Im Banaszak-Interview der NOZ, Grünen-Klimapositionen bekommen Populismus-Vorwurf & den Versuch, „Klimaextremist“ zu etablieren. Banaszaks AfD-kritische Kernaussagen bleiben unkommentiert.
Am 16. September veröffentlichte die NOZ ein Interview von Burkhard Ewert und Lucas Wiegelmann mit Grünen-Chef Felix Banaszak. Ein Blick auf die Fragestruktur zeigt ein textlich klar nachweisbares Muster. Positionen des Interviewten werden unterschiedlich intensiv hinterfragt, je nachdem, ob sie sich gegen die AfD oder gegen die eigene Partei richten.
Die Asymmetrie im Detail
Als Banaszak seine Formulierung von den „demokratischen Parteien“ erläutert, fragen die Interviewer nach, ob er damit nicht selbst die AfD-Erzählung von den „Blockparteien“ bestätige. Eine legitime Nachfrage, aber sie bleibt die einzige ihrer Art in diese Richtung.Anders bei den klimapolitischen Passagen. Hier findet sich mit „Also ein Klimaextremist?“ der Versuch, einen Begriff zu etablieren, den Banaszak explizit als diskreditierend zurückweist. Kurz darauf folgt die Frage „Wie viel Populismus verträgt die Klimadebatte?“, ein Vorwurf, der sonst primär gegen die AfD in Stellung gebracht wird, hier aber auf die Klimarhetorik der Grünen angewendet wird. Die Frage „Wenn man die Grünen wählt, werden davon ja die Sommer nicht kühler“ schließlich verlässt die Ebene der Sachfrage zugunsten einer rhetorischen Pointe.
Bemerkenswert dabei, Banaszaks deutlichste AfD-kritischen Aussagen im selben Interview, etwa seine Einordnung des Stromnetz-Anschlags als Terrorismus unabhängig von der Motivation, oder sein Bekenntnis „Demokraten dürfen nicht aufgeben, für die Demokratie zu kämpfen“, werden nicht gegengefragt oder eingeordnet. Sie stehen unkommentiert im Text.
Die Schlagzeile als Verstärker
Die Wahl der Überschrift, „Nicht alle AfD-Wähler sind verkappte Nazis“, greift ausgerechnet die relativierendste Formulierung aus Banaszaks Antworten heraus. Im selben Antwortblock warnt er explizit davor, diese Einsicht mit einer „Relativierung dessen, was von der AfD propagiert und geplant wird“ zu verwechseln. Die Schlagzeile transportiert also nicht die Kernaussage, sondern deren Randbemerkung.
Fazit
Hier lässt sich neutral keine Aussage über Absichten treffen, nur über den Text selbst. Und der zeigt, Grünen-/Klimapositionen werden mit pointierten Gegenfragen konfrontiert, AfD-kritische Kernaussagen bleiben stehen. Das ist ein dokumentierbarer redaktioneller Effekt, den man beim Lesen im Blick behalten sollte.
Sich als Grüner einem Interview mit Ewert u. Co. auszusetzen ist schon mutig. Die letzte Frage „Befürchten Sie, wenn die AfD im Bund an die Macht käme, auch persönliche Konsequenzen?“ könnte man auch als subtile Drohung auffassen.
Ich kann Felix Banaszak nur gratulieren – er hat Burkhard Ewerts / Lucas Wiegelmanns suggestive und z.T. diskreditierende Fragen absolut angemessen und sachlich korrekt pariert /korrigiert.
Aber hängen bleibt wieder nur die aus dem Zusammenhang gerissene Aufmachung: „Nicht alle AfD-Wähler sind verkappte Nazis“ – und so kann sich die Wählerschaft dieser rechtsextremen Partei wieder in der bürgerlichen Mitte wähnen.
Burkhard Ewert hat ja auch unlängst in seiner Kolumne die zukünftigen AfD-Abgeordneten des sachsen-anhaltinischen Parlaments als ziemlich harmlos und „Normalos“ dargestellt, gelegentlich mal durch homophobe oder rassistische Aussagen auffallend.
Der „Spiegel“ hat in einer umfangreichen Recherche ganz klar benannt, wer da Ministerposten – also Entscheidungspositionen – anstrebt:
Und in den meisten Fällen sind das „verkappte Nazis“ – anders kann man es nicht bezeichnen, wenn regelmäßig die Nähe zu Neonazis gesucht und / oder an Ritualen derselben teilgenommen wird.
Wer die wählt, teilt ganz offensichtlich deren Weltbild – oder es ist ihm / ihr egal.
Aber: „Nichtwissen“ schützt nicht vor Verantwortung.
Darüber hinaus geben 70 Prozent der AfD-Wähler:innen in Umfragen selbst an, die AfD „wegen ihrer Politik“ zu wählen; eine Studie der FU Berlin bestätigt immerhin, dass die Wählerschaft zu 20 Prozent aus autoritär und radikal rassistisch eingestellten Menschen besteht, und 67 Prozent aus „konservativen Hardlinern“ , die nichts anderes interessiert als „Ausländer raus“. Beide Gruppen werden als mit sachlichen Argumenten – und damit auch politischen Maßnahmen im Rahmen des Grundgesetzes – nicht mehr erreichbar angesehen.
Nur 13 Prozent wählen die AfD aus wirtschaftlichen / außenpolitischen Gründen.
Das allein stellt die alleinige Verantwortung der angeblich „schlechten“ Politik der (gesamten) demokratischen Parteien für den Aufstieg der AfD infrage.
Im übrigen straft dieses „Interview“ Luisa Riepes gerade wieder betonten Anspruch auf „ausgewogene Berichterstattung“ der NOZ Lügen.