Leserbriefe, Medienkritik & politische Analysen

Autor: Timm Reichl (Seite 3 von 72)

Wenn die eigenen Zahlen gegen die eigene These sprechen. Wie ein mopo-Text in der NOZ rechtsextreme Gewalt kleinredet, während er linksextreme Militanz seziert.

Die NOZ druckt einen mopo-Text zu linksextremer Gewalt. Drei Absätze Erklärung für die eine Seite, ein Satz für den Anstieg rechtsextremer Gewaltbereiter um zwei Drittel. Und der Fall Reutlingen wird als geklärt verkauft, obwohl die Täter unbekannt sind.

Hallo NOZ, hallo Frau Clausen,

Ihr Text über die zunehmende Gewalt aus der linksextremen Szene benennt ein reales Problem, baut die Erzählung aber auf einer schiefen Statik auf.

Die eigenen Zahlen aus dem Artikel zeigen das deutlich. Die linksextreme Anhängerschaft mit Gewaltbereitschaft bleibt in Hamburg mit rund 800 Personen praktisch stabil, während die Zahl gewaltorientierter Rechtsextremisten um etwa zwei Drittel steigt, von 150 auf 250. Für die linke Szene liefern Sie drei Absätze Erklärung, Zersplitterung, interne Konflikte, kleine Gruppen mit hoher Schlagkraft. Für den Anstieg auf der rechten Seite bleibt ein einziger Satz am Ende des Textes, ohne jede Einordnung. Wachstum bei gleichbleibender Personenzahl wird ausführlich seziert, Wachstum der Personenzahl selbst fällt unter den Tisch.

Auch die Unterzeile arbeitet mit einer Schieflage. „Vermeintlicher Rechtsruck der Gesellschaft“ wertet eine Wahrnehmung ab, die Ihr eigener Zitatgeber, der Verfassungsschutz, ohne dieses Wort beschreibt. Die Behörde spricht von einer beobachteten Entwicklung, nicht von einer Einbildung. Das „vermeintlich“ stammt aus der Redaktion, nicht aus der Quelle.

Bei der Auswahl Ihrer Gesprächspartner bleiben Sie ebenfalls einseitig. Verfassungsschutz und Polizeigewerkschaft sind legitime Stimmen, stehen aber strukturell auf derselben Seite der Debatte. Eine Einordnung aus der Radikalisierungsforschung oder eine Gegenstimme fehlt komplett, obwohl Sie selbst erwähnen, dass unter den angegriffenen Fußballfans möglicherweise auch Rechtsextremisten und Neonazis waren. Dieser Punkt verschwindet sofort wieder aus dem Text.

Besonders schief liegt der Fall Reutlingen. Sie führen den Brand am Umspannwerk unter den linksextremistischen Anschlägen auf kritische Infrastruktur auf, als wäre die Täterschaft geklärt. Tatsächlich ermittelt das Landeskriminalamt Baden-Württemberg nach aktuellem Stand ergebnisoffen wegen Brandstiftung. Es gibt weder ein Bekennerschreiben noch konkrete Hinweise auf die Identität der Täter. Der Verdacht auf eine linksextreme Motivation stützt sich bislang allein auf methodische Parallelen zu früheren Anschlägen in Berlin, wie auch Sicherheitskreise selbst einräumen. Das neben belegten Taten in einer Aufzählung zu platzieren, verwischt den Unterschied zwischen Verdacht und Tatsache.

Linksextreme Gewalt zu dokumentieren ist richtig und nötig. Aber wer dabei die eigenen Zahlen zur wachsenden rechtsextremen Gewaltbereitschaft in einem Nebensatz versteckt und unbestätigte Verdachtsfälle wie gesicherte Taten behandelt, betreibt keine Bestandsaufnahme, sondern Auswahl mit Schlagseite.

Mit freundlichen Grüßen

Warum der Verweis auf Hans-Werner Sinn die Klimadebatte nicht ehrlicher macht, sondern nur anders verschleiert

Die NOZ holt sich Hans-Werner Sinn als Kronzeugen gegen nationalen Klimaschutz, ohne seine umstrittene Rolle in der Energiewende-Debatte zu erwähnen. Am Ende landet man bei derselben Schlussfolgerung wie die AfD, nur wissenschaftlich verkleidet.

Hallo NOZ, hallo Herr Schmidt,

Ihr Kommentar zur Hitzewelle und zum Klimaschutz stützt sich stark auf Hans-Werner Sinn, was bei näherer Betrachtung mehr Fragen aufwirft, als er beantwortet.

Die Aussage, Deutschland könne das Klima mit rund zwei Prozent der globalen Emissionen allein nicht retten, ist rechnerisch richtig. Problematisch wird sie durch die Funktion, die sie im Text übernimmt. Sie suggeriert, nationale Klimapolitik lohne sich kaum, eine Schlussfolgerung, die in der Klimaforschung als typisches Verzögerungsargument gilt. Lamb und Kollegen beschreiben dieses Muster 2020 als „Redirect Responsibility“, den Hinweis auf die eigene Kleinheit als Ablenkung von der eigenen Handlungsmöglichkeit.

