Leserbriefe, Medienkritik & politische Analysen seit 2025

Schlagwort: Rente

Leserbrief zum Leserbrief von Heinz-Peter Ehebrecht zu „Wichtige Aspekte nicht berücksichtigt – Zum Artikel „Ökonom Heiner Flassbeck: ‚Die Beiträge für die Rente sind nicht weg, nur woanders'“ von Sören Becker“, NOZ vom 23.12.2025, Seite 2

Rentendebatte ohne Scheuklappen: Eine Replik auf den Leserbrief zum Flassbeck-Interview und die Verwechslung von Kosten und Nachfrage.

Hallo NOZ, hallo Herr Ehebrecht, hallo Herr Becker,

der Leserbrief von Herrn Ehebrecht zum Interview mit Heiner Flassbeck verfehlt aus meiner Sicht den Kern der Argumentation, und bestätigt damit unfreiwillig genau das Problem, auf das Flassbeck seit Jahren hinweist: die Verwechslung von einzelwirtschaftlicher Kostenbetrachtung mit gesamtwirtschaftlicher Logik.

Richtig ist: Steigende Rentenbeiträge belasten Arbeitnehmer und Arbeitgeber. Falsch ist jedoch die Schlussfolgerung, daraus folge zwangsläufig ein Nachfrageproblem. Makroökonomisch gilt: Einkommen, das Rentner erhalten, verschwindet nicht, sondern wird mit hoher Wahrscheinlichkeit konsumiert. Selbiges gilt im Übrigen auch für das so oft verteufelte Bürgergeld. Die gesamtwirtschaftliche Nachfrage geht dadurch nicht verloren, sie verschiebt sich. Wer das ignoriert, argumentiert nicht volkswirtschaftlich, sondern betriebswirtschaftlich.

Auch die lange Liste externer Belastungen (Zölle, Wechselkurse, Rohstoffpreise) erklärt nicht, warum ausgerechnet die Rentenfinanzierung der entscheidende Standortnachteil sein soll. Deutschlands Kernproblem ist seit Jahren nicht eine Kostenexplosion, sondern schwache Binnennachfrage und mangelnde private Investitionstätigkeit trotz hoher Unternehmensgewinne.

Besonders irritierend ist der Vorwurf, Umverteilung sei „ideologisch“ und realitätsfern. Jede Rentenversicherung, jedes Steuersystem beruht auf Umverteilung. Die Frage ist nicht ob, sondern wie. Zahlreiche international anerkannte Ökonomen, von Stiglitz bis Piketty, argumentieren seit Langem, dass wachsende Ungleichheit wirtschaftlich schädlich ist. Wer dies pauschal als Ideologie abtut, ersetzt Analyse durch Glaubenssätze.

Flassbecks Position mag unbequem sein, sie ist jedoch ökonomisch konsistent. In einer alternden Gesellschaft lassen sich stabile Renten nur sichern, wenn man gesamtwirtschaftlich denkt, und nicht, indem man jede staatliche Ausgabe reflexhaft als Belastung und jede Umverteilung als Gefahr diffamiert.

Mit freundlichen Grüßen

Leserbrief zum Artikel „Ich komme klar“ 1300 Euro im Monat: Wie eine 77-Jährige trotz knapper Rente ihr Leben meistert, NOZ 28.11.2025, Seite 24

Kritik am NOZ-Artikel über Rentnerin: Warum 1.300 € Rente nicht reichen und fast jeder fünfte Seniorin in Deutschland von Altersarmut betroffen ist.

Hallo NOZ, hallo Frau Reußner,

Ihr Artikel auf der Seite 24 in der NOZ vom 28.11.2025 über die Rentnerin „Jutta Meyer“ liest sich freundlich, aber er zeigt nur einen sehr besonderen Einzelfall. Frau Meyer hat ein eigenes Haus, Unterstützung in der Familie und etwas sparen können. Viele ältere Menschen haben diese Vorteile nicht.

Gerade jetzt ist das wichtig: Laut aktuellen Zahlen lebt inzwischen fast jeder fünfte Rentnerin in Deutschland in Altersarmut. Bei Frauen über 65 ist die Quote noch höher. Das sind Millionen Menschen, die mit ihrer Rente kaum auskommen.

Ohne diese Informationen entsteht leicht der Eindruck, 1.300 Euro könnten „reichen“, wenn man nur sparsam ist. Für viele ältere Menschen stimmt das aber nicht, vor allem, wenn sie Miete zahlen müssen oder keine Rücklagen haben.

Ich würde mir wünschen, dass die NOZ dieses Thema nicht nur über Einzelschicksale erzählt, sondern auch mit Zahlen und Hintergründen zeigt, wie ernst die Lage für viele wirklich ist.

