Die Auto-Illusion: Warum stundenlanges Pendeln und Stau alles andere als Freiheit sind.

Hallo NOZ, hallo Herr Ebert,

Philipp Ebert feiert in seinem Meinungsbeitrag das Auto als Symbol von Freiheit, Individualismus und sozialem Aufstieg. Diese Erzählung klingt eingängig, hält einer näheren Betrachtung jedoch nicht stand. Denn sie verwechselt konsequent Ursache und Wirkung.

Die zentrale These lautet sinngemäß, dass ohne Auto kein sozialer Aufstieg, keine Bildung, keine Emanzipation stattfindet oder -fand. Das ist historisch falsch. Der soziale Aufstieg der Nachkriegszeit war vor allem das Ergebnis von Bildungsexpansion, staatlichen Investitionen in Schulen und Universitäten, BAföG, Wohnheimen sowie eines dichten Netzes aus Bahn- und Busverbindungen. Das Auto war Begleiterscheinung, nicht Triebkraft.

Dass heute viele Menschen ohne Auto kaum zur Arbeit, zur Schule oder zum Arzt kommen, ist kein Beweis für Freiheit, sondern für eine Verkehrspolitik, die Alternativen über Jahrzehnte vernachlässigt oder zurückgebaut hat. Freiheit setzt Wahlmöglichkeiten voraus. Wo faktisch keine Wahl besteht, wird Abhängigkeit lediglich umetikettiert.

Besonders fragwürdig ist die Verklärung des Pendelns. Stau, Zeitverlust, steigende Kraftstoffpreise und Reparaturkosten werden als Ausdruck eines selbstbestimmten Lebens dargestellt. In Wirklichkeit sind sie Symptome einer Zersiedelung, die nur mit dem Auto funktioniert, und genau dadurch Menschen an dieses Verkehrsmittel bindet.

Auch das gern bemühte Rettungswagen-Argument überzeugt nicht. Ja, Einsatzfahrzeuge sind Autos. Daraus eine Liebeserklärung an den privaten Pkw abzuleiten, ist so logisch, als würde man private Feuerwehrautos vor jedem Haus fordern, weil es eine Feuerwehr gibt.

Das Auto ist ein Werkzeug, kein Freiheitsideal. Es kann nützlich sein, erzeugt aber erhebliche soziale, ökologische und gesundheitliche Kosten. Eine Mobilitätsform, die andere ausschließt und den öffentlichen Raum dominiert, ist kein Ausdruck von Freiheit, sondern Ergebnis politischer Bevorzugung.

Wirkliche Freiheit entsteht dort, wo Menschen nicht auf ein bestimmtes Verkehrsmittel angewiesen sind, sondern echte Alternativen haben. Genau davon lenkt die romantisierende Autonarration ab.

Mit freundlichen Grüßen