Auf Seite 6 und 7 der Ausgabe vom 29. Juli fährt die NOZ ein bewährtes Muster: ein unsigniertes Meinungsstück liefert die Setzung, ein scheinbar unabhängiges Interview die Bestätigung.

Der Kommentar „Es gibt nicht mehr viele Chancen“ erklärt das Ende der 35-Stunden-Woche bei Mercedes für „richtig“ und lobt Porsches Jobgarantie als „smarten Move“ – noch bevor im Anschluss ein Interviewpartner exakt diese Positionen ausführlich bestätigt.
Denn das folgende Interview mit Ex-VW-Vorstand Thomas Sedran stammt gar nicht originär aus der NOZ-Redaktion. Es ist, wie im Text selbst vermerkt, ein Gespräch mit der „Schwäbischen Zeitung“, verfasst von Thomas Hagenbucher, Dateline Ravensburg/München. Die NOZ übernimmt hier syndiziertes Material und platziert es redaktionell direkt neben die eigene Meinungsspalte, eine Entscheidung, die dem übernommenen Text das Gewicht einer eigenständigen NOZ-Position verleiht, ohne dass das für Lesende auf den ersten Blick erkennbar wäre.
Inhaltlich fällt auf, das Interview endet mit der vollständigen bibliografischen Angabe zu Sedrans Buch „Kraft statt Krise“, Verlag, Erscheinungsjahr, Seitenzahl. Das ist im redaktionellen Format unüblich und liest sich wie ein Klappentext, nicht wie der Abschluss eines Nachrichteninterviews.
Auch die Fragestellung ist bemerkenswert einseitig. Fragen wie „Muss es nicht Lohnkürzungen geben?“ oder „Sind wir nicht ein bisschen zu bequem, zu erfolgsverwöhnt geworden?“ formulieren die Antwort bereits vor. Eine Gegenstimme – IG Metall, Betriebsrat, Beschäftigtenperspektive – kommt im gesamten Interview nicht direkt zu Wort, obwohl Sedran selbst mehrfach auf Konflikte mit der IG Metall verweist.
Sedran benennt zwar auch unternehmerische Fehleinschätzungen („hat unsere Industrie die E-Autos viel zu lange belächelt“), doch die konkreten Lösungsvorschläge richten sich fast ausschließlich an die Beschäftigten: 40-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich, weniger Feiertage, gelockerter Arbeitsschutz, Verzicht auf „übertarifliche Zulagen“. Managementverantwortung bleibt demgegenüber unkonkret.
Was sich hier dokumentieren lässt, ist kein Vorwurf an eine bestimmte Gesinnung der Redaktion, sondern ein Befund zur redaktionellen Praxis: eigene Kommentarsetzung, unkritisch übernommenes Fremdmaterial mit werbeähnlichem Abschluss, und eine Themenseite, die strukturell nur eine Interessenperspektive zu Wort kommen lässt.
„Wir müssen alle ein bisschen mehr arbeiten“ ist in vielerlei Hinsicht fragwürdig:
Erstens sind bei weitem nicht „alle“ gemeint, zweitens werden im Zuge geringerer Gewinnerwartungen(!) derzeit viele Menschen entlassen; die verbliebenen Arbeitskräfte müssen diese durch Mehrarbeit (unbezahlt?!) auffangen.
Das ist nichts anderes als 1. Lohnkürzung, 2. Gewinn(!)maximierung der Konzerne – es ist n i c h t so, dass die Autoindustrie pleite wäre oder drohte, pleite zu gehen. Und es ist auch nicht so, dass geringere Gewinne im Automobilsektor ein alleiniges deutsches Problem wären.
