Leserbriefe, Medienkritik & politische Analysen

Autor: Timm Reichl (Seite 4 von 79)

Die NOZ-Legende von der krisenfesten Atomkraft

Wie ein NZZ-Text in der NOZ die europäische Energiekrise im Juni ausblendet und Spitzentage mit Zeiträumen vermischt.

Die NOZ hat am 5. August einen NZZ-Text übernommen, der unter dem Titel „Die Legende vom Akw-Stillstand“ französische Atomkraftwerke als Krisengewinner der Junihitze feiert und deutsche Windräder als Wackelkandidaten vorführt. Die Rechnung geht aber nur auf, wenn man an mehreren Stellen gleichzeitig wegschaut.

Schon die Grundlage der Vergleichszahl ist schief. Die These, wonach Windräder an den Spitzentagen nur ein Zwanzigstel der Atomkraftleistung brachten, stammt aus zwei einzelnen Tagen. Andere Werte im Text, etwa zur CO2-Bilanz, sind Durchschnittswerte über zwei Wochen. Diese Vermischung von Extremwert und Zeitraumdurchschnitt ist kein Zufall, sie sorgt genau für die Dramatik, die der Text braucht.

Richtig ärgerlich wird es bei dem, was fehlt. Während der Text Frankreichs Atomkraft als stabilen Fels in der Brandung inszeniert, herrschte anderswo in Europa echte Energiekrise. Rumänien musste im August einen Felsen im Donaubett sprengen, um überhaupt noch Kühlwasser zum Atomkraftwerk Cernavodă zu bekommen, ein Reaktor stand da schon still. Die Autobauer Dacia und Ford legten ihre Produktion in Rumänien deshalb für Wochen auf Eis. In Ungarn stand das einzige Atomkraftwerk des Landes kurz vor der ersten Komplettabschaltung seit 44 Jahren, mit ihm ein Drittel des nationalen Strombedarfs. Diese Fakten passen nicht in die Erzählung vom robusten Atomstrom, deshalb tauchen sie im Text nicht auf.

Auch beim Strompreis-Rekord vom 24. Juni erzählt der Artikel nur die halbe Geschichte. Ja, Deutschland kletterte an diesem Abend auf 747 Euro je Megawattstunde. Aber Belgien lag bei über 1000 Euro, die Niederlande über 900 Euro, Dänemark bei knapp 800 Euro. Und Frankreich, das angebliche Vorbild, konnte den Nachbarländern an diesem Abend nicht vollständig aushelfen, weil der eigene Bedarf zu hoch war. Von der großen europäischen Rettungskraft der französischen Atomkraft war in dieser Nacht wenig zu spüren.

Auffällig ist außerdem, wann dieser eigentlich schon einige Wochen alte Text plötzlich wieder auftaucht. Bei den Ostfriesischen Nachrichten erschien dieselbe NZZ-Vorlage bereits am 3. August, zwei Tage vor der NOZ. Diese Verbreitungswelle fällt exakt in die Tage, in denen Rumänien seinen Felsen in der Donau sprengte und Ungarns einziges Kernkraftwerk kurz vor der ersten Komplettabschaltung seit 44 Jahren stand. Von alledem findet sich im Text kein Wort, obwohl es die zentrale These frontal infrage stellt.

Was bleibt, ist ein Text, der selektive Vergleiche mit ausgeblendeten Fakten kombiniert und dabei ausgerechnet als nüchterne Datenanalyse daherkommt. Die NOZ druckt das unkommentiert ab, ohne ein Wort zur energiepolitischen Schlagseite der NZZ, ohne Gegenrecherche, ohne Kontext, und wählt dafür ausgerechnet den Moment, in dem die Realität dem Text widerspricht. Das ist inzwischen ein Muster bei dieser Zeitung, und es wird mit jeder Wiederholung schäbiger.

Vorgeschmack aufs Weglassen – Wie die NOZ ihre eigene Ceuta-Recherche zwei Seiten weiter ignoriert

Ein Kommentar braucht keine 2000 Wörter, um Komplexität zu leisten. Aber er sollte nicht widersprechen, was zwei Seiten weiter in derselben Ausgabe steht.

