Die NOZ holt sich Hans-Werner Sinn als Kronzeugen gegen nationalen Klimaschutz, ohne seine umstrittene Rolle in der Energiewende-Debatte zu erwähnen. Am Ende landet man bei derselben Schlussfolgerung wie die AfD, nur wissenschaftlich verkleidet.
Hallo NOZ, hallo Herr Schmidt,
Ihr Kommentar zur Hitzewelle und zum Klimaschutz stützt sich stark auf Hans-Werner Sinn, was bei näherer Betrachtung mehr Fragen aufwirft, als er beantwortet.
Die Aussage, Deutschland könne das Klima mit rund zwei Prozent der globalen Emissionen allein nicht retten, ist rechnerisch richtig. Problematisch wird sie durch die Funktion, die sie im Text übernimmt. Sie suggeriert, nationale Klimapolitik lohne sich kaum, eine Schlussfolgerung, die in der Klimaforschung als typisches Verzögerungsargument gilt. Lamb und Kollegen beschreiben dieses Muster 2020 als „Redirect Responsibility“, den Hinweis auf die eigene Kleinheit als Ablenkung von der eigenen Handlungsmöglichkeit.
Auffällig ist auch die Wahl des Kronzeugen. Sinn wurde vor allem durch sein sogenanntes grünes Paradoxon bekannt, die These, Ankündigungen künftiger CO2-Einsparungen würden Förderkonzerne zu schnellerer statt langsamerer Ausbeutung fossiler Reserven bewegen. Diese These stieß in der Klimaökonomie auf erhebliche Kritik. Auch seine langjährige Gegnerschaft zur deutschen Energiewende bleibt im Artikel unerwähnt. Wer Sinn als Stimme der Vernunft gegenüber der AfD positioniert, sollte diesen Streit nicht ausblenden.
Der Vergleichsrahmen fehlt zudem. Die EU zusammen verursacht etwa sieben Prozent der weltweiten Emissionen, eine andere Größenordnung als der deutsche Anteil allein. Bei den kumulierten historischen Emissionen seit der Industrialisierung gehört Deutschland weiterhin zu den größten Verursachern. Und die deutsche Solarförderung der 2000er Jahre hat den globalen Preisverfall bei Photovoltaik mit angestoßen, ein Effekt, der weit über den eigenen Emissionsanteil hinausreicht.
Dass Sinn den Klimawandel anders als die AfD nicht leugnet, macht den Verweis auf ihn nicht unproblematisch. Beide Positionen laufen in der praktischen Konsequenz auf dasselbe hinaus, nämlich Zurückhaltung bei nationaler Klimapolitik. Ausgerechnet an einem Tag mit Hitzerekorden ist das eine unglückliche Botschaft.
Mit freundlichen Grüßen
Die Argumentationskette von Schmidt, Sinn oder eben auch der AfD ist an logischer oder eben auch ethischer Inkonsistenz kaum noch zu unterbieten. Denn folgt man dieser Logik, dann kann man jeden Tag auch getrost zehn rote Ampeln überfahren, da das in der Gesamtzahl der täglichen Verkehrsdelikte ja nur einen geringen Prozentsatz ausmachen würde. Als aufgeklärter Mitteleuropäer halte ich es stattdessen lieber mit Imanuel Kants kategorischem Imperativ: handle (klimapolitisch) stets so, dass du wollen kannst, dass die deiner Handlung zugrundeliegende Handlungsmaxime zur Grundlage einer allgemeinen (klimaschützenden) Gesetzgebung bzw. zum globalen Umweltstandard werden kann! Alles ändere wäre ein klimapolitischer Offenbarungseid und sowohl einer nach wie vor sehr wohlhabenden Industrienation als auch der abendländischen Geistestradition absolut unwürdig. Es ist einfach nur noch traurig miterleben zu müssen, auf welches armselige geistige und ethische Niveau die NOZ und ihre Redakteure inzwischen gesunken sind!
Stimme uneingeschränkt zu! Deutschland hat einen der größten Pro-Kopf-Treibhausgasfußabdrücke der Welt und eine entsprechend große Verantwortung beim Klimaschutz. Darüber hinaus haben wir emissionsintensive Industrie – von der Deutschland aber direkt profitiert hat – ins Ausland verlagert, so dass diese Emissionen nicht uns zugerechnet werden.
Regelmäßig wird vorgebracht, die deutschen Treibhausgasemissionen seien doch seit 1990 gesunken. Das ist ein Rechentrick, denn seit 1990 wurde ein Großteil der DDR-Industrie „abgewickelt“, die dem Ausangswert noch zugeschlagen sind – d e r Hauptgrund der Emissionsminderung.
