Leserbriefe, Medienkritik & politische Analysen seit 2025

Schlagwort: Kulturkampf

Leserbrief zum Interview „Ich habe als Staatsminister noch viel vor“ Wolfram Weimer bezieht Stellung, NOZ vom 29.11.2025, Seite 3

Kritischer Blick auf das Weimer-Interview: Ausweichmanöver, Kulturkampf-Rhetorik und fehlende Transparenz analysiert.

Hallo NOZ, hallo Frau Lehmann und Herr Benedict,

Ihr Interview mit Kulturstaatsminister Wolfram Weimer zeigt vor allem eines: Der Konflikt zwischen Journalismus und Politik wird zunehmend durch Schlagworte und Symbolpolitik überlagert, während die zentralen Fragen unbeantwortet bleiben.

Ihre Redaktion stellt berechtigte kritische Fragen, doch die Antworten des Ministers bleiben bemerkenswert ausweichend. Besonders irritierend ist, dass Weimer die Vorwürfe rund um mögliche Interessenkonflikte mit seiner Weimer Media Group lediglich mit dem Hinweis abtut, er habe seine Tätigkeiten „niedergelegt“. Transparenz sieht anders aus. Dass er gleichzeitig von einer „rechten Trollkampagne“ spricht, ersetzt keine inhaltliche Klärung, und wirkt eher wie ein Versuch, Kritik pauschal zu delegitimieren.

Auch bei der Digitalabgabe, beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk und beim Kulturetat bleibt der Minister den konkreten politischen Fahrplan schuldig. Stattdessen greift er selbst auf populistische Begriffe wie „Zwangsgebühren“ zurück, um sie dann im gleichen Atemzug als irreführend einzuordnen. Dieser rhetorische Spagat wirkt nicht authentisch. Es drängt sich der Eindruck auf, dass Weimer versucht, sowohl konservative als auch rechtsoffene Milieus zu bedienen, während er gleichzeitig den Kulturkampf gegen „Rechtsautoritarismus“ beschwört.

Gerade deshalb wäre an dieser Stelle ein stärkeres journalistisches Nachhaken wünschenswert gewesen. Die entscheidenden Widersprüche, etwa zwischen Weimers Sprache und seiner behaupteten politischen Mitte, bleiben unaufgelöst. Der Leser erfährt viel über Weimers Selbstbild, aber nur wenig über die sachliche Ebene seiner Kultur- und Medienpolitik.

Ein Kulturstaatsminister sollte integrativ wirken, nicht polarisieren. Wenn er den demokratischen Diskurs verteidigen will, dann braucht es weniger Pathos und mehr Transparenz, Substanz und Klarheit. Das Interview zeigt: Diese Fragen sind dringlicher denn je.

Mit freundlichen Grüßen

Leserbrief zum NZZ Artikel „Ist es schon rechts, Kinder zu bekommen? -Kulturkampf tobt in den USA: Schwangere als Nazi bezeichnet / Thema wird von Linken fast nur noch negativ besetzt“, NOZ vom 27.11.2025, Seite 3

Warum der übernommene NZZ-Artikel ein falsches Bild von „der Linken“ zeichnet – und wie mediale Kulturkampf-Narrative entstehen.

Hallo NOZ (NZZ),

hier mein Leserbrief zum NZZ-Artikel, NOZ vom 27.11.2025, Seite 3.

Mit Verwunderung habe ich den aus der NZZ übernommenen Artikel „Ist es schon rechts, Kinder zu bekommen?“ gelesen. Was als Analyse verkauft wird, ist in Wahrheit ein Beispiel dafür, wie durch selektive Anekdoten aus dem extrem polarisierten US-Diskurs ein angeblich bedrohlicher „linker Mainstream“ konstruiert wird, und zwar ohne jeden Bezug zur politischen Realität in Deutschland.

Der Text verwendet eine Reihe rhetorischer Tricks: Einzelne überzogene Aktionen radikaler Aktivisten, Social-Media-Empörung oder die Positionen einzelner US-Autorinnen werden auf „die Linke“ insgesamt übertragen. Gleichzeitig werden rechte Influencer, Tradwives und pronatalistische Ideologen verharmlost oder sogar als positive Gegenstimmen inszeniert. So entsteht künstlich der Eindruck, als seien „Linke“ generell feindlich gegenüber Familie, Liebe und Kindern eingestellt.

Das ist ein Strohmann. Feministische Debatten in Deutschland drehen sich nicht um die Diffamierung von Kinderwunsch, sondern um gerechte Rahmenbedingungen: bessere Vereinbarkeit, faire Aufteilung von Care-Arbeit, Zugang zu Betreuung und reproduktiven Rechten. Diese berechtigte Kritik ersetzt der Artikel durch eine Karikatur eines angeblich „lebensfeindlichen“ linken Weltbildes.

Problematisch ist auch, dass die NOZ solche kulturkämpferischen Überhöhungen unkommentiert übernimmt. Meinungsbeiträge aus der NZZ sind häufig geprägt von einer rechtskulturellen Zuspitzung des amerikanischen Diskurses, nicht von einer nüchternen Analyse hiesiger gesellschaftlicher Verhältnisse. Wenn solche Narrative ohne Einordnung übernommen werden, trägt das eher zur Polarisierung bei, als dass es zur Aufklärung beiträgt.

Ich wünsche mir von der NOZ mehr redaktionelle Distanz und mehr journalistische Sorgfalt, wenn es darum geht, importierte Kulturkampf-Frames als deutsches Phänomen darzustellen. Gerade in Zeiten politischer Zuspitzung sollte eine regionale Zeitung sensibel damit umgehen, wie gesellschaftliche Gruppen dargestellt werden, und nicht zur künstlichen Spaltung beitragen.

Mit freundlichen Grüßen