Leserbriefe, Medienkritik & politische Analysen

Autor: Timm Reichl (Seite 4 von 65)

Strompreise und Merit-Order-Prinzip, was die NOZ zur Energiewende verschweigt

Die NOZ erklärt, warum Strom trotz Erneuerbarer teuer bleibt, und ignoriert dabei das Merit-Order-Prinzip. Gas setzt den Preis, nicht der Netzausbau. Was der Artikel weglässt, ist kein Versehen.

Hallo NOZ, hallo Herr Hinrichs,

Ihr Artikel zur Netzbelastung durch die Energiewende verschweigt das Entscheidende.

Der Satz, die Sonne schicke keine Rechnung, der Netzbetreiber schon, klingt eingängig. Er ist aber nicht mal die halbe Wahrheit. Der Hauptgrund für hohe Strompreise ist nicht der Netzausbau, sondern das Merit-Order-Prinzip. An der Strombörse setzt der teuerste noch benötigte Erzeuger den Preis. Das sind in Spitzenzeiten Gaskraftwerke. Egal wie viel Sonne und Wind Strom produzieren, Gas bestimmt den Marktpreis. Wer das weglässt, erklärt Strompreise falsch.Auch bei den Netzkosten fehlt der entscheidende Kontext. Die gestiegenen Netzentgelte sind kein Naturgesetz, sondern politische Entscheidung. Als die Bundesregierung 2024 die EEG-Umlage aus dem Bundeshaushalt strich, wurden die Kosten auf die Netzentgelte verlagert. Dazu kommen Jahrzehnte verschlafenen Netzausbaus, fehlende Speicherförderung und ein Marktdesign, das private Erzeuger systemisch benachteiligt.

Der Artikel lässt Stadtwerke-Chef Waschow diese Zusammenhänge als quasi unvermeidliche Konsequenz der Energiewende beschreiben, ohne eine kritische Nachfrage. Wer gesetzt hat, welche Rahmenbedingungen gelten, bleibt unsichtbar. So entsteht der Eindruck, die Energiewende selbst sei das Problem, nicht ihre politische Missverwaltung über Jahrzehnte. Faktenbasierter Journalismus müsste beides zeigen.

Mit freundlichen Grüßen

Faktencheck mit selektiven Fakten: Warum Schellers Bas-Kritik in der NOZ selbst einer Prüfung nicht standhält

Die NOZ korrigiert Bärbel Bas per „Faktencheck“, setzt dabei Statistiken kontextlos ein und präsentiert politisches Framing als Empirie.

Hallo NOZ, hallo Frau Scheller,

Ihr Meinungsbeitrag wirft Bärbel Bas vor, die Migrationsdebatte „wegzumoderieren“. Das ist eine griffige Formulierung, die allerdings verdeckt, was der Text selbst tut: Statistiken ohne Kontext einsetzen, um eine politisch aufgeladene These abzusichern.

Die genannten Zahlen sind korrekt. Ihre Interpretation ist es nicht. Dass knapp die Hälfte der Bürgergeldempfänger keinen deutschen Pass hat, sagt nichts darüber aus, warum diese Menschen in Deutschland sind, ob sie zuvor Jahrzehnte Steuern gezahlt haben, ob sie als EU-Bürger aus dem Arbeitsmarkt gefallen sind oder ob sie tatsächlich als Asylsuchende gekommen sind. Diese Gruppen in einer Zahl zusammenzufassen und daraus auf „Einwanderung in Sozialsysteme“ zu schließen, ist kein Faktencheck, sondern Framing.

Dass Sozialleistungen bei der Wahl des Ziellandes „eine Rolle spielen können“, ist zutreffend, aber weit weniger eindeutig belegt als der Text suggeriert. Die Migrationsforschung zeigt überwiegend, dass Flucht- und Migrationsentscheidungen von Krieg, Verfolgung, sozialen Netzwerken und geografischer Erreichbarkeit dominiert werden. Die Rede von „Standortattraktivität“ durch Sozialleistungen klingt nach Wissenschaft, ist aber eine politische Rahmung.

Den Koalitionsvertrag als faktische Autorität gegen Bas zu zitieren ist methodisch schief. Koalitionsverträge sind politische Dokumente, keine empirischen Befunde.

Was Bas gesagt hat, war möglicherweise ungenau. Was Ihr Artikel daraus macht, ist es ebenfalls.

