Leserbriefe, Medienkritik & politische Analysen

Schlagwort: Linksextremismus

Vermutet, aber schon verurteilt. Wie die NOZ einen offenen Ermittlungsfall zur politischen Kampfansage macht.

Bahnsabotage bei Leverkusen. Die Polizei ermittelt noch, ob das Bekennerschreiben echt ist. Die NOZ lässt trotzdem NRW-Innenminister Reul schon von „Chaoten“ sprechen, die „Politik durch Gewalt ersetzen“ wollen. Konjunktiv im Text, Urteil in der Überschrift.

Hallo NOZ,

der Artikel „Reul: Diese Menschen wollen Chaos“ zur mutmaßlichen Bahnsabotage bei Leverkusen übernimmt eine dpa-Meldung, die selbst noch von Vermutungen spricht, aber schon wie ein abgeschlossener Fall klingt.

Im Text selbst steht mehrfach der Konjunktiv. Die Polizei Köln ermittelt noch, „ob das Bekennerschreiben authentisch sei“. Zur Brandursache heißt es nur, ein technischer Defekt gelte als „wenig wahrscheinlich“. Das ist ein offener Ermittlungsstand, keine Bestätigung.

Trotzdem bekommt NRW-Innenminister Herbert Reul den größten Raum im Artikel, und zwar mit einer fertigen politischen Bewertung. Er spricht von „Chaoten“, die „keine bessere Welt“ wollten, sondern „Politik durch Gewalt ersetzen“. Eine Gegenstimme, eine unabhängige Einordnung oder auch nur der Hinweis, dass solche Ermittlungen oft lange unaufgeklärt bleiben, kommt im Text nicht vor.

Auffällig ist auch die schnelle politische Zuordnung. Ein Bekennerschreiben auf einer linken Plattform reicht aus, damit ein Innenminister im selben Artikel bereits von einer Gruppe spricht, „die Politik durch Gewalt ersetzen“ wolle. Bei anderen Themen, etwa der Einstufung der AfD durch den Verfassungsschutz, ist deutlich mehr Zurückhaltung bei klaren Begriffen zu beobachten.

Ein offener Ermittlungsstand verdient eine offene Darstellung. Wenn ein Minister schon vor Abschluss der Ermittlungen eine politische Kampfansage formuliert, sollte eine Zeitung das einordnen, nicht einfach weiterreichen.

Mit freundlichen Grüßen

Wenn die eigenen Zahlen gegen die eigene These sprechen. Wie ein mopo-Text in der NOZ rechtsextreme Gewalt kleinredet, während er linksextreme Militanz seziert.

Die NOZ druckt einen mopo-Text zu linksextremer Gewalt. Drei Absätze Erklärung für die eine Seite, ein Satz für den Anstieg rechtsextremer Gewaltbereiter um zwei Drittel. Und der Fall Reutlingen wird als geklärt verkauft, obwohl die Täter unbekannt sind.

Hallo NOZ, hallo Frau Clausen,

Ihr Text über die zunehmende Gewalt aus der linksextremen Szene benennt ein reales Problem, baut die Erzählung aber auf einer schiefen Statik auf.

Die eigenen Zahlen aus dem Artikel zeigen das deutlich. Die linksextreme Anhängerschaft mit Gewaltbereitschaft bleibt in Hamburg mit rund 800 Personen praktisch stabil, während die Zahl gewaltorientierter Rechtsextremisten um etwa zwei Drittel steigt, von 150 auf 250. Für die linke Szene liefern Sie drei Absätze Erklärung, Zersplitterung, interne Konflikte, kleine Gruppen mit hoher Schlagkraft. Für den Anstieg auf der rechten Seite bleibt ein einziger Satz am Ende des Textes, ohne jede Einordnung. Wachstum bei gleichbleibender Personenzahl wird ausführlich seziert, Wachstum der Personenzahl selbst fällt unter den Tisch.

