Leserbriefe, Medienkritik & politische Analysen seit 2025

Kategorie: Philipp Ebert (Seite 1 von 4)

Leserbrief zu „Arbeitgeber sind wir alle – und wir sind pleite“ von Philipp Ebert zum Thema Streik, NOZ vom 11.02.2026, Seite 7

Streik öffentlicher Dienst. Warum das „Wir sind pleite“-Argument von Philipp Ebert kein Fakt, sondern politische Ausrede ist.

Hallo NOZ, hallo Herr Ebert,

der Kommentar von Philipp Ebert klingt ausgewogen, ist aber in der Sache genauso schief wie viele Streikschelten zuvor. „Wir sind pleite“, heißt es, als wäre das eine naturgegebene Wahrheit und kein politisches Narrativ. Der Staat ist nicht pleite. Er setzt Prioritäten. Und ausgerechnet bei den Menschen, die den öffentlichen Betrieb aufrechterhalten, soll nun Zurückhaltung geübt werden.

Dass „Arbeitgeber wir alle“ seien, ist ein rhetorischer Trick, kein Argument. Er verschiebt Verantwortung vom Staat als politischem Akteur auf eine diffuse Allgemeinheit, und stellt Beschäftigte damit indirekt gegen die Bevölkerung. So wird aus einer Tarifauseinandersetzung eine moralische Belastungsprobe für Arbeitnehmer, nicht für politische Entscheidungen.

Besonders irritierend ist die Darstellung des öffentlichen Dienstes als ohnehin gut versorgt. Wer von „attraktiven Arbeitszeiten“ und „Kündigungsschutz“ spricht, blendet systematisch Personalmangel, Arbeitsverdichtung und reale Einkommensverluste der letzten Jahre aus. Dass Lehrkräfte, Pflegekräfte oder Straßenmeister angeblich „schon genug“ hätten, ist kein Befund, sondern ein bequemes Vorurteil.

Der Satz „Lieber noch ein paar Wochen gesperrte Tunnel als ein Tarifabschluss, den Deutschland nicht verkraftet“ entlarvt schließlich die Haltung hinter dem Text. Streiks werden toleriert, solange sie folgenlos bleiben. Das ist keine nüchterne Analyse, sondern eine indirekte Delegitimierung des Streikrechts.

Nicht die Beschäftigten überfordern den Staat. Überfordert wird er durch jahrelanges Sparen, Aufgabenverlagerung ohne Finanzierung, und durch Kommentare, die all das zur Randnotiz erklären. Wer wirklich einen funktionierenden Staat will, sollte aufhören, Lohnforderungen als Zumutung darzustellen, und anfangen, politische Verantwortung dort zu benennen, wo sie hingehört.

Mit freundlichen Grüßen

Leserbrief zu „Ein Symbol für Freiheit und Fortschritt – Warum wir das Auto lieben sollten“ von Philipp Ebert, NOZ vom 29.01.2026, Seite 7

Die Auto-Illusion: Warum stundenlanges Pendeln und Stau alles andere als Freiheit sind.

Hallo NOZ, hallo Herr Ebert,

Philipp Ebert feiert in seinem Meinungsbeitrag das Auto als Symbol von Freiheit, Individualismus und sozialem Aufstieg. Diese Erzählung klingt eingängig, hält einer näheren Betrachtung jedoch nicht stand. Denn sie verwechselt konsequent Ursache und Wirkung.

Die zentrale These lautet sinngemäß, dass ohne Auto kein sozialer Aufstieg, keine Bildung, keine Emanzipation stattfindet oder -fand. Das ist historisch falsch. Der soziale Aufstieg der Nachkriegszeit war vor allem das Ergebnis von Bildungsexpansion, staatlichen Investitionen in Schulen und Universitäten, BAföG, Wohnheimen sowie eines dichten Netzes aus Bahn- und Busverbindungen. Das Auto war Begleiterscheinung, nicht Triebkraft.

Dass heute viele Menschen ohne Auto kaum zur Arbeit, zur Schule oder zum Arzt kommen, ist kein Beweis für Freiheit, sondern für eine Verkehrspolitik, die Alternativen über Jahrzehnte vernachlässigt oder zurückgebaut hat. Freiheit setzt Wahlmöglichkeiten voraus. Wo faktisch keine Wahl besteht, wird Abhängigkeit lediglich umetikettiert.