Auffällig ist auch die Wahl des Kronzeugen. Sinn wurde vor allem durch sein sogenanntes grünes Paradoxon bekannt, die These, Ankündigungen künftiger CO2-Einsparungen würden Förderkonzerne zu schnellerer statt langsamerer Ausbeutung fossiler Reserven bewegen. Diese These stieß in der Klimaökonomie auf erhebliche Kritik. Auch seine langjährige Gegnerschaft zur deutschen Energiewende bleibt im Artikel unerwähnt. Wer Sinn als Stimme der Vernunft gegenüber der AfD positioniert, sollte diesen Streit nicht ausblenden.

Der Vergleichsrahmen fehlt zudem. Die EU zusammen verursacht etwa sieben Prozent der weltweiten Emissionen, eine andere Größenordnung als der deutsche Anteil allein. Bei den kumulierten historischen Emissionen seit der Industrialisierung gehört Deutschland weiterhin zu den größten Verursachern. Und die deutsche Solarförderung der 2000er Jahre hat den globalen Preisverfall bei Photovoltaik mit angestoßen, ein Effekt, der weit über den eigenen Emissionsanteil hinausreicht.

Dass Sinn den Klimawandel anders als die AfD nicht leugnet, macht den Verweis auf ihn nicht unproblematisch. Beide Positionen laufen in der praktischen Konsequenz auf dasselbe hinaus, nämlich Zurückhaltung bei nationaler Klimapolitik. Ausgerechnet an einem Tag mit Hitzerekorden ist das eine unglückliche Botschaft.

Mit freundlichen Grüßen

Nuhr, der Femizidvorwurf, die NOZ und die Artikel, die niemand findet

Nuhr verteidigt sich mit „mehreren Artikeln“ gegen Femizid-Kritik. Tatsächlich sind es zwei Texte, einer davon sagt explizit das Gegenteil von dem, was er behauptet. Die NOZ druckt die Verteidigung unhinterfragt ab.

Hallo NOZ,

der Artikel „Dieter Nuhr: Vorwurf ist lächerlich“ (dpa) gibt fast ausschließlich Nuhrs eigene Verteidigung wieder, und übernimmt dabei eine zentrale Behauptung ohne jede Prüfung.

Nuhr begründet seine Pointe damit, er habe auf ‚mehrere Artikel in großen deutschen Zeitungen‘ reagiert, in denen Frauen infrage gestellt hätten, ’noch mit Männern leben zu können‘. Recherchen von t-online zeigen, dass Nuhr sich konkret auf einen Text in der taz und einen in der Süddeutschen Zeitung bezog. Der taz-Text selbst widerlegt Nuhrs Darstellung unmittelbar. Er trägt den Titel ‚Ich will mit Männern leben‚ und endet mit dem Satz ‚Doch ich will ein Zusammenleben trotzdem nicht aufgeben‘. Das Gegenteil von dem, was Nuhr behauptet.

Wer Frauen vorwirft, pauschal zu urteilen, und dabei selbst aus zwei einzelnen Texten eine unbestimmte Masse macht, betreibt genau die Verkürzung, die er anderen vorwirft.

Auch inhaltlich bleibt die eigentliche Pointe im Artikel unwidersprochen stehen. Nuhr rät, den Partner „vor dem Geschlechtsverkehr“ kennenzulernen, um sich zu schützen. Tatsächlich findet Gewalt gegen Frauen überwiegend innerhalb bestehender Beziehungen statt, die betroffenen Frauen haben ihre Partner also längst gekannt. Dieser Einwand ist in anderen Medien dokumentiert, im NOZ-Artikel fehlt er völlig.

Der Text lässt Nuhr und den rbb ausführlich zu Wort kommen, aber keine einzige Stimme, die seine zentrale Behauptung prüft oder den eigentlichen Vorwurf einordnet. Das ist keine Berichterstattung über eine Debatte, das ist die unkommentierte Weitergabe einer Selbstverteidigung und passt nahtlos zur Masche aus dem Yad-Vashem-Artikel vom 14.06.2026. Dort fehlten Wagner, Czollek, Steinke und die taz komplett, hier fehlt jede einzige weibliche oder feministische Stimme zu einem Text, der im Kern um Gewalt gegen Frauen geht. Die NOZ lässt wieder nur eine Seite sprechen.

Mit freundlichen Grüßen

Die Lücke im Sinnbild – Wie Michael Clasen in der NOZ VWs Kahlschlag zum Beweis für Deutschlands Niedergang erklärt, ohne den Konzern selbst als Akteur vorkommen zu lassen

Die Zahlen stimmen. Die Erklärung dafür, wie sie zustande kommen, lässt einen Akteur konsequent aus, Volkswagen selbst.

Michael Clasen beschreibt in der NOZ vom 27.06.2026 den drohenden Abbau von bis zu 100.000 VW-Stellen als „Sinnbild für Deutschlands Niedergang“. Die Faktenbasis dafür ist solide, die Verdoppelung des Stellenabbau-Ziels und die Gefährdung der vier Standorte Hannover, Zwickau, Emden und Neckarsulm sind durch Berichte des Manager Magazins gedeckt, ebenso die wirtschaftliche Stagnation Deutschlands, die der Sachverständigenrat zuletzt mit nur 0,1 Prozent realem BIP-Wachstum über fünf Jahre bezifferte.