Noch einmal: Natürlich hat jedes Land eine Verantwortung, seine Emissionen zu senken. Das heißt aber auch für Deutschland, dass – selbst wenn es nur für 2% der weltweiten Emissionen verantwortlich wäre (was so nicht stimmt) – müssten diese 2% auf N u l l ! Die Konsequenzen sind also die gleichen, egal wie „groß“ die Verantwortung ist!
Ebenso suggeriert der Text von Herrn Schmidt das gängige Narrativ von „Deutschland könne die Welt nicht allein retten“. Richtig ist, dass Deutschland schon seit einiger Zeit so gut wie nichts für den Klimaschutz tut – im Gegenteil, sogar einen fossilen Roll-Back einläutet – während andere Länder viel weiter sind. Ja, auch China hat noch einen beträchtlichen Teil an fossiler Energieerzeugung – im Gegensatz zu Deutschland baut es aber in Windeseile EE zu, elektrifiziert die Sektoren und verdient sogar noch daran. Großbritannien hat schon seit Jahren eine nationale CO2-Strategie und mittlerweile sämtliche Kohlekraftwerke abgeschaltet. Und ja, es hat auch noch AKW – aber das neueste ist seit 2013 im Bau und die Kosten explodieren. Deutschland hingegen plant den Neubau einer großen Anzahl von Gaskraftwerken – Erdgas ist mindestens ebenso klimaschädlich wie Kohle, kurzfristig sogar noch schlimmer, weil Methan ein schädlicheres Klimagas ist als CO2..
Wenn Wirtschaft gegen Klimaschutz ausgespielt wird, wird ständig vergessen, dass die Klimakrise(!) unsere Wirtschaft massiv schädigt. Extremwetterlagen hierzulande beschädigen die Infrastruktur und haben einen nicht unerheblichen Einfluss auf die Produktivität (Hitze, Dürre) – es hat einen Grund, dass sich die erfolgreichsten Volkswirtschaften in „gemäßigten Klimazonen“ entwickelt haben . Extremwetterlagen anderswo unterbrechen Lieferketten, ruinieren Ernten und treiben so die Preise.
Europa ist der Kontinent, der sich am schnellsten erwärmt; global sind wir bei etwa 1,5 Grad, in Europa sind es schon 2,5 Grad – Durchschnittstemperatur! Das bringt die Wettermodelle total durcheinander.
Der Kommentar von Thomas Ludwig zum Thema – etwas früher erschienen als der Beitrag von Tobias Schmidt – trifft es dagegen richtig gut. Aber den konnte man offensichtlich nicht so stehen lassen……
Ich bin sehr erschüttert, dass man selbst angesichts dieser Rekordhitzewelle, die für viele Menschen lebensgefährlich wird, keine Konsequenzen zieht und das noch journalistisch rechtfertigt – nur um einigen fossilen Konzernen das Geschäft nicht zu vermasseln. Ich denke, hier kommt die Regierung ihrer gesetzlichen Verantwortung, Schaden vom Volk abzuwenden, definitiv n i c h t nach!
P.S. Dazu passend wieder aufgewärmt die fragwürdige „Studie“ zu „Infraschall bei Windrädern“ und Herzproblemen – natürlich von Herrn Wiegelmann aufgegriffen. Wie auch beim Thema „Insektensterben durch Windräder“ enthält auch diese Studie offenbar schon einen „Interpretationsdisclaimer“ – aber man muss es offensichtlich trotzdem thematisieren.
(N.b. Infraschall ist schon in kurzer Entfernung von Windrädern nicht mehr messbar! – Die Mindestabstände zu Wohnbebauung sind sehr viel größer. Ebenso die Infraschallbelastung durch den Autoverkehr. Das ist wissenschaftlich(!) belegt, und – auch wenn die Korrektur der Behauptungen – von damals Peter Altmaier – spät kam, so kam sie doch. Aber da waren die Falschaussagen schon in der Welt.
Darüber hinaus gibt es auch einen sogenannten „Nocebo“-Effekt – allein der Glaube daran, dass etwas schädlich ist, kann zu Beschwerden führen (Gegenteil von „Placebo“). Das haben schwedische Wissenschaftler:innen beim Thema Windkraft nachgewiesen. Warum wird das nicht erwähnt?
Wie wäre es, Herr Wiegelmann, mal die Luftverschmutzung durch fossile Verbrennung an den Pranger zu stellen? Die Lärmbelastung an viel befahrenen Straßen? Deren Auswirkungen auf die Gesundheit sind sehr viel besser belegt!
Den Kommentar von Herrn Schmidt finde ich jetzt nicht so komplett daneben. Er spricht aus, wie so der allgemeine Tenor zum Thema Klimaschutz in Deutschland ist.