Besonders fragwürdig ist die Verklärung des Pendelns. Stau, Zeitverlust, steigende Kraftstoffpreise und Reparaturkosten werden als Ausdruck eines selbstbestimmten Lebens dargestellt. In Wirklichkeit sind sie Symptome einer Zersiedelung, die nur mit dem Auto funktioniert, und genau dadurch Menschen an dieses Verkehrsmittel bindet.

Auch das gern bemühte Rettungswagen-Argument überzeugt nicht. Ja, Einsatzfahrzeuge sind Autos. Daraus eine Liebeserklärung an den privaten Pkw abzuleiten, ist so logisch, als würde man private Feuerwehrautos vor jedem Haus fordern, weil es eine Feuerwehr gibt.

Das Auto ist ein Werkzeug, kein Freiheitsideal. Es kann nützlich sein, erzeugt aber erhebliche soziale, ökologische und gesundheitliche Kosten. Eine Mobilitätsform, die andere ausschließt und den öffentlichen Raum dominiert, ist kein Ausdruck von Freiheit, sondern Ergebnis politischer Bevorzugung.

Wirkliche Freiheit entsteht dort, wo Menschen nicht auf ein bestimmtes Verkehrsmittel angewiesen sind, sondern echte Alternativen haben. Genau davon lenkt die romantisierende Autonarration ab.

Mit freundlichen Grüßen

Leserbrief zu „Sozialleistungen fesseln unseren Staat“ von Philipp Ebert, NOZ vom 24.01.2026, Seite 4

Sozialleistungen fesseln den Staat? Dieser Text zeigt, warum nicht Arme das Problem sind, sondern Überreichtum, Steuerflucht und politische Feigheit.

Hallo NOZ, hallo Herr Ebert,

der Meinungsbeitrag „Sozialleistungen fesseln unseren Staat“ verdreht Ursache und Wirkung in bemerkenswerter Konsequenz. OK, klar, viele Kommunen sind finanziell am Limit. Aber wer daraus ableitet, das Problem liege primär bei Sozialleistungen, betreibt politische Augenwischerei.

Sozialausgaben explodieren nicht aus Großzügigkeit, sondern weil Mieten steigen, die Gesellschaft altert, Pflegekosten zunehmen und der Staat gesetzliche Rechtsansprüche zu erfüllen hat. Das sind keine „Ausgaben-Orgie“, sondern Grundpfeiler eines sozialen Rechtsstaats. Wer hier den Rotstift ansetzt, kürzt nicht „Symbolpolitik“, sondern Leistungen für Kinder, Pflegebedürftige und Menschen mit Behinderung.

Auffällig ist, was im Artikel komplett fehlt, nämlich die Frage der Gerechtigkeit. Während Kommunen Schwimmbäder schließen sollen und Kita-Gebühren wieder steigen dürfen, bleiben Überreiche, große Vermögen und hohe Erbschaften konsequent außen vor. Deutschland leistet sich eine der niedrigsten Vermögensbesteuerungen Europas. Das ist kein Naturgesetz, sondern politische Entscheidung.

Der Staat ist natürlich nicht „pleite“. Er hat sich arm gerechnet, durch Steuersenkungen für Unternehmen, eine ausgehöhlte Erbschaftsteuer und das Tabu, große Vermögen angemessen heranzuziehen. Wer nun Sozialleistungen auf den „Prüfstand“ stellt, ohne auch nur ein Wort über Überreichtum zu verlieren, verschiebt die Lasten einseitig nach unten.

Die kommunale Krise verlangt Reformen, richtig. Aber ein „disruptiver Ansatz“, der ausschließlich bei den Schwächeren ansetzt und die Stärksten schont, ist nicht mutig, sondern ungerecht.

Mit freundlichen Grüßen

Leserbrief zu „Warum man den Bauern zuhören sollte“ von Philipp Ebert, NOZ vom 12.01.2025, Seite 4

Bauern zuhören? Ja, aber den richtigen. Ein Leserbrief über Macht, Bauernverband und warum kleine Höfe oft die Verlierer der Agrarpolitik sind.

