Die NOZ porträtiert AfD-Politiker Rüdiger Lucassen als nachdenklichen Pragmatiker mit Finca und Oper-Hobby – direkt neben einem Bericht über rechtsextreme Angriffe auf Zivilgesellschaft. Kein Satz verbindet beide Texte. Kein Satz nennt, was der Verfassungsschutz längst festgestellt hat. Es ist nicht der erste Fall.

Hallo NOZ, hallo Herr Wiegelmann,

der Artikel über Rüdiger Lucassen ist handwerklich solide geschrieben. Genau das ist das Problem.

Ein ausführliches Porträt, das einen AfD-Politiker als nachdenklichen Pragmatiker inszeniert (mit Familienfotos, Finca in Südspanien, rollendem R aus Schleswig-Holstein) leistet unabhängig von der Absicht des Autors journalistische Normalisierungsarbeit. Lucassen erscheint als couragierter Realist, der gegen interne Fanatiker kämpft. Dass er bei einer Partei bleibt, die der Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem einstuft, und das auch noch selbst erklärt, wird nicht als Widerspruch markiert, sondern als ehrliche Selbstauskunft eines integeren Mannes verpackt.

Dabei liefert Lucassen die Einordnung frei Haus. Er sagt, er grüble darüber, „wie ein Nationalstaat mit 25 Prozent aus Migranten auf Dauer bestehen kann“. Er sagt, seine Parteizugehörigkeit sei eine „negative Ausgrenzung“, es gebe keine andere Möglichkeit. Er sagt, er werde in fünf Jahren vermutlich in gar keiner Partei mehr sein. Das ist kein Profil eines gemäßigten Korrektivs. Das ist das Profil eines Mannes, der weiß, woran er teilnimmt, und es trotzdem tut.

Erschwerend kommt die Platzierung hinzu. Direkt neben dem Lucassen-Porträt berichtet die NOZ über den Amadeu-Antonio-Bericht zu systematischen Angriffen rechtsextremer Akteure auf zivilgesellschaftliche Initiativen. Kein redaktioneller Hinweis verbindet beide Texte. Kein Satz stellt die Frage, ob die Partei, deren „bürgerliches Gesicht“ hier porträtiert wird, und die Kräfte, die Jugendzentren angreifen und Demokratieinitiativen diffamieren, dasselbe politische Projekt verfolgen.

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Diese Gleichgültigkeit gegenüber dem eigenen Resonanzraum ist keine Kleinigkeit. Die NOZ hat in den vergangenen Monaten wiederholt die Einordnung vermieden, die der Verfassungsschutz längst vorgenommen hat. Jonas Koch vermied in drei Artikeln das Wort „Rechtsextremismus“, obwohl es im behördlichen Ausgangsdokument stand. Das Porträt des AfD-Landratskandidaten Dilge stellte dessen „pragmatische“ Selbstinszenierung ungebrochen dar. Und nun Lucassen als nachdenklicher Militärexperte mit Fitnessstudio und Oper-Hobby.

Das Muster ist erkennbar. Die AfD wird als normale Partei mit internen Flügelkämpfen behandelt, nicht als Organisation, die der Verfassungsschutz aus konkreten Gründen beobachtet. Jedes dieser Porträts für sich genommen mag vertretbar sein. In der Summe beschreiben sie eine redaktionelle Haltung.

Journalismus darf Politiker porträtieren. Er sollte dabei aber auch den Kontext mitliefern.

Mit freundlichen Grüßen