Am 3. August veröffentlicht die NOZ auf der Titelseite ein Meinungsstück von Thomas Ludwig zum Massenandrang auf die spanische Exklave Ceuta mit dem Titel „Vorgeschmack auf das, was noch droht?“. Die Kernthese lautet, Marokko habe die Grenze bewusst geöffnet oder zumindest geduldet, um Druck auf Spanien auszuüben, und Europa müsse daraus lernen, seine Außengrenzen entschlossener zu sichern. Ludwig positioniert sich dabei ausdrücklich gegen die europäischen Regierungen, die Spanien „an den Pranger stellen“, das sei politisch fatal und helfe nur „den Erpressern Europas“. So weit, so absolut verständlich und korrekt. Das Problem ist aber keineswegs diese nachvollziehbare Haltung. Das Problem ist, was fehlt.

Die eigene Redaktion wusste mehr

Auf Seite 4 derselben Ausgabe bringt die NOZ einen Hintergrundartikel („Die Ereignisse in Ceuta werfen Fragen auf“), der ein deutlich komplexeres Bild zeichnet. Streit um die Westsahara, ein Urteil des spanischen Verfassungsgerichts zu Zurückweisungen auf dem Seeweg, Spaniens Annäherung an Algerien, sogar Spekulationen über mögliche US- oder Israel-Interessen an einer Destabilisierung der spanischen Regierung, verbunden mit dem ausdrücklichen Hinweis, dass es dafür keine belastbaren Belege gibt. Genau diese Sorgfalt fehlt im Meinungsstück komplett. Ludwig verengt die Ursachenfrage auf ein einziges Subjekt, nämlich Marokko. Die eigene Redaktion hätte ihm zwei Seiten weiter das Material für eine differenziertere Einordnung geliefert.

Was am 3. August längst öffentlich war

Zum Zeitpunkt von Ludwigs Veröffentlichung war zudem längst bekannt, was der Text nicht erwähnt. Bereits am 1. August hatten 22 EU-Staats- und Regierungschefs (initiiert von Giorgia Meloni und Mette Frederiksen, mitunterzeichnet von Friedrich Merz) einen offenen Brief verfasst, der Spanien indirekt eine Mitverantwortung an der Krise zuschreibt, über das spanische Legalisierungsprogramm für Alt-Asylanträge und ein Gerichtsurteil zu Zurückweisungen. Bemerkenswert ist, das Spanien selbst, Irland, Frankreich, Luxemburg und Portugal nicht unterzeichneten. Das ist keine Randnotiz, sondern der eigentliche europapolitische Aufreger jener Tage, und er fehlt bei Ludwig vollständig.

Parallel dazu wirft der US-Kongressabgeordnete Thomas Massie seinen republikanischen Kollegen öffentlich Doppelmoral vor. Zwei Wochen vor der performativen Ceuta-Empörung von Trump und Vance hatten praktisch alle Republikaner (außer Massie) einem Ausschussbericht zugestimmt, dessen Formulierung Marokkos Gebietsanspruch auf Ceuta und Melilla nahesteht. Noch deutlicher, der Ex-Pentagon-Mitarbeiter Michael Rubin (American Enterprise Institute) hatte bereits im März öffentlich dazu aufgerufen, Marokko solle in Ceuta und Melilla „einmarschieren, um die Flagge zu hissen“. Das ist kein Rand-Kommentator, sondern ein einflussreicher US-Thinktank-Vertreter mit Nähe zur aktuellen Regierungslinie.Und selbst der ukrainische Außenminister Andrii Sybiha meldete sich zu Wort mit dem (bislang unbelegten, aber öffentlich diskutierten) Vorwurf einer koordinierten russischen Desinformationskampagne rund um die Ceuta-Bilder.

Nichts davon musste Ludwig in 400 Wörtern erschöpfend behandeln. Aber ein Text, der explizit die europäische Reaktion bewertet („politisch fatal, Spanien an den Pranger zu stellen“), kommt an der Frage nicht vorbei, wer genau Spanien an den Pranger stellt und warum, zumal die Antwort öffentlich vorlag.

Auch bei der Zählung ungenau

Ein kleinerer, aber bezeichnender Punkt: Ludwigs Text übernimmt unkommentiert die Zahl von 72 Toten. Laut taz-Recherche vom 2. August bezieht sich diese Zahl nur auf die von Spanien geborgenen Leichen, Marokko hatte zu dem Zeitpunkt weitere 17 geborgen, mit vermutlich über 100 Toten insgesamt, wenn man Vermisste einrechnet. Auch das ist keine böswillige Verzerrung, aber ein Beleg dafür, dass hier schnell und ohne Abgleich mit der eigenen Redaktion oder anderen Quellen geschrieben wurde.

