Leserbriefe, Medienkritik & politische Analysen

Autor: Timm Reichl (Seite 3 von 65)

Headline gegen den eigenen Artikel: Wie die NOZ rechte Gefahr kleinrechnet

NOZ, 19. Mai, Titelseite: „Mehr Straftaten aus linker Szene.“ Im selben Artikel: 3758 rechte Straftaten, ca. 1600 linke. Innenministerin und Polizeipräsident benennen rechts als Hauptgefahr. Die Headline läuft dem direkt entgegen. Das ist keine Nachlässigkeit, das ist eine Entscheidung.

Hallo NOZ, hallo Herr Koch,

die Titelseite der NOZ vom 19. Mai liefert ein Lehrstück in redaktionellem Framing. Die Überschrift lautet: „Mehr Straftaten aus linker Szene“. Der Subtext darunter präzisiert: Die Zahl habe einen neuen Höchststand erreicht.

Was fehlt ist ein vergleichbarer Hinweis darauf, dass die rechten Fallzahlen mit 3758 mehr als doppelt so hoch liegen wie die linken mit knapp 1600. Was ebenfalls fehlt: dass Innenministerin Behrens und Polizeipräsident Brockmann die Hauptgefahr für Rechtsstaat und Demokratie ausdrücklich bei rechts verorten. Beides steht im Artikel selbst.

Eine Headline ist eine redaktionelle Entscheidung. Sie bestimmt, was Leserinnen und Leser als wichtigste Information mitnehmen, und zwar unabhängig davon, was im Text steht. Die meisten lesen die Überschrift, deutlich weniger den Artikel, noch weniger den nachgelagerten Meinungsbeitrag. Wer die Seite 1 der NOZ an diesem Tag aufschlägt, nimmt mit: Die linke Szene ist das Problem. Das ist durch die Zahlen nicht gedeckt.

Dass bestimmte rechte Deliktszahlen nicht weiter gestiegen sind, bedeutet nicht, dass die Bedrohungslage geringer geworden ist. 3758 Straftaten, davon 110 Gewaltdelikte und ein versuchter Terroranschlag gegen eine Moschee, sind kein Anlass zur Entwarnung. Die Headline suggeriert sie dennoch, indem sie die Veränderungsdynamik bei links in den Vordergrund stellt und die absolute Größenordnung bei rechts unsichtbar lässt.

Hinzu kommt die qualitative Dimension, die in der Überschrift vollständig fehlt. Wahlplakate zerreißen und Hakenkreuze schmieren, Volksverhetzung im Netz betreiben und einen Anschlag auf Moscheen planen, das sind keine vergleichbaren Vorgänge. Eine Headline, die beides unter „politische Kriminalität“ subsumiert und dann den linken Anstieg hervorhebt, verschleiert genau diese Unterschiede.

Koch relativiert das im nachfolgenden Meinungsbeitrag. Das ist zu seinem Credit. Es ändert aber nichts daran, dass die Headline eine Akzentverschiebung vorgenommen hat, die sachlich nicht gedeckt ist. Headline und Kommentar stammen aus derselben Redaktion, erscheinen in derselben Ausgabe und widersprechen einander in ihrer Gewichtung. Das ist kein Versehen, sondern eine Entscheidung. Die Frage, wer sie getroffen hat und warum, bleibt offen.

Mit freundlichen Grüßen

Update 21.05.2026, zur weiteren Lektüre zu diesem Thema empfehle ich auch diesen Artikel: https://www.volksverpetzer.de/faktencheck/statistik-tagesschau-afd-angriffe/

Wenn Verfassungsschutz und NOZ-Kommentar in dieselbe Ausgabe passen

Die AfD SA plant 200 Beamtenstellen politisch umzubesetzen. Der VS stuft sie als gesichert rechtsextrem ein. Die NOZ findet das „nicht zu beanstanden“ und „sozusagen eine gute Nachricht“. Selbe Ausgabe, Seite 27: vier kritische Leserbriefe. Hinten.

Hallo NOZ, hallo Herr Wiegelmann,

der Kommentar „Diese Drohung hat auch ihr Gutes“ verdient eine Gegenfrage: Was genau ist daran gut?

