Leserbriefe, Medienkritik & politische Analysen seit 2025

Kategorie: Zeitgeschehen (Seite 2 von 20)

Zur unkommentierten Übernahme des NZZ-Artikels „Die verlorenen Töchter“ zum Thema Trans in Tag 7 der NOZ, 28.12.2025, Seite 8

Warum die NOZ mit der unkommentierten Übernahme eines NZZ-Artikels zum Thema Trans ihre journalistische Verantwortung verfehlt.

Hallo NOZ,

mit Interesse, aber auch mit wachsendem Unbehagen habe ich auf Seite 8 den Artikel „Die verlorenen Töchter“ von Birgit Schmid gelesen, der aus der Neuen Zürcher Zeitung übernommen wurde.

Unabhängig davon, wie man persönlich zum Thema Transidentität steht, handelt es sich hierbei um einen stark perspektivischen, normativ geframten Text. Der Beitrag stellt nahezu ausschließlich die Sicht transkritischer Eltern dar, greift umstrittene Thesen wie „Rapid Onset Gender Dysphoria“ auf und arbeitet intensiv mit emotionalisierenden Einzelfällen, ohne diese wissenschaftlich sauber einzuordnen oder relevante Gegenpositionen abzubilden.

Die NZZ ist bekannt für ihre konservativ-rechtsliberale Positionierung, insbesondere bei gesellschafts- und kulturpolitischen Themen. Das ist ihr gutes Recht. Problematisch wird es jedoch, wenn ein solcher Text von der NOZ unkommentiert übernommen wird (und immer wieder werden). Dadurch entsteht der Eindruck, es handle sich um eine ausgewogene journalistische Analyse, nicht um eine klar positionierte Perspektive.

Gerade bei einem sensiblen Thema, das Minderjährige, medizinische Behandlungen und gesellschaftliche Minderheiten betrifft, halte ich eine redaktionelle Einordnung, ein Gegengewicht oder zumindest eine transparente Kennzeichnung für journalistisch geboten. Ohne diese Kontextualisierung wird Framing faktisch delegiert, und das kann zur weiteren Polarisierung beitragen, statt zur Aufklärung.

Ich würde mir wünschen, dass die NOZ bei der Übernahme externer Inhalte stärker ihrer eigenen publizistischen Verantwortung gerecht wird.

Mit freundlichen Grüßen

Leserbrief zu „Jobchancen für Arbeitslose – Jetzt bloß kein Vermittlungsvorrang!“ von Sören Becker, NOZ vom 27.12.2025, Seite 7

Warum der Vermittlungsvorrang beim Bürgergeld scheitert: Ein Leserbrief über unwirksame Aktivierung, fehlende Jobs und soziale Ungerechtigkeit.

Hallo NOZ, hallo Herr Becker,

dem Kommentar von Sören Becker zum geplanten Vermittlungsvorrang beim Bürgergeld kann ich nur zustimmen. Die aktuellen arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen der Bundesregierung sind weder wirksam noch gerecht.

Wer Menschen unter Druck setzt, obwohl es strukturell deutlich mehr Arbeitslose als offene Stellen gibt, verkennt die Realität des Arbeitsmarktes. Aktivierungs- und Sanktionslogik können kein Problem lösen, das nicht auf fehlender Motivation, sondern auf fehlenden passenden Arbeitsplätzen und Qualifikationen beruht.

Besonders problematisch ist, dass mit dem Vermittlungsvorrang Weiterbildung und Qualifizierung in den Hintergrund gedrängt werden. Damit wird genau das Instrument geschwächt, das langfristig Beschäftigung sichert und Fachkräftemangel tatsächlich lindern könnte. Kurzfristige Vermittlungen in prekäre Jobs führen dagegen oft nur zu instabilen Erwerbsbiografien und Rückkehr in den Leistungsbezug.

Ungerecht ist diese Politik vor allem deshalb, weil sie die Verantwortung für gesamtwirtschaftliche Fehlentwicklungen einseitig auf Erwerbslose abwälzt. Menschen, die realistisch keine passende Stelle finden können, werden so behandelt, als fehle es ihnen am Willen, nicht an Möglichkeiten.

