Rentendebatte ohne Scheuklappen: Eine Replik auf den Leserbrief zum Flassbeck-Interview und die Verwechslung von Kosten und Nachfrage.
Hallo NOZ, hallo Herr Ehebrecht, hallo Herr Becker,
der Leserbrief von Herrn Ehebrecht zum Interview mit Heiner Flassbeck verfehlt aus meiner Sicht den Kern der Argumentation, und bestätigt damit unfreiwillig genau das Problem, auf das Flassbeck seit Jahren hinweist: die Verwechslung von einzelwirtschaftlicher Kostenbetrachtung mit gesamtwirtschaftlicher Logik.
Richtig ist: Steigende Rentenbeiträge belasten Arbeitnehmer und Arbeitgeber. Falsch ist jedoch die Schlussfolgerung, daraus folge zwangsläufig ein Nachfrageproblem. Makroökonomisch gilt: Einkommen, das Rentner erhalten, verschwindet nicht, sondern wird mit hoher Wahrscheinlichkeit konsumiert. Selbiges gilt im Übrigen auch für das so oft verteufelte Bürgergeld. Die gesamtwirtschaftliche Nachfrage geht dadurch nicht verloren, sie verschiebt sich. Wer das ignoriert, argumentiert nicht volkswirtschaftlich, sondern betriebswirtschaftlich.
Auch die lange Liste externer Belastungen (Zölle, Wechselkurse, Rohstoffpreise) erklärt nicht, warum ausgerechnet die Rentenfinanzierung der entscheidende Standortnachteil sein soll. Deutschlands Kernproblem ist seit Jahren nicht eine Kostenexplosion, sondern schwache Binnennachfrage und mangelnde private Investitionstätigkeit trotz hoher Unternehmensgewinne.
Besonders irritierend ist der Vorwurf, Umverteilung sei „ideologisch“ und realitätsfern. Jede Rentenversicherung, jedes Steuersystem beruht auf Umverteilung. Die Frage ist nicht ob, sondern wie. Zahlreiche international anerkannte Ökonomen, von Stiglitz bis Piketty, argumentieren seit Langem, dass wachsende Ungleichheit wirtschaftlich schädlich ist. Wer dies pauschal als Ideologie abtut, ersetzt Analyse durch Glaubenssätze.
Flassbecks Position mag unbequem sein, sie ist jedoch ökonomisch konsistent. In einer alternden Gesellschaft lassen sich stabile Renten nur sichern, wenn man gesamtwirtschaftlich denkt, und nicht, indem man jede staatliche Ausgabe reflexhaft als Belastung und jede Umverteilung als Gefahr diffamiert.
Mit freundlichen Grüßen