Wiegelmann räumt ein, dass Ulrich Siegmund mit Verschwörungserzählungen von einer „planmäßigen Ersetzung der deutschen Bevölkerung“ Wahlkampf macht. Er räumt ein, dass 150 bis 200 Beamtenstellen nach politischer Loyalität neu vergeben werden sollen. Und seine Schlussfolgerung lautet, das sei „nicht zu beanstanden“ und sogar „sozusagen eine gute Nachricht“.

Was dabei fehlt, ist der entscheidende Kontext. Die AfD in Sachsen-Anhalt wird vom dortigen Landesverfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft. Wenn eine Partei mit diesem Befund ankündigt, den Staatsapparat politisch gleichzuschalten, ist das keine gewöhnliche Regierungsbildung. Es ist ein Angriff auf das Prinzip des neutralen Berufsbeamtentums, das dem politischen Zugriff gerade deswegen entzogen ist, um solche Szenarien zu verhindern.Wiegelmann unterschlägt diesen Unterschied vollständig. Stattdessen wird Siegmunds Ankündigung gelobt, weil sie „den Ernst der Lage offenlegt“. Transparenz über antidemokratische Absichten als redaktionellen Pluspunkt zu verbuchen, ist eine bemerkenswerte journalistische Entscheidung.

Gleichzeitig stehen auf Seite 27 derselben Ausgabe vier Leserbriefe, die Ewerts AfD-Analyse sachlich und differenziert widersprechen. Ein Leser warnt ausdrücklich vor Polemik, die rechtspopulistische Narrative stärkt. Eine Zeitzeugin des Jahres 1945 zieht historische Parallelen. Wer beide Seiten der heutigen Ausgabe nebeneinanderlegt, sieht die Verschiebung: Der Widerspruch kommt hinten, die Normalisierung steht vorne.

Mit freundlichen Grüßen

Normalisierung durch Format: Warum das NOZ-Interview mit Peter Felser ein redaktionelles Problem ist

Die NOZ interviewt einen AfD-Politiker wie jeden anderen Parlamentarier, ohne Hinweis auf die Verfassungsschutz-Einstufung. So funktioniert Normalisierung; nicht durch Zustimmung, sondern durch Format.

Hallo NOZ, hallo Herr Ludwig,

das Interview mit AfD-Bundestagsabgeordnetem Peter Felser zum Trump-Xi-Gipfel folgt einem Format, das die NOZ für jeden anderen Politiker auch verwendet; fünf Fragen, neutrale Einleitung, keine redaktionelle Distanzierung. Genau das ist das Problem.

Die AfD ist in Niedersachsen und anderen Bundesländern gesichert rechtsextrem eingestuft. Wer einen Vertreter dieser Partei wie jeden anderen Parlamentarier interviewt, behandelt sie wie jede andere Partei. Das ist eine redaktionelle Entscheidung mit Konsequenzen, keine Selbstverständlichkeit.

Besonders problematisch ist das Fehlen eines konkreten Kontexts, der in diesem Interview zwingend gehört hätte. Peter Felser äußert sich als Vorsitzender der Deutsch-Chinesischen Parlamentariergruppe seiner Fraktion. Doch sein Parteifreund Maximilian Krah hat durch den fahrlässigen Umgang mit Zugangsdaten seinem Büromitarbeiter jahrelang ermöglicht, vertrauliche EU-Parlamentsdokumente an einen chinesischen Geheimdienst weiterzugeben. Das Dresdner Oberlandesgericht verurteilte den Mitarbeiter im September 2025 in dem nach Einschätzung der Bundesanwaltschaft schwersten Fall chinesischer Spionage in Deutschland. Wer Felser als AfD-China-Experten präsentiert, ohne diesen Sachverhalt zu erwähnen, blendet für die Einordnung seines Statements einen wesentlichen Kontext aus.

Das ist kein Angriff auf die Person, sondern eine Frage journalistischer Sorgfalt. Einordnung gehört zum Handwerk.

Mit freundlichen Grüßen

Kirk als Märtyrer, Piker als Gefährder: Die NOZ und ihr verlässliches NZZ-Framing

Die NOZ inszeniert Kirk seit Monaten als Märtyrer, verharmlost Faschisten als „Querköpfe“ und übernimmt unkritisch NZZ-Texte, die linke Rhetorik als Gewaltursache rahmen. Kein Zufall.