Hallo NOZ, hallo Herr Ebert,

„den Bauern zuhören“, das klingt vernünftig, fast schon unstrittig. Doch genau hier beginnt das Problem des Meinungsbeitrags von Philipp Ebert: Er fordert Zuhören, ohne klar zu benennen, wer eigentlich spricht und wessen Interessen dabei systematisch unter den Tisch fallen.

Wenn der Bauernverband klagt, spricht er nicht für „die Bauern“, sondern vor allem für große, kapitalstarke Betriebe, für Flächenwachstum, Intensivierung und Subventionssicherung. Kleine und mittlere Höfe, die im Artikel zu Recht als Verlierer beschrieben werden, sind im Bauernverband strukturell unterrepräsentiert und oft sogar Leidtragende seiner Politik. Das ist kein Randdetail, sondern der zentrale Konflikt.

Ja, der Lebensmitteleinzelhandel ist hoch konzentriert. Ja, Marktmacht drückt Erzeugerpreise. Aber ebenso wahr ist, dass der Bauernverband seit Jahren genau jene Reformen bekämpft, die kleinen Betrieben helfen könnten. Etwa eine stärkere Umverteilung von EU-Agrarsubventionen, verbindliche Tierwohlstandards mit fairer Finanzierung oder eine Abkehr von der exportgetriebenen Überproduktion.

Stattdessen wird regelmäßig gegen Umweltauflagen, Mindestlohn oder Baurecht mobilisiert, also gegen Regeln, die gesellschaftliche Kosten begrenzen sollen. Wer dabei nur „zuhört“, ohne diese Interessenkonflikte offenzulegen, betreibt Romantisierung statt Aufklärung.

Unsere Kulturlandschaft ist nicht durch Agrarkonzerne bedroht, weil Politik zu streng wäre, sondern weil sie zu lange den Falschen zugehört hat. Wer wirklich Vielfalt, Dorfleben und bäuerliche Landwirtschaft erhalten will, muss Machtverhältnisse benennen und sich vom Bauernverband emanzipieren, statt ihn unhinterfragt als Stimme der Bauern zu behandeln.

Zuhören? Ja.Aber bitte nicht den Lautesten, sondern denjenigen, die sonst verdrängt werden.

Mit freundlichen Grüßen

Leserbrief zu „Sinkendes Vertrauen in das Bundesverfassungsgericht – Fähigkeit zum Konsens nimmt ab“ von Philipp Ebert, NOZ vom 30.12.2025, Seite 2

Warum der Ruf nach Vertrauen ins Bundesverfassungsgericht beschwichtigt statt erklärt, und weshalb Kritik demokratisch notwendig ist.

Hallo NOZ, hallo Herr Ebert,

der Meinungsartikel zum angeblich sinkenden Vertrauen in das Bundesverfassungsgericht bleibt bemerkenswert folgenlos. Zwar wird ein Vertrauensrückgang konstatiert, zugleich aber eingeräumt, dass sich die meisten Befragten kaum mit Entscheidungen aus Karlsruhe beschäftigen. Diese Spannung wird nicht aufgeklärt, sondern umgedeutet: Nicht das Gericht, sondern „die Gesellschaft“ soll das Problem sein.

Konkrete Gründe für Skepsis werden auffällig vermieden. Politisch hoch umstrittene Urteile, etwa zu Corona-Maßnahmen, Klimaschutz, Wahlrecht oder Asyl, tauchen nicht auf. Stattdessen wird der Vertrauensverlust pauschal Individualisierung und Digitalisierung zugeschrieben. Das entpolitisiert einen zutiefst politischen Vorgang.

Besonders irritierend ist der normative Unterton: Misstrauen erscheint als Gefahr, Vertrauen als Pflicht. Dabei ist das Bundesverfassungsgericht kein Konsensstifter, sondern ein Machtfaktor, dessen Entscheidungen kritisiert werden müssen dürfen. Demokratie lebt nicht vom Nimbus unangreifbarer Institutionen, sondern von nachvollziehbaren Entscheidungen und öffentlicher Kritik.

Wer Vertrauen einfordert, sollte zuerst erklären, nicht beschwichtigen.

Mit freundlichen Grüßen

« Ältere Beiträge