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Schlagwort: Gesellschaft

Leserbrief zu „Du Faschist! Wer in jedem Andersdenkenden einen Nazi sieht, zerstört den gesellschaftlichen Zusammenhalt“ von Viviane Wilde-Skibicki, NOZ vom 27.12.2025, Seite 2

Warum der Vorwurf der „Begriffsinflation“ zu kurz greift: Ein Leserbrief mit politikwissenschaftlicher Einordnung des Faschismusbegriffs.

Hallo NOZ,

der Kommentar von Viviane Wilde-Skibicki warnt vor einer inflationären Verwendung des Begriffs „Faschismus“ und mahnt zu sprachlicher Zurückhaltung. Dieser Appell ist verständlich, greift jedoch politisch und analytisch zu kurz.

In der Politikwissenschaft ist „Faschismus“ kein bloßes Schimpfwort, sondern ein klar definierter Analysebegriff. Historiker wie Robert O. Paxton beschreiben Faschismus als eine politische Praxis, die durch autoritären Nationalismus, die Konstruktion innerer und äußerer Feindbilder, die Ablehnung liberaler Demokratie, die Verachtung von Minderheitenrechten und die Bereitschaft zur Gewalt gekennzeichnet ist. Auch Umberto Eco hat mit seinem Konzept des „Ur-Faschismus“ wiederkehrende Merkmale benannt. Darunter Führerkult, Anti-Pluralismus, Anti-Intellektualismus und das systematische Infragestellen demokratischer Institutionen.

Vor diesem Hintergrund ist entscheidend:Nicht jede Verwendung des Begriffs „faschistisch“ ist eine sprachliche Entgleisung. Wo politische Akteure demokratische Verfahren delegitimieren, ethnisch oder kulturell homogene „Volksgemeinschaften“ beschwören, Medien als „Volksfeinde“ diffamieren oder Grundrechte relativieren, handelt es sich nicht um bloße Meinungsverschiedenheiten, sondern um strukturell autoritäre Politikmuster, die benennbar und benennenswert sind.

Der Kommentar suggeriert jedoch eine problematische Symmetrie: Als sei der gesellschaftliche Schaden primär durch überzogene Kritik entstanden, nicht durch reale politische Bewegungen, die genau jene historischen Erfahrungen infrage stellen, aus denen unsere demokratische Sprache erwachsen ist. Wer vor einer „Entwertung“ des Faschismusbegriffs warnt, sollte daher ebenso klar benennen, wann seine Verwendung analytisch gerechtfertigt ist.

Gerade in Deutschland bedeutet historische Verantwortung nicht, autoritäre Tendenzen sprachlich zu entschärfen, sondern sie früh, präzise und begründet zu benennen. Differenzierte Kritik schwächt den Diskurs nicht, sie schützt ihn.

Mit freundlichen Grüßen

Zwei Kommentare, ein blinder Fleck – Leserbrief zu den Meinungen von Rena Lehmann und Burkhard Ewert in der NOZ vom 24.12.2025, Seite 9/10

Leserbrief zur NOZ: Weihnachts-Zuversicht schön, aber gesellschaftliche Konflikte und politische Ursachen werden zu wenig thematisiert.

Hallo NOZ, hallo Frau Lehmann, hallo Herr Ewert,

auf den Seiten 9 und 10 der Weihnachtsausgabe werben zwei Meinungsartikel für Zuversicht, Mäßigung und einen gnädigen Blick aufeinander. Das ist verständlich, und sympathisch. Auffällig ist jedoch, dass beide Texte gesellschaftliche Konflikte vor allem moralisch und psychologisch rahmen, nicht politisch.

So erscheint Polarisierung vor allem als Tonfall- oder Empathieproblem. Gleichzeitig stehen auf denselben Seiten Berichte über neue Kriegsschiffe, Abschiebeboni und eine zunehmend rabiat durchgesetzte Migrationspolitik. Hinzu kommt eine fortschreitende Normalisierung der AfD in Talkshows, Medien und Debatten, während soziale Ungleichheit, Wohnungsnot und Abstiegsängste wachsen. Diese Entwicklungen lassen sich nicht durch innere Einkehr oder einen gnädigeren Blick auflösen, sie sind das Ergebnis konkreter politischer Entscheidungen mit realen Folgen.

Auch der Appell, Politik gnädiger zu betrachten, greift zu kurz. Kritik entsteht nicht aus Ungeduld allein, sondern aus Erfahrungen von Unsicherheit, sozialer Spaltung, sichtbarer Korruption und dem Eindruck fehlender demokratischer Gestaltungsmacht.

Zuversicht ist wichtig. Doch sie sollte Analyse ergänzen, nicht ersetzen. Sonst droht sie zur Beschwichtigung zu werden.

Dem Team der NOZ wünsche ich gesunde Festtage, bleiben Sie mir gewogen.

Mit freundlichen Grüßen