Eine wirksame und faire Arbeitsmarktpolitik müsste auf Qualifizierung, individuelle Förderung und realistische Perspektiven setzen statt auf Druck und Schuldzuweisungen. Der Kommentar von Sören Becker bringt das treffend auf den Punkt.

Mit freundlichen Grüßen 

Leserbrief zu „Du Faschist! Wer in jedem Andersdenkenden einen Nazi sieht, zerstört den gesellschaftlichen Zusammenhalt“ von Viviane Wilde-Skibicki, NOZ vom 27.12.2025, Seite 2

Warum der Vorwurf der „Begriffsinflation“ zu kurz greift: Ein Leserbrief mit politikwissenschaftlicher Einordnung des Faschismusbegriffs.

Hallo NOZ,

der Kommentar von Viviane Wilde-Skibicki warnt vor einer inflationären Verwendung des Begriffs „Faschismus“ und mahnt zu sprachlicher Zurückhaltung. Dieser Appell ist verständlich, greift jedoch politisch und analytisch zu kurz.

In der Politikwissenschaft ist „Faschismus“ kein bloßes Schimpfwort, sondern ein klar definierter Analysebegriff. Historiker wie Robert O. Paxton beschreiben Faschismus als eine politische Praxis, die durch autoritären Nationalismus, die Konstruktion innerer und äußerer Feindbilder, die Ablehnung liberaler Demokratie, die Verachtung von Minderheitenrechten und die Bereitschaft zur Gewalt gekennzeichnet ist. Auch Umberto Eco hat mit seinem Konzept des „Ur-Faschismus“ wiederkehrende Merkmale benannt. Darunter Führerkult, Anti-Pluralismus, Anti-Intellektualismus und das systematische Infragestellen demokratischer Institutionen.

Vor diesem Hintergrund ist entscheidend:Nicht jede Verwendung des Begriffs „faschistisch“ ist eine sprachliche Entgleisung. Wo politische Akteure demokratische Verfahren delegitimieren, ethnisch oder kulturell homogene „Volksgemeinschaften“ beschwören, Medien als „Volksfeinde“ diffamieren oder Grundrechte relativieren, handelt es sich nicht um bloße Meinungsverschiedenheiten, sondern um strukturell autoritäre Politikmuster, die benennbar und benennenswert sind.

Der Kommentar suggeriert jedoch eine problematische Symmetrie: Als sei der gesellschaftliche Schaden primär durch überzogene Kritik entstanden, nicht durch reale politische Bewegungen, die genau jene historischen Erfahrungen infrage stellen, aus denen unsere demokratische Sprache erwachsen ist. Wer vor einer „Entwertung“ des Faschismusbegriffs warnt, sollte daher ebenso klar benennen, wann seine Verwendung analytisch gerechtfertigt ist.

Gerade in Deutschland bedeutet historische Verantwortung nicht, autoritäre Tendenzen sprachlich zu entschärfen, sondern sie früh, präzise und begründet zu benennen. Differenzierte Kritik schwächt den Diskurs nicht, sie schützt ihn.

Mit freundlichen Grüßen

Leserbrief zum Leserbrief von Heinz-Peter Ehebrecht zu „Wichtige Aspekte nicht berücksichtigt – Zum Artikel „Ökonom Heiner Flassbeck: ‚Die Beiträge für die Rente sind nicht weg, nur woanders'“ von Sören Becker“, NOZ vom 23.12.2025, Seite 2

Rentendebatte ohne Scheuklappen: Eine Replik auf den Leserbrief zum Flassbeck-Interview und die Verwechslung von Kosten und Nachfrage.

Hallo NOZ, hallo Herr Ehebrecht, hallo Herr Becker,

der Leserbrief von Herrn Ehebrecht zum Interview mit Heiner Flassbeck verfehlt aus meiner Sicht den Kern der Argumentation, und bestätigt damit unfreiwillig genau das Problem, auf das Flassbeck seit Jahren hinweist: die Verwechslung von einzelwirtschaftlicher Kostenbetrachtung mit gesamtwirtschaftlicher Logik.