Auch die Unterzeile arbeitet mit einer Schieflage. „Vermeintlicher Rechtsruck der Gesellschaft“ wertet eine Wahrnehmung ab, die Ihr eigener Zitatgeber, der Verfassungsschutz, ohne dieses Wort beschreibt. Die Behörde spricht von einer beobachteten Entwicklung, nicht von einer Einbildung. Das „vermeintlich“ stammt aus der Redaktion, nicht aus der Quelle.

Bei der Auswahl Ihrer Gesprächspartner bleiben Sie ebenfalls einseitig. Verfassungsschutz und Polizeigewerkschaft sind legitime Stimmen, stehen aber strukturell auf derselben Seite der Debatte. Eine Einordnung aus der Radikalisierungsforschung oder eine Gegenstimme fehlt komplett, obwohl Sie selbst erwähnen, dass unter den angegriffenen Fußballfans möglicherweise auch Rechtsextremisten und Neonazis waren. Dieser Punkt verschwindet sofort wieder aus dem Text.

Besonders schief liegt der Fall Reutlingen. Sie führen den Brand am Umspannwerk unter den linksextremistischen Anschlägen auf kritische Infrastruktur auf, als wäre die Täterschaft geklärt. Tatsächlich ermittelt das Landeskriminalamt Baden-Württemberg nach aktuellem Stand ergebnisoffen wegen Brandstiftung. Es gibt weder ein Bekennerschreiben noch konkrete Hinweise auf die Identität der Täter. Der Verdacht auf eine linksextreme Motivation stützt sich bislang allein auf methodische Parallelen zu früheren Anschlägen in Berlin, wie auch Sicherheitskreise selbst einräumen. Das neben belegten Taten in einer Aufzählung zu platzieren, verwischt den Unterschied zwischen Verdacht und Tatsache.

Linksextreme Gewalt zu dokumentieren ist richtig und nötig. Aber wer dabei die eigenen Zahlen zur wachsenden rechtsextremen Gewaltbereitschaft in einem Nebensatz versteckt und unbestätigte Verdachtsfälle wie gesicherte Taten behandelt, betreibt keine Bestandsaufnahme, sondern Auswahl mit Schlagseite.

Mit freundlichen Grüßen

Falsche Symmetrie: Wie Rena Lehmanns Kriminalstatistik-Kommentar AfD und Linke gleichsetzt

Die NOZ nennt die AfD beim Namen, verschweigt aber ihre Verfassungsschutz-Einstufung. Und stellt sie rhetorisch auf eine Ebene mit parlamentarischer Linken. Das ist keine Ausgewogenheit, das ist Relativierung.

Hallo NOZ, hallo Frau Lehmann,

der Kommentar zur Kriminalstatistik benennt reale Probleme, arbeitet dabei aber mit einer Gleichsetzung, die der Faktenlage nicht standhält.

Lehmann schreibt, die AfD bediene sich einer Sprache der Spaltung. Das stimmt.

Doch der entscheidende Kontext fehlt. Die AfD ist vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestuft. Das ist kein Meinungsurteil, sondern eine institutionelle Feststellung über eine Partei, welche die freiheitlich-demokratische Grundordnung aktiv bekämpft. Diesen Unterschied zu benennen wäre die Aufgabe eines Leitkommentars gewesen.

Stattdessen stellt der Text AfD-Rhetorik und linke Gegenmobilisierung in eine Parallelkonstruktion, die strukturelle Gleichwertigkeit suggeriert. Wer eine verfassungsfeindliche Partei und parlamentarische Linke, die zur Gegenwehr aufrufen, rhetorisch auf eine Ebene zieht, relativiert nicht beide Seiten gleich. Er relativiert vor allem eine.

Das „Hochschaukeln“ der Extreme klingt ausgewogen. Es verwischt aber, dass Ursache und Reaktion keine symmetrischen Phänomene sind.

Mit freundlichen Grüßen

Leserbrief zu „Nach dem Anschlag ist vor dem Achselzucken – Wo bleibt nach der linksextremen Sabotage in Berlin die öffentliche Empörung?“ von Burkhard Ewert, NOZ vom 15.01.2026, Seite 2

Viel Empörung, wenig Maßstab: Warum der Kommentar von Burkhard Ewert mehr Agenda als Analyse ist.

