Leserbriefe, Medienkritik & politische Analysen

NOZ und die AfD: Wenn Symmetrie die Realität verdeckt

AfD-Parteitag in Erfurt. Weidel „triumphiert“, die Gegner „hassen“. Die NOZ nennt die Partei kein einziges Mal aus eigener Feder rechtsextrem, zitiert aber unwidersprochen Weidels Spott über das Verfassungsschutzgutachten. Schieflage mit System.

Hallo NOZ, hallo Herr Ebert, hallo Frau Lehmann,

Ihre Berichterstattung vom 06.07.2026 zum AfD-Parteitag in Erfurt zeigt in Kombination ein Muster, das bereits aus früheren Ausgaben bekannt ist. Die Partei wird an keiner Stelle als das benannt, was sie laut Verfassungsschutzgutachten ist, nämlich gesichert rechtsextrem. Der Begriff taucht überhaupt nur einmal auf, und zwar in einem Zitat von Alice Weidel, die das Gutachten als „lächerliches Konvolut“ abtut. Eine eigene Einordnung der Redaktion fehlt komplett.

Dabei ist die juristische Lage deutlich unklarer, als Frau Lehmanns Formulierung suggeriert. Dass sich die AfD „bis zu einem weiteren Urteil juristisch erfolgreich zur Wehr gesetzt hat“, klingt nach einem Sieg in der Sache. Tatsächlich handelt es sich um ein laufendes Verfahren, die Einstufung ist vorläufig ausgesetzt, nicht aufgehoben. Diesen Unterschied hätte man erklären müssen.

Noch auffälliger ist die Schieflage zwischen den beiden Artikeln. Philipp Eberts Text über die Proteste konzentriert sich auf Pyrotechnik, vermummte Selbstjustiz und den Angriff auf Journalisten der „Jungen Freiheit“. Das sind reale Vorfälle, die zu Recht Erwähnung finden. Problematisch wird es aber, wenn schon die Überschrift die Demonstrierenden über „Hass“ definiert, während die Motivation dahinter (eine vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestufte Partei) unerwähnt bleibt. Wer gegen Rechtsextremismus protestiert, hasst nicht einfach „die Rechten“, sondern verteidigt demokratische Grundwerte. Diese Nuance geht im Artikel verloren.

Rena Lehmanns Porträt von Weidel wiederum liest sich streckenweise wie eine Beschreibung geschickten Kampagnenmanagements, nicht wie kritischer Journalismus. Dass zwei der drei neu gewählten Stellvertreter dem Höcke-Lager zuzurechnen sind und „mehr Thüringer Linie“ ankündigen, wird referiert, aber nicht eingeordnet. Was das inhaltlich bedeutet, für eine Person, die wegen der Verwendung einer verbotenen SA-Parole rechtskräftig verurteilt wurde, bleibt offen.

In der Summe entsteht ein Bild von zwei Lagern, dem einen „erfolgreich“ und „triumphierend“, dem anderen „hasserfüllt“ und in Teilen gewaltbereit. Diese Symmetrie existiert in der Sache nicht. Eine Partei, die der Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem einstuft, und eine Protestbewegung, die genau dagegen auf die Straße geht, sind keine gleichwertigen Pole einer Debatte.

Mit freundlichen Grüßen

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3 Kommentare

  1. Elke K.

    Der Beitrag stellt ein verzerrtes Bild für die Leserschaft dar und ist ein Schlag ins Gesicht für die vielen tausend Menschen, die nach Erfurt kamen, um friedlich und fröhlich gegen diese völkisch-nationalistisch ausgerichtete Organisation, die sich „Partei“ nennen darf und danach strebt, dieses Land mit Gewalt und unter Abschaffung demokratischer Grundprinzipien zu regieren, zu demonstrieren. Der Grundtenor der Proteste war, laut offizieller Mitteilung der Polizei, friedlich und ganz und gar ohne Hass.

  2. Sabine Driehaus

    Insgesamt sind es neben den dpa-Meldungen 6(!) NOZ-redaktionelle Online-Beiträge über den Parteitag der AfD; alle mit demselben Tenor:
    Eine jubelnde, erfolgreiche AfD als „normale“, „demokratische“ Partei (Lehmann, mehrfach) und auf der anderen Seite undemokratische Chaoten, die diese „gewalttätig“ verhindern wollte (Ebert, mehrfach, Framen der Demos als undemokratisch auch im Interview mit Franziska Brandtner).
    Sollte die AfD je in Regierungsverantwortung kommen, trüge die NOZ als eines der größten Medienhäuser hierzulande eine entsprechend große Verantwortung dafür.
    Nicht zuletzt diese Beiträge sollten auch noch den / die Letzte/ überzeugen, dass die NOZ keinen seriösen Journalismus mehr betreibt, sondern Wahlwerbung für eine undemokratische, faschistoide Partei – Björn / Bernd Höcke darf, gerichtlich festgestellt – als „Faschist“ bezeichnet werden. Warum tut man das nicht?!
    Das Schließen von Kommentarspalten, einmal die Woche eine „Debatte“, bei der die Redaktion nach subjektiven Kriterien („bereichert der Kommentar die Diskussion?“) Beiträge freischaltet oder blockiert, die überproportionale unkritische Berichterstattung über die AfD und das Bashen von Demonstrationen und Personen gegen Rechtsextremismus sind alles – und da muss ich mich wiederholen – Methoden der Faschisten.

  3. Norbert D.

    Bei der NOZ muss man nicht lange überlegen, welche redaktionellen Leitlinien bei der
    Artikelauswahl und Kommentierung vorliegen. Das ist wie bei Springer ganz deutlich zu erkennen.
    Bei anderen Blättern in der Nachbarschaft grübelt man. Warum hat hat die NW oder das HK das gute Porträt Timo Chupallas vom ausgewiesenen AFD Kritikers des RND Jan Sternburg
    durch eine eigene Reportage zum neuen Kommandeur der Panzerbrigade in Augustdorf ersetzt ? Andererseits wird dort unkommentiert der Aufruf des Bündnisses „widersetzen“
    auf der Lokalseite Borgholzhausen abgedruckt :
    Auch mit Merz tut man sich schwer. Heutiger Aufmacher: auf der Titelseite : “ Merz sieht
    durch Reformkurs Sehr gute Jahre kommen “ Aber die Aüßerungen von Merz am Wochenende über die Nöler, Nörgler und Berufspessimisten “ möchte man im Kommentar so auch nicht einfach stehen lassen. “ Der Kanzler vergisst, was er selbst einmal war“.
    Den Kommentar zum AFD Parteitag übernimmt man vom RND. “ Die AFD gärt nicht mehr“:

    Und der lokale Wettbewerber Westfalenblatt tut sich schwer mit dem Abdruck eines Interviews mit einem Völkerrechtller aus Göttingen, anlässlich eines Vortrags in Münster wegen dessen Schlussfolgerungen zur Politik Israels, weil es gegen die redaktionelle Linie geht.

    Das Osnabrücker Problem ist die Monopolstellung der NOZ, zu der es kein ernsthaftes lokales Gegengewicht gibt und wo man solche Vergleiche nur extern ziehen kann.

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