Widerspruch nur noch nach Plan. Wie die NOZ Leserbriefe verknappt und das als Fortschritt verkauft.

Hallo NOZ, hallo Chefredaktion,

die angekündigte Neuregelung zum Abdruck von Leserbriefen wird als Aufwertung verkauft, bedeutet in der Praxis jedoch eine deutliche Einschränkung ihrer Wirkung.

Leserbriefe erfüllen vor allem eine Funktion, die zeitnahe, öffentliche Reaktion auf konkrete Berichterstattung. Genau diese Funktion geht verloren, wenn Zuschriften künftig nur noch „in loser Folge“, gebündelt und losgelöst vom Anlass erscheinen. Sichtbarkeit entsteht nicht durch Sammelseiten, sondern durch den direkten Bezug zum Artikel, der kritisiert oder ergänzt wird.

Was als mehr Raum beschrieben wird, ist faktisch weniger Verlässlichkeit. Leser können nicht mehr nachvollziehen, ob, wann und in welchem Kontext ihre Kritik erscheint. Der tägliche, manchmal unbequeme Dialog wird ersetzt durch redaktionell gesteuerte Auswahl und Terminierung.

Besonders irritierend ist die Begründung mit „Debattenkultur“ und „360-Grad-Perspektive“. Debatten entstehen nicht durch Bündelung, sondern durch Nähe zum Anlass. Wer Perspektiven zeigen will, muss sie dort sichtbar machen, wo sie entstehen, nicht zeitversetzt und gefiltert.

Leserbriefe sind kein schmückendes Meinungsformat, sondern ein Korrektiv. Wird dieses entkoppelt und verknappt, verliert nicht nur der Leserbrief an Bedeutung, sondern auch die Öffentlichkeit an Transparenz.

Mit freundlichen Grüßen