Mit freundlichen Grüßen

Warum der Rückzug aus X kein „Schmollwinkel“ ist – sondern eine Notwendigkeit

X ist kein Diskursraum mehr, sondern ein von Bots und Rechtsextremen dominierter Höllenpfuhl. Warum der Rückzug von SPD, Grünen und Linken kein Schmollwinkel, sondern ein Akt der Verantwortung ist – mein Leserbrief an die NOZ.

Hallo NOZ, hallo Herr Ludwig,

Ihr Kommentar „Warum der X-Exit von SPD, Grünen und Linken unklug ist“ (NOZ, 6. Mai 2026) wirft die Frage auf, ob Präsenz auf X noch sinnvoll ist. Doch sie übergeht, dass X unter Elon Musk kein reformierbarer Diskursraum mehr ist. Die Plattform wird von Bot-Armeen und rechtsextremen Akteuren dominiert, die sachliche Debatten systematisch ersticken. Musks eigene Posts (etwa die Zustimmung zu antisemitischen Verschwörungserzählungen) sowie die Wiederherstellung gesperrter Accounts wie der AfD oder Andrew Tate zeigen, X ist kein neutraler Marktplatz der Ideen, sondern ein Ökosystem, das Extremismus belohnt.

Die Algorithmen pushen kontroverse Inhalte, nicht Sachlichkeit. Selbst wenn Parteien oder Medien versuchen, sachlich zu bleiben, werden sie von der Plattform unsichtbar gemacht oder von Bot-Armeen überrollt. Wer dort bleibt, legitimiert ein System, das Demokratie und Faktendiskurs untergräbt.

Der Rückzug der Parteien ist kein Schmollwinkel, sondern ein Akt der Verantwortung, die Weigerung, sich an einem System zu beteiligen, das sie selbst diskreditiert.

Mit freundlichen Grüßen

Update vom 06.05.2026 – Antwort vom Autor

Guten Morgen Herr Reichl,

ich danke Ihnen für die Zuschrift und den klaren Standpunkt. Ich teile die Sorge, dass sich X in eine problematische Richtung entwickelt hat – mit mehr Desinformation, aggressiver Polarisierung und Akteuren, die Debatten gezielt vergiften. Auch die Logik der Plattform, Aufmerksamkeit über Zuspitzung zu belohnen, ist real. Tatsächlich sind meine Post dort auch deutlich weniger geworden in den vergangenen zwei Jahren…Gleichwohl: Mein Einwand zielt weniger darauf, X zu „verharmlosen“, sondern auf die Abwägung: Wenn demokratische Parteien und Medien den Raum komplett räumen, überlassen sie ihn erst recht jenen, die Sie ja eigentlich politisch bekämpfen wollen – und verlieren zudem einen Kanal, über den doch noch immer viele Menschen erreicht werden. Und was ist mit dem Abschied von X gewonnen? Rechtspopulisten wie Julian Reichelt/Nius haben ihn sogar zum Anlass genommen, ein Konto auf Bluesky zu eröffnen….Ich freue mich, wenn Sie uns gewogen bleiben, auch wenn die Ansichten mal auseinandergehen. Viele Grüße & und einen schönen Tag

Thomas Ludwig

Update vom 06.05.2026 – meine Replik dazu

Hallo Herr Ludwig,

vielen Dank für Ihre Antwort. Ich möchte noch einen Punkt anbringen.Gerade das Beispiel Nius/Reichelt zeigt doch, die rechten Krawallmacher folgen den Demokraten, nicht umgekehrt. Auf X brauchen sie die demokratischen Akteure als Feindbild und Klickgarantie. Ohne sie verliert ihr Geschäftsmodell an Zugkraft.

Mit freundlichen Grüßen

Plausibler Kern, billiger Rahmen, wie Philipp Ebert in der NOZ seriöse Außenpolitik mit Reizwörtern unterwandert

Eberts Merz-Kritik hat einen berechtigten Kern. Aber „Feministische Außenpolitik“ und „Dackel-Beauftragte“ als Argumente zu verkaufen, ist keine Analyse, das ist Stimmungsmache mit Anlauf.

Hallo NOZ, hallo Herr Ebert,

der Kommentar enthält einen berechtigten Kern, ein Bundeskanzler sollte seine öffentlichen Äußerungen über einen unberechenbaren US-Präsidenten sorgfältig abwägen, zumal die sicherheitspolitische Abhängigkeit Deutschlands von den USA real und kurzfristig nicht auflösbar ist. Soweit ist der Text nachvollziehbar.