Die Kausalkette, die Clasen aus diesen Zahlen baut, ist eine andere Frage. Verantwortlich macht er „hausgemachte Probleme […] auch ganz oben in der Konzernführung, die wegen der Macht von Gewerkschaft und Politik zu wenig Innovationstempo vorgelegt hat“, und dann, eine Ebene höher, Merkel, Scholz und Merz für eine „völlig verfehlte deutsche Industriepolitik“. Was in diesem Satz nicht vorkommt: VW als Unternehmen, das eigene strategische Entscheidungen getroffen hat. Der Dieselskandal taucht nicht auf. Die verschleppte Digitalisierung der Software-Tochter Cariad taucht nicht auf. Dass der Konzern noch im ersten Quartal 2026 einen Gewinneinbruch von 28 Prozent meldete, während Vorstandsboni und Dividenden weiterliefen, taucht nicht auf. Stattdessen wird die Konzernführung selbst zum Opfer von „Gewerkschaft und Politik“ erklärt, ein Akteur ohne Verantwortung, dem äußere Kräfte die Hände gebunden haben.

Das ist kein Einzelfall bei Clasen. Schon im März, beim ersten großen VW-Stellenabbau, hatte er die 35-Stunden-Woche als Argument gegen Wettbewerbsfähigkeit angeführt und E-Fuels als ernsthafte Alternative präsentiert, Dieselskandal und verschlafene Digitalisierung blieben unerwähnt. Das Muster wiederholt sich nun nahezu identisch, nur die Zahl ist größer geworden.

Hinzu kommt eine rhetorische Technik, die man von Ebert und Ewert auf dieser Meinungsseite kennt. Die unkommentierte Aufzählung von Superlativen („Weltspitze bei Energiekosten, Bürokratie, Sozialausgaben sowie Steuern und Abgaben“), die Monokausalität suggeriert, ohne sie zu belegen. Der Schlusssatz – „Wohlstand muss erst erarbeitet werden, bevor es etwas zu verteilen gibt“ – ist dann keine Analyse mehr, sondern eine politische Setzung, die unter dem Deckmantel der Wirtschaftsanalyse daherkommt.

Was bleibt, ist ein Text, dessen Einzeldaten stimmen und dessen Erzählung trotzdem eine Leerstelle hat, die kein Zufall ist.

Härtere Zahl, gleiches Problem – Im Interview mit Jeannette Deckers fordert die NOZ eine schärfere Altersgrenze für Social Media

16 statt 13 Jahre, klingt schärfer. Bleibt aber dieselbe Logik wie tags zuvor, Kontrolle der Kinder statt Regulierung der Anbieter. Und keine einzige Gegenfrage im Interview.

Hallo NOZ, hallo Frau Lehmann,

Ihr Interview mit Jeannette Deckers wirkt auf den ersten Blick wie ein Korrektiv zu Ihrem eigenen Kommentar vom Vortag. Tatsächlich bestätigt es aber genau das Problem, das ich dort schon angesprochen hatte.

Deckers fordert eine deutlich härtere Grenze als die Kommission, nämlich 16 statt 13 Jahre, und das mit hardwarebasierter Altersverifikation. Das klingt zunächst nach einer schärferen Haltung. Schaut man aber genauer hin, bleibt der Vorschlag in derselben Logik wie Ihr Kommentar. Es geht wieder nur darum, Kinder und Familien stärker zu kontrollieren, nicht darum, die Anbieter in die Pflicht zu nehmen.

Besonders deutlich wird das, wenn Deckers die von der Kommission vorgeschlagene Regulierung über den Digital Services Act als naiv abtut. Genau diese Regulierung zielt aber auf das, was sie selbst beklagt, nämlich süchtig machende Algorithmen, Endlos-Feeds und personalisierte Werbung. Wer das als aussichtslos verwirft, weil Musk und Zuckerberg sich ohnehin nicht an Regeln halten würden, landet zwangsläufig wieder bei der Forderung nach mehr Kontrolle der Nutzer. Damit wiederholt sich die Verschiebung der Verantwortung, die ich schon am Vortag kritisiert hatte, nur diesmal mit einer höheren Zahl dahinter.

Journalistisch fällt zudem auf, dass im gesamten Interview keine einzige kritische Nachfrage gestellt wird. Weder zur Praktikabilität einer hardwarebasierten Lösung noch zu den zitierten Zahlen wie dem ifo-Bildungsbarometer oder dem Bericht der „New York Times“ zum Umgang mit Smartphones in Schulen. Auch die Kommission selbst, deren Vorschläge im Interview pauschal als unwirksam abgetan werden, kommt nicht zu Wort. Ein Interview darf zugespitzte Thesen transportieren. Es sollte dabei aber nicht zur unwidersprochenen Plattform für eine einzelne, in sich nicht ganz schlüssige Position werden.

Mit freundlichen Grüßen

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