Richtig ist: Steigende Rentenbeiträge belasten Arbeitnehmer und Arbeitgeber. Falsch ist jedoch die Schlussfolgerung, daraus folge zwangsläufig ein Nachfrageproblem. Makroökonomisch gilt: Einkommen, das Rentner erhalten, verschwindet nicht, sondern wird mit hoher Wahrscheinlichkeit konsumiert. Selbiges gilt im Übrigen auch für das so oft verteufelte Bürgergeld. Die gesamtwirtschaftliche Nachfrage geht dadurch nicht verloren, sie verschiebt sich. Wer das ignoriert, argumentiert nicht volkswirtschaftlich, sondern betriebswirtschaftlich.

Auch die lange Liste externer Belastungen (Zölle, Wechselkurse, Rohstoffpreise) erklärt nicht, warum ausgerechnet die Rentenfinanzierung der entscheidende Standortnachteil sein soll. Deutschlands Kernproblem ist seit Jahren nicht eine Kostenexplosion, sondern schwache Binnennachfrage und mangelnde private Investitionstätigkeit trotz hoher Unternehmensgewinne.

Besonders irritierend ist der Vorwurf, Umverteilung sei „ideologisch“ und realitätsfern. Jede Rentenversicherung, jedes Steuersystem beruht auf Umverteilung. Die Frage ist nicht ob, sondern wie. Zahlreiche international anerkannte Ökonomen, von Stiglitz bis Piketty, argumentieren seit Langem, dass wachsende Ungleichheit wirtschaftlich schädlich ist. Wer dies pauschal als Ideologie abtut, ersetzt Analyse durch Glaubenssätze.

Flassbecks Position mag unbequem sein, sie ist jedoch ökonomisch konsistent. In einer alternden Gesellschaft lassen sich stabile Renten nur sichern, wenn man gesamtwirtschaftlich denkt, und nicht, indem man jede staatliche Ausgabe reflexhaft als Belastung und jede Umverteilung als Gefahr diffamiert.

Mit freundlichen Grüßen

Leserbrief zu „Bremen plant Luxus-Toilette für eine Million Euro – In Bremen soll bald eine Millionen-Toilette „für alle“ gebaut werden“ von Sophie Wehmeyer, NOZ vom 12.12.2025, Seite 5

Warum Bremens neue öffentliche Toilette kein Luxus, sondern notwendige Infrastruktur für Teilhabe, Sicherheit und eine lebendige Innenstadt ist.

Hallo NOZ, hallo Frau Wehmeyer,

in der Diskussion um die angebliche „Luxus-Toilette“ in Bremen geht es leider kaum noch um die Sache, sondern nur um Empörung über Zahlen. Dabei scheint völlig unterzugehen, warum eine hochwertige öffentliche Toilette überhaupt nötig ist.

Seit Jahren gibt es in Bremen, wie in vielen Städten, einen realen Toiletten-Notstand. Wer älter ist, gesundheitliche Einschränkungen hat, Blasenschwäche kennt oder mit kleinen Kindern unterwegs ist, weiß genau, wie entscheidend der Zugang zu einer sauberen, sicheren und barrierefreien Toilette ist. Für viele Menschen entscheidet das darüber, ob sie die Innenstadt überhaupt besuchen können. Fehlende Toiletten bedeuten sozialen Ausschluss, besonders für Ältere, chronisch Kranke und FLINTA-Personen.

Dass eine moderne, betreute, barrierefreie Anlage mehr kostet als eine alte Stahlkabine, ist logisch. Aber öffentliche Infrastruktur ist nie kostenlos: Spielplätze, Bushaltestellen oder Straßenbeleuchtung kosten auch Geld, und trotzdem würde niemand sie abschaffen wollen. Saubere Toiletten gehören genauso zur Daseinsvorsorge einer Stadt wie öffentlicher Nahverkehr oder gepflegte Wege.

Anstatt reflexhaft von „Steuerverschwendung“ zu sprechen, sollte man anerkennen, dass diese Investition Aufenthaltsqualität, Sicherheit und Teilhabe schafft. Eine lebendige Innenstadt braucht Infrastruktur, die für alle funktioniert, auch dort, wo es nicht sofort Applaus gibt.

Mit freundlichen Grüßen

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