Kritik am NOZ-Artikel über Rentnerin: Warum 1.300 € Rente nicht reichen und fast jeder fünfte Seniorin in Deutschland von Altersarmut betroffen ist.
Hallo NOZ, hallo Frau Reußner,
Ihr Artikel auf der Seite 24 in der NOZ vom 28.11.2025 über die Rentnerin „Jutta Meyer“ liest sich freundlich, aber er zeigt nur einen sehr besonderen Einzelfall. Frau Meyer hat ein eigenes Haus, Unterstützung in der Familie und etwas sparen können. Viele ältere Menschen haben diese Vorteile nicht.
Gerade jetzt ist das wichtig: Laut aktuellen Zahlen lebt inzwischen fast jeder fünfte Rentnerin in Deutschland in Altersarmut. Bei Frauen über 65 ist die Quote noch höher. Das sind Millionen Menschen, die mit ihrer Rente kaum auskommen.
Ohne diese Informationen entsteht leicht der Eindruck, 1.300 Euro könnten „reichen“, wenn man nur sparsam ist. Für viele ältere Menschen stimmt das aber nicht, vor allem, wenn sie Miete zahlen müssen oder keine Rücklagen haben.
Ich würde mir wünschen, dass die NOZ dieses Thema nicht nur über Einzelschicksale erzählt, sondern auch mit Zahlen und Hintergründen zeigt, wie ernst die Lage für viele wirklich ist.
Mit freundlichen Grüßen
Lieber Herr Reichl,
herzlichen Dank für Ihre Rückmeldung. Ich kann Ihre Kritik nachvollziehen, ich habe über den Punkt auch nachgedacht. Ihre Anregung, über die Rentenproblematik noch intensiver und tiefergehender zu berichten, nehme ich gern mit. Zu dem Stück selbst: Derartige Texte über Einzelschicksale haben grundsätzlich den Vorteil, dass sie dem Leser ein Thema auf persönlicher Ebene näherbringen – und den Nachteil, dass sie natürlich immer nur ein individuelles Schicksal aufgreifen. Bei Frau Meyer hatte ich durchaus das Gefühl, dass sich viele unserer Leserinnen und Leser mit ihr identifizieren könnten – sie steht für mich schon beispielhaft für diese Frauen-Generation. Den Eindruck, 1300 Euro grundsätzlich reichen, erweckt der Text meiner Meinung nach nicht – sie sagt ja selbst, dass es schwierig wäre, müsste sie Miete zahlen. Aber, wie gesagt, ich kann Ihre Lesart auch nachvollziehen.
Herzliche Grüße
Friederike Reußner
Liebe Frau Reußner,
vielen Dank für Ihre Rückmeldung und die offene Haltung gegenüber meiner Kritik.
Ich stimme Ihnen zu, Einzelschicksale können Themen nahbar machen. Mein Punkt ist jedoch ein anderer. Ohne eine Einordnung entsteht leicht ein Bild, das nicht für die Mehrheit der Betroffenen steht. Genau hier sehe ich das Problem.
Gerade Frau Meyer ist aus meiner Sicht nicht beispielhaft für ihre Generation, jedenfalls nicht für jene große Gruppe, die heute Gefahr läuft, in Altersarmut zu geraten. Eigentum, familiäre Hilfe und Rücklagen sind entscheidende Faktoren, die viele Frauen dieser Jahrgänge nicht haben. Die aktuellen Zahlen zeigen ja, wie ernst die Lage ist. Jede fünfte Rentnerin über 65 ist inzwischen armutsgefährdet.
Wenn im Artikel diese strukturellen Unterschiede nicht erklärt werden, wirkt die Geschichte zwangsläufig beruhigender, als die Realität für viele tatsächlich ist.
Gerade deshalb würde ich mich freuen, wenn die NOZ das Thema in einem eigenen Beitrag noch einmal größer aufgreift, mit Daten, Hintergründen und den Perspektiven der Menschen, die ohne Eigentum und Rücklagen auskommen müssen. Das wäre ein wichtiger Beitrag zur öffentlichen Debatte.
Mit freundlichen Grüßen
Timm Reichl