Die Schlagzeilen der letzten 3 Tage werden jetzt erstmals seit langem von dem Thema und seinen elementaren Auswirkungen auf die Bevölkerung beherrscht. Zuletzt war dies wohl 2019 so. Das 2. Hitzejahr in Folge, begleitet von den Aktivitäten von fridays for future. ermöglichte z.B. Wahlerfolge der Grünen wie im Landkreis Osnabrück, die bis dato undenkbar schienen. Aber schon die kurze Welle 2022 wurde durch die energiepolitischen
Folgen des Ukraine-Kriegs überdeckt, als Deutschland die Abhängigkeiten von Öl und Gas vor Augen gehalten wurden. Dass sich daraus die Mentalität entwickelte, wir können das hier nicht alleine lösen, war unvermeidbar.
Der heutige Kommentar dazu in den RND Blättern hat schon einen etwas resignierenden Unterton, wenn er beklagt, dass trotz solcher Schlagzeilen, niemand in Berlin an einen Hitzegipfel denke. In Anlehnung an den Soziologen Jens Beckert („Verkaufte Zukunft. Warum der Kampf gegen den Klimawandel zu scheitern droht“)
„Wir verkaufen unsere Zukunft für die nächsten Quartalszahlen, das kommende Wahlergebnis und das heutige Vergnügen. Unsere Gesellschaftsordnung kommt mit dem Problem einfach nicht zurecht.“
So isses. Die Ampeln der Wasserwerke im Raum Bad Oeynhausen sind auf Dunkelrot mit Ausrufezeichen und trotz aller Appelle und Bußgeldandrohungen, ging der Verbrauch kaum zurück.Die Polls müssen gefüllt werden.Strompreise gehen nach Sonnenuntergang durch die Decke wegen der Klimageräte.
„Politiker sähen sich gezwungen, wirtschaftliche Zugewinne zu ermöglichen, damit sie etwas zum Verteilen hätten. Gelinge dies nicht, laufe man „in Verteilungskonflikte, die politisch kaum durchzustehen sind“. Beckert bezog sich auf den Streit um das Habeck’sche Heizungsgesetz und die Bauernproteste gegen die Kürzung der Subventionierung von Agrardiesel. Und er sagte: „Das sind ja erst Anfänge.“ Wie wahr! Die deutsche Wirtschaft gerät unter anderem wegen hoher Energiepreise immer stärker unter Druck. In Unionskreisen wird dafür aber nicht die fortexistierende Abhängigkeit von fossilen Energien verantwortlich gemacht, sondern die Wende zu Sonne und Wind.“
Und auch der lokale Kommentar in Bielefeld. „Cool bleiben“ zum Beschluss des Umweltausschusses, sich nicht mit den eindeutig verfehlten Klimazielen der Stadt auseinanderzusetzen, geht in diese Richtung: Eine Mehrheit von CDU, SPD und FDP hat das so entschieden. Und die AFD war natürlich auch damit einverstanden.
„Angesichts der Langlebigkeit der vorhandenen Infrastrukturen, von Gebäuden, Fahrzeugen, Heizungsanlagen und der Trägheit des Status quo bestehen mehr als berechtigte Zweifel, dass die Stadt das selbstgesteckte Ziel „klimaneutral 2030“ erreichen kann. Selbst das Ziel der Bundesregierung, Deutschland klimaneutral bis 2045, dürfte für Bielefeld kaum zu schaffen sein.“
„Der Aktionsplan liest sich schlüssig. Er hat nur einen entscheidenden Haken. Es müsste eine beträchtliche Milliardensumme aufgewendet werden, um die darin aufgelisteten Punkte abzuarbeiten.Das Geld hat die Stadt nicht. Das Geld haben die Bielefelder nicht…Die straffen Zielvorgaben sind aller Ehren wert, haben letztlich aber nur Symbolcharakter..
Da heißt es: cool bleiben. Ein Realitätscheck muss her, will man dem Klima wirklich helfen.Und, ja, Klimaschutz beginnt auch im Kleinen. Eine Stadt wie Bielefeld muss da ebenfalls mehr tun. Aber es ist auch schon ein weltweites Problem, das nicht am Teutoburger Wald gelöst werden kann.“
So ähnlch hätte die Kommentierung auch für Osnabrück ausfallen können. Als Miteigen- tümer einer kleingeistigen WEG könnte ich da nach den letzten Versammlungen eine ganzes Buch drüber schreiben. Alles, was Geld kostet, vertagen, Pläne für Solaranlage, Dach-dämmung abschmettern. Es fehlte jedes Mal nur eine Stimme dafür. Die Minderheit konnte ihren Frust im Anschluss nur noch im Grünen Jäger ertränken.