Doch drumherum baut Ebert einen rhetorischen Rahmen, der mit Analyse wenig zu tun hat. „Feministische Außenpolitik“ und „regelbasierte Ordnung“ werden nicht diskutiert, sondern als Chiffren für weltfremde Selbstüberschätzung aufgestellt. Der „Dackel-Beauftragte“ als Bild für den öffentlichen Dienst ist keine Zuspitzung, sondern Verhöhnung. Subventionen werden pauschal als „verprasst“ gerahmt, ohne zu benennen, welche, für wen, mit welchem Ergebnis und was stattdessen hätte geschehen sollen.

Genau das fehlt dem Text durchgängig, die positive Gegenseite. Wer sagt, Geld sei verprasst worden, schuldet die Antwort, wofür es hätte verwendet werden sollen. Wer sicherheitspolitisches Versagen beklagt, muss benennen, welche Entscheidungen konkret falsch waren und wer sie getroffen hat, nicht pauschal auf Subventionen und öffentlichen Dienst zeigen.

Meinungsjournalismus darf pointiert sein. Er sollte aber unterscheidbar bleiben von konservativem Reizwort-Bingo, das einen plausiblen außenpolitischen Punkt nutzt, um nebenbei Feminismus, Bürokratie und Sozialstaat in eine Abkürzung für deutsches Versagen zu verwandeln.

Mit freundlichen Grüßen

Meinungsfreiheit predigen, Widerspruch kuratieren – wie die NOZ am 02.05.2026 sich selbst widerspricht

Die NOZ widmet heute zwei große Stücke der Meinungsfreiheit. Gleichzeitig hat sie ihre Kommentarspalten geschlossen und Leserbriefe aus dem Artikelkontext herausgelöst. Wer Debattenkultur predigt und Widerspruch kontrolliert, hat ein Glaubwürdigkeitsproblem.

Hallo NOZ, hallo Herr Wiegelmann, hallo Herr Faus,

die heutige Ausgabe ist bemerkenswert. Auf Seite 4 dokumentiert Lucas Wiegelmann, wie viele Deutsche sich in ihrer Meinungsfreiheit eingeschränkt fühlen, und dass dieses Gefühl empirisch nicht unbegründet ist. Auf einer weiteren Seite mahnt Rainer Faus, dass öffentliche Debattenräume nur dann funktionieren, wenn Menschen nicht zum Schweigen gebracht werden. Beide Texte zusammen ergeben eine klare Botschaft: Wer verstummt, überlässt das Feld den Falschen.

Soweit, so richtig. Nur wer hat im Februar 2026 die Kommentarspalten auf noz.de geschlossen? Wer hat angekündigt, Leserbriefe künftig „in loser Folge“ und losgelöst vom jeweiligen Artikel zu veröffentlichen? Wer hat damit sichergestellt, dass Widerspruch gegen NOZ-Kommentare nicht mehr unmittelbar sichtbar ist, nicht mehr im Kontext des kritisierten Textes steht, nicht mehr für andere Leserinnen und Leser anschlussfähig bleibt?

Es ist dieselbe Redaktion, die heute zwei Seiten der Meinungsfreiheit widmet.

NOZblog

Faus schreibt, die Kosten der freien Rede müssten sinken. Traunmüller, den Wiegelmann zitiert, fordert „weniger vorschnelle moralische Etikettierung, mehr Bereitschaft, abweichende Meinungen als Teil demokratischer Auseinandersetzung auszuhalten“. Beides sind Sätze, die die NOZ offenbar für andere geschrieben hält. Denn ihre eigene Reaktion auf unbequeme Leserstimmen war nicht mehr Raum, sondern weniger. Nicht mehr Unmittelbarkeit, sondern mehr Kontrolle. Nicht Dialog auf Augenhöhe, sondern kuratierter Rückblick nach redaktionellen Spielregeln.

Das ist kein Kavaliersdelikt. Es ist ein struktureller Widerspruch, der die Glaubwürdigkeit dieser Debattenbeiträge untergräbt. Wer Meinungsfreiheit als gesellschaftliches Problem ernst nimmt, muss sich fragen lassen, wie er selbst damit umgeht, in der eigenen Redaktion, gegenüber der eigenen Leserschaft, in den eigenen Formaten.

Debattenkultur beginnt nicht mit dem, was man anderen empfiehlt. Sie beginnt damit, was man selbst aushält.

Mit freundlichen Grüßen

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