In die gleiche Richtung gehen die Bemühungen um Kürzung der Sozialleistungen – wenn das Bürgergeld nur niedrig genug ist oder ganz gestrichen würde, könnte man besser Druck auf Arbeitnehmer:innen ausüben, damit sie auch schlechte Arbeitsbedingungen und schlechte Bezahlung (kein oder sehr niedriger Mindestlohn) akzeptieren? Ein Schelm, der……
Kein Wort davon, dass schlicht das Geschäftsmodell – hochpreisige Verbrenner und Fokussierung auf wenige große (Export-)Märkte – so nicht mehr funktioniert. Das hätten hochbezahlte Manager:innen erkennen können und müssen.
Darüber hinaus ist eine 40-Stunden-Woche nicht wenig – vor allem für die, die keinen zu Hause haben, der sich um Haushalt und ggf. Kinder kümmert, wie das früher war. Und bei acht Stunden am Tag oder mehr sinkt natürlich zwangsläufig auch irgendwann die Leistungsfähigkeit / Konzentration. Praktische Studien haben gezeigt, dass eine geringere Arbeitszeit nicht zwangsläufig mit geringerer Produktivität einhergeht – weil die Arbeitenden zufriedener, erholter und gesünder(!) sind.
Was hier vorangetrieben wird – durch Konzernchef:innen und ihrem/n politischen Arm/en – ist ein unkontrollierter Kapitalismus – auch wenn dieses Wort von Rechts leider zum Kampfbegriff der „Linken“ degradiert wird, heißt das nicht, dass es ihn nicht gibt, bzw. auch schon gegeben hat, bevor Arbeitnehmerrechte und Sozialleistungen hart erkämpft wurden.
Es ist n i c h t so, dass „wir uns den Sozialstaat nicht mehr leisten könnten“ – Geld ist genug da, es fließt nur in immer dieselben, falschen Kanäle und akkumuliert sich da. Und „Sozialstaat“ heißt n i c h t , vermeintlich „Faule“ zu alimentieren, sondern der Bevölkerung ein menschenwürdiges soziales Netz zu bieten, Minderheiten und Benachteiligte zu schützen und unterstützen – also a l l e Teile der Bevölkerung – und ebenso a l l e n Menschen eine Teilhabe an der Gesellschaft und dem Wohlstand zu ermöglichen.
Es wäre schön, wenn Journalismus auch diese Aspekte herausarbeiten würde – es ist nicht seine Aufgabe „Bühnen“ zu bieten, sondern Inhalte zu prüfen und einzuordnen.
Das ist wieder mal ein Beleg dafür, wie sich die redaktionelle Schwächung der NOZ bei Wirtschaftsthemen auswirkt. Immer wieder Übernahmen von Partnerverlagen statt eigener Recherche.Die Kommentierung erfolgt durch Generalisten.
Dabei will die NOZ doch ihren Mantel an andere, kleinere Zeitungen verkaufen.
Kein Wunder, dass sie dafür nur recht wenig Abnehmer finden.
Mal abgesehen vom Interview mit SPD-Generalsekretär Klüssendorf dominiert in der NOZ die monokausale Betrachtungsweise in der Problemanalyse der deutschen Wirtschaft. Schlechtere Löhne, längere Arbeitszeiten und harte Einschnitte in den sozialen Sicherungssystemen als Drohkulisse für die unwilligen ArbeitnehmerInnen. Das ist seit Margret Thatcher das neoliberale Paradigma der sogenannten Wirtschaftsexperten weltweit. Wozu hat es geführt?
Die Massenkaufkraft sinkt, die Binnenmärkte schrumpfen, viele ArbeitnehmerInnen distanzieren sich innerlich immer mehr von ihren Jobs und bezahlen für den ständigen Stress und Daseinskampf mit ihrer Gesundheit. Und auf der anderen Seite steht die Gruppe der Superreichen, die ihre wahnwitzigen Vermögensgewinne als spekulatives Kapital rund um den Globus schicken, ohne damit volkswirtschaftlich sinnvolle Werte zu schaffen. Ein völlig abstruses und dekadentes System und offensichtlich eine Art von Religionsersatz für seine Anhänger und publizistischen Helfershelfer!