Hallo NOZ, hallo Herr Ewert,

der Kommentar von Burkhard Ewert zum Anschlag auf die Berliner Stromversorgung spricht ein reales Problem an, arbeitet aber mit fragwürdigen Zuspitzungen und Maßstäben.

Sabotage an kritischer Infrastruktur ist ohne Zweifel ernst zu nehmen. Problematisch wird es jedoch dort, wo die Bedeutung eines terroristischen Akts nahezu ausschließlich aus der vermuteten Höhe des Sachschadens abgeleitet wird. Terror entfaltet seine Wirkung nicht primär über Kostenrechnungen, sondern über Angst, Verunsicherung, politische Instrumentalisierung, und über die Frage, wie Staat und Öffentlichkeit reagieren.

Gerade deshalb erscheint der Eindruck einer angeblich beispiellos „milden“ Reaktion wenig überzeugend. Der Anschlag wurde breit medial begleitet, die Bundesanwaltschaft ermittelt, Sicherheitsbehörden sprechen offen von Terrorverdacht. Das ist keine Bagatellisierung, sondern ein funktionierender rechtsstaatlicher Umgang.

Wenn man historische Maßstäbe anlegt, zeigt sich zudem, dass Terror in Deutschland sehr unterschiedliche Formen angenommen hat. Der NSU etwa wirkte über Jahre hinweg, mit tödlichen Folgen und gravierenden Ermittlungsfehlern. Seine zerstörerische Kraft lag weniger im materiellen Schaden als in der Dauer, den Opfern und dem institutionellen Versagen. Daran gemessen greift eine Bewertung zu kurz, die aktuelle Ereignisse vor allem anhand ökonomischer Schadenssummen dramatisiert.

Schließlich irritiert die wiederholte Andeutung, politische und mediale Reaktionen würden je nach ideologischem Hintergrund der Täter grundsätzlich unterschiedlich ausfallen. Solche Pauschalurteile tragen eher zur Polarisierung bei, als dass sie zur nüchternen Analyse politischer Gewalt beitragen.

Wer demokratische Resilienz stärken will, sollte genau darin bestehen, auf Präzision, Maßstäbe und Zurückhaltung, auch im Kommentar.

Mit freundlichen Grüßen

Leserbrief zur Titelseite der NOZ vom Donnerstag, 09.10.2025, Rechtsextremismus vs Linksextremismus

Der Leserbrief kritisiert die NOZ-Titelseite vom 09.10.2025 für eine irreführende Schlagzeile, die linke Sachbeschädigungen überdramatisiert und damit die reale Gefahr des Rechtsextremismus relativiert.

Sehr geehrte Redaktion,  sehr geehrter Herr Koch, 

hier sende ich Ihnen meinen Leserbrief zur Titelseite der NOZ vom Donnerstag,  09.10.2025.

Die NOZ-Titelseite liefert ein widersprüchliches Bild: In seinem Meinungsbeitrag betont Jonas Koch völlig zu Recht, dass der Rechtsextremismus die größte Gefahr für unsere Demokratie darstellt. Umso erstaunlicher ist, dass er gleichzeitig mit der reißerischen Überschrift „Auch Linksextreme gefährden die Demokratie“ die Aufmerksamkeit auf vermeintlich linksextreme Angriffe lenkt, obwohl der Text zeigt, dass es sich um Sachbeschädigungen handelt, nicht um Überfälle.

Damit wird ein völlig falscher Eindruck erweckt: Statt die tatsächlichen Relationen klar zu benennen, entsteht durch Wortwahl und Platzierung der Eindruck einer linken Bedrohungswelle. Die Dramatisierung konterkariert den differenzierten Teil des Kommentars und fügt sich leider in ein mediales Muster, das rechte Gewalt relativiert, indem es linke Randerscheinungen überbetont.

Wer glaubwürdig über Extremismus berichten will, sollte nicht mit Schlagzeilen arbeiten, die den Leser in die Irre führen.

Mit freundlichen Grüßen