Zwischen Erinnerung, Autorität und publizistischer Macht

Anlass und Fragestellung

Die Neue Osnabrücker Zeitung (NOZ) meldet die Wahl ihres Chefredakteurs Burkhard Ewert in das Kuratorium des „Freundeskreises Yad Vashem“. Die Nachricht ist auf den ersten Blick eine klassische Personal- und Ehrenmeldung. Ein Historiker, Journalist und langjähriger Beobachter Israels übernimmt eine Funktion in einer zentralen Institution der Holocaust-Erinnerung.

Diese Analyse fragt jedoch bewusst nicht nur ob diese Wahl nachvollziehbar ist, sondern wie sie im Kontext der bisherigen publizistischen Praxis Ewerts und der redaktionellen Linie der NOZ zu bewerten ist. Denn journalistische Macht, erinnerungspolitische Autorität und Deutungshoheit über gegenwärtige Konflikte sind hier eng miteinander verschränkt.

Biografische Plausibilität – kein Zweifel an der formalen Eignung

Zunächst ist festzuhalten, dass die Wahl Ewerts biografisch plausibel ist. Seine akademische Beschäftigung mit jüdischer Geschichte und der Staatsgründung Israels, seine wiederholten Aufenthalte in Israel und den palästinensischen Gebieten (einschließlich des Gazastreifens), die Begleitung offizieller Gedenkdelegationen wie des Auschwitz-Gedenkens mit dem Bundespräsidenten sowie das von ihm initiierte und ausgezeichnete Dokumentationsprojekt zur Reichspogromnacht ergeben in ihrer Gesamtheit ein stimmiges Bild.

Auf dieser Ebene gibt es keinen sachlichen Grund, Ewerts Eignung für ein solches Kuratorium in Zweifel zu ziehen. Gerade deshalb beginnt die eigentliche Bewertung erst jenseits der biografischen Oberfläche.

Erinnerung als moralischer Rahmen ist ein bekanntes Muster

Zentral ist ein Satz aus der Meldung:

Die gegenwärtige politische Situation in Israel ist mir bewusst. Sie ändert nichts an der deutschen Verantwortung für die Geschichte.

Dieser Satz ist mehr als eine persönliche Haltung. Er beschreibt ein Argumentationsmuster, das sich seit Jahren auch in der publizistischen Linie der NOZ (und in Texten unter Ewerts Verantwortung) wiederfindet:

  • Die deutsche Verantwortung aus dem Holocaust wird als übergeordnete moralische Kategorie gesetzt.
  • Aktuelle politische Fragen werden diesem Rahmen untergeordnet.
  • Kritik an israelischer Regierungspolitik wird dadurch nicht unmöglich, aber normativ begrenzt.

Diese Struktur ist nicht illegitim. Sie wird jedoch problematisch, wenn sie systematisch zur Einhegung bestimmter Debatten führt.

Die NOZ und die Asymmetrie der Kritik

In der Berichterstattung und Kommentierung der NOZ zu Israel, Gaza und Antisemitismus lässt sich über längere Zeit eine deutliche Asymmetrie erkennen. Die Sensibilität gegenüber antisemitischen Tendenzen ist hoch und grundsätzlich berechtigt. Gleichzeitig fällt jedoch eine auffällige Zurückhaltung bei der kritischen Auseinandersetzung mit völkerrechtlichen Fragen israelischer Militärpolitik, mit der strukturellen Gewalt im Gazastreifen sowie mit internationaler Kritik an der jeweiligen israelischen Regierung auf.

Kritische Positionen werden in diesem Kontext häufig nicht primär inhaltlich verhandelt, sondern moralisch gerahmt. Sie erscheinen dann als emotionalisiert, verkürzt oder ethisch problematisch. Auf diese Weise verschiebt sich der Fokus der Debatte. Nicht mehr die Substanz der Kritik steht im Zentrum, sondern die Frage, ob diese Kritik überhaupt zulässig ist.

„Unpolitisch“ als Entlastungsformel

Der Artikel betont mehrfach, Yad Vashem verstehe sich als „unpolitische Organisation“. Historisch ist das korrekt, rhetorisch jedoch hoch wirksam.

Gerade in einer Zeit, in der:

  • der Krieg in Gaza international als humanitäre Katastrophe diskutiert wird
  • Vorwürfe von Kriegsverbrechen im Raum stehen
  • die deutsche Öffentlichkeit tief gespalten ist

wirkt der Verweis auf das unpolitische wie eine Schutzformel:

  • Erinnerung ohne aktuelle Verantwortung
  • moralische Autorität ohne politische Rechenschaft
  • Mahnung ohne Machtkritik

Dass Ewert diese Trennung explizit betont, ist kein Zufall, sondern fügt sich nahtlos in seine bekannte Argumentationslinie.

Medienethische Dimension: Nähe, Rolle, Macht

Der entscheidende Punkt liegt daher weniger in Ewerts persönlichem Engagement als in der strukturellen Doppelrolle, die hier sichtbar wird. Als Chefredakteur einer regional dominanten Tageszeitung prägt er die publizistische Linie zu Themen wie Israel, Antisemitismus und Erinnerungspolitik maßgeblich. Zugleich übernimmt er eine Funktion in einer zentralen erinnerungspolitischen Institution mit erheblicher moralischer Autorität.

Diese Konstellation erzeugt zumindest ein Risiko von Interessenkonflikten, das journalistisch reflektiert werden müsste. Genau das geschieht jedoch nicht. Die NOZ-Meldung bleibt affirmativ und ehrerbietig; Distanz, Selbstreflexion oder ein Hinweis auf mögliche Spannungen zwischen journalistischer Rolle und erinnerungspolitischer Funktion fehlen vollständig. Das ist weniger ein persönlicher Vorwurf als ein strukturelles Defizit redaktioneller Selbstbeobachtung.

Fazit: Konsistent, ehrenvoll, aber nicht folgenlos

Die Wahl Burkhard Ewerts ins Kuratorium des Freundeskreises Yad Vashem ist biografisch nachvollziehbar, symbolisch bedeutsam und moralisch ehrenvoll. Im Kontext seiner publizistischen Praxis ist sie jedoch nicht folgenlos. Sie festigt erinnerungspolitische Deutungshoheit, verschiebt die Grenzen dessen, was als legitime Kritik an israelischer Politik gilt, und verdeutlicht die enge Verbindung von Journalismus, moralischer Autorität und Macht.

Gerade deshalb wäre eine offene und transparente Debatte notwendig gewesen. Dass sie ausbleibt, sagt weniger über Burkhard Ewert aus als über den Zustand medienethischer Selbstreflexion in der NOZ.

Dieser Text versteht sich nicht als Angriff, sondern als Beitrag zu einer notwendigen Diskussion über Verantwortung, Erinnerung und journalistische Macht.