Leserbriefe, Medienkritik & politische Analysen seit 2025

Schlagwort: Gerechtigkeit

Leserbrief zu „Vorschläge der SPD zu einer Reform der Erbschaftsteuer Eine Gefahr für die Familienunternehmer“ von Michael Clasen, NOZ vom 14.01.2026, Seite 1

Alarmismus statt Analyse: Der Leserbrief zeigt mit Zahlen, warum die Erbschaftsteuer-Panik unbegründet ist und große Vermögen privilegiert bleiben.

Hallo NOZ, hallo Herr Clasen,

der Kommentar von Herrn Clasen zur Erbschaftsteuer ist weniger Analyse als politische Panikmache. Wer die SPD-Vorschläge als „Gefahr für Familienunternehmer“ bezeichnet, verschweigt zentrale Fakten und verzerrt die Debatte bewusst.

Jährlich werden in Deutschland bis zu 400 Milliarden Euro vererbt oder verschenkt, versteuert werden davon jedoch nur rund neun Milliarden Euro. Das ist kein Zeichen eines „ausreichenden Einnahmesystems“, sondern Ausdruck einer Erbschaftsteuer, die vor allem große Vermögen schont, insbesondere Betriebsvermögen. Dass „wer viel erbt, oft kaum zahlt“, ist kein populistischer Mythos, sondern vielfach belegt und sogar vom Bundesverfassungsgericht kritisiert worden.

Der Alarmismus gegenüber Familienunternehmen überzeugt ebenfalls nicht. Die SPD schlägt einen Unternehmensfreibetrag von fünf Millionen Euro sowie eine Streckung der Steuerzahlung über 20 Jahre vor. Das bedeutet, die allermeisten kleinen und mittleren Betriebe wären gar nicht betroffen. Wer dennoch vom „Niedergang“ spricht, verwechselt bewusst Großvermögen mit dem Mittelstand.

Besonders schief ist das Argument, man könne nur „verteilen, was zuvor erwirtschaftet wurde“. Erbschaften sind keine eigene Leistung, sondern leistungslose Vermögensüberträge. Gerade sie gelten in der Finanzwissenschaft als besonders legitim zu besteuern, zumal Arbeitseinkommen in Deutschland bereits überdurchschnittlich hoch belastet sind.

Der Kommentar blendet diese Zusammenhänge aus und ersetzt sie durch Schlagworte wie „Sozialismus“ und „Standortgefährdung“. Das mag politisch mobilisieren, trägt aber nicht zu einer sachlichen Debatte bei. Wer echte Leistungsgesellschaft will, sollte leistungsloses Vermögen nicht länger privilegieren.

Mit freundlichen Grüßen

Leserbrief zum Interview „Wir führen die Rentendebatte, als ginge es um Almosen“ – Ex-Wirtschaftsweiser Peter Bofinger über den Boomer-Soli-Streit, NOZ vom 28.11.2025, Seite 7

Boomer-Soli? Rente ohne Demografie-Mythos: Warum Verteilung entscheidend ist und wie faire Löhne und Beiträge die Altersvorsorge sichern.

Hallo NOZ,

hier mein Leserbrief zum Interview mit Peter Bofinger zum Thema Rente und Boomer.

Im Interview mit Peter Bofinger entsteht der Eindruck, unser Rentensystem sei vor allem wegen der vielen Babyboomer in Schwierigkeiten. Das klingt logisch, greift aber zu kurz. Neue Analysen zeigen: Nicht die Demografie ist das Hauptproblem, sondern die Ungleichheit, die in den letzten Jahrzehnten gewachsen ist.

Wichtig ist nämlich nicht nur, wie viele ältere Menschen es gibt. Entscheidend ist, wie viele Menschen insgesamt versorgt werden müssen, Kinder und Ältere. Dieser Gesamtwert hat sich über lange Zeit kaum verändert. Wir hatten früher mehr Kinder, heute mehr Rentner. Die Belastung bleibt ähnlich. Von einer „dramatischen Überalterung“ zu sprechen, führt daher in die Irre.

Die wirklichen Gründe für die Schwächen im Rentensystem liegen woanders: Löhne, die viel zu langsam steigen, immer mehr unsichere Jobs und politische Entscheidungen, die Renten bewusst kleiner gemacht haben. Wenn die Löhne nicht mit der Produktivität Schritt halten, fehlen später automatisch Beiträge und Rentenpunkte. Das ist kein Naturgesetz, sondern das Ergebnis von Politik.

Statt die Generationen gegeneinander auszuspielen, sollten wir darüber sprechen, wie wir die Einkommen gerechter verteilen können: höhere Löhne, eine stärkere Einbeziehung aller Berufsgruppen in die Rentenversicherung und ein Steuersystem, das Vermögende stärker beteiligt. Nur so lässt sich das Rentensystem wirklich stabilisieren, und zwar ohne Angst vor einem angeblichen Demografie-Schreckgespenst.

Mit freundlichen Grüßen