Warum der Vorwurf der „Begriffsinflation“ zu kurz greift: Ein Leserbrief mit politikwissenschaftlicher Einordnung des Faschismusbegriffs.
Hallo NOZ,
der Kommentar von Viviane Wilde-Skibicki warnt vor einer inflationären Verwendung des Begriffs „Faschismus“ und mahnt zu sprachlicher Zurückhaltung. Dieser Appell ist verständlich, greift jedoch politisch und analytisch zu kurz.
In der Politikwissenschaft ist „Faschismus“ kein bloßes Schimpfwort, sondern ein klar definierter Analysebegriff. Historiker wie Robert O. Paxton beschreiben Faschismus als eine politische Praxis, die durch autoritären Nationalismus, die Konstruktion innerer und äußerer Feindbilder, die Ablehnung liberaler Demokratie, die Verachtung von Minderheitenrechten und die Bereitschaft zur Gewalt gekennzeichnet ist. Auch Umberto Eco hat mit seinem Konzept des „Ur-Faschismus“ wiederkehrende Merkmale benannt. Darunter Führerkult, Anti-Pluralismus, Anti-Intellektualismus und das systematische Infragestellen demokratischer Institutionen.
Vor diesem Hintergrund ist entscheidend:Nicht jede Verwendung des Begriffs „faschistisch“ ist eine sprachliche Entgleisung. Wo politische Akteure demokratische Verfahren delegitimieren, ethnisch oder kulturell homogene „Volksgemeinschaften“ beschwören, Medien als „Volksfeinde“ diffamieren oder Grundrechte relativieren, handelt es sich nicht um bloße Meinungsverschiedenheiten, sondern um strukturell autoritäre Politikmuster, die benennbar und benennenswert sind.
Der Kommentar suggeriert jedoch eine problematische Symmetrie: Als sei der gesellschaftliche Schaden primär durch überzogene Kritik entstanden, nicht durch reale politische Bewegungen, die genau jene historischen Erfahrungen infrage stellen, aus denen unsere demokratische Sprache erwachsen ist. Wer vor einer „Entwertung“ des Faschismusbegriffs warnt, sollte daher ebenso klar benennen, wann seine Verwendung analytisch gerechtfertigt ist.
Gerade in Deutschland bedeutet historische Verantwortung nicht, autoritäre Tendenzen sprachlich zu entschärfen, sondern sie früh, präzise und begründet zu benennen. Differenzierte Kritik schwächt den Diskurs nicht, sie schützt ihn.
Mit freundlichen Grüßen