Fazit

Es geht nicht darum, Ludwig zu unterstellen, er habe bewusst etwas verschwiegen. Es geht darum, dass ein Meinungsstück, das an prominentester Stelle der Zeitung steht, den europäischen und internationalen Kontext ausblendet, den die eigene Redaktion zwei Seiten weiter selbst recherchiert hatte. Wer schreibt, es sei „politisch fatal“, Spanien an den Pranger zu stellen, sollte benennen können, wer das tut, und warum das selbst wieder Teil eines größeren geopolitischen Spiels sein könnte, an dem sich nicht nur Marokko, sondern auch europäische Regierungschefs, US-Thinktanks und mutmaßlich auch russische Propaganda-Netzwerke beteiligen. Diese Einordnung liefert die NOZ an diesem Tag, nur eben nicht auf der Titelseite.

Wenn die Überschrift zum CSD-Attentat in der NOZ mehr verspricht als der Text hält

Finja Jaquets NOZ-Kommentar bekämpft einen Strohmann, niemand behauptet, Verfassungstext schrecke Attentäter ab. Der Unterschied zwischen Art. 3 I und III GG bleibt unerwähnt, dabei ist er der eigentliche Punkt.

Hallo NOZ, hallo Frau Jaquet,

Ihr Kommentar argumentiert an der eigentlichen Debatte vorbei. Schon die Überschrift „Linke, Grüne und SPD irren sich“ verspricht mehr, als der Text hält. Sie pauschalisiert drei Parteien zu einem Kollektiv mit angeblich einheitlicher Position, obwohl im Text selbst nur einzelne Stimmen aus diesen Parteien zitiert werden. Das ist keine Zuspitzung, sondern eine Verzerrung.

Der zentrale Denkfehler liegt aber im Argument selbst. Sie fragen, ob zusätzliche Worte im Grundgesetz den Attentäter von Berlin beim CSD abgehalten hätten, und verneinen das erwartungsgemäß. Nur stellt diese Frage niemand, der für eine Aufnahme der sexuellen Identität in Artikel 3 plädiert. Eine Verfassungsänderung soll keine religiös motivierten Attentäter abschrecken. Sie soll den rechtlichen Schutzstandard bei Diskriminierung und Hasskriminalität stärken.

Auch die Behauptung, das Grundgesetz garantiere über den allgemeinen Gleichheitssatz in Artikel 3 Absatz 1 bereits ausreichenden Schutz, greift zu kurz. Absatz 1 wird vom Bundesverfassungsgericht deutlich zurückhaltender geprüft als Absatz 3. Dort listet das Grundgesetz konkrete Merkmale wie Geschlecht, Herkunft oder Glaube, die einer strengeren Prüfung unterliegen. Wer sich auf ein dort genanntes Merkmal berufen kann, steht vor Gericht besser da als jemand, der nur den allgemeinen Gleichheitssatz anführt. Sexuelle Identität fehlt bislang in dieser Liste, und genau darum geht es in der Debatte.

Dass Prävention und Strafverfolgung wichtig bleiben, ist richtig und unstrittig. Nur folgt daraus nicht, dass die Debatte um Artikel 3 bloße Symbolpolitik wäre. Wer diesen Unterschied zwischen rechtlicher Wirkung und Symbolik nicht macht, verkürzt die eigentliche Frage erheblich.

Mit freundlichen Grüßen

Merz: Wenn die eigene Zeitung die These widerlegt

Tobias Schmidt von der NOZ nennt Kritik an Merz „Berliner Blase“. Fakten sagen etwas anderes. 13 % Zufriedenheit im Mai, Forsa-Rekordtief. CDU-Ost-Länder drohen mit Bundesrats-Nein zur Rentenreform. Das ist keine Medienhysterie, sondern Rebellion durch die eigene Partei.

Hallo NOZ, hallo Herr Schmidt,

Ihre Kolumne „Berliner Geflüster“ tut die Kritik an Friedrich Merz als übertriebene Erregung der Hauptstadtpresse ab. Das mag bei einzelnen Personalquerelen zutreffen, geht an der eigentlichen Lage aber vorbei.

Die Zahlen sind eindeutig. Im Mai erreichte Merz in der Forsa-Umfrage einen Zufriedenheitswert von 13 Prozent, nach Aussage von Forsa-Chef Peter Matuschek ein historischer Tiefstwert. Im Juli lag der Wert bei 18 Prozent, eine leichte Erholung auf niedrigem Niveau, doch fast drei Viertel der Bevölkerung sind weiterhin unzufrieden. Das ist kein Stimmungsbild einer aufgeregten Medienblase, sondern ein breiter gesellschaftlicher Befund.

