolitik“. Was in diesem Satz nicht vorkommt: VW als Unternehmen, das eigene strategische Entscheidungen getroffen hat. Der Dieselskandal taucht nicht auf. Die verschleppte Digitalisierung der Software-Tochter Cariad taucht nicht auf. Dass der Konzern noch im ersten Quartal 2026 einen Gewinneinbruch von 28 Prozent meldete, während Vorstandsboni und Dividenden weiterliefen, taucht nicht auf. Stattdessen wird die Konzernführung selbst zum Opfer von „Gewerkschaft und Politik“ erklärt, ein Akteur ohne Verantwortung, dem äußere Kräfte die Hände gebunden haben.
Das ist kein Einzelfall bei Clasen. Schon im März, beim ersten großen VW-Stellenabbau, hatte er die 35-Stunden-Woche als Argument gegen Wettbewerbsfähigkeit angeführt und E-Fuels als ernsthafte Alternative präsentiert, Dieselskandal und verschlafene Digitalisierung blieben unerwähnt. Das Muster wiederholt sich nun nahezu identisch, nur die Zahl ist größer geworden.
Hinzu kommt eine rhetorische Technik, die man von Ebert und Ewert auf dieser Meinungsseite kennt. Die unkommentierte Aufzählung von Superlativen („Weltspitze bei Energiekosten, Bürokratie, Sozialausgaben sowie Steuern und Abgaben“), die Monokausalität suggeriert, ohne sie zu belegen. Der Schlusssatz – „Wohlstand muss erst erarbeitet werden, bevor es etwas zu verteilen gibt“ – ist dann keine Analyse mehr, sondern eine politische Setzung, die unter dem Deckmantel der Wirtschaftsanalyse daherkommt.
Was bleibt, ist ein Text, dessen Einzeldaten stimmen und dessen Erzählung trotzdem eine Leerstelle hat, die kein Zufall ist.
und wieder kümmert sich keiner um die zig Dienstleister, darunter viele Ingenieure, in der kompletten Kette. Wenn VW Schnupfen hat, haben die Grippe: Jetzt schon weniger Gehalt und diese bekommen auch schlechtere Abfindungen, wenn überhaupt. Das ist das biel größere Problem. Man liest immer die Löhne seien in Deutschland zu hoch gleichzeitig duldet man Body Leasing im Deckmantel eines Werkvertrags, um Löhne und Sozialleistungen kürzen zu können