Hallo NOZ, hallo Chefredaktion,

der NZZ-Text über Hasan Piker, am Ende als Quelle ausgewiesen, passt nahtlos in ein Muster, das ich seit Monaten dokumentiere. Im September 2025 wurde Charlie Kirk in der NOZ bereits als tragische Märtyrerfigur inszeniert, während rechte Gewalt in Deutschland, statistisch das weitaus größere Problem, kaum Schlagzeilen wert ist. Ewert widmete Kirk einen eigenen Kommentar, Clasen und Ebert folgten. Nun holt die NOZ aus der NZZ einen Text, der denselben argumentativen Bogen weiterzieht: Linke Rhetorik als Gewaltursache, rechte Akteure bestenfalls als „kontrovers“.

Der NZZ-Text selbst liefert dafür ein aufschlussreiches Beispiel. Nick Fuentes, Holocaustleugner und bekennender Faschist, wird als „neonazistischer Querkopf“ bezeichnet. Hasan Pikers Polemik hingegen wird als systemische Bedrohung für die Demokratie gerahmt. Diese sprachliche Asymmetrie ist kein stilistisches Versehen, sie ist Haltung.

Dass das Tatmotiv von Kirks Mörder, der angab, Kirk verbreite Hass gegen LGBTQ-Menschen, im Text nicht vorkommt, vervollständigt das Bild. Eine Einordnung, die das politische Profil der NZZ als wirtschaftsliberal und kulturell rechtsbürgerlich transparent macht, fehlt wie üblich.

Die NOZ befeuert seit Monaten ein Narrativ, links ist gefährlich, rechts ist übertrieben dargestellt. Wer dieses Muster kennt, liest auch diesen Text anders.

Mit freundlichen Grüßen

Der NOZ-Clasen Talk und Harald Kujat: Kreml-Narrative in Expertenkleidung

Der NOZ-Clasen-Talk lädt Harald Kujat ein, bekannt für russlandnahe Narrative seit 2022, und präsentiert ihn unkommentiert als Experten. Selenskyj als NATO-Provokateur, Ukraine als Stellvertreter der USA, das ist keine Analyse, das ist Propaganda mit Schulterklappen.

Hallo NOZ, hallo Herr Clasen,

der Clasen Talk hat sich einen Gast eingeladen, den man mit wenigen Worten präzise beschreiben kann. Harald Kujat ist keine neutrale sicherheitspolitische Stimme, sondern eine der bekanntesten Figuren im deutschsprachigen Raum, die seit 2022 russische Kriegsnarrative in westliche Medien trägt. Dass die NOZ ihn ohne jede redaktionelle Einordnung als „Ex-Nato-General“ präsentiert, ist journalistisches Versagen.

Kujats Kernthesen im Clasen Talk sind keine sicherheitspolitische Analyse, sondern Kreml-Narrative in Expertenkleidung. Die Behauptung, die Ukraine habe die NATO aktiv in den Krieg hineinziehen wollen, kehrt die Logik des Angriffskriegs um. Nicht Russland überfiel die Ukraine, sondern das Opfer wird zum Provokateur erklärt. Das ist eine rhetorische Figur, die seit 2022 systematisch aus Moskauer Propagandakanälen in westliche Debatten eingespeist wird.

Besonders problematisch ist die Anekdote über den Raketeneinschlag auf polnischem Boden 2022. Kujat behauptet, Selenskyj habe darauf gedrängt, diesen als russischen Angriff zu deklarieren, gestützt auf eine Aussage des polnischen Präsidenten Duda. Tatsächlich war diese Behauptung bereits 2022 umstritten und wurde von keiner unabhängigen Quelle bestätigt. Der Clasen Talk präsentiert sie als Tatsache, ohne jeden Hinweis auf ihre fragliche Belastbarkeit.

Das Narrativ vom „Stellvertreterkrieg zwischen USA und Russland“ ist das wirkmächtigste Instrument zur Delegitimierung der ukrainischen Souveränität. Es degradiert die Ukraine zum Objekt fremder Mächte und blendet aus, dass ein souveräner Staat sein Recht auf Selbstverteidigung wahrnimmt. Dass der Clasen Talk diese These unwidersprochen stehen lässt, ist keine Ausgewogenheit. Es ist Mitverantwortung am Framing.

Meinungsjournalismus darf Kontroversen suchen. Er sollte dabei jedoch nicht zum Resonanzboden für Positionen werden, die in sicherheitspolitischen Fachkreisen längst als russlandnah klassifiziert sind, und das ohne jeden kontextualisierenden Hinweis an die Lesenden.

Mit freundlichen Grüßen

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