Auch der Unmut in der eigenen Partei lässt sich nicht als Berliner Empörungsroutine abtun. Der sächsische CDU-Abgeordnete Jens Lehmann bezeichnete den Kabinettsumbau im ZDF-Morgenmagazin öffentlich als „unter aller Kanone“. Dennis Radtke, Chef des CDU-Arbeitnehmerflügels, berichtete im Vorstand von Parteiaustritten im Ruhrgebiet und sprach von einer Lage, die „ernster als zur Zeit der Spendenaffäre“ sei.

Wie ernst diese Kritik ist, zeigt ausgerechnet die eigene Zeitung auf derselben Titelseite. Dort berichtet die NOZ, dass die ostdeutschen CDU-Ministerpräsidenten Kretschmer, Voigt und Schulze offen mit einem Nein im Bundesrat zur Rentenreform drohen. Das ist keine Stilfrage und keine Personalie, sondern eine inhaltliche Revolte der eigenen Parteifreunde gegen den Kanzler.

Wer die Kritik an Merz auf die Frage reduziert, wer welchen Ministerposten bekommen hat, verkennt einen handfesten Vertrauensverlust, den auch die eigene Partei nicht mehr wegdiskutieren kann.

Mit freundlichen Grüßen

Bürgergeld – Kleine Fische, große Aufmerksamkeit

Sonja Scheller kritisiert in der NOZ zu Recht die neue Bürgergeld-Sanktion. Beim Vergleich mit Steuerhinterziehung weicht sie aber aus, 110 Mio. Euro Bürgergeld-Missbrauch stehen bis zu 200 Mrd. Euro Steuerhinterziehung gegenüber.

Hallo NOZ, hallo Frau Scheller,

Ihr Kommentar „Willkür bei Sanktionen für Arbeitslose wäre fatal“ vom 30.07.2026 hat einen Teil, dem ich zustimme, und einen Teil, der an der Realität vorbeigeht.

Zustimmung zunächst zur Kritik an der neuen Sanktionsregel. Dass „stark ungepflegtes“ oder „alkoholisiertes“ Erscheinen bei Jobcenter-Terminen zu Kürzungen führen kann, ist tatsächlich ein Einfallstor für Willkür, und der Hinweis, dass sich dahinter auch psychische Probleme verbergen können, ist berechtigt. Das ist eine durchaus differenzierte Position.

Beim Rest wird es schwieriger. Sie schreiben, das Argument, Steuerhinterziehung richte größeren Schaden an als Sozialleistungsmissbrauch, laufe „ins Leere“, weil sich auch kleine Schäden zu einem erheblichen Gesamtschaden summierten. Nur beantwortet dieser Satz nicht die eigentliche Frage, sondern weicht ihr aus. Die Bundesagentur für Arbeit beziffert den Schaden durch bandenmäßigen Bürgergeld-Missbrauch auf rund 110 bis 260 Millionen Euro jährlich. Die Deutsche Steuer-Gewerkschaft geht bei Steuerhinterziehung von 100 bis 200 Milliarden Euro aus, der Bundesrechnungshof spricht von einem zweistelligen Milliardenbetrag. Das Verhältnis liegt damit irgendwo zwischen 1 zu 400 und 1 zu 1000. Wer diesen Vergleich mit dem Verweis auf „auch kleine Schäden summieren sich“ beiseiteschiebt, tauscht eine Frage der Größenordnung gegen eine Frage des Prinzips, das ist keine Widerlegung, sondern ein Themenwechsel.

Auffällig ist außerdem die Rollenverteilung in Ihrem eigenen Text. Beim Bürgergeld-Missbrauch reicht die bloße Existenz von Betrug, um scharfe Sprache und Härte zu rechtfertigen („Wut in der Gesellschaft“, „zu Recht“). Bei der neuen Sanktionsregel gilt plötzlich das Gegenteil, hier zählt jeder Einzelfall, hier braucht es Fingerspitzengefühl und Rücksicht auf mögliche psychische Probleme. Beides kann richtig sein. Nur wäre es ehrlicher, diesen Maßstab konsequent anzulegen, auch auf die Frage, wie viel politische und mediale Aufmerksamkeit Betrug in unterschiedlicher Größenordnung tatsächlich bekommt.

Mit freundlichen Grüßen

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