Mit freundlichen Grüßen

Lieber Herr Reichl,

herzlichen Dank für Ihre Rückmeldung. Ich kann Ihre Kritik nachvollziehen, ich habe über den Punkt auch nachgedacht. Ihre Anregung, über die Rentenproblematik noch intensiver und tiefergehender zu berichten, nehme ich gern mit. Zu dem Stück selbst: Derartige Texte über Einzelschicksale haben grundsätzlich den Vorteil, dass sie dem Leser ein Thema auf persönlicher Ebene näherbringen – und den Nachteil, dass sie natürlich immer nur ein individuelles Schicksal aufgreifen. Bei Frau Meyer hatte ich durchaus das Gefühl, dass sich viele unserer Leserinnen und Leser mit ihr identifizieren könnten – sie steht für mich schon beispielhaft für diese Frauen-Generation. Den Eindruck, 1300 Euro grundsätzlich reichen, erweckt der Text meiner Meinung nach nicht – sie sagt ja selbst, dass es schwierig wäre, müsste sie Miete zahlen. Aber, wie gesagt, ich kann Ihre Lesart auch nachvollziehen. 

Herzliche Grüße

Friederike Reußner

Liebe Frau Reußner,

vielen Dank für Ihre Rückmeldung und die offene Haltung gegenüber meiner Kritik.

Ich stimme Ihnen zu, Einzelschicksale können Themen nahbar machen. Mein Punkt ist jedoch ein anderer. Ohne eine Einordnung entsteht leicht ein Bild, das nicht für die Mehrheit der Betroffenen steht. Genau hier sehe ich das Problem.

Gerade Frau Meyer ist aus meiner Sicht nicht beispielhaft für ihre Generation, jedenfalls nicht für jene große Gruppe, die heute Gefahr läuft, in Altersarmut zu geraten. Eigentum, familiäre Hilfe und Rücklagen sind entscheidende Faktoren, die viele Frauen dieser Jahrgänge nicht haben. Die aktuellen Zahlen zeigen ja, wie ernst die Lage ist. Jede fünfte Rentnerin über 65 ist inzwischen armutsgefährdet.

Wenn im Artikel diese strukturellen Unterschiede nicht erklärt werden, wirkt die Geschichte zwangsläufig beruhigender, als die Realität für viele tatsächlich ist.

Gerade deshalb würde ich mich freuen, wenn die NOZ das Thema in einem eigenen Beitrag noch einmal größer aufgreift, mit Daten, Hintergründen und den Perspektiven der Menschen, die ohne Eigentum und Rücklagen auskommen müssen. Das wäre ein wichtiger Beitrag zur öffentlichen Debatte.

Mit freundlichen Grüßen

Timm Reichl 

Leserbrief zum Interview „Wir führen die Rentendebatte, als ginge es um Almosen“ – Ex-Wirtschaftsweiser Peter Bofinger über den Boomer-Soli-Streit, NOZ vom 28.11.2025, Seite 7

Boomer-Soli? Rente ohne Demografie-Mythos: Warum Verteilung entscheidend ist und wie faire Löhne und Beiträge die Altersvorsorge sichern.

Hallo NOZ,

hier mein Leserbrief zum Interview mit Peter Bofinger zum Thema Rente und Boomer.

Im Interview mit Peter Bofinger entsteht der Eindruck, unser Rentensystem sei vor allem wegen der vielen Babyboomer in Schwierigkeiten. Das klingt logisch, greift aber zu kurz. Neue Analysen zeigen: Nicht die Demografie ist das Hauptproblem, sondern die Ungleichheit, die in den letzten Jahrzehnten gewachsen ist.

Wichtig ist nämlich nicht nur, wie viele ältere Menschen es gibt. Entscheidend ist, wie viele Menschen insgesamt versorgt werden müssen, Kinder und Ältere. Dieser Gesamtwert hat sich über lange Zeit kaum verändert. Wir hatten früher mehr Kinder, heute mehr Rentner. Die Belastung bleibt ähnlich. Von einer „dramatischen Überalterung“ zu sprechen, führt daher in die Irre.

Die wirklichen Gründe für die Schwächen im Rentensystem liegen woanders: Löhne, die viel zu langsam steigen, immer mehr unsichere Jobs und politische Entscheidungen, die Renten bewusst kleiner gemacht haben. Wenn die Löhne nicht mit der Produktivität Schritt halten, fehlen später automatisch Beiträge und Rentenpunkte. Das ist kein Naturgesetz, sondern das Ergebnis von Politik.

Statt die Generationen gegeneinander auszuspielen, sollten wir darüber sprechen, wie wir die Einkommen gerechter verteilen können: höhere Löhne, eine stärkere Einbeziehung aller Berufsgruppen in die Rentenversicherung und ein Steuersystem, das Vermögende stärker beteiligt. Nur so lässt sich das Rentensystem wirklich stabilisieren, und zwar ohne Angst vor einem angeblichen Demografie-Schreckgespenst.

Mit freundlichen Grüßen 

Leserbrief zum Interview „Man muss solche Kompromisse dann auch umsetzen“ mit Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder zum Rentenstreit und Verbrenner-Aus, NOZ vom 22.11.2025, Seite 3

Kritischer Leserbrief zur Verkehrspolitik: Warum Schnieders Plädoyer für den Verbrennungsmotor an Fakten, Markttrends und Klimarealität vorbeigeht

Hallo NOZ, hallo Frau Lehmann, hallo Herr Schmidt,hier mein Leserbrief zum Interview mit Schnieder.

Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder behauptet im Interview, der Verbrennungsmotor werde „eine Zukunft haben“ und die Autoindustrie brauche mehr Zeit für die Transformation. Diese Sicht wirkt beruhigend, ignoriert aber die Fakten.

Erstens: Der Markt bewegt sich mit großer Geschwindigkeit Richtung Elektromobilität. In vielen europäischen Ländern liegt der Anteil reiner Elektroautos schon heute bei 20–30 Prozent, und internationale Prognosen sehen Europa und China bis 2030 klar elektrisch dominiert. Die Wende ist also längst im Gang.

Zweitens: Für den europäischen Neuwagenmarkt ist die Zukunft des klassischen Verbrenners praktisch beendet. Die EU hat entschieden, ab 2035 keine neuen Pkw mit CO₂-Ausstoß mehr zuzulassen. Genau darauf richtet sich die Industrie aus. Ständige politische Zweifel, wie sie Schnieder schürt, schaffen keine Sicherheit, sondern bremsen Investitionen.

Drittens: Dass Hersteller die Transformation „bis 2035 nicht schaffen“ würden, ist wenig überzeugend. Die Konzerne investieren längst massiv in Elektroplattformen, Batteriefertigungen und neue Produktionsstrukturen. Was sie am meisten hemmt, ist politische Unklarheit, nicht technische Unfähigkeit.

Viertens: Die Idee, Verbrenner mit synthetischen Kraftstoffen klimaneutral zu retten, bleibt Illusion. E-Fuels sind extrem teuer, ineffizient und nur in kleinen Mengen verfügbar. Für Flugzeuge oder Schiffe mag das sinnvoll sein, für Millionen Pkw nicht.Fünftens: Klimapolitisch ist das Festhalten am Verbrenner ein Risiko. Der Verkehr ist seit Jahren das Sorgenkind der deutschen CO2-Bilanz. Wenn selbst Neuwagen noch lange fossile Emissionen verursachen, sind die Klimaziele schlicht nicht erreichbar.

Schnieders Argumentation ist daher nicht zukunftsorientiert, sondern rückwärtsgewandt. Deutschland muss die Transformation entschlossen gestalten, statt alte Technologien künstlich am Leben zu halten. Die Zukunft des Autos wird elektrisch sein, nicht, weil Politik es diktiert, sondern weil Märkte, Technologie und Klimarealität längst dorthin drängen.

Mit freundlichen Grüßen

Leserbrief zur NOZ vom Mittwoch, 19.11.2025, Meinung Lucas Wiegelmann, Seite 1, „Der Protest der Jungen Union legt Schwächen der Kanzlerschaft offen – Drei Fehler muss Merz jetzt korrigieren“

In seinem Artikel thematisiert Lucas Wiegelmann in der NOZ vom 19. November 2025 die Schwächen der Kanzlerschaft und hebt hervor, dass Merz dringend drei grundlegende Fehler korrigieren muss, um das Vertrauen der Bevölkerung zurückzugewinnen.

Hallo NOZ, hallo Herr Wiegelmann,

hier sende ich Ihnen meinen Leserbrief zur NOZ vom Mittwoch, 19.11.2025, Meinung Lucas Wiegelmann, Seite 1, „Der Protest der Jungen Union legt Schwächen der Kanzlerschaft offen – Drei Fehler muss Merz jetzt korrigieren“.

Der Kommentar zur Renten-Rebellion in der Union kratzt nur an der Oberfläche der tatsächlichen Probleme der Kanzlerschaft von Friedrich Merz. Wer seine jetzige Führungsschwäche verstehen will, muss auf den Beginn zurückblicken: Schon die Kanzlerwahl, die erst im zweiten Wahlgang gelang, zeigte ein tiefes Misstrauen in den eigenen Reihen. Das war kein Betriebsunfall, es war ein Warnsignal.

Statt diese Grundprobleme zu benennen, zeichnet der Kommentar Merz als eigentlich starken „Macher“, der nur kurz ins Straucheln geraten sei. Das Gegenteil ist der Fall. Merz wirkt weder als Deal-Maker noch als Kanzler, der Mehrheiten organisieren kann. Er agiert wie ein Oppositionsführer, der zufällig ins Kanzleramt geraten ist: laut nach innen, unsicher nach außen. Seine jüngste Bemerkung, man könne froh sein, aus Belém wieder weg zu sein, unterstreicht diese Unsouveränität auf internationaler Bühne.

Wer angesichts dieser Bilanz allein den Kommunikationsstil oder den fehlenden Mut zu „unpopulären Maßnahmen“ beklagt, verfehlt den Kern. Das Problem liegt nicht in drei korrigierbaren Fehlern, sondern in der grundsätzlichen Diskrepanz zwischen dem Bild, das Merz von sich selbst zeichnet, und der Realität seines Regierungsstils. Eine ehrliche Analyse müsste das benennen, nicht beschönigen.

